Biographie

Kurtfoto Gossweiler, am 5. November 1917 in Stuttgart geboren, ist in einem kommunistischen Elternhaus aufgewachsen. Seine Mutter, Lena Reichle, und ihr Mann in zweiter Ehe, Adolf Reichle, sind seit 1927 Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands. Mit den Eltern und seiner Schwester Inge siedelt der zehnjährige 1928 nach Berlin über. Sehr früh politisch interessiert, kommt er gemeinsam mit dem Freund Werner Steinbrink aus der Volksschule zur Karl-Marx-Schule, einer Aufbauschule unter Leitung von Fritz Karsen in Berlin-Neukölln. Gemeinsam mit Steinbrink tritt er 1931 in die kommunistische Schülerorganisation „Sozialistischer Schüler-Bund“ (SSB) ein – nicht zu verwechseln mit der sozialdemokratischen Schüler-Organisation „Sozialistische Schüler-Gemeinschaft“ (SSG). Ab 1934 ist er – wiederum gemeinsam mit Werner Steinbrink – Mitglied des inzwischen in die Illegalität gedrängten „Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands“ (KJVD).

Der junge Gossweiler beteiligt sich an der antifaschistischen Widerstandsarbeit der KJVD, bis er 1939 zum „Reichsarbeitsdienst“ (RAD) und zur Wehrmacht eingezogen wird. Werner Steinbrink, der in Berlin bleibt, ist führend mitbeteiligt an dem Brandanschlag der jüdisch-kommunistischen Herbert-Baum-Gruppe auf die antisowjetische Hetz-Ausstellung „Sowjetparadies“. Fast alle Mitglieder dieser und anderer mit ihr verbundener Widerstandsgruppen, darunter der Gruppe von Werner Steinbrink, werden verhaftet. Der Freund und andere werden im August 1942 hingerichtet.

Die Nachricht davon bringt Gossweiler zu dem Entschluss, bei nächster Gelegenheit zur Roten Armee überzugehen. Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits den so genannten Frankreichfeldzug mitgemacht. Er ist anschließend mit der Truppe nach Polen verlegt worden. Während eines Studienurlaubs von Oktober 1940 bis April 1941 hat er sein 1937 begonnenes Studium der Volkswirtschaft fortsetzen und die mündliche Diplomprüfung ablegen können. Ab April 1941 ist er wieder zurück zur Truppe, die vom ersten Tage an am Überfall auf die Sowjetunion beteiligt ist. Im November 1942 bei einem Urlaub in Berlin weiht er seine Mutter und seine Verlobte und spätere Frau, Edith Evers, in seinen Plan ein. Am 14. März 1943 wird er verwundet. Es ergibt sich die Gelegenheit zum Übertritt auf die sowjetische Seite. Er wird im sowjetischen Lazarett für Kriegsgefangene bis Juli 1943 ausgeheilt, lernt russisch, kommt ins Kriegsgefangenenlager bei Ostaschkow. Ab Oktober ist er Kursant an der Antifa-Schule 2041 in Taliza, an der er von Mai 1944 bis zu seiner Entlassung im Juli 1947 als Assistent, d.h. als Lehrer, tätig ist.

Wieder in Berlin, ist Kurt Gossweiler zunächst von August bis Oktober 1948 Lehrer an der Landesparteischule der SED Berlin, dann von Oktober 1948 bis August 1955 Mitarbeiter der Bezirksleitung Berlin der SED.

Im September 1955 beginnt Kurt Gossweiler seine wissenschaftliche Tätigkeit an der Humboldt-Universität, erst als Aspirant, dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Geschichte. Er promoviert 1963 mit einer Dissertation über „Die Röhm-Affäre“. Mit dem Buch „Großbanken, Industriemonopole, Staat“ habilitiert er sich 1972 zum Dr. sc. Von Dezember 1970 bis zur Emeritierung 1983 ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Geschichte (ZIG) der Akademie der Wissenschaften der DDR tätig. 1988 wird ihm von der Humboldt-Universität die Ehrendoktorwürde verliehen.

Kurt Gossweiler: „Meine Erlebnisse auf sowjetischer Seite haben meine kommunistische Einstellung und die Überzeugung gefestigt, dass die Sowjetunion auf dem richtigen, von Lenin gewiesenen Wege voranschreitet. Und sie haben mich befähigt, sehr früh zu erkennen, dass unter der Führung Chruschtschows die KPdSU unter dem Vorwand des Bruchs mit dem so genannten „Personenkult“ in Wahrheit den Bruch mit dem Marxismus-Leninismus vollzog und den Weg der Restauration des Kapitalismus beschritt. Allerdings war ich lange Zeit – bis 1988 – davon überzeugt, dass das nie gelingen werde.

Wie es dennoch dazu kommen konnte – diese Frage zu beantworten, ist vordringlich, weil Voraussetzung für einen neuen, endgültig erfolgreichen Sieg über den Imperialismus, dessen fortdauernde Herrschaft das Überleben der Menschheit in Frage stellt.

Deshalb habe ich nach der Katastrophe von 1989/90 meinem alten Forschungsgebiet „Faschismus“ den Rücken gekehrt, um, solange mir das meine Kräfte erlauben, meinen Teil zur Beantwortung dieser vordringlichen Frage beizutragen.“

Kurt Gossweiler ist als Publizist tätig. Er lebt mit seiner Frau in Berlin.

Siehe auch die drei autobiographischen Texte auf dieser Webseite:

FRAGEN ZUR ILLEGALEN ARBEIT ALS JUNGKOMMUNIST UND ZUM ÜBERTRITT AUF DIE SEITE DER ROTEN ARMEE
Gespräch mit Heinz Gerhardt am 22. Mai 1997, veröffentlicht in “Im Widerstand gegen das NS-Regime. Gespräche aus den Jahren 1997/98, Teil I.” Hrsg. von der Berliner Vereinigung ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener (BV VdN) e.V. und dem Verein für angewandte Konfliktforschung (VAK) e.V., Berlin 2000

DIE ERSTEN DREI JAHRE IM “TAUSENDJÄHRIGEN REICH”
Erschienen in: Kurt Pätzold und Erika Schwarz (Hrsg.), “Europa vor dem Ab-grund – Das Jahr 1935 – Dem Historiker Manfred Weißbecker zum Siebzigsten”, Papyrossa Hochschulschriften Nr. 57, Köln, 2005, S. 146 – 155

»SIE KENNEN DIE BEDEUTUNG VON REVOLUTIONÄREN BESSER ALS WIR«
Gespräch mit Kurt Gossweiler. Über die Ursachen für die Niederlage des Sozialismus, Gründe für die Ablehnung seiner Ansichten und über seinen Wandel vom Faschismus- zum Revisionismusforscher, in: „junge Welt“ vom 3. November 2007