Zum Tod von Kurt

In Trauer um Dr. sc. Dr. h.c. Kurt Gossweiler


Gegenwart ist ein Moment der Geschichte.
Sie zu ergründen, ihre Triebkräfte,
Insbesondere ihre Lokomotiven,
Zur Auflösung der Widersprüche
Dialektisch bewußt zu machen,
Ist und bleibt eine unbedingte Aufgabe,
Die menschliche Geschichte fortzuführen.

Unser Freund Kurt Gossweiler, dessen Leben
Sich mit über 99 Jahren erfüllt hat,
Ist als marxistisch-leninistischer Historiker
Sowohl bei der Analyse des Faschismus
Wie auch des modernen Revisionismus
In der Arbeiterbewegung
Der Geschichte nichts schuldig geblieben.

E. Rasmus

Dr. sc. Dr. h.c. Kurt Gossweiler
– *05.11.1917; †15.05.2017 –

Kurt Gossweiler wurde 1917 in Stuttgart geboren und wuchs in einer kommunistischen Familie auf. Er kämpfte in Berlin im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) gegen den Faschismus und desertierte 1943 von der Wehrmacht zur Roten Armee. Seine Bücher »Großbanken, Industriemonopole, Staat. Ökonomie und Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus in Deutschland 1914–1932« (1971) sowie »Kapital, Reichswehr und NSDAP« (1982 und 2011) gelten als klassische Analysen der Vorgeschichte der faschistischen Diktatur in Deutschland. Nach 1990 widmete er sich der Untersuchung des Niedergangs der Sowjetunion und der sozialistischen Länder. Kurt Gossweiler verstarb am 15. Mai in Berlin.
übernommen vom Blog des DDR-Kabinett-Bochum.


Nachstehend dokumentiert die Redaktion
die Trauerbekundungen zum Ableben
von Kurt Gossweiler:

16. Mai, 11:59 Uhr per E-Mail:

Lieber Klaus,

gerade haben wir von Bruni und von Renate erfahren, dass Kurt Gossweiler gestern verstorben ist.

Das möchten wir Euch mitteilen.
Wir wollten doch den 100. Geburtstag mit ihm feiern und über unsere Konferenz im September hätte er sich sehr gefreut.

Traurige Grüße

von Uta und Edi


17. Mai, 13:21 Uhr per E-Mail:

Lieber Klaus,

gestern haben wir vom Tod von Kurt Gossweiler erfahren. Wir sind gleich zu Edith gefahren.

Das Kämpferherz hat am 15. Mai um 12:15 Uhr für immer zu schlagen aufgehört.

In Verbundenheit – trotz einer gewissen Trübung – und tiefer Trauer

Conny Renkl


18. Mai, 12:16 Uhr per E-Mail:

Lieber Klaus von Raussendorff,

mit diesen Zeilen bekunde ich Dir und der Schar der Genossen Kurt Gossweiler eng Verbundenen mein tiefempfundenes Beileid zum Ableben des Hochbetagten.

Der Tod unseres Genosse Gossweiler ist für die Kommunisten und Sozialisten nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa ein überaus schmerzlicher Verlust.

Er fehlt!

Uwe Klaus


22. Mai, 1:52 Uhr per E-Mail:

Lieber Genosse Klaus von Raussendorff,

Mit Kurt Gossweiler ist einer der wichtigsten Historiker der Klassengeschichte der Gegenwart verschwunden, dessen Werke zum Aufstieg des Faschismus dank der französischen Ausgabe der belgischen Genossen und der von Genossin Adriana Chiaia besorgten italienischen Edition auch in vielen Debatten unter Marxisten-Leninisten aller Sprachregionen unseres Landes präsent sind, ebenso wie seine Forschungen über die Rolle des ideologischen Revisionismus beim Niedergang der UdSSR und des realen Sozialismus in Europa, mit denen der Verstorbene die Grundsteine für das wissenschaftlicher Herangehen an die Niederlagenanalyse gesetzt hat.

Wir teilen den Schmerz der deutschen Genossen an diesem grossen Verlust und bitten Dich, im Namen der Kommunisten unseres Landes den Genossen, Freunden, Mitarbeitern und Familienangehörigen von Kurt Gossweiler unser tiefes Beileid zu übermitteln.

Kommunistische Partei (Schweiz)

Massimiliano Ay, Politischer Sekretär

http://www.partitocomunista.ch


ZK der KPD: Kurt Gossweiler ist tot

Am 15. Mai ist Kurt Gossweiler im Alter von 99 Jahren in Berlin gestorben.
Kurt Gossweiler, geboren am 5. November 1917, stammte aus einem kommunistischen Elternhaus, war als Jugendlicher Mitglied im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands, arbeitete illegal gegen den deutschen Faschismus, wurde dann zunächst zum Reichsarbeitsdienst und kurz darauf zur Wehrmacht eingezogen und kam an die Ostfront, wo er zur Roten Armee überlief. Er kam an die Antifa-Schule in Thaliza. Dort wirkte er von 1944 an als Assistent. 1947 kam er zurück nach Deutschland und trat in die SED ein. Bis Mitte der 50er Jahre war er Mitarbeiter der Berliner Bezirksleitung der SED. Seit Mitte der 50er Jahre war er als Historiker an der Humboldt-Universität, die ihm später die Ehrendoktorwürde verliehen hat. Seit 1970 bis zu seiner Pensionierung 1983 war er außerdem wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR.
Kurt Gossweiler hat in seinem politischen Leben zwei schwerwiegende Katastrophen erlebt, die sein Leben und seine wissenschaftliche Arbeit bestimmen sollten: Die Machtübertragung an die Faschisten 1933 und die Konterrevolution in der DDR und der UdSSR sowie den anderen Ländern des Warschauer Paktes 1989/90. An beide Ereignisse ging er mit der für ihn typischen Frage heran: „Wie konnte das geschehen?“ Es ging ihm bei der Erforschung der Ursachen nicht um ausgewogene Worte, sondern vollkommen unbestechlich allein um die Wahrheit, um das Aufdecken der tatsächlichen Ursachen für diese Niederlagen der Arbeiterbewegung.
Zunächst widmete er sich also der Faschismusforschung, schrieb die drei Standardwerke „Großbanken, Industriemonopole, Staat, Ökonomie und Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus 1914 – 1932“, „Kapital, Reichswehr und NSDAP“ und „Der Putsch, der keiner war. Die Röhm-Affaire 1934“. Er zeigte minutiös auf, dass die Inthronisierung des deutschen Faschismus auf Veranlassung und unter aktiver Beteiligung des deutschen Großkapitals vollzogen wurde. Damit widersprach er auch den Thesen über die Natur des deutschen Faschismus als einer Bewegung reaktionärer und fehlgeleiteter Kleinbürger, wie sie in Westdeutschland an den Universitäten verbreitet wurde.
Nach der von ihm seit Gorbatschows Perestroika befürchteten Niederlage des Sozialismus in Europa – die Perestroika hat er u.a. als eine tödliche Gefahr für den Sozialismus bezeichnet – war es sein zentrales Anliegen, die Ursachen dieser Niederlage zu ergründen. Damit wurde natürlich auch die Frage nach der Beurteilung der Geschichte der UdSSR aufgeworfen. Es wurden Antworten notwendig auf die Frage, wie die Stalin-Ära zu bewerten sei, was der XX. Parteitag der KPdSU war, welche Folgen er hatte und auf was die Perestroika zielte. Dabei ging es Kurt Gossweiler immer um die Analyse des modernen Revisionismus und das Verständnis seiner zersetzenden Wirkung. Seine Forschungsergebnisse zu diesen und anderen Fragen publizierte er in dem Band „Wider den Revisionismus“ und der zweibändigen „Taubenfußchronik“ sowie in zahlreichen Artikeln in den Zeitschriften offen-siv und KAZ sowie der Schriftenreihe der KPD.
Heinz Keßler sagte in einem Interview über Kurt Gossweiler: „Und ich bewundere auch, ja ich beneide ihn sogar darum, dass er in prinzipieller, aber auch sehr sachlicher Weise sich mit Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen, – weil sie irren -, auseinandersetzt und auf diese Weise hilft, dass diese Genossin oder jener Genosse wieder zurückfindet zu unseren Grundfesten, nämlich unserer wissenschaftlichen Lehre des Marxismus-Leninismus.“
Natürlich wurde Kurt Gossweiler für seine Arbeiten von den revisionistischen und opportunistischen Kreisen innerhalb der Linken gehasst, geflissentlich totgeschwiegen oder ausgegrenzt. Häufig zu beobachten war und ist auch der Versuch, ihn als großen Faschismusforscher darzustellen, seine antirevisionistischen Arbeiten aber mit einem Halbsatz abzutun oder ganz zu verschweigen.
Wie dem auch sei, seine Forschungsergebnisse besonders über die Ursachen der Niederlage des Sozialismus in Europa sind epochal und unverzichtbar für die kommunistische Weltbewegung, denn seine Arbeiten haben bei vielen nach der Konterrevolution Verzweifelten und /oder Verwirrten wieder Licht in die Dunkelheit gebracht.
Das ZK der KPD verneigt sich voller Hochachtung und wird in seinem Sinne weiterarbeiten.

 


Frank Flegel: Einiges Persönliches zum Tode Kurt Gossweilers

Anna und mich hat eine lange Freundschaft mit Kurt verbunden. Er hat unzählige Arbeiten in der offen-siv veröffentlicht, wir haben ihn mehrfach besucht, er ist bei unseren Großveranstaltungen als Referent aufgetreten, also bei der ersten DDR-Konferenz „Zur Verteidigung des revolutionären Erbes“ 1999, bei der Konferenz „Imperialismus und anti-imperialistische Kämpfe im 21. Jahrhundert“ im Jahr 2000, bei der gemeinsamen Lesung mit Harpal Brar, wo wir die „Taubenfußchronik“ von Kurt und das Buch „Perestrojka“ von Harpal Brar vorgestellt haben und bei der zweiten DDR-Konferenz „Und der Zukunft zugewandt“ im Jahr 2009 mit einem gemeinsamen Beitrag mit Dieter Itzerott.

In der Festschrift zu Kurts 90. Geburtstag haben Anna und ich damals u.a. geschrieben: „Bald kam es zu ersten Kontakten mit Kurt, schließlich zum Abdruck der „Zwiebel Gorbatschow“ in der offen-siv, wir machten vier Sonderhefte mit ihm, nämlich „Genosse Domeniko Losurdos Flucht aus der Geschichte“, „Die Ursprünge des modernen Revisionismus“, die „Wendebriefe“ und den „Brief an Robert Steigerwald“. Er hat der Imperialismuskonferenz das Thema gegeben und war an der Ausarbeitung ihrer Grundausrichtig beteiligt. Wir druckten unzählige weitere Artikel und Leserbriefe von Kurt in der offen-siv. Und natürlich kam es über all dies zu vielen persönlichen Treffen. Da waren wir natürlich gespannt, den „stalinistischen Blutsäufer“ einmal leibhaftig vor uns zu haben. Umso größer war das Erstaunen, einem freundlichen, klugen, bescheidenen und ganz offenen und aufmerksamen Menschen zu begegnen.

Als die KPF der PDS Hannover uns die Herausgeberschaft der offen-siv entzog und wir ein neues Herausgebergremium gründen mussten, zögerte Kurt keine Sekunde, uns zu helfen und sich als Mitglied für dieses Herausgebergremium zur Verfügung zu stellen. Aber wir sind Kurt nicht nur für dies alles zu Dank verpflichtet.

Wir verdanken ihm das Größte und wichtigste, das es für Kommunisten gibt: die theoretische Klarheit. Nach der Niederlage 1989 war die Verwirrung allgemein und riesengroß, alles Mögliche war modern – und trotzdem hatte das alles eine Richtung, den n die „Eintrittskarte“ in die Diskussion, die Grundvoraussetzung, um angehört zu werden, war die Distanzierung von Stalin, von der Sowjetunion, von der „Kommandowirtschaft“, vom „Staatssozialismus“, von der führenden Rolle der Partei und so fort.

Und Anna und ich, wir beiden „armen Mäuse“ wussten zwar noch immer, dass die Marxsche Kapitalanalyse richtig ist, dass die Sowjetunion das bisher Bedeutendste ist, was die Menschheit hervorgebracht hat und die DDR dementsprechend die größte Errungenschaft der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung (und allein die Tatsache, dass wir von dieser Überzeugung nicht abwichen brachte uns reichlich Prügel und Ausgrenzung ein), aber so ganz weit helfen solche Grundüberzeugungen nicht, wenn man vor dem Trümmerhaufen steht, den die Konterrevolution von der kommunistischen Bewegung in Deutschland übrig gelassen hat. Denn wenn man auf die Frage nach dem „Warum?“ keine schlüssige Antwort weiß, wenn man nicht konkret angeben kann, was anders – nämlich besser – gemacht werden muss beim nächsten Versuch, dann steht man den Feinden gegenüber sehr hilflos im Feuer.

Über eine der wichtigsten aktuellen Fragen unserer Bewegung, nämlich über die Frage: „Warum konnte die Konterrevolution in Europa siegen?“ bekamen wir durch Kurts Arbeiten endlich Licht ins Dunkel. Es wurde klar, wo die Fehler lagen, viel wichtiger noch: wo die Gefahren lauerten, wie man sie erkennt, und vor allem: wie gefährlich der Revisionismus ist. Kurt war für uns – bezogen auf die Entwicklung der Welt nach 1945 und die grundlegenden Erkenntnisse über den modernen Revisionismus – genauso wichtig wie Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Lenin für die Zeit vor, im und nach dem Ersten Weltkrieg, als es um die Auseinandersetzung mit dem klassischen Revisionismus ging.“ (Und was war es nun wirklich; Festschrift für Kurt Gossweiler anlässlich seines 90. Geburtstages, S. 42f.)

Die von uns ausgerichtete Feier zu Kurts 90. Geburtstag im Jahr 2007, aus deren Festschrift ich eben zitiert habe, war ein sehr schöner Moment. Der Saal war für die vielen Gäste fast zu klein. Und ich blättere noch heute gerne in der Festschrift.

Kurt hat es sich nicht nehmen lassen, bei allen drei bisher durchgeführten Durchgängen unseres marxistisch-leninistischen Fernstudiums als Referent aufzutreten.

In den letzten Jahren hat das hohe Alter seinen Tribut gefordert. Es wurde ruhiger um Kurt, er schrieb keine neuen Arbeiten mehr und er nahm auch am aktuellen politischen Geschehen nur noch sporadisch teil. Trotzdem war der Kontakt mit ihm noch immer inspirierend.

Und nun ist er von uns gegangen. Er hinterlässt eine Lücke, die nur schwer zu füllen ist.

Wir arbeiten daran, einen Sammelband aufzulegen, in dem wir alle in den verschiedenen Zeitschriften, vor allem der KAZ, der Schriftenreihe der KPD und der offen-siv verstreuten Arbeiten, Artikel und Briefe von Kurt zusammenfassen wollen. Wir hoffen, dass der Band Anfang/Mitte Juli erscheinen kann.

Und für die etwas fernere Zukunft gibt es von mehreren Genossen/innen, zu denen auch wir gehören, das Anliegen, eine Kurt-Gossweiler-Gesamtausgabe vorzubereiten. Wir wissen, dass das nicht ganz leicht werden wird, weil die Urheberrechte an Kurts Arbeiten in unterschiedlichen Händen liegen und weil ein solches Unterfangen nicht billig sein wird, aber wir wollen den Versuch wagen, denn eine solche Gesamtausgabe wäre nach unserer Auffassung die beste Versicherung gegen das Vergessen bzw. Verdrängen der bahnbrechenden Forschungsarbeiten, die Kurt der kommunistischen Bewegung zur Verfügung gestellt hat.

 


Renate Schönfeld: Zum Tod von Kurt Gossweiler

Sein Buch Wider den Revisionismus hatte Kurt Gossweiler dem 80. Jahrestag der Oktoberrevolution gewidmet und allen, die der Sache  des Roten Oktober treu geblieben sind.

Kurt, der am 5. November 1917 in Stuttgart geboren wurde, stand sein Leben lang zur Sache. Am 15. Mai starb er im Alter von 99 Jahren. Den 100. Geburtstag seiner Frau Edith konnten sie noch gemeinsam erleben. Sie hielt ihm nicht nur den Rücken für seine Arbeit frei, sie hatte auch viele seiner Schreibarbeiten übernommen und ihn in seiner Arbeit unterstützt. Wir, seine Freunde und Genossen, möchten ihr unsere herzliche Anteilnahme aussprechen. Obgleich er sich in den letzten Jahren nicht mehr aktiv am politischen Geschehen und an Diskussionen teilnehmen konnte, wußten wir, daß  er da war. Er fehlt nun.

Mit Stuttgart war Kurt Zeit seines Lebens verbunden, obgleich er in der Kindheit mit seiner Mutter nach Berlin gezogen war, dort die Karl-Marx-Schule in Neukölln besuchte und in der Hufeisensiedlung wohnte. Bereits als Schüler schloß er sich dem von Herbert Ansbach geleiteten kommunistischen sozialistischen Schülerbund an. In diese Zeit gehört, daß er in seinem kommunistischen Elternhaus auch Erich Mühsam begegnete. Als Student der Volkswirtschaftslehre war er aktiv im illegalen kommunistischen Jugendverband KJVD. 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, aber 1943 desertierte er zur Roten Armee. Während der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion besuchte er die Antifa- Schule und wirkte dort auch als Lehrender. Außerdem gehörte er dem Nationalkomitee Freies Deutschland an. Nach der Kriegsgefangenschaft kehrte er 1947 nach Berlin zurück und wurde Mitglied der SED. In der DDR lehrte er an der Humboldtuniversität und an der Akademie der Wissenschaften. An der HU hatte er selbst promoviert und sich habilitiert.

Sein Hauptgebiet als Historiker war bis 1989 die Faschismusforschung, er gehörte zu den bedeutendsten Kennern des Faschismus im 20. Jahrhundert und war international bekannt und anerkannt. Sein Schwerpunkt lag der Erforschung des Verhältnisses der Monopolbourgeoisie zum Faschismus.

Nach der vorläufigen Niederlage des Sozialismus seit 1989 hatte er ein anderes Forschungsinteresse. Er schreibt dazu:

„Meine Erlebnisse auf sowjetischer Seite haben meine kommunistische Einstellung und die Überzeugung gefestigt, daß die Sowjetunion auf dem richtigen, von Lenin gewiesenen Wege voranschreitet. Und sie haben mich befähigt, sehr früh zu erkennen, daß unter Führung Chruschtschows die KPdSU unter dem Vorwand des Bruchs mit dem sogenannten „Personenkult“ in Wahrheit den Bruch mit dem Marxismus-Leninismus und den Weg des der Restauration des Kapitalismus beschritt. Allerdings war ich lange Zeit – bis 1988 – davon überzeugt, daß das nie gelingen werde.“

 Mit der Rolle Chruschtschows und der Gorbatschows hat er sich in verschiedenen Publikationen auseinandergesetzt, zum Beispiel in der Taubenfußchronik.

Zur Konterrevolution äußerte sich Kurt in der Dankesrede anläßlich seines 90. Geburtstages, den er mit Freunden und Verbündeten feierte: „Der unerwartete – aber mit Sicherheit nur zeitweilige – Sieg der Konterrevolution hat meine Forschungen von ihrem ursprünglichen Gegenstand, dem Faschismus, umgelenkt auf die Suche nach der Antwort auf die Frage nach den Ursachen unserer keineswegs unvermeidlichen Niederlage. Diese Niederlage hat uns tief getroffen, sie ist eine Katastrophe nicht nur für die Völker der ehemals sozialistischen Länder, sondern für die ganze Menschheit. Es genügt, sich vor Augen zu führen, wo überall vorher Frieden war und wo danach imperialistische Kriege entfesselt wurden und immer weitere  Kriege drohen.“

Persönlich erlebte er die Zerschlagung des Sozialismus wie viele andere als ein Loch, in das er fiel. Die Folge davon war, daß auch menschliche Kontakte zerbrochen waren, und die, deren Land die DDR war, wurden geächtet. Spreu und Weizen hatten sich getrennt. Auch dazu äußerte er sich in seiner Dankesrede.

„Aber in den dunkelsten Zeiten nach der sogenannten Wende hat sich die Dialektik des Geschichtsgangs damit bestätigt, daß selbst die bösesten Ereignisse auch Gutes hervorbrachten: sie führten Menschen zusammen, die – ohne es zu wissen – schon lange zusammengehörten, die ohne die bösen Ereignisse sich wohl nie begegnet wären: ich meine damit einmal die Zusammenführung von Kommunisten wie „Kled“, also Karl-Eduard von Schnitzler und Marta Rafael, Heinz und Ruth Keßler, Ulrich Huar, Hermann Leihkauf und mich u. a. mit Theologen wie Hanfried und Rosemarie Müller-Streisand, Pfarrerin Renate Schönfeld und anderen.“ In diesem Zusammenhang nennt er auch parteigebundene und parteilose Kommunisten aus der BRD und anderen Ländern, darunter auch aus Österreich.

Mit unserer ersten Begegnung im Jahr 1991, bei der mich Kurt als erstes fragte, wie lange ich Gorbatschow mißtraute, begann eine Freundschaft zwischen den Gossweilers und mir. Öfter spielten wir nach langen Diskussionen und einem guten Abendessen Skat.

Eine besondere Bedeutung hatte für Kurt ein jahrelanger Briefwechsel mit Peter Hacks. Dieser brachte die Bedeutung seines Schaffens  treffend auf den Punkt: „Es gibt ja schon wieder ein paar wohlgemeinte Bücher, die Tatschen enthalten. Es gibt eine überaus kleine Zahl von Büchern, die vom höchsten Stand des sozialistischen Bewußtseins ins Wesen packen, und ich denke, daß das Ihrige sich an deren Spitze gestellt hat. Wenn ein Standardwerk ein Hauptwerk über einen Gegenstand ist, dann, lieber Herr Gossweiler, haben sie unserem Jahrhundert das Standardwerk geschrieben.“

Mit dem Tod von Kurt Gossweiler ist eine Lücke entstanden. Aber er hinterläßt  seine Bücher, Schriften und Reden, die angesichts der Aggressivität des Imperialismus immer wichtiger werden. Deshalb ist es einigen Freunden ein Bedürfnis, ihn im Herbst mit einem Symposium zu ehren, auf dem er mit Sicherheit zu Wort kommen wird.

Renate Schönfeld

 


Gerhard Feldbauer: Zu Kurt Gossweilers bahnbrechenden Forschungsergebnissen,
aus Offensiv Juli 2017

Mit seinen herausragenden Werken zur Faschismusforschung hatte sich Kurt Gossweiler einem Schwerpunkt in der Auseinandersetzung mit den reaktionärsten Erscheinungsformen imperialistischer Herrschaft zugewandt und bahnbrechende Leistungen vollbracht. Er war der dabei der Erste, der auch die internationale Vorreiterrolle des Mussolini-Faschismus von der Stunde seiner Geburt an herausarbeitete. Sein Machtantritt 1922 wirkte sich auf das 1920 in Ungarn an die Macht gekommene Horty-Regime und 1923 in Bulgarien auf die Etablierung der Zankow-Diktatur ebenso aus wie 1926 auf die Errichtung der militärfaschistischen Diktatur unter General Carmona de Fragoso in Portugal. Die Putschpläne Francos wurden 1936 unter Leitung italienischer und deutscher Militärs und der Nutzung der militärischen Erfahrungen vor allem der Mussolini-Faschisten ausgearbeitet. In seiner Darstellung der Entstehungsgeschichte der Hitler-Partei in „Kapital, Reichswehr und NSDAP 1919–1924“ (Berlin/DDR, 1984) arbeitete Kurt heraus, dass sich Beispiel und Erfahrungen des römischen Faschismus besonders nachhaltig auf die Formierung des deutschen unter Hitler bis zu dessen Machtantritt in Deutschland auswirkten. Das zeigte sich im direkten Einfluss der „Führerpersönlichkeit“ Mussolinis auf Hitler, im Entstehen der Strukturen seiner Bewegung und ihrer Kampfmethoden, besonders der sozialen Demagogie und des Terrors. Führende Kreise des deutschen Industrie- und Finanzkapitals beeindruckte, wie es dem „Duce“ gelang, dem italienischen Imperialismus in Gestalt der faschistischen Bewegung eine Massenbasis zu verschaffen, über die er vorher nie verfügt hatte. Hitler nannte seine SA wörtlich nach den von Mussolini geschaffenen Squadre d´Azione (Sturmabteilungen). Er übernahm den von Mussolini erfundenen Führertitel „Duce“ und den „römischen Gruß“, mit dem sich dieser mit erhobenem rechtem Arm grüßen ließ. Ein unwesentlicher Unterschied bestand nur in der Farbe der Uniformhemden, die bei den italienischen Faschisten schwarz war, bei den deutschen braun. „Das Braunhemd“, so räumte Hitler in seinen „Monologen im Führerhauptquartier“ noch 1941 ein, „wäre vielleicht nicht entstanden ohne das Schwarzhemd“. Er gestand ebenso, dass Mussolini einmal für ihn „eine ganz große Persönlichkeit“ darstellte.

Nach dem „Marsch auf Rom“ begann die Mehrheit der deutschen Kapitalkreise, die bis dahin dazu geneigt hatte, gestützt auf die Rechtsparteien und die militaristischen Verbände wie den Stahlhelm die Monarchie wieder zu errichten, sich auf eine andere Erfolg versprechende Möglichkeit hin zu orientieren – auf eine bürgerliche Partei faschistischen Typs, wie sie Hitler im Begriff war aufzubauen. Nach dem erfolgreichen „Marsch auf Rom“ begannen dann Ruhrschwerindustrielle um Thyssen und Stinnes Hitler und Ludendorff finanziell kräftig zu unterstützen, damit es diesen gelinge, an der Spitze der bayrischen Reaktion nach dem Vorbild Mussolinis einen ebenso erfolgreichen „Marsch auf Berlin“ durchzuführen. Die führenden Kreise des deutschen Kapitals orientierten sich in Auswertung der 1922 praktizierten römischen Kombination von Putsch mit anschließender „legaler“ Machtübergabe dahingehend, Hitler auf einem ähnlichen Weg an die Macht zu verhelfen, wobei der Schwerpunkt auf den SA-Terror zur Zerschlagung der Arbeiterbewegung gelegt wurde (Gossweiler, a. a. O., S 304, 320 f.). Hitler und die deutschen Faschisten konnten, als sie dann 1933 an die Macht kamen, nicht nur auf ein Jahrzehnt Erfahrungen der Mussolini-Diktatur zurückgreifen, sondern auch deren Schwächen und Fehler auswerten.

Mit strategischem Weitblick wandte sich Kurt nach dem Sieg der Konterrevolution in der UdSSR und den sozialistischen Ländern Osteuropas einem neuem Forschungsschwerpunkt zu: Der Untersuchung, welche Rolle das Entstehen neuer Erscheinungsformen des Revisionismus in der KPdSU und den kommunistischen und Arbeiterparteien in Osteuropa spielte. Er bewies auf der Grundlage fundierten Quellenstudiums, dass im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges, der insgesamt die Möglichkeiten für das weitere Voranschreiten des revolutionären Weltprozesses erweiterte, zugleich Bedingungen entstanden, die der bürgerlichen Ideologie – vor allem in Gestalt neuer Erscheinungsformen des Revisionismus, auch „moderner Revisionismus“ genannt – Wege des Eindringens nunmehr in die kommunistischen Parteien an der Macht einschließlich der KPdSU eröffneten. Kurt schätzte in „Wider den Revisionismus“ (München, 1997) ein, die Antihitlerkoalition habe „in Teilen der Bewegung Illusionen über den Imperialismus genährt; nur der deutsche, italienische und japanische Imperialismus seien ‚böse’ Imperialismen, die imperialistischen Bundesgenossen dagegen repräsentierten einen ‚guten’ Imperialismus, von dem keine Gefahr für den Sozialismus mehr ausginge.“

In den folgenden zwei Bänden „Die Taubenfußchronik oder die Chruschtschowiade“, Bd. I 1953 bis 1957, Bd. II 1957 bis 1976, (Verlag zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung, München 1997 bzw. 2002/2005), wurde die schillernde Karriere von Nikita S. Chruschtschow und sein Kurs zwischen Revisionismus und flexibler Außenpolitik zu einem Schwerpunkt der Forschungen Kurts. Er legte, wie gewohnt, mit fundierten Quellen, Chruschtschows Rolle an der Spitze der KPdSU als Wegbereiter des modernen Revisionismus dar, der später Gorbatschow den Weg an die Macht ebnete und zur entscheidenden Ursache der sozialistischen Niederlage 1989/90 wurde.

Chruschtschows Vorgehen war, wie Kurt mehrfach betonte, nicht einfach zu durchschauen, da er stets als Marxist-Leninist und Verteidiger dieser Weltanschauung auftrat. In seiner elfjährigen Amtszeit verabsolutierte er bei dem Versuch, die starren Fronten des kalten Krieges durch flexible Methoden in der Außenpolitik zu durchbrechen, die Politik der friedlichen Koexistenz zwischen Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen und höhlte sie als Form des Klassenkampfes aus. Damit einher ging die Verallgemeinerung eines friedlichen parlamentarischen Weges zum Sozialismus. Zur Begründung seiner Absetzung wurden der sich verschärfende Konflikt mit der VR China und eine verfehlte Wirtschaftspolitik benannt. Die Auswirkungen seiner elfjährigen Amtszeit waren jedoch bedeutend tiefgreifender und wurden umfassend erst mit dem Untergang der UdSSR und des von ihr angeführten Sozialistischen Lagers in Osteuropa sichtbar. Chruschtschow ebnete Erscheinungen des Revisionismus in den an der Regierung befindlichen kommunistischen Parteien Osteuropas als auch in den kapitalistischen Industriestaaten den Weg.

Kurt schätzte ein, welch verheerenden Auswirkungen auf die kommunistische Weltbewegung 1956 der XX. Parteitag der KPdSU hatte. Das betraf nicht nur die Art und Weise, wie Chruschtschow in seiner Geheimrede am Ende des Parteitages zur Rolle Stalins Stellung nahm. Das berechtigte Eingehen auf Unrecht und Gewaltanwendung wurde von Chruschtschow ohne jeden historischen Bezug und ohne eine generelle Einordnung in revolutionäre Prozesse, in Sonderheit der Entwicklung seit der Oktoberrevolution, vorgenommen. In keiner Weise wurde berücksichtigt, dass in allen Revolutionen der Terror immer von den Verteidigern der bestehenden Ausbeuterordnungen begonnen wurde und sich gegen die Revolutionäre richtete. In der KpdSU-Führung war Chruschtschows Rede weder kollektiv erörtert noch beschlossen worden. Sie wurde auch nicht als offizielles Parteidokument anerkannt und weder zu Chruschtschows noch Breshnews Zeiten veröffentlicht.

Zu den weitreichenden Auswirkungen des XX. Parteitages gehörte, dass er zum Konflikt mit der KP Chinas führte, die die Vorgehensweise Chruschtschows ablehnte, und er Deformierungen und Fehlentwicklungen in den sozialistischen Staaten bewirkte. Dazu gehörte, dass Chruschtschows Wirtschafts- und Sozialpolitik von Voluntarismus und Wunschdenken geprägt wurde: Verkündung des Aufbaus der Grundlagen des Kommunismus bis 1980, Überholung der höchstentwickelten kapitalistischen Staaten in der Pro-Kopf-Produktion, Orientierung an den konsumorientierten und parasitären Wertvorstellungen des Kapitalismus. Es wurde der abenteuerliche Kurs eingeschlagen, die Auseinandersetzung mit ihm auf dem Feld der Warenproduktion, auf dem dieser eine entscheidende Überlegenheit besaß, zu führen.

Nach der Absetzung Chruschtschows wurde Leonid I. Breshnew Parteichef. Der unter Chruschtschow Fuß gefasste Revisionismus stagnierte zunächst, es wurde jedoch nichts unternommen, ihn zu überwinden. Er bildete den Nährboden, der Michael S. Gorbatschow an die Macht brachte. Dessen Ziel bestand, wie er nach der Niederlage des Sozialismus in Europa 1989/90 offen eingestand, schon lange, bevor er 1985 Generalsekretär wurde, darin, die sozialistischen Gesellschaftsordnungen zu liquidieren und eine kapitalistische Restauration durchzusetzen. In zahlreichen Beiträgen, darunter die Schrift „Die vielen Schalen der Zwiebel Gorbatschow“ (Erstveröffentlichung als Sonderdruck der Kommunistischen Arbeiterzeitung (KAZ) München, Februar 1993, dann veröffentlicht in „offen-siv“, Dezember 1994 und schließlich in dem Sammelband von Kurt Gossweiler: „Wider den Revisionismus“ im Jahre 1997) hat sich Kurt mit den verheerenden Folgen der Politik dieses Renegaten und seiner Gefolgschaft auseinander gesetzt. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, dass „offen-siv“ gemeinsam mit der KPD und anderen beabsichtigt, einen Sammelband dieser Arbeiten Kurt Gossweilers herauszugeben.

Für mich waren die Forschungsergebnisse Kurts auf seinen beiden Strecken Anlass, mich denselben Themen in Italien zuzuwenden: Dem Faschismus und dem Umsichgreifen des neuen Revisionismus in Italien. Nahm doch, um nur ein Beispiel anzuführen, die IKP für sich nicht nur in Anspruch, die von Chruschtschow propagierte Koexistenz gegenüber den USA und der NATO selbst zu praktizieren, sondern sie auch auf die Innenpolitik zu übertragen. In Italien führte das dazu, dass die Revisionisten, nachdem sie die Führung der IKP an sich gerissen hatten, diese 1990/91 mit der Umwandlung in die sozialdemokratische Linkspartei PDS als KP liquidierten. Danach war die so geschwächte Linke 1994 nicht in der Lage, die Übernahme der Regierung durch den Führer der faschistoiden Forza Italia (FI), Silvio Berlusconi, zu verhindern, die dieser mit Unterbrechungen bis 2011 innehatte.1

Von Kurt habe ich zu meinen Arbeiten immer viele wertvolle Ratschläge erhalten. Mit ihm habe ich einen treuen Freund verloren, der mir sehr fehlen wird.

1 Von mehreren meiner Publikationen darüber möchte ich erwähnen: Kommt mit Berlusconi ein neuer Mussolini?. Flugschriften der Marxistischen Blätter, 6/2001; Marsch auf Rom. Faschismus und Antifaschismus in Italien. Papyrossa, Köln 2002; Wie Italien unter die Räuber fiel. Und wie die Linke nur schwer mit ihnen fertig wurde, Ebd., 2012; 1945 fiel in Italien die Revolution aus. offen-siv, 6/2012; Compromesso storico. Der Historische Kompromiss der IKP und die heutige Krise der Linken. Schriftenreihe „konsequent“ der DKP Berlin, 2/2013; Die Niederlage der Linken in Italien und der Renegat Napolitano. Ebd. 1/2015.


Torsten Schöwitz: Für Frieden und Sozialismus,
aus Band 1 der Gossweiler Werke

Nach der Konterrevolution in der Deutschen Demokratischen Republik, der Annexion und der Zerstörung der DDR und der Beseitigung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands als Partei der Arbeiterklasse ist es für jeden Kommunisten in Deutschland eine Pflicht, auf der Grundlage der wissenschaftlichen Weltanschauung, dem Marxismus-Leninismus, die Grundsätze der kommunistischen Bewegung zu verteidigen und die Frage zu beantworten, wie es zu dieser weltweiten verheerenden Niederlage des Sozialismus und der kommunistischen Bewegung kommen konnte.

Gemeinsam mit allen Fortschrittskräften der Arbeiterklasse ist die im Januar 1990 in der DDR wiedergegründete Kommunistische Partei Deutschlands dieser Aufgabe verpflichtet.

Kurt Gossweiler war immer an unserer Seite. Mehrmals veröffentlichten die KPD Ausarbeitungen zu diesem Thema in ihrer Schriftenreihe. Bestechend war immer die marxistisch-leninistische analytische Klarheit von Kurt Gossweilers Erkenntnissen für die Arbeiterbewegung im Bereich der Faschismusforschung und dann der Untersuchung des modernen Revisionismus. Folgende programmatische Grundaussage der KPD ist von Kurt Gossweiler mit seiner Untersuchung des modernen Revisionismus wissenschaftlich untermauert worden.

„Die kommunistische Partei hat eine revolutionäre Vergangenheit. Sie steht in den besten Traditionen der revolutionären und marxistischen Arbeiterbewegung, des Bundes der Kommunisten, der Internationalen Arbeiterassoziation, der frühen II. Internationale und der Kommunistischen Internationale. Sie bekennt sich zur revolutionären und positiven Rolle und historischen Bedeutung des Sozialismus des 20. Jahrhunderts in der UdSSR und im sozialistischen Teil Europas, also dem sozialistischen Weltsystem in seiner Gesamtheit. Als deutsche Kommunisten verteidigen wir die Deutsche Demokratische Republik als das Beste, was die revolutionäre deutsche Arbeiterklasse in ihrer Geschichte hervorgebracht hat.

Die kommunistische Partei sieht im Opportunismus und Revisionismus und seiner Hauptkampfform, dem Antistalinismus die Hauptursache für die Niederlage des Sozialismus im Weltmaßstab. Sie verzichtet aber nicht auf eine kritische Auseinandersetzung mit Fehlentwicklungen. Sie gewinnt Erkenntnisse für die Gegenwart, indem sie das Gute bewahrt und aus Fehlern lernt. Die Aufgabe der kommunistischen Partei ist, den Marxismus-Leninismus anzuwenden, schöpferisch weiterzuentwickeln und gegen den Revisionismus und „linken Radikalismus” zu verteidigen.“

Als wir Kommunisten in der KPD vom Tod Kurt Gossweilers erfuhren, überlegten wir, wie wir neben einem Nachruf sein Leben, sein wissenschaftliches Wirken und seinen Beitrag zur marxistisch-leninistische Ideologie würdigen können. Als Marxisten-Leninisten war für uns schnell klar, daß es im Interesse der Arbeiterklasse und ihrer natürlichen Verbündeten sein muß. Also etwas, was zur Klärung von politisch-ideologischer Fehlentwicklung in der kommunistischen Bewegung und zur weiteren Formierung einer starken einheitlichen Kommunistischen Partei in Deutschland auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus beiträgt. Denn nur mit einer starken, in der Klasse verwurzelten, politisch-ideologisch klaren einheitlichen Klassenorganisation ist es dem Proletariat möglich, den Kapitalismus zu überwinden und erneut den Kampf für die Errichtung des Sozialismus aufzunehmen. Deswegen entschieden wir uns, mit allen willigen Verbündeten der kommunistischen Bewegung in Deutschland, einen Dokumentenband herauszugeben, der diesem Ziel dienen soll.

Denn gemeinsam mit Kurt Gossweiler bleibt es für uns Kommunisten bei der von Marx begründen These von der Unversöhnlichkeit der Klassengegensätze. So war sich Kurt Gossweiler auch mit Berthold Brecht einig, dass man die Klassengegensätze benennen muss.

„Da mag dein Anstreicher streichen, den Riß streicht er uns nicht zu! Einer bleibt und einer muß weichen, entweder ich oder du. Und was immer ich auch noch lerne, das bleibt das Einmaleins: Nichts habe ich jemals gemeinsam mit der Sache des Klassenfeinds. Das Wort wird nicht gefunden, das uns beide jemals vereint! Der Regen fließt von oben nach unten, und Klassenfeind bleibt Klassenfeind.“

Seine klassenmäßig treffenden Einschätzungen in seinen wissenschaftlichen Werken werden wir in unserem weiteren Kampf verinnerlichen. Sie werden uns stets begleiten.

Torsten Schöwitz, Vorsitzender KPD, Juni 2017





Jürgen Lloyd: Historiker und Kommunist

aus der JW vom 6.7.2017

Am 15. Mai 2017 ist Kurt Gossweiler mit 99 Jahren in Berlin verstorben. Er gehörte zu den bedeutendsten Faschismusforschern der DDR. Nach 1990 befasste er sich mit dem Revisionismus – ein Nachruf

Kommunisten seit Jugendtagen – Kurt Gossweiler zusammen mit seiner Frau Edith, geborene Evers, die in diesem Februar ihren 100. Geburtstag feierte. Beide kannten sich aus der gemeinsamen Schulzeit an der Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln
Foto: Archiv KAZ

»Tatsachen stehen höher als jede noch so autoritative Äußerung!« Zu diesem Leitsatz seiner wissenschaftlichen Arbeit bekannte sich Kurt Gossweiler in der Dankesrede, die er anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität im Jahr 1988 hielt. Der Leitsatz wurde sein Mittel gegen die Gefahr, irgendwelche Geschichts- oder Gegenwartsdeutungen unkritisch hinzunehmen. Der marxistische Historiker begründete diesen Satz aus einer Fragestellung: Kann das »De omnibus dubitandum«, die Forderung, an allem zu zweifeln, die Karl Marx als seinen Lieblingsspruch seinen Töchtern aufgeschrieben hat, auch bedeuten, am Marxismus zu zweifeln? Ist solcher Zweifel vereinbar mit Lenins Urteil vom Marxismus, der allmächtig sei, weil er wahr sei? Der Leninist Gossweiler antwortete: »Der Marxismus bleibt nur allmächtig, wenn er wahr bleibt, und er bleibt nur wahr, wenn er mit dem Leben Schritt hält. Das Leben – die Tatsachen – sind oberste Instanz.« Und Gossweiler hat diese Maxime mit wissenschaftlicher Konsequenz und konsequenter Wissenschaftlichkeit eingehalten, wenn er sich seinen beiden großen Themengebieten widmete: der Frage, wie es zur faschistischen Herrschaft kommen konnte bzw. woher die Gefahr des Faschismus auch heute kommt und der Frage nach den Ursachen der Niederlage der sozialistischen Staaten in der Konterrevolution der Jahre 1989/90.

Angefangen mit der Arbeit in einer kommunistischen Schülergruppe in Berlin-Neukölln zu Beginn der 1930er Jahre und der illegalen Arbeit in den ersten Jahren der faschistischen Diktatur wurde die – in Theorie und Praxis stattfindende – Auseinandersetzung mit dem Faschismus zum Tätigkeitsfeld von Gossweiler. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 nutzte er im Frühjahr 1943 eine Gelegenheit, um zur Roten Armee überzulaufen und wurde für vier Monate Teilnehmer, dann für vier Jahre Lehrer an der zentralen Antifaschule im westsibirischen Taliza. In späteren Erinnerungen rechnete Gossweiler diese Zeit zu den wertvollsten seines Lebens und bezeichnete die Antifaschule als seine »eigentliche Universität«.

Die Röhm-Affäre

Nach Berlin zurückgekehrt trat Kurt Gossweiler 1947 der SED bei. Zunächst ganz mit Parteiarbeiten beschäftigt, begann er schließlich 1955 mit einer Doktoranden-Aspirantur an der Humboldt-Universität seine Tätigkeit als Historiker, die er später am Zentralinstitut für Geschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR fortsetzte. Mit seiner Dissertation zur »Rolle des Monopolkapitals bei der Herbeiführung der Röhm-Affäre« lieferte Gossweiler eine bemerkenswerte Probe seiner Qualitäten als marxistischer Historiker. Die Dissertationsschrift, lange Zeit nur schwer erhältlich, aber 2009 dankenswerterweise vom Kölner Papy-Rossa-Verlag als Reprint unter dem Titel »Der Putsch, der keiner war« neu aufgelegt,1 kann zu Recht als Meilenstein marxistischer Faschismusforschung angesehen werden.

Auf Grundlage eines umfassenden Quellenstudiums geht Gossweiler weit über bestehende – auch marxistische – Erklärungen des sogenannten Röhm-Putsches von 1934 hinaus. Während bürgerliche Darstellungen die Vorgänge als Rivalitätskampf innerhalb der Naziführung oder als Kampf um die Kompetenz- und Machtverteilung zwischen Reichswehr und SA bzw. NSDAP deuten (und dabei auf der Grundlage der Totalitarismusdoktrin die Morde vom Juni 1934 und die folgende Entwicklung »als Beispiel eines totalitären Revolutionsprozesses moderner Prägung«2 präsentieren), vermittelte aus marxistischer Sicht das bereits 1934 von Antifaschisten in der Emigration herausgegebene »Weißbuch über die Erschießungen des 30. Juni« bessere Einblicke in die geschichtlichen Zusammenhänge der Vorgänge. Es erklärte diese insbesondere aus der Problemlage der faschistischen Diktatur, die eigene Massenbasis, die mit Versprechungen und Demagogie gewonnen wurde, durch die reale Praxis des Faschismus an der Macht zu verlieren. Dieser gesetzmäßig auftretende Widerspruch zwischen den Erwartungshaltungen der zu einer faschistischen Basis gehörenden und der – ab der Sekunde des Machtantritts der faschistischen Regierung beginnenden – Durchsetzung einer ausschließlich dem herrschenden Monopolkapital verpflichteten Politik, äußerte sich in Deutschland mit der besonders in der SA verbreiteten Forderung nach einer »zweiten Revolution« und – da diese Forderung wegen des wahren Charakters des Faschismus an der Macht illusionär war – in einer politischen Krise der faschistischen Diktatur. Diese frühe Deutung im »Weißbuch« bestätigt Gossweiler, betont aber, dass dies lediglich ein Aspekt sein könne und der ganze Komplex der Konflikte, aus dem die Röhm-Affäre erwuchs, einer weitergehenden Analyse bedürfe.

Kurt Gossweiler wusste, dass ohne Verständnis des Imperialismus auch der Faschismus nicht zu verstehen sei. Lenin stellte in seiner Imperialismusschrift fest: »Ist das Monopol einmal zustande gekommen und schaltet und waltet es mit Milliarden, so durchdringt es mit absoluter Unvermeidlichkeit alle Gebiete des öffentlichen Lebens, ganz unabhängig von der politischen Struktur und beliebigen anderen ›Details‹.«3 Gossweiler konzentriert sich dementsprechend bei seiner Untersuchung auf das komplexe Konfliktfeld diverser widersprüchlicher Interessen zwischen »alter« und »neuer« Industrie (Kohle-Stahl / Chemie-Elektro), zwischen Bank- und Industriekapital sowie zwischen amerikanischem und inländischem Kapital. Es gelingt ihm, in diesem Geflecht von sich überlappenden Konflikten (dem er sich auch in seiner Habilitationsschrift über »Großbanken, Industriemonopole und Staat 1914–1932« widmete, die 1971 in der DDR erschien und sogleich in diversen Raubdrucken im Westen verbreitet wurde4) nicht die Übersicht zu verlieren. Diese Fähigkeit beruht auf der Erkenntnis des Marxisten, dass Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Er geht daher nicht – wie bürgerliche Geschichtsschreiber und etliche pseudomarxistische Autoren – von individuellen (Profit)-Interessen aus, sondern fragt nach Klasseninteressen und deren jeweiligen Durchsetzungsbestrebungen unter je konkreten Bedingungen. So kommt Gossweiler in seiner Untersuchung der Röhm-Affäre zu der verallgemeinerungsfähigen Aussage: »Aus dieser Wechselwirkung der verschiedenartigen Kräfte ergibt sich, dass aus dem Gruppenkampf innerhalb der herrschenden Klasse durchaus nicht immer die stärkste Gruppe als Sieger hervorgeht, sondern dass sich gewöhnlich jene Gruppen durchsetzen, deren spezifische Gruppeninteressen am meisten dem Gesamtinteresse des jeweiligen Imperialismus kongruent sind und deren individuelle Lage am meisten der Lage des jeweiligen Imperialismus entspricht.«5

Marxistische Faschismusanalyse

Das marxistisch-leninistische Faschismusverständnis und dessen Fähigkeit, die Entstehungsgründe und Entstehungsbedingungen schlüssig aus den Bedingungen monopolkapitalistischer Herrschaft zu erklären, bezieht sich zu Recht auf die von Georgi Dimitroff 1935 auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale vorgetragenen Erklärung des Klassencharakters des Faschismus an der Macht. Die Bestimmung als offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals richtet sich – wie Gossweiler 1994 in einem Referat betonte – explizit gegen andere, falsche Bestimmungen des Klassencharakters des Faschismus und bildet damit notwendigerweise den Ankerpunkt für eine Theorie, die vom Klassenkampf als geschichtsbestimmenden Faktor ausgeht. Der vielzitierte Satz ist demnach auch keine »Definition« des Faschismus, sondern die Kennzeichnung eines bestimmten Aspekts dieser Form bürgerlicher Herrschaft. Bereits Dimitroff und weitere Referenten des VII. Weltkongresses haben aus der Charakterisierung dieses Aspekts ein tieferes Verständnis des Faschismus entwickelt. Marxistische Historiker (und es ist berechtigt, hier insbesondere die Arbeiten in der DDR hervorzuheben) haben nach der Befreiung vom Faschismus diese Aufgabe weitergeführt, unter anderem mit der ihnen ungleich besser möglichen Sammlung und Sichtung von Dokumenten und Quellen. Kurt Gossweiler und ebenso sein (westdeutscher) Freund und Mitstreiter Reinhard Opitz hatten wesentlichen Anteil an dieser Leistung. Der von Antikommunisten jeglicher Schattierung (auch solcher, die sich als »links« verstehen) immer wieder vorgebrachte Vorwurf, das marxistisch-leninistische Faschismusverständnis liefe auf eine »Agententheorie« hinaus, welche den Faschismus als Resultat strippenziehender, kapitalistischer Hintermänner erklärt, belegt die Unfähigkeit solcher Autoren, den Reichtum des marxistischen Begriffs »Klassenkampf« auch nur annähernd zu erfassen. Wie sehr dieser Vorwurf an der marxistischen Faschismusforschung vorbeigeht, wird deutlich, wenn Gossweiler zu der Analyse der Hintergründe der Röhm-Affäre schreibt: »Ein solches Ergebnis kann aber grundsätzlich nicht nach einem vorherbestimmten Plan, etwa als Ergebnis einer Beratung und Beschlussfassung der Spitzen aller Monopolgruppen, zustande kommen, sondern nur als Ergebnis des Kampfes jeder Gruppe oder Gruppierung um die Durchsetzung ihrer Linie und ihrer Ziele. Im Kampf findet die Auslese statt zwischen objektiv möglichen und nicht möglichen, erreichbaren und unerreichbaren Lösungen und Kräftekombinationen, eine Auslese, deren Endresultat sich dann schließlich in der Zusammensetzung der jeweiligen Regierung, in der Besetzung der Kommandopositionen des Staatsapparates und der anderen Organisationen des Finanzkapitals, in Gesetzen, Verordnungen usw. niederschlägt.«6

Die Akribie bei der Untersuchung der »Tatsachen«, die höher zu stehen haben als autoritative Äußerungen, und die intellektuelle Anstrengung, mit der Kurt Gossweiler die geschichtliche Wirklichkeit erforschte, haben ihn aber nie den praktischen Zusammenhang vergessen lassen, aus dem diese Arbeit ihren Sinn zog: »Eine historische Untersuchung, ganz besonders eine Arbeit über die faschistische Diktatur würde ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn sie sich nicht darum bemühte, aus der Geschichte Schlussfolgerungen abzuleiten, die helfen können, Antwort auf die brennenden Fragen der Gegenwart zu geben.«7 Seine vielen Vorträge und Aufsätze, insbesondere auch die für antifaschistische Mitstreiter im Westen gedachten, zeugen davon. Sie erschienen in Publikationen wie Das Argument, in den Marxistischen Blättern, der Deutschen Volkszeitung/Die Tat und in den von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten herausgegebenen Antifaschistischen Arbeitsheften. Ebenso wie Buchveröffentlichungen (zu nennen wäre insbesondere der 1980 zusammen mit Dietrich Eichholtz herausgegebene Sammelband »Faschismusforschung. Positionen, Probleme, Polemik«, die 1982 erschienene Darstellung der Entstehungsgeschichte der Nazipartei in »Kapital, Reichswehr und NSDAP 1919–1924« und die 1988 erschienene Sammlung »Aufsätze zum Faschismus«) geben seine Beiträge der antifaschistischen Bewegung auch heute noch Antworten und dringend benötigte Orientierung.

Revisionismusforschung

Der Bedarf von Demokraten, Antifaschisten und Kommunisten an Selbstvergewisserung und Orientierung für den notwendigen Kampf, war auch der Grund für Gossweilers Wechsel des Forschungsschwerpunkts nach der Konterrevolution von 1989/90. Die Frage nach der Klärung der Ursachen für die erlittene Niederlage führte ihn zur Beschäftigung mit dem Revisionismus, der Waffe der Sieger, der diese – wie er 2007 bei einer Rede zu seinem 90. Geburtstag äußerte – »ihren Sieg über uns verdanken, und die unbrauchbar gemacht werden muss, wenn wir die Stärke erlangen wollen, die uns ermöglicht, die Sieger von gestern zu den Besiegten von morgen zu machen«.

Ihm zu unterstellen, er hätte mit dieser Ursachenbestimmung weitere, ebenfalls bestehende Gründe für die Niederlage des Sozialismus missachtet, ist vergleichbar lächerlich, wie ihm vorzuwerfen, seine Faschismusforschungen seien einseitig, da er die Rolle der rhetorischen Fähigkeiten Hitlers und die Wirkung seines Charismas – die von bürgerlichen Geschichtsschreibern so gerne betont, und von Marxisten aus diesem Grund belächelt werden, aber dennoch ohne Zweifel einen Platz im Funktionsgefüge des Hitlerfaschismus hatten – nicht berücksichtigt, wenn er vom Klassencharakter faschistischer Herrschaft spricht.

Gossweiler gibt grundlegende Einsichten nicht preis, zu denen die kommunistische Bewegung aus guten Gründen gelangt ist. Da ist der weder durch Wunsch und (auch revolutionäres) Wollen noch durch Reformen oder Transformationen zu lösende Widerspruch zwischen den Existenz- und Reproduktionsbedingungen des Kapitalismus und den Klasseninteressen der Arbeiterklasse. Da ist die Einsicht in die historische Überlebtheit des Kapitalismus, der mit der Herausbildung der Monopole sein höchstes und letztes Entwicklungsstadium erreicht hat, jenseits dessen dem zunehmend gesellschaftlichen Charakter der Produktionsmittel nur noch dadurch entsprochen werden kann, dass »die Gesellschaft offen und ohne Umwege Besitz ergreift von den jeder andren Leitung außer der ihrigen entwachsenen Produktivkräften«8. Zwei Tage nachdem Kurt Gossweiler am 5. November 1917 in Stuttgart zur Welt gekommen war, belegte die Oktoberrevolution in Russland, dass es der konsequent kämpfenden Arbeiterklasse möglich ist, die politischen Voraussetzungen für die Besitzergreifung der Produktivkräfte durch die Gesellschaft zu schaffen. Dass der nachfolgende Aufbau einer neuen Gesellschaft trotz schlechter Ausgangslage, trotz aller Hindernisse und Probleme so erfolgreich war, dass die UdSSR nur ein gutes viertel Jahrhundert später zum Hauptträger der Niederringung des Hitlerfaschismus werden konnte, beweist, dass dieser Aufbau unter der Leitung einer entschlossenen, revolutionären Partei möglich ist. Wenn man sich aber der historischen Notwendigkeit und der historischen Möglichkeit des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus bewusst ist, so lautet Gossweilers Frage, wie lässt sich dann die Niederlage von 1989/90 erklären?

Der Garant für die erfolgreiche Entwicklung der ersten vierzig Jahre war eine klug und zielbewusst handelnde kommunistische Partei sowie die langsam, aber konsequent der eigenen Rolle und Verantwortung bewusst werdende Bevölkerung. Es mussten eigene Schwächen und Fehler gewesen sein, die dazu führten, dass diese Macht die Kraft und Dynamik schrittweise wieder verlieren konnte und den, von Beginn an fortgesetzten, Einflussbemühungen und Angriffen des Klassengegners schließlich unterlag. Gossweiler benannte solche Fehler, hatte sie bereits seit 1957 in einem politischen Tagebuch aufgeschrieben und gesammelt. Und er identifizierte als ihre Quelle das Aufkommen und die Ausbreitung von Revisionismus in den sozialistischen Ländern und der kommunistischen Bewegung. Dieser beruhte letztlich auf der Missachtung bzw. Geringschätzung der Unvereinbarkeit von Imperialismus auf der einen und sozialistischen Zielen und Interessen der ganzen Menschheit auf der anderen Seite. Die Fehler (etwa die Identifikation sozialistischer Zukunftsvorstellungen mit der Konsumrealität der USA durch Chruschtschow oder die Annahme, der Imperialismus sei »friedensfähig«) lassen sich aufzeigen, und ihre Wirkung auf das eigene Bewusstsein im Klassenkampf lässt sich erkennen und verstehen. Man muss nicht jeder Ausführung von Gossweiler über die Wege und Gründe, wie sich der Revisionismus in der kommunistischen Bewegung ausbreiten konnte, folgen. Dass es aber Revisionismus war, was den Niedergang der sozialistischen Staaten ermöglichte, bleibt die von Gossweiler gegebene Ursachenbestimmung, der keine auch nur annähernd so überzeugende und mit »Tatsachen« belegte Alternativerklärung entgegen steht.

Warum scheiterte der Sozialismus? Für Gossweiler lag die Antwort auf diese Frage in der kommunistischen Bewegung selbst, konkret: im Revisionismus, der mit dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 und der Führung Nikita Chrutschschows begann – der sowjetische Parteichef während seiner Rede

Selbstkritik und Kontext

Dass Gossweiler den Anti-Stalinismus als Kernelement im Arsenal des Revisionismus ansah und den XX. Parteitag der KPdSU 1956 folgerichtig als negative Zäsur in der Entwicklung der kommunistischen Bewegung, brachte ihm teilweise wütende Ablehnung und den Vorwurf ein, er würde die »Verbrechen Stalins« verharmlosen oder gar gutheißen. Worum es ihm tatsächlich ging, wird deutlich, wenn er im Januar 1989 in einem Brief an Gertrud Dürr, deren Assistent Gossweiler in der Antifaschule in Taliza war, schrieb: »Ich bin weit davon entfernt, Stalin gegen Kritik zu verteidigen – vorausgesetzt, sie stützt sich auf einwandfreies Tatsachenmaterial und dient nicht einfach nur der Stimmungsmache und – zumindest objektiv – der Diskreditierung des Sozialismus.« Für ihn war selbstverständlich, dass es unsinnig und auch schädlich wäre, gemachte Fehler zu ignorieren oder zu leugnen, dass es im Gegenteil notwendig ist, diese Fehler zu untersuchen und selbstkritisch auszuwerten. Dass Genossinnen und Genossen, die unter falschen Anschuldigungen verhaftet und ungerechtfertigt verurteilt wurden, in der Haft umgekommen sind, stellt sicher nicht den geringsten dieser Fehler und einen Verlust dar, über den sich nicht einfach mit dem Hinweis auf Späne, die beim Hobeln nun mal anfallen, hinweggehen lässt. Wenn der selbstkritische Bezug zur eigenen Geschichte und die notwendige Kritik an Fehlern aber zur Lossagung von den praktischen und theoretischen Grundlagen und zur Abspaltung von der eigenen Geschichte missbraucht wird, liegt dem nicht eine Haltung zugrunde, die lediglich über ein berechtigt kritisches Ziel hinausschießt, sondern es ist bereits der Boden betreten, auf dem der Klassenfeind zu Hause ist. Darauf hingewiesen zu haben, gehört zu Gossweilers vielen Verdiensten.

Kurt Gossweiler hat eine Reihe von Büchern und eine noch viel größere Zahl von Aufsätzen und Vorträgen hinterlassen. Viele davon sind erhältlich, ein beträchtlicher Teil ist auf der Seite www.kurt-gossweiler.de auch online verfügbar. Diesen Schatz an Anregungen und Einsichten für den Kampf zur Befreiung der Menschheit sich anzueignen und zu nutzen bleibt die Aufgabe der Bewegung, deren Existenzzweck diese Befreiung ist, der Bewegung, die den Genossen Kurt Gossweiler seit dessen Schulzeit in ihren Reihen wusste, und die nach Erreichung ihres Ziels – wovon der Optimist Gossweiler unbezwinglich überzeugt war – sich des Anteils an diesem Sieg bewusst sein wird, den sie dem am 15. Mai 2017 mit 99 Jahren Verstorbenen zu verdanken hat.

Anmerkungen:

1 Kurt Gossweiler: Der Putsch, der keiner war. Die Röhm-Affäre 1934 und der Richtungskampf im deutschen Faschismus, Köln 2009

2 Karl Dietrich Bracher/Wolfgang Sauer/Gerhard Schulz (Hg.): Die nationalsozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des totalitären Herrschaftssystems in Deutschland 1933/34, Köln und Opladen 1960, S. 972

3 Wladimir Iljitsch Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, in: ders.: Werke, Bd. 22, Berlin 1960, S. 241

4 Kurt Gossweiler: Großbanken, Industriemonopole und Staat: Ökonomie und Politik 1914 bis 1932, Köln 2013

5 Gossweiler: Der Putsch, der keiner war, a.a.O., S. 425

6 Ebd., S. 488

7 Ebd. S. 431

8 Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 19, Berlin 1969, S. 222


Erinnerung an Dr. Kurt Gossweiler

Kurt Gossweiler war mit der Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung (GRH e.V.) in vielfältiger Weise verbunden. Und dies nicht nur, weil er seit 2001 Mitglied unserer Organisation war. Geschätzt wurde Kurt von vielen unserer Genossinnen und Genossen besonders wegen seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse und Leistungen. Das waren bereits zu DDR-Zeiten seine Faschismus-Forschungen. Vor allem Angehörige der Justiz- und Ermittlungsorgane konnten sich bei der Verfolgung von Nazi-und Kriegsverbrechen auf seine fundamentalen Feststellungen zu dieser Problematik stützen. Ging es doch in diesen Strafverfahren nicht nur um die Verbrechen selbst, sondern auch um Ursachen und Hintergründe. Dass sich Kurt der GRH anschloss, hing nicht zuletzt damit zusammen, dass nach der Konterrevolution viele Antifaschisten Opfer der bundesdeutschen Klassenjustiz wurden, darunter auch solche, die bei der Verfolgung faschistischer Täter Verdienste erworben hatten. Auch deshalb war es für Kurt selbstverständlich, sich mit den Verfolgten solidarisch zu erklären. Und er zeigte diese Solidarität mit großem Interesse an unserer politischen Arbeit und mit seinem Rat. Aber auch durch finanzielle Unterstützung. Ich erinnere mich mehrerer Gespräche bis 2014, in denen er uns ermutigte, weiter gegen Unrecht und Geschichtsfälschung zu kämpfen.

Seine Forschungen zum Revisionismus nach 1990 hinterließen bei vielen von uns starke Eindrücke. Warfen sie doch neue Fragen auf und gaben Anregungen und Antworten auf Fragen, die uns seit dem Untergang der sozialistischen Staaten, einschließlich der DDR, beschäftigen. Wie nur wenige Historiker bezog Kurt Gossweiler Positionen, die die Ursachen unserer Niederlage in grundlegenden Fehleinschätzungen in der Vergangenheit sahen. Mutig und überzeugend verteidigte er seine Erkenntnisse, auch gegenüber befreundeten Historikerkollegen. Mich beeindruckte dabei besonders seine Sachlichkeit und Sachkunde, seine Bescheidenheit und Freundlichkeit.

Kurt Gossweiler als Wissenschaftler, Genosse und Freund wird uns fehlen. Mit seinen Schriften hat er uns aber Bleibendes und Verpflichtendes hinterlassen.

Hans Bauer, GRH