Von der Astronomie zur Astrologie? Zu Wolfgang Ruges Absage an den wissenschaftlichen Sozialismus (September 1992)

Kurt Gossweiler

VON DER ASTRONOMIE ZUR ASTROLOGIE?

Zu Wolfgang Ruges Absage an den wissenschaftlichen Sozialismus*

Die Kernaussage dieses Artikels ist die altersweise, resignative Absage an die “Wissen-schaftsgläubigkeit” und die Feststellung, der Sozialismus sei wieder zur Utopie geworden. Schuld daran seien – nicht allein, aber vor allem – “die politischen Praktiker, die Zerstörer der Theorie”, zu denen er natürlich Stalin, aber auch und sehr nachdrücklich Lenin rechnet, gegen den er so wütet: “Auf die Eroberung der politischen Macht fixiert, war er überzeugt, jede Ge-gebenheit für die Verwirklichung seiner Pläne nutzen zu können. Auch in der Theorie sah er eine nach Bedarf zurecht zu schmiedende Waffe … Er kanonisierte die Lehre vom wissen-schaftlichen Sozialismus, stülpte sie aber dort, wo sie seinen Intentionen widersprach, um. Mit seinen den Marxismus verkehrenden Thesen vom schwächsten (also in Wirklichkeit unreifsten) Kettenglied des Imperialismus sowie von der Möglichkeit des sozialistischen Sieges ‘in einem einzeln genommenen Lande’ versuchte er, die anvisierte Revolution im rückständigen Zaren-reich im voraus wissenschaftlich zu legitimieren. Als dann die Februarrevolution … das Tor zu einer ungehemmt kapitalistischen Entwicklung aufstieß, wollte und konnte er nicht abwarten, bis in Russland reale Voraussetzungen für die Ablösung der Ausbeutergesellschaft heranreifen würden.”

Es könnte so scheinen, als müsste man nur Lenin gegen diese unredliche Kapuzinerpredigt des vom Marxisten zum Kautskyaner gewandelten Wolfgang Ruge in Schutz nehmen. In Wirk-lichkeit wütet der Geschichtsphilosoph Ruge hier nicht nur gegen Lenin, sondern – und vielleicht sogar in erster Linie – gegen den Historiker Ruge. Der wusste natürlich, dass nicht nur Revolutionäre vom Schlage Lenins in Russland, sondern auch die Revolutionäre vom Schlage Luxemburgs, Liebknechts und Mehrings in Deutschland von den Bolschewiki erwarteten, dass sie nicht bei der bürgerlichen Februarrevolution stehen blieben. Und so zitierte er in seinem 1978 bei Dietz, Berlin, erschienenen Büchlein “Novemberrevolution” (S. 9) : “Der Spartakusbrief vom April 1917 hob hervor, dass die russische Revolution zwar im ersten Anlauf den bürokratischen Absolutismus hinweggefegt habe, das besitzende Bürgertum aber nunmehr versuche, sich der Volksbewegung zu bemächtigen. Deshalb sei dieser bürgerlich-demokratische Sieg nicht als Ende, sondern nur als schwacher Anfang zu bewerten. ‘Die Aktion für den Frieden’, erklärten die Spartakusgenossen, ‘kann eben in Russland wie anderwärts nur in einer Form entfaltet werden; als revolutionärer Klassenkampf gegen die eigene Bourgeoisie, als Kampf um die politische Macht im Staate.'” (Hervorhebung K. G.)

Wie kann man erklären, dass Wolfgang Ruge im Jahre 1992 so gründlich vergessen hat, was er 1978 schrieb? Und erst recht, was in seinem 1974 in zweiter Auflage erschienenen Hauptwerk “Deutschland 1917 – 1933” nachzulesen ist: “Am 7. November 1917 fegte der bewaffnete Aufstand des revolutionären Proletariats … die bürgerliche Provisorische Regierung Kerenski hinweg, deren Programm darauf abzielte, die Revolution abzuwürgen und den Krieg zu ver-längern … Die Große Sozialistische Oktoberrevolution konnte siegen, weil an ihrer Spitze die Arbeiterklasse stand … Entscheidend war, dass das russische Proletariat eine revolutionäre Partei – die von Wladimir Iljitsch Lenin geführte Partei der Bolschewiki – besaß … Durch die sozialistische Revolution in Russland fand die revolutionäre lehre von Marx, Engels und Lenin ihre Bestätigung in der Tat. Die Praxis der russischen Revolution machte offenkundig, dass die historisch herangereiften gesellschaftliche Umwälzungen in allen Ländern grundsätzlich der Oktoberrevolution folgen müssen.” (S. 16, 18).

Wie ich Wolfgang Ruge kenne, wird er nicht die billige Erklärung vorbringen, mit der heute so viele ihre Worte und Taten zu DDR-Zeiten “entschuldigen”, er habe mit alledem nicht seine eigene Überzeugung, sondern das “von oben Gewünschte” zum Ausdruck gebracht. Nein, wie ich aus gemeinsamer Arbeit weiß, hat er kein Wort geschrieben, hinter dem er nicht selber stand. Das gilt auch für die scharfe Verurteilung der rechten Sozialdemokraten Ebert und Scheidemann in dem 1988 erschienenen Artikel “Zur Dialektik von Friedensstreben und Fortschritt” (in dem Sammelband “Demokratie, Antifaschismus und Sozialismus in der deut-schen Geschichte”, Berlin 1988): “Die Niedertracht der Kriegsverlängerer von Gestern (gemeint: Ebert/Scheidemann – K. G.) bestand nicht zuletzt darin, dass sie die weltweit beispielgebenden Vorkämpfer des Friedens – die Bolschewiki – und die konsequentesten Friedensstreiter im eigenen Lande – Spartakus und Genossen – als blutrünstige und zum Kriege treibende Kräfte diffamierten … Der Gipfel ihrer Infamie bestand darin, dass sie zugleich einen blutigen Ausrottungsfeldzug gegen diejenigen vorbereiteten und führten, die von Anfang an für eine wirklich von Kriegen freie Gesellschaft gekämpft hatten. Die Soldateska ihres Kumpans Noske ermordete Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.” (S. 247)

Damit hat Ruge in der Tat auf eine entscheidende Ursache dafür hingewiesen, dass der Sozia-lismus sich in Europa nicht auf Dauer behaupten konnte: dass nämlich der Kapitalismus in Deutschland 1918 durch eine infame Kombination von Volksbetrug und Blutbad gerettet wurde und dadurch die Sowjetunion in Deutschland statt eines hoch entwickelten Bundesge-nossen 1933 einen faschistischen Todfeind “gewann”, dessen Kreuzzug das Sowjetland und seine Völker so sehr erschöpfte, dass nach dem Kriege ein Demagoge wie Chrustschow durch das Versprechen raschen Wohlstandes ohne weiteren opferreichen Kampf gegen den Imperia-lismus Land und Leute auf ein Gleis schieben konnte, dessen Weichen unter Gorbatschow endgültig auf Rückkehr zum Kapitalismus gestellt wurden.

Chrustschow und Gorbatschow waren als Ankläger Stalins für Ruge große Hoffnungsträger – aus Gründen, die verständlich sind, gehörte er doch zu jenen deutschen Kommunisten, die in das Mahlwerk der Stalinschen Repressionen geraten waren. Sie blieben dies für ihn aber noch, als zu erkennen war, dass sie nur in Worten Gefolgsleute Lenins, in Wahrheit Antileninisten, Revisionisten und damit Verwandte im Geiste der Ebert und Scheidemann waren.

Als dann Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre die Gorbatschow-Ideologen dazu übergingen, ihre bisherige Berufung auf Lenin gegen Stalin aufzugeben und Lenin als den Erzvater des “Stalinismus” darzustellen, wurde Ruge zu einem der prominentesten Verbreiter solcher “Erkenntnisse” in Ostdeutschland. Und leider übernahm er auch deren Methoden, Ohne Rücksicht auf die Fakten ein Geschichtsbild zu kompilieren, in dem der wissenschaftliche Sozialismus als purer Ausfluss doktrinärer Wissenschaftsgläubigkeit erscheint, die zwangsläufig zur Inhumanität führen muss.

Da Ruge jedoch nicht umhin kann zuzugeben, dass die Wirklichkeit des “real existierenden Kapitalismus” doch dem entspricht, was der wissenschaftliche Sozialismus, der Marxismus, über ihn aussagt, die Menschheit also nur überleben kann, wenn der Kapitalismus durch eine nicht vom Profit bestimmte Gesellschaftsordnung abgelöst wird, sieht er sich vor die Not-wendigkeit gestellt, einen Weg zu diesem Ziel aufzuzeigen.

Wer Ruges Artikel gelesen hat, weiß, dass er da mit ziemlich leeren Händen dasteht und ei-gentlich nichts anzubieten hat als den Ratschlag, doch einmal bei heutigen Überlegungen “bei den Ursprüngen”, bei den frühen utopischen Sozialisten, anzusetzen “und von daher die gra-vierende Frage nach der Leistungs- und damit nach der Behauptungsfähigkeit eines nichtka-pitalistischen Systems” aufzurollen.

Wir sollen also – bildlich gesprochen – Die Astronomie über Bord werfen, um uns die Antworten für die Gestaltung unserer Zukunft bei der Astrologie zu holen.

Geschrieben im September 1992

Veröffentlicht in Weltbühne, 38/92 vom 15. 9. 1992

* Wolfgang Ruge, “Von der Wissenschaft zur Utopie” in Weltbühne, 28/92 vom 7.7.1992