Agentenriecherei? „Spionage für den Frieden“ oder „Angriff und Abwehr“ (Juni 2007)

Kurt Gossweiler

AGENTENRIECHEREI?
“Spionage für den Frieden” oder “Angriff und Abwehr” –
Unveröffentlichter Brief an einen Genossen

Lieber Genosse ……

für die so rasche Übersendung des in jeder Hinsicht gewichtigen Buches und Deinen Brief dazu danke ich Dir sehr, leider ziemlich spät, aber es ging leider nicht früher.

Schön, dass Du in Deinem Brief so eindeutig von den “Feindlichen Geheimdiensten” sprichst: auf der Konferenz “Spionage für den Frieden” im Mai 2004 und im Buch mit dem gleichen Titel hörte man und las ich auf der ersten Seite, “die einstigen Gegner konzedierten sich wechselseitig, die Welt ein wenig sicherer gemacht zu haben”, worüber ich mich sehr wunderte. Das war ja Gorbatschow pur, der uns ja auch davon überzeugen wollte, dass der Frieden nicht gegen, sondern nur gemeinsam mit dem Imperialismus gesichert werden könne.

Auf dieser Konferenz kam dann auch der Chef der CIA-Abteilung “Sowjetunion und Osteuropa”, Milton Bearden, zu Wort, der in seiner Rede auch von “mein Freund Markus Wolf” sprach und in diesem Kreis von “Kollegen” etwas enthüllte, was mir durch die Ereignisse der ungarischen Konterrevolution von 1956 wegen des Zusammenspiels Chruschtows mit Tito und Imre Nagy damals von einem schlimmen Verdacht zur Gewissheit geworden war, nämlich, dass es ein Zusammenspiel zwischen der Sowjetführung mit der Gegenseite, mit der Führung des USA-Imperialismus, geben mußte.

Bearden lieferte mir endlich schwarz auf weiß die mir bis dahin fehlende Bestätigung, dass diese meine Überzeugung kein Auswuchs fiebriger “Agentenriecherei” war, sondern dass diese Ungeheuerlichkeit – die konsequenterweise bis zur Auslieferung der DDR an die BRD und zur Liquidierung des Sozialismus in der SU und Osteuropa getrieben wurde – jahrelange Praxis war, führte Bearden doch aus:

“Tatsächlich handelte es sich dabei um einen sehr geheimen Kontakt zwischen den Führungsspitzen von CIA und KGB, der alle paar Monate auf neutralem Boden irgendwo auf der Welt stattfand. Bei dieser Gelegenheit saßen wir uns gegenüber und sahen uns in die Augen und fragten uns: ‚Treten wir uns nicht hier oder dort zu feindselig gegenüber? Sollten wir uns nicht etwas beruhigen? … Auf dem Panzerschrank in der Ecke meines Büros stand ein schwarzes Telefon, und wenn es klingelte, dann konnte das nur eine von zwei Sachen bedeuten: entweder hatte jemand eine falsche Nummer gewählt – oder es war der KGB. Und ich bekam eine Reihe von Anrufen vom KGB. Und dann verschwanden wir, die Zuständigen auf beiden Seiten, für eine Weile von der Bildfläche und führten in Helsinki oder in anderen Hauptstädten ungesehen Gespräche und diskutierten die Probleme der Welt und versuchten diese ein bisschen sicherer zu machen.” (!) *(S. 54 f.)

Mit solchen Treffen wurden offenbar die “Gipfeltreffen” Gorbatschows mit den USA-Präsidenten vor- und nachbereitet! Aber nicht nur Gorbatschows! Das hat schon unter Chruschtschow angefangen. Erinnere Dich nur daran, dass Mikojan im Januar 1959 in die USA reiste, um Chruschtschows Gipfeltreffen mit dem USA-Präsidenten Eisenhower vorzubereiten; und wen hat Mikojan da auch aufgesucht? Den Spionage-Chef Allan Dulles! Und die Prawda berichtete darüber, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt! (Ich berichte darüber in der Taubenfußchronik, Bd. II, S.215 f. ) Sollte meine Taubenfußchronik je eine 2. Auflage erleben, dann muß diese CIA-Offenbarung noch mit hinein!

Lieber Genosse…, wie es zu einer solchen Konferenz und zu einer solchen Einschätzung der imperialistischen Geheimdienstler als “Spione für den Frieden” kommen konnte, – darüber habe ich damals gerätselt und rätsele ich noch immer. Sollte das noch eine Nachwirkung unserer bis in die 50er Jahre hinein gültigen Losung: “Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!” gewesen sein? Aber diese Losung gab ja längst nicht mehr die Wirklichkeit wieder. Wollte man die in eine Losung fassen, dann mußte sie lauten: “Von der Sowjetunion lernen, heißt, verlieren, heißt, die Niederlage organisieren lernen!”

An “Angriff und Abwehr” werde ich lange zu lesen haben. Aber es ist keine Lektüre , die man von Seite Eins bis Ende liest, sondern es ist für mich ein sehr dankbar entgegen genommenes Hand- und Nachschlagebuch. Das Vorwort habe ich aber gleich gelesen, und stimme ihm natürlich zu – bis auf eine Aussage in Punkt “Viertens” der 5 Punkte auf S. 13. Ich kann nicht erkennen, dass das MfS einen eigenen Zusammenbruch gehabt hätte. Für mich ist das MfS ebenso wenig wie die DDR zusammengebrochen, sondern ebenso wie diese verraten und verkauft worden.

Für Deine Gabe an mich möchte ich mich revanchieren, wenn auch nur mit einem vergleichsweise schmalen Bändchen
Herzliche kommunistische Grüße,

* Klaus Eichner und Gotthold Schramm (Hrsg.), Spionage für den Frieden – Konferenz in Berlin am 7. Mai 2004 Berlin, 2004; Neuauflage: Klaus Eichner und Gotthold Schramm (Hrsg.), Angriff und Abwehr – Die deutschen Geheimdienste nach 1945, Berlin, 2007

geschrieben in Berlin-Grünau am 21. Juni 2007