Die Ursprünge des modernen Revisionismus oder: Wie der Browderismus nach Europa verpflanzt wurde Gedanken beim Lesen der Tagebücher Georgi Dimitroffs (2001-2003)

Die Ursprünge des modernen Revisionismus oder: Wie der Browderismus nach Europa verpflanzt wurde Gedanken beim Lesen der Tagebücher Georgi Dimitroffs (2001-2003)

Kurt Gossweiler

DIE URSPRÜNGE DES MODERNEN REVISIONISMUS ODER:
WIE DER BROWDERISMUS NACH EUROPA VERPFLANZT WURDE

Gedanken beim Lesen der Tagebücher Georgi Dimitroffs

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Inhalt:

A. VOR 60 JAHREN: VORBEREITUNG DES ÜBERFALLES AUF DIE SOWJETUNION

1. Dimitroffs Tagebücher – keine Freude für Antikommunisten.

2. „Stalin hat Dimitroffs Linie des VII. Weltkongresses gegenüber der Sozialdemokratie über Bord geworfen“

3. „Stalin hat Hitler vertraut und die Anti-Hitler-Propaganda unterbunden“

4. Dimitroff zur Auflösung der III. Internationale

B. WIE DER BROWDERISMUS NACH EUROPA VERPFLANZT WURDE

I. Georgi Dimitroffs nur allzu berechtigte Warnung vor dem Eindringen imperialistischer Agenten in die kommunistischen Parteien

1. Erfahrungen der revolutionären Arbeiterbewegung in der Emigration und im „Spa-nischen Krieg“

2. Das auffällige Interesse der Gomulka, Imre Nagy und Tito an den Spanienkämpfern im Herbst 1956

3. Wie und warum sich Browder über die Anweisung Dimitroffs hinwegsetzte

II. Noel Field und die kommunistische Emigration in Frankreich und der Schweiz

1. Die Prozesse gegen Raik und Slansky zur Rolle Noel und Hermann Fields

2. Die Stellungnahmen der SED zu Noel und Hermann Field

3. Die Verwandlung des Dulles-Vertrauten Field in ein Opfer Stalins

III. Wolfgang Kießling und die historische Wahrheit im Falle Merker, Browder und Field

1. Paul Merker findet in Wolfgang Kießling einen Jünger

2. Noel Field – Kommunist und selbstloser Helfer kommunistischer Emigranten – oder V-Mann von Allan Dulles?

3. Field als Propagandist und Verbreiter der „Browdwer-Ideen“

IV. Zum Anteil des Revisionismus an der Niederlage des Sozialismus in Europa

1. Hat der Revisionismus überhaupt etwas mit der Niederlage des Sozialismus zu tun?

2. Zum Problem von objektiven und subjektiven Ursachen der Niederlage des Sozia-lismus

3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede von „altem“ und „modernem“ Revisionismus

4. Der Imperialismus geschwächt, aber mit neuen Waffen ausgerüstet

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VOR 60 JAHREN: VORBEREITUNG DES ÜBERFALLES AUF DIE SOWJETUNION

 

1. Dimitroffs Tagebücher – keine Freude für Antikommunisten.

Vor 60 Jahren näherte sich die Atempause, die sich die Sowjetunion durch den Nichtangriffs-vertrag mit Deutschland verschafft hatte, ihrem Ende. In aller Stille, aber mit größter Intensität wurde seit Herbst 1940 in Berlin der „Fall Barbarossa“, der Überfall auf die Sowjetunion, vorbereitet. Mit diesem Überfall wurde die erst 24 Jahre junge neue sozialistische Gesell-schaftsordnung einer in der ganzen Geschichte der Menschheit beispiellos schweren Prüfung unterworfen.

Der Sieg der Sowjetunion und ihrer Verbündeten über den vom Weltimperialismus zum Ver-nichtungskrieg gegen die Sowjetunion aufgerüsteten deutsch-faschistischen Imperialismus war nach der Oktoberrevolution das weltgeschichtlich bedeutendste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Nicht zufällig erwies sich die Sowjetunion als das einzige der vom faschistischen Deutschland überfallenen Länder, das der bis dahin modernsten und höchstgerüsteten Armee nicht nur standhielt, sondern sich imstande zeigte, auch aus eigener Kraft die faschistische Bestie in ihrer Höhle zu erlegen. Entgegen allen Hoffnungen ihrer Feinde und aller Befürchtungen ihrer Freunde erwies sich die Sowjetmacht – wie schon 1917-1920 – als unbesiegbar, als die weltweit festeste, tief im Volk verwurzelte Gesellschaftsordnung. Noch niemals in der Geschichte hatte ein Staat und eine Gesellschaftsordnung eine ihr auferlegte Prüfung so triumphal bestanden. Der Grund dafür: das feste Fundament der Sowjetmacht und ihrer Politik war der wissenschaftliche Sozialismus, der Marxismus-Leninismus. Solange das so blieb, schritt die Welt des Sozialismus auf der Straße des Sieges voran.

Es wird in diesem Jahr eine Fülle von Gedenkartikeln von Freunden und – überwiegend – von Feinden der Sowjetunion in allen Medien geben. Zum Glück haben wir seit kurzem die Mög-lichkeit, auch zu diesem Ereignis einen Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, der dem deutschen Faschismus seine allererste Niederlage bereits im Jahre 1933 beibrachte: Georgi Dimitroff. Seine Tagebücher wurden im vorigen Jahr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. (1)

Natürlich wurde sofort versucht, Dimitroffs Aufzeichnungen im antikommunistischen Sinne auszuschlachten. Der Aufbau Verlag und der Herausgeber der Tagebücher Bayerlein machten bereits die Buchvorstellung zu einer antikommunistischen Veranstaltung. Zum Ort der Ver-anstaltung wählten sie das Willy-Brandt-Haus in Berlin, und als Hauptdarsteller wurden Wolfgang Leonhard und Hermann Weber engagiert, beide aus früheren Zeiten hinlänglich aus vielen Sendungen des Westfernsehens als dessen Spezialisten für Kreml-Astrologie und SED-Beschimpfung bekannt. Die für Geschichte zuständige Mitarbeiterin des „Neuen Deutschland“, Karlen Vesper, zeigte sich von beiden gebührend beeindruckt. Es sei schon frappierend gewesen, schrieb sie in der Nummer vom 25./26.November vorigen Jahres, „wie Wolfgang Leonhard aus lakonischen Tagebuchnotizen faktisch einen Theaterabend gestaltete.“ Karlen Vesper ist es offenbar richtig gruselig geworden; in ihrem Bericht ist zu lesen: „Un-heimliche Stimmung. Bei der Beschwörung der Geister und Dämonen des Weltkommunismus wirkte die Statue Willi Brandts im Berliner SPD-Domizil noch verlorener als sonst.“ Heraus-geber Bayerlein trug das Seine dazu bei, die „unheimliche Stimmung“ noch unheimlicher zu machen, pries er doch, wie Karlen Vesper notierte, „die Tagebücher als bisher einzigartiges Zeitzeugnis, das die Herrschaftsmechanismen im Labyrinth der Komintern, KPdSU und der sowjetischen Geheimdienste offenbare.“

Im übrigen war das Echo auf die Tagebücher bei aller antikommunistischen Übereinstimmung doch zwiespältig und fast ein wenig hilflos. Gemeinsam war allen Rezensenten von der FAZ bis zum ND, dass sie die Tagebücher dazu benutzen wollten, die ihnen fatale und lästige weltweite Hochachtung für Dimitroff, den unvergessenen Helden von Leipzig, endlich aus der Welt zu schaffen. Die einen tun das, indem sie behaupten, aus den Tagebüchern gehe hervor, dass Dimitroff im Grunde nur eine ohnmächtige, von Stalin missbrauchte und missachtete Marionette gewesen sei. Dimitroffs Aufzeichnungen lassen aber eine solche Auslegung schlechterdings nicht zu, weil sie – wie bereits schon 1933 sein Auftreten vor dem Reichsgericht in Leipzig – keinen Zweifel daran lassen, dass hier ein Mann das Wort ergreift, der die Sache der Sowjetunion ohne jeden Abstrich zu seiner ureigenen Sache gemacht hat. Deshalb werden seine Tagebücher von anderen als Zeugnisse dafür bezeichnet, dass er ein „skrupelloser Stalinist“, und also keinerlei Hochachtung würdig, gewesen sei.

Jedoch: aus Dimitroffs Tagebüchern können Antikommunisten keinen Honig saugen. Wohl aber enthalten sie wertvolle Zeugnisse zur Widerlegung antikommunistischer Erfindungen und Legenden. Im Folgenden soll das an einigen Beispielen gezeigt werden.

 

2. „Stalin hat Dimitroffs Linie des VII. Weltkongresses gegenüber der Sozialdemokratie über Bord geworfen“

Die alten Verleumder der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale, die Leonhard und Weber und tutti quanti, haben schon immer verbreitet, Stalin sei ein Gegner der Dimit-roffschen Einheits- und Volksfrontbeschlüsse des VII. Weltkongresses der Kommu-nistischen Internationale gewesen und habe sie bei erster bester Gelegenheit wieder über Bord geworfen und den Kampf gegen die Sozialdemokratie verschärft wieder aufgenommen. Diese Version haben die gewendeten unter den ehemaligen DDR-Historikern (2) brav übernommen. In sein Tagebuch hat Dimitroff jedoch am 6. März 1941 folgendes eingetragen: „Mit D.S. (Manuilski) den Entwurf der Thesen über die Zweite Internationale beraten. (Habe angemerkt: in den Thesen wird unsere Zielstellung nicht erkennbar; keine klare Ausrichtung auf unser Ziel, die Sozialdemokratie endgültig aus der Arbeiterbewegung zu verdrängen, eine einheitliche Führung der Arbeiterbewegung in Gestalt der KP herzustellen; nicht zuzulassen, dass die Sozial-demokratie wieder auf die Beine kommt und die konterrevolutionäre Rolle erfüllt, die sie am Ende des Ersten imperialistischen Weltkrieges gespielt hat usw.)“ (S.354)
Wie ist dieser Wandel bei Dimitroff von seiner Position 1935 zu dieser von 1941 zu erklären? Ist es überhaupt ein Wandel ?

Die Sache ist sehr einfach: 1935 ging es darum, eine Einheits- und Volksfront zu schaffen als einzige reale Möglichkeit, den deutschen Faschismus zu stürzen und damit die Aggressions-kriege des deutschen Imperialismus zu verhindern. Die Sozialdemokratie hat aber alle Angebote der Kommunisten nicht nur ausgeschlagen, sondern ihren antikommunistischen Kurs verstärkt. Die faschistische Intervention in Spanien 1936 war die Probe auf die Ernsthaftigkeit des Antifaschismus der Sozialdemokratie und der westlichen Demokratien. Hier wurde im Grunde entschieden, ob die faschistischen Aggressoren geschlagen werden oder ob ihnen der Weg in den Weltkrieg geöffnet wird. Beide, die Sozialistische Internationale und die westlichen Demokratien, opferten die Spanische Republik – und später in München noch die Tschechos-lowakei und dann auch Polen, – weil das faschistische Deutschland ermuntert werden sollte, endlich den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zu beginnen.

Es waren diese Erfahrungen der Jahre 1935 bis 1941, die Dimitroff wie die gesamte Kommu-nistische Weltbewegung zu der oben zitierten Stellungnahme vom 6. März 1941 geführt hatten. Was in ihnen ausgedrückt wurde – nämlich, dass die Arbeiterbewegung nur siegreich sein kann, wenn sie den Opportunismus aus ihren Reihen vertrieben hat – das waren allerdings Erkenntnisse, die weder von Stalin noch von Lenin stammten, – es waren Marx und Engels, die sie zuerst ausgesprochen und dementsprechend gehandelt hatten.

Der Kampf gegen den Opportunismus war und ist für Kommunisten nie ein Kampf aus Kon-kurrenzgründen gegen eine zweite Arbeiterpartei gewesen, sondern war immer ein Kampf um die Herstellung der Einheit der Arbeiterklasse auf revolutionärer marxistischer Grundlage als der unabdingbaren Voraussetzung für die Überwindung der Macht des Kapitals. Er wurde deshalb nach dem Sieg über den Faschismus auch nicht als Kampf gegen die Sozialdemokratie, sondern als Kampf um den Zusammenschluss beider Arbeiterparteien geführt. Dieser Kampf konnte damals in der Sowjetischen Besatzungszone und in den Ländern der Volksdemokratie zum Erfolg geführt werden, erstens, weil die geschichtlichen Erfahrungen den Menschen die Lehre eingebrannt hatten, dass die Spaltung der Arbeiterbewegung dem Faschismus den Weg freigemacht hat und der Drang zur Einheit deshalb auf beiden Seiten stark war, zweitens, weil die Spaltungspolitik der rechtssozialdemokratischen Führer dort, wo sie nicht von der Besat-zungsmacht unterstützt (wenn nicht gar inszeniert) wurde, zum Scheitern verurteilt war. Die Herstellung der Einheit der Arbeiterbewegung durch die Vereinigung der kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien entsprach sowohl den Ausführungen Dimitroffs auf dem VII. Weltkongress als auch denen vom März 1941. Zweites Beispiel:

 

3. „Stalin hat Hitler vertraut und die Anti-Hitler-Propaganda unterbunden“

Der Abschluss des Nichtangriffsvertrages der Sowjetunion mit Hitlerdeutschland durchkreuzte die imperialistischen Pläne, Deutschland und die Sowjetunion in einen Krieg zu verwickeln, bei dem England und die USA als lachende Dritte abwarten konnten, bis sich – wie Truman es als Wunsch ausgesprochen hatte, – beide gegenseitig umgebracht hätten. Nichts natürlicher, als das Hass- und Wutgeheul in London und Washington über diesen Strich durch ihre Rechnungen, und die Ausnützung dieses Nichtangriffsvertrages als Beweis für die Richtigkeit der antisow-jetischen Hetzparole von der Gleichheit von Hitlerdeutschland und Sowjetunion, von Fa-schismus und Sozialismus.

Schlimmer in seiner Auswirkung auf die kommunistische Bewegung und die vielen Millionen Freunde der Sowjetunion in der ganzen Welt war es jedoch, als Chruschtschow in seiner „Geheimrede“ auf dem XX. Parteitag die ungeheuerliche Lüge als „Aufdeckung der Wahrheit“ verkündete, die Anfangserfolge der deutschen Armeen hätten ihre Ursache darin, „dass Stalin alle Warnungen vor dem deutschen Überfall nicht in Betracht gezogen“ und „keine ausrei-chenden Maßnahmen ergriffen“ habe, um das Land zur Verteidigung vorzubereiten und das Überraschungsmoment auszuschließen.

Hätte Chruschtschow den Delegierten und der Weltöffentlichkeit nicht eine bösartige Lüge, sondern die Wahrheit über die Haltung Stalins zur von Seiten Hitlerdeutschlands drohenden Gefahr eines Überfalles vortragen wollen, dann hätte er aus der ihm selbstverständlich be-kannten Rede Stalins vom 5. Mai 1941 vor den Absolventen der Militärakademien die fol-genden Ausführungen zitieren müssen: „Die Situation ist äußerst ernst. Mit einem deutschen Angriff in naher Zukunft muss man rechnen… Die Rote Armee ist noch nicht stark genug, die Deutschen ohne weiteres schlagen zu können… Die Verteidigungsanlagen in den neuen Grenzgebieten sind unzulänglich… Die Sowjetregierung will mit allen ihr zur Verfügung ste-henden diplomatischen Mitteln versuchen, den bewaffneten Konflikt mit Deutschland zumindest bis zum Herbst hinauszuzögern, weil es um diese Jahreszeit für einen deutschen Angriff zu spät sein wird. Dieser Versuch kann gelingen, kann aber auch fehlschlagen. Wenn er gelingt, wird der Krieg mit Deutschland fast unvermeidlich im Jahre 1942 stattfinden, und zwar unter viel günstigeren Bedingungen, da die Rote Armee dann besser ausgebildet und besser ausgerüstet sein wird. Je nach der internationalen Situation wird die Rote Armee einen deutschen Angriff abwarten oder aber selbst die Initiative ergreifen.“ (3)

Müssen sich angesichts der feindseligen Entstellung der geschichtlichen Wahrheit durch Chruschtschow, die nur den Feinden der Sowjetunion nützen und in die eigenen Reihen nur Zersetzung tragen konnte, nicht alle jene DKP-Genossen, die, wie erst kürzlich wieder Genosse Steigerwald in einem Artikel in der UZ (9.2.01), immer noch den XX. Parteitag für einen Parteitag der Wende zur Wiederherstellung des sozialistischen Rechts und sozialistischer Ideale und Chruschtschow als den mutigen Vorkämpfer für diese Wende halten, endlich zu der Einsicht durchringen, dass, wer so skrupellos log und die Geschichte fälschte wie Chruschtschow, keinesfalls von edlen Motiven geleitet sein konnte, sondern damit bewusst die Partei und das Land in die Irre führte?

Auf der Vorarbeit von Chruschtschow konnte Gorbatschow aufbauen. Unter seiner Führung verwandelten sich Presse, Radio und Fernsehen der Sowjetunion endgültig in Organe kon-zentrierter antisowjetischer und antikommunistischer Verleumdungen und der Reklame für die vorbildlichen Segnungen des Imperialismus, insbesondere der USA.

Der „Sputnik“, einst eine mit vollem Recht auch in der DDR geschätzte sowjetische Zeitschrift, wurde nun zu einem Organ, dazu bestimmt, diesen zersetzenden antikommunistischen Geist des „Neuen Denkens“ auch in die anderen sozialistischen Länder zu tragen. Die Nummer 10 von 1988 tat sich dabei besonders hervor. In dieser Nummer wurde ein Brief des Journalisten Ernst Henri an Ilja Ehrenburg vom 30.Mai 1965 abgedruckt, der unter der Überschrift, „Hätte es ohne Stalin Hitler gegeben?“ den deutschen Imperialismus von der Verantwortung für den Faschismus entlastete, indem er sie Stalin zuwies. In skrupellosester Weise häufte er Lüge auf Lüge. Stalins Werk sei gewesen:

– „Die Vereitelung der antifaschistischen Aktionseinheit der Arbeiterklasse im Westen“.

– „Stalin räumt Hitler die Chance ein, vor dem Überfall auf die Sowjetunion Frankreich und Großbritannien auszuschalten und die USA zu neutralisieren“.

– „Diskreditierung der westlichen kommunistischen Parteien durch den Befehl von 1939, die antifaschistische Bewegung aufzugeben“.

– „Stalin ermöglicht es Hitler, die Sowjetunion zu überrumpeln, obwohl mehrere glaubhafte Warnungen vorlagen.“

Ein anderer, genau so skrupelloser Lügen-Autor, ein Julian Semjonow, schrieb in der gleichen Sputnik-Nummer: „Die deutschen Kommunisten wagten es nicht, sich mit den Sozi-al-demokraten im Kampf gegen die Nazis zu vereinigen. Hätten sie dies getan, so wäre es Hitler nicht gelungen, die Reichstagswahlen zu gewinnen.“ (Abgesehen von der völligen Unkenntnis des Autors über die tatsächlichen Vorgänge und Verhältnisse in Deutschland ist für seine Vorstellungswelt auch kennzeichnend, dass er damit zum Ausdruck brachte, die Wähler, nicht die deutsche Monopolbourgeoisie, hätten Hitler an die Macht gebracht!) Aber es kommt noch schöner: „Nach China und später nach Japan wurde (Richard) Sorge offenbar deshalb geschickt, weil man befürchtete, in Deutschland könne er sich um den Zusammenschluss von Kommunisten und Sozialdemokraten, um die Herstellung der Einheitsfront bemühen.“ Als wegen dieser antikommunistischen Hetzartikel die Verbreitung des Sputnik in der DDR verhindert wurde, kam es zu einer recht merkwürdigen Welle der Empörung. Merkwürdig deshalb, weil sich die Empörung nicht dagegen richtete, dass in einem sowjetischen Magazin antikommunistische Hetze betrieben wurde, sondern dagegen, dass die Verbreitung dieser Hetze auf staatliche Anordnung unterbunden wurde.

Ich erinnere mich an die Diskussion in unserer Parteigruppe am Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften, in der ebenfalls die Empörung über das „Sputnik-Verbot“ hohe Wellen schlug. In einem Punkt waren wir uns alle einig: die amtliche Reaktion auf diese Ausgabe des Sputnik war von kaum glaublicher Dummheit und zeugte von absoluter Unfä-higkeit zu realistischer Einschätzung der Massenstimmung. (Das ND vom 18./19.November 1988 verbreitete damals als ADN-Meldung eine „Mitteilung der Pressestelle des Ministeriums für Post und Fernmeldewesen“, in der es hieß, der „Sputnik“ sei von der Postzeitungsliste gestrichen worden, weil das Magazin keinen Beitrag zur Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft leiste, sondern verzerrende Beiträge zu Geschichte ver-breite.) Jeder Leser fühlte sich zu Recht in beleidigender Weise verkohlt dadurch, dass sich die Partei- und Staatsführung und Erich Honecker persönlich in unwürdiger Weise hinter der Pressestelle des Postministeriums versteckte. Als ich aber meinen Genossinnen und Genossen sagte, dass ich mich dennoch darüber wundere, dass ihr Zorn und ihre Empörung sich nicht in allererster Linie gegen die Ungeheuerlichkeit antikommunistischer Propaganda und Hetze in einer sowjetischen Zeitschrift wendet, sondern gegen unsere Organe, die – wenn auch in total verkehrter Weise – gegen diese Hetze Stellung nehmen, stand ich buchstäblich völlig alleine da. „Gorbi“ hatte bereits erreicht, dass die „Partei-Intelligenz“ – meine Kollegen im Institut waren mit wenigen Ausnahmen Mitglied der SED – mit nur noch wenigen Ausnahmen die Konterrevolution verteidigte, sofern sie mit sowjetischem Signum auftrat.

Seitdem gehört die Lüge vom „Moskauer Verbot der Anti-Hitlerpropaganda“ in der Zeit nach Abschluss des Nichtangriffsvertrages bis zum Überfall auf die Sowjetunion zur Stan-dard-Ausrüstung der als Anti-Stalinismus ausgegebenen antikommunistischen Verleum-dungskampagnen.

Wie die Haltung der Sowjetunion wirklich war, das kann man auch zu dieser Frage bei Dimitroff nachlesen. Bevor wir zu dieser Lüge die Tagebuchnotizen Dimitroffs sprechen lassen, einige Ausschnitte aus Dokumenten der KPD:

1. Aus der Erklärung des ZK der KPD vom 3.September 1939:

„Die KPD hat stets… die Auffassung vertreten, dass die Erlösung unseres Volkes von der fa-schistischen Diktatur nicht von außen kommt, (Krieg), sondern das Ergebnis des Kampfes der Volksmassen… sein wird. Deshalb haben die Kommunisten seit Jahren alle Kräfte auf die Entfaltung des Massenkampfes gegen Hitlers Kriegspolitik konzentriert.“

2. Aus der Politischen Plattform der KPD vom 30.Dezember 1939:

„5….Die großkapitalistischen Kräfte wälzen die ganze Last des Krieges auf die Schultern der werktätigen Massen. Die nationalsozialistische Behauptung, „dass in Deutschland fort-schrittliche soziale Verhältnisse beständen, dass eine gleichmäßige Verteilung der Lasten erfolge, dass keine Kriegsgewinne zugelassen würden, dass es einen deutschen Sozialismus gäbe, entspricht nicht den Tatsachen. Es ist notwendig, den Massen den Widerspruch zwischen den nationalsozialistischen Behauptungen und den Tatsachen zum Bewusstsein zu bringen, den Schwindel über die angebliche „Volksgemeinschaft“ zu enthüllen…“ (4)

Und nun zu Dimitroffs Aufzeichnungen in seinem Tagebuch.

Unter dem Datum des 7.November 1940, dem 24. Jahrestag der Oktoberrevolution, gibt Di-mitroff den Inhalt von Ausführungen Stalins gelegentlich des gemeinsamen Mittagessens der führenden Genossen wieder. Bei dieser Gelegenheit sagte Stalin auch: „Wir sind auf einen solchen Luftkampf, wie er zwischen Deutschland und England geführt wird, nicht vorbereitet. Es hat sich herausgestellt, dass unsere Flugzeuge nur 35 Minuten in der Luft bleiben können, die deutschen und englischen aber bis zu einigen Stunden! Wenn unsere Streitkräfte, das Transportwesen usw. nicht genau so stark sind wie unsere Gegner (und das sind alle kapita-listischen Staaten, auch jene, die sich als unsere Freunde ausgeben!), dann werden sie uns auffressen.“ (S.316)

Vom November 1940 an wendet sich Dimitroff in seinen Aufzeichnungen besonders häufig Bulgarien zu. Dies nicht etwa deshalb, weil ihn die Entwicklungen in seinem Heimatlande und dessen Kommunistischer Partei verständlicherweise in ganz besonderem Maße beschäftigten; nein, der Hauptgrund war, dass vom November 1940 an deutlich wurde, dass Nazideutschland sich in Bulgarien ein neues Aufmarschgebiet zu schaffen bemüht war. Das schuf eine sowohl für die Sowjetunion als auch für die Kommunistische Internationale außerordentlich komplizierte Situation. Denn zum einen mussten beide daran interessiert sein, die durch den Nicht-angriffsvertrag gewonnene Atempause bis zum Ausbruch des unausweichlichen be-waffneten Zusammenstoßes möglichst bis in das Jahr 1942 hinaus auszudehnen. Das aber hieß, sowohl seitens der Sowjetunion als auch seitens der Kommunistischen Internationale strikt alles zu unterlassen, was die deutsche Führung veranlassen konnte, den geplanten Überfall auf die Sowjetunion lieber früher als später zu beginnen. Zum anderen aber musste die Sowjetunion allen Manövern Hitlerdeutschlands entgegentreten und sie durchkreuzen, die darauf hinaus-liefen, die Weltöffentlichkeit glauben zu machen, die Sowjetunion billige alle ihre aggressiven, kriegstreiberischen Akte. Diese Situation erforderte sowohl von der Sowjetregierung als auch von der Führung der KI ein Höchstmaß an diplomatischem Geschick bei einer wirklich le-bensgefährlichen politischen Gratwanderung.

Und natürlich erforderte dies eine ständige Abstimmung des Vorgehens beider. Das erstrangige Interesse der kommunistischen Weltbewegung war die erfolgreiche Verteidigung der Sowje-tunion, und deshalb war es selbstverständlich, dass die Kommunistische Internationale und alle ihre Sektionen ihr eigenes Vorgehen mit der Führung der Sowjetunion und der KPdSU aufs Engste koordinierten. Dass damit die antikommunistische bürgerliche wie auch die sozialde-mokratische und trotzkistische Propaganda die verleumderische These von der „Instrumenta-lisierung der Kommunistischen Internationale zu einem Instrument der sowjetischen Aussen-politik“ begründet, kann nicht verwundern. Das gehört nun einmal zum Geschäft derer, die sich selbst zu Sprachrohren der eigenen und der USA-Regierung gegen die Sowjetunion und für die „Menschenrechts-Verteidiger“ qualifiziert haben, denen sich zu ihrer Schande auch etliche wendehälsische ehemals namhafte DDR-Historiker zugesellten.

Dimitroffs Aufzeichnungen lassen uns zu nachträglichen Zeugen der Abstimmung zum koor-dinierten Vorgehen von Sowjetführung und Führung der Kommunistischen Internationale in einer besonders komplizierten und gefährlichen Situation des Kampfes gegen den Faschismus werden.

Notiz vom 25. 11. 40: „Bei Molotow. Haben über Bulgarien gesprochen. Habe ihn darauf hingewiesen, dass es notwendig ist, sofort Maßnahmen zu ergreifen, damit Bulgarien nicht unter den ausschließlichen Einfluss Deutschlands gerät und nicht als dessen höriges Werkzeug ausgenutzt werden kann.

Molotow: Wir agieren in dieser Richtung. Gerade heute werden wir eine Reihe konkreter Maßnahmen diskutieren.

In Berlin“ – (Molotow war am 12. November zu Sondierungsgesprächen in Berlin gewesen) – „haben wir mit den Deutschen keinerlei Abkommen abgeschlossen und keinerlei Verpflichtungen übernommen.“ (Das war eine große Enttäuschung für die Naziführung, hatte Hitler doch am 24. 10. 1940 – wie der Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, in seinem Tagebuch notierte -, erklärt: „Molotow wird nach Berlin kommen. Dann erwartet man Eintritt Rußlands in den Dreierpakt.“ (5) „Die Deutschen bearbeiten jetzt die Türkei… Was die Türkei machen wird, kann man schwer vorhersehen. Aber wir beobachten aufmerksam, was dort und um die Türkei herum geschieht. Die Deutschen wollen die Sache so darstellen, als hätten wir ihre Pläne auf dem Balkan gebilligt. Dies haben wir anlässlich des Beitritts Ungarns zum Dreimächtepakt öffentlich dementiert. Nun werden alle erfahren, dass wir keineswegs zugestimmt haben.

Dimitroff: Wir streben die Zersetzung der deutschen Okkupationstruppen in verschiedenen Ländern an, und diese Aktivitäten wollen wir, ohne es an die große Glocke zu hängen, noch verstärken. Wird das die sowjetische Politik nicht behindern?

Molotow: Selbstverständlich muss man das tun. Wir wären keine Kommunisten, wenn wir diesen Kurs nicht einhalten würden. Nur muss es lautlos geschehen.“

Dimitroff fährt fort: „Gerade in die Komintern zurückgekehrt, wurde ich zu Stalin bestellt…. Stalin: Heute unterbreiten wir den Bulgaren den Vorschlag, einen Beistandspakt zu schließen. Wir bieten keine Garantien an…, sondern einen Pakt über gegenseitigen Beistand…. Wenn die Bulgaren diesen Vorschlag von uns nicht annehmen, werden sie völlig in die Klauen der Deutschen und Italiener fallen und dann zugrunde gehen…. Es ist ein Fehler, anzunehmen, England sei geschlagen. Es verfügt im Mittelmeerraum über starke Streitkräfte. Es steht un-mittelbar an den Meerengen. Nach der Eroberung der griechischen Inseln hat England seine Position in dieser Region gestärkt. Unsere Beziehungen zu den Deutschen sind nach aussen hin höflich, doch gibt es zwischen uns ernst zu nehmende Reibungen. Der Vorschlag ist heute der bulgarischen Regierung übergeben worden… Dieser Vorschlag muss der breiten Öffentlichkeit Bulgariens bekannt gemacht werden.“ (S.320/21).

Allerdings bedurfte es dafür – wie aus der nachfolgenden Notiz Dimitroffs ersichtlich,- noch genauerer Hinweise, um den gewünschten Erfolg unter den besonderen, komplizierten inter-nationalen Bedingungen nicht zu gefährden:

14.12. 40: Eine Direktive an das ZK (Sofia) geschickt. Die Kampagne über den Pakt darf keinen parteilichen, antibürgerlichen, antidynastischen und antideutschen Charakter tragen.- Man darf sie nicht auf klassenmäßiger, sondern muss sie auf allgemeinnationaler und staatlicher Grundlage führen.“ (S.325).

Unter dem 27.11.1940 notierte Dimitroff: „…Der patriotische, antideutsche Geist der Tschechen ist nicht gebrochen. Ungeheurer Hass der Tschechen gegen das nationalsozialistische Deutschland. In dieser Atmosphäre ist die nationale Solidarität der Tschechen augenscheinlich geworden. Eine sehr kleine Schicht ist bewusst in den Dienst der Deutschen getreten.“ (S.323).

Notiz vom 12.1.1941: „Habe Molotow angerufen wegen des möglichen Einmarschs der deut-schen Truppen in Bulgarien. Er versprach, mit Stalin ein Treffen in dieser Sache zu vereinbaren. Molotow sagte: „Wir haben die TASS-Erklärung veröffentlicht, dass der Durchmarsch deutscher Truppen durch Bulgarien nicht mit uns abgestimmt ist. Vorerst unternehmen wir nichts weiter.“ (S.331).

Zum gleichen Problem folgt auf S. 332/33 Dimitroffs Notiz: „Habe Stalin einen persönlichen Brief geschickt: ‚Lieber Gen. Stalin,

Ich bitte Sie sehr, mich wegen der Frage, welche Linie die bulgarische KP im Zusammenhang mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Bulgarien verfolgen soll, zu empfangen. Der vorbe-reitete Einmarsch deutscher Truppen in Bulgarien stellt die bulgarische KP vor eine auße-rordentlich schwere und komplizierte Aufgabe. Die KP, die im Land über einen gewaltigen Einfluss verfügt, kann diese Aktion von Seiten Deutschlands, die mit Zustimmung oder Duldung der bulgarischen Regierung erfolgt, natürlich nicht mit Stillschweigen übergehen. Doch die Frage ist: wie und womit soll sie reagieren und welche konkrete Position soll sie einnehmen?

Meines Erachtens muss die KP entschieden gegen die Entsendung deutscher Truppen nach Bulgarien auftreten, unter welchem Vorwand diese Entsendung auch immer erfolgt; dabei muss sie darauf hinweisen, dass eine solche Verletzung der Neutralität Bulgariens die Verstrickung des bulgarischen Volkes in einen Krieg für fremde Interessen nach sich zieht und die Gefahr birgt, dass das Territorium Bulgariens zu einem Kriegsschauplatz und die selbständige Existenz des Landes aufs Spiel gesetzt wird. Gleichzeitig muss sie die Verantwortung von Zar Boris und der Regierung entlarven, die durch ihre Ablehnung des sowjetischen Paktvorschlags diese Entwicklung unmittelbar verschuldet haben, und sie muss in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit eines Beistandspaktes zwischen Bulgarien und der UdSSR noch stärker betonen.

Durch Verbreitung der TASS-Erklärung muss die KP den von Regierungskreisen an den Massen verübten Betrug entkräften, dass die Entsendung der Truppen angeblich mit der UdSSR abgestimmt worden sei. Die KP muss außerdem eine Massenbewegung gegen die Errichtung eines Okkupationsregimes (im Lande) und gegen die Vereinnahmung von ökonomischen und Nahrungsmittelressourcen initiieren und unbedachte Aktionen, provokatorische Maßnahmen und bewaffnete Zusammenstöße vermeiden.
Mit kameradschaftlichem Gruß, G. Dim‘.

Nachts um zwei rief Stalin mich an: ‚Ich habe Ihren Brief gelesen. Ich bin mit Ihrer Haltung einverstanden. Man muss entlarven und Provokationen vermeiden. Solche Handlungen würden es den Deutschen lediglich erleichtern, das Land zu okkupieren… Die Partei soll nicht als Gehilfe der Sowjetunion fungieren, sondern in ihrem Namen auftreten. Die bulgarische Regierung verschweigt unsere Erklärung. Wir werden sie auf Bulgarisch im Radio senden.‘ “

21. 1. 41: „Mit Molotow über Bulgarien und andere Fragen gesprochen. Molotow teilte mit, die sowjetische Regierung habe gegenüber der deutschen Regierung erklärt, dass Bulgarien und die Meerengen zur sowjetischen Sicherheitszone gehören.“ (S.337).

4. 3. 41: „Veröffentlichung des Kommuniqués der sowjetischen Regierung, in dem die Politik der bulgarischen Regierung und die Billigung des Einmarsches der deutschen Truppen verurteilt werden.“ (S.354).

Etwa zur gleichen Zeit, da sich Deutschland um die Einbeziehung Bulgariens in das Auf-marschgebiet seiner Armeen zu bemühen begann, knüpfte es Fäden nach Belgrad, um zu erreichen, dass sich Jugoslawien dem Block der „Dreierpakt Mächte“ anschloss. (6) Als am 25. März 1941 die reaktionäre jugoslawische Regierung dem Antikomintern-Pakt (7) beitrat, konnten Hitler und die Wehrmachtsführung schon glauben, nun stünde der Einhaltung der Hitlerschen Terminplanung für den Überfall auf die Sowjetunion nichts mehr im Wege. Am 31. Juli 1940 hatte Hitler seinen Generalen verkündet: „Entschluss: Im Zuge dieser Ausei-nandersetzung muss Rußland erledigt werden. Frühjahr 1941.“(8) Diese Planung des Welt-herrschafts-Aspiranten Hitler wurde durch die antifaschistischen Kräfte in Jugoslawien durchkreuzt. Dimitroff notiert in seinem Tagebuch: „27.3.4: Antideutscher Militärputsch in Jugoslawien.“ (S.363).

Natürlich wurde diese Nachricht in Moskau mit großer Freude und Genugtuung aufgenommen, musste das Scheitern der Einbeziehung Jugoslawiens in das deutsche Aufmarschgebiet doch auf jeden Fall dazu führen, die Atempause für die Sowjetunion zu verlängern. Die weitere Entwicklung komplizierte aber auch die ohnehin äußerst schwierige Aufgabe, die antideutschen und antifaschistischen Kräfte so zu unterstützen, dass daraus dem Bemühen um eine möglichst lange Aufrechterhaltung der Wirksamkeit des Nichtangriffs-vertrages nicht entgegengewirkt wurde. Die Aufzeichnungen Dimitroffs über den Austausch von Berichten und Weisungen zwischen der KP Jugoslawiens und Dimitroff zeigen sehr eindrucksvoll, wie um den richtigen Weg zur Lösung dieses schwierigen Problems gerungen wurde: „28.3.41: Vom ZK der jugoslawischen Partei ein Telegramm über ihre Haltung zu den Ereignissen in Jugoslawien erhalten. Die Partei organisiert den allgemeinen Widerstand gegen den deutsch-italienischen Einfall in Jugoslawien und gegen die Versuche Englands, Jugoslawien im Krieg auf seine Seite zu bringen. Das Volk übt auf die neue Regierung Druck aus, Forderung nach Aufkündigung des Wiener Vertrages und Abschluss eines Beistandspaktes mit der UdSSR. Wachsamkeit gegenüber der neuen Regierung.“ (S.364).

„29.3. 41: Abends bei Wjatscheslaw Michailowitsch (Molotow) im Kreml. Haben uns über Jugoslawien unterhalten. (Molotow): Es ist nicht zweckmäßig, Straßendemonstrationen zu organisieren. Die Engländer würden das ausnutzen. Die innere Reaktion ebenfalls. Die Kader der kommunistischen Bewegung würden zerschlagen .- In der jetzigen Situation muß man die Kräfte sammeln und sich vorbereiten.– Nicht lärmen, nicht herumschreien, sondern konsequent sein Ziel verfolgen. – Das sollte man auch den jugoslawischen Genossen raten… Die jugos-lawische Geschichte war eine Ohrfeige für die Deutschen. .. Habe zur Übermittlung nach Jugoslawien (an das ZK der KP) vorbereitet: ´Wir raten dringend, sich in der gegenwärtigen Etappe darauf zu beschränken, den Massen Ihre Haltung nachdrücklich und überzeugend klarzumachen, von Straßendemonstrationen jedoch Abstand zu nehmen und unter allen Um-ständen bewaffnete Zusammenstöße zwischen den Massen und der Staatsmacht zu vermeiden. Geben Sie keinen augenblicklichen Stimmungen nach. Lassen Sie sich nicht zu lautstarken und allein auf den äußeren Effekt ausgerichteten Aktionen hinreißen und konzentrieren Sie sich voll und ganz auf die Propagierung unserer Prinzipien und Losungen sowie unserer kommunisti-schen Politik; auf die Stärkung der Partei, auf die Einigung und Organisierung der Kräfte der Arbeiterklasse, der Bauernmassen und der werktätigen Bevölkerung der Städte sowie die all-seitige Entfaltung dieser Kräfte; konzentrieren Sie sich auf die Stärkung des Einflusses der Partei in der Armee und unter der Jugend. Preschen Sie nicht vor. Lassen Sie sich nicht durch den Feind provozieren. Sie dürfen die Avantgarde des Volkes nicht gefährden und sie nicht vorzeitig ins Feuer schicken.. Der Augenblick für Entscheidungskämpfe mit dem Klassenfeind ist noch nicht gekommen. Ständig Aufklärungsarbeit zu leisten und sich selbst und die Massen gründlich vorzubereiten – darin besteht jetzt die Aufgabe der Partei. Nehmen Sie das zur Kenntnis und handeln Sie entsprechend. Bestätigen Sie den Empfang. Informieren Sie uns regelmäßig.‘ “ (S.365).

„2.4.41: Haben an das ZK in Sofia eine Warnung im Zusammenhang mit den antiserbischen Demonstrationen geschickt – ‚…Die Verwicklung Bulgariens in den Krieg gegen Jugoslawien ist nicht nur ein Akt schäbigen Verrats gegenüber dem benachbarten Brudervolk, sondern bedeutet auch für das bulgarische Volk selbst, dass es endgültig zu einem Knecht des deutschen Imperialismus wird, der sein Blut für fremde Interessen vergießt und das eigene Land schrecklicher Zerstörung und Vernichtung preisgibt. Entfalten Sie eine Kampagne in diesem Sinne und lassen Sie sich durch den Feind nicht provozieren.‘ “ (S.367).

„4.4.41: … Unsere Direktive ist in Jugoslawien angekommen. Der Vertrag zwischen Jugoslawien und der UdSSR wurde in der Nacht vorbereitet.“ (S.368).

„5.4.41: … In der Nacht wurde der (Freundschafts- und Nichtangriffs-) Vertrag mit Jugoslawien unterzeichnet.“ (S. 369)

„6.4.41: Der Vertrag mit Jugoslawien wurde zusammen mit einem Foto veröffentlicht, auf dem die jugoslawische Delegation mit Molotow, Stalin u .a. abgebildet ist. Deutschland hat Ju-goslawien und Griechenland den Krieg erklärt.“ (S.369)

„9.4.41: Mit Shdanow wegen des Aufrufs der KI zum 1. Mai gesprochen. – Wir halten es nicht für zweckmäßig, dass die Komintern unter den gegenwärtigen Bedingungen zum 1. Mai mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit tritt. (Eine ausführliche Analyse vorzulegen würde bedeuten, in einigen Punkten unsere eigenen Karten aufzudecken, den Feinden Gelegenheit zu geben, dies gegen uns auszunutzen usw.) – Die Ereignisse auf dem Balkan ändern nichts an unserer generellen Einstellung zum imperialistischen Krieg und zu den beiden kriegführenden kapita-listischen Gruppierungen. Wir billigen die deutsche Expansion auf dem Balkan nicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir vom Pakt mit Deutschland abgehen und uns auf die Seite Englands schlagen. Die Leute von uns, die so denken, unterschätzen die selbständige Rolle und Macht der Sowjetunion. Sie denken, man müsse sich entweder auf die eine oder auf die andere imperialistische Gruppierung orientieren, aber das ist grundfalsch.“ (S.370)

„18.4.41: Telefonat mit Shdanow wegen unserer Direktive zur Durchführung des 1. Mai. Er teilte mit, Jossif Wissarionowitsch (Stalin) habe angemerkt, man müsse zwischen den verschiedenen Ländern unterscheiden: den kriegführenden, den nichtkriegführenden, den besetzten Ländern usw.- Bezüglich der Grundaussagen (‚Der imperialistische Krieg ist Sache der Imperialisten; der Völkerfrieden Sache der Arbeiterklasse und der Völker‘, ‚Der Krieg des griechischen und jugoslawischen Volkes gegen die imperialistischen Aggressoren ist ein gerechter Krieg‘ usw.) habe er keine Bedenken.“ (S.373).

Mit der Feststellung vom gerechten Krieg des griechischen und des jugoslawischen Volkes ist ein erster Schritt weg von der pauschalen Beurteilung des zweiten Weltkrieges als imperialis-tischer und damit ungerechter Krieg von Seiten aller kriegführenden Staaten und hin zur Be-urteilung des Krieges gegen das faschistische Deutschland als gerechter Krieg getan. Aber erst in seiner Rede am 9. Februar 1946 zog Stalin im Rückblick auf den Krieg und die Vorkriegs-periode die Schlussfolgerung: „Angesichts dessen nahm der zweite Weltkrieg gegen die Ach-senmächte zum Unterschied vom ersten Weltkrieg gleich bei Beginn den Charakter eines an-tifaschistischen, eines Befreiungskrieges an…Der Eintritt der Sowjetunion in den Krieg gegen die Achsenmächte konnte lediglich den antifaschistischen und Befreiungscharakter des zweiten Weltkrieges verstärken und hat ihn auch wirklich verstärkt.“ (9)
Eine solche Beurteilung schon zu Beginn des Krieges zu geben, war unmöglich. Sie konnte erst gegeben werden, nachdem all die nicht wenigen Versuche der reaktionären Kräfte in den USA und England, doch noch zu einem Sonderfrieden mit Hitlerdeutschland zu gelangen, um dem die Hände für einen Einfrontenkrieg gegen die Sowjetunion frei zu machen, nicht vermocht hatten, die Anti-Hitler–Koalition zu sprengen. Erst der gemeinsame Sieg über die Achsen-mächte erlaubte es, den Krieg gegen sie von Anfang bis Ende als gerechten, antifaschistischen Krieg einzuschätzen.

Aber wir haben vorgegriffen. Zurück also zu den Notizen Dimitroffs.

„23.4.41: … Allgemeine Schlussfolgerungen: Die Ereignisse auf dem Balkan beschleunigen die Beendigung des Krieges nicht, sondern verlängern und verstärken ihn vielmehr. Der Weltkrieg ist ein langwieriger Krieg. Die Flamme des Krieges nähert sich immer mehr den Grenzen der Sowjetunion, die sich nach Kräften auf alle möglichen >Überraschungen< vorbereiten muss. Die Sowjetunion bekommt in Bezug auf den Westen immer mehr die Hände frei.“ (S.376).

„5.5.41: Abends im Kreml Festsitzung der Absolventen der Militärakademie und anschließend Empfang. Auf der Festsitzung hielt J.W. (Stalin) eine Rede. ‚… Warum wurde Frankreich zer-schlagen, warum erleidet England Niederlagen und warum haben die Deutschen Erfolge zu verzeichnen? Die Hauptursache ist, dass Deutschland, als besiegtes Land, neue Mittel und Wege gesucht und gefunden hat, um die schwierige Lage zu überwinden, in die es nach dem Ersten Weltkrieg geraten war. Es hat eine Armee und Kader geschaffen und reichlich aufgerüstet, vor allem Artillerie und die Luftwaffe. Frankreich und England unterdessen gerieten nach ihren Erfolgen in einen Siegestaumel, prahlten mit ihrer Macht und ließen es an der notwendigen militärischen Vorbereitung fehlen…. Eine Armee, die sich für unbesiegbar und weitere Vervollkommnung für unnötig hält, ist zum Untergang verurteilt.

Ist die deutsche Armee unbesiegbar? Nein. Sie ist nicht unbesiegbar. Erstens hat Deutschland den Krieg unter der Losung „Befreiung von Versailles“ begonnen. Und es konnte auf das Wohlwollen jener Völker zählen, die unter dem Versailler System litten. Aber jetzt setzt Deutschland den Krieg unter dem Banner der Unterwerfung, der Unterdrückung anderer Völker, unter dem Banner der Hegemonie fort. Das ist ein großes Minus für die deutsche Armee. Sie verfügt nicht mehr über das bisherige Wohlwollen einer Reihe von Ländern und Völkern, sondern hat im Gegenteil viele von ihr okkupierten Länder gegen sich aufgebracht. Eine Armee, die auf feindlichem Boden kämpfen muss und im Hinterland feindliche Territorien und Massen hat, ist ernsthaften Gefahren ausgesetzt. Das ist das andere Minus für die deutsche Armee. Außerdem beginnen die deutschen Führer bereits an Größenwahn zu leiden. Sie glauben, sie könnten alles, ihre Armee sei stark genug, und es sei nicht notwendig, sie weiter zu vervollkommnen. All dies zeigt, dass die deutsche Armee nicht unbesiegbar ist…. Unsere Armee muss ständig stärker werden, sich vervollkommnen. Und unsere Militärschulen müssen mit ihr Schritt halten und dürfen nicht zurückbleiben…. Unsere Politik des Friedens und der Sicherheit ist gleichzeitig eine Politik der Kriegsvorbereitung. Es gibt keine Verteidigung ohne Angriff. Man muss die Armee im Geiste des Angriffs erziehen. Man muss sich auf den Krieg vorbereiten.‘ “ (S.380 ff.).

„21.6.41: Im Telegramm von Tschou En-lai aus Chongqing nach Yan‘ an (an Mao Tse-tung) wird unter anderem darauf hingewiesen, dass Tschiang Kai-schek hartnäckig behauptet, Deutschland werde die UdSSR überfallen, und er nennt sogar das Datum – den 21.6.41! Die Gerüchte über den bevorstehenden Überfall mehren sich von allen Seiten. Man muss auf der Hut sein… Am Morgen rief ich Molotow an. Ich bat ihn, mit Jossif Wissarionowitsch die Lage und die notwendigen Weisungen für die kommunistischen Parteien zu besprechen.

Molotow: Die Lage ist unklar. Es wird ein großes Spiel gespielt. Nicht alles hängt von uns ab. Ich werde mit J.W. reden. Wenn es irgend etwas Besonderes gibt, rufe ich an!“ (S.392).

„22.6.41: Sonntag. Um 7 Uhr morgens wurde ich dringend in den Kreml beordert. Deutschland hat die UdSSR überfallen. Der Krieg hat begonnen … In Stalins Arbeitszimmer sind Molotow, Woroschilow, Kaganowitsch, Malenkow.

Stalin zu mir: ‚Sie haben uns angegriffen, ohne irgendwelche Forderungen zu stellen, ohne irgendwelche Verhandlungen zu verlangen, haben uns niederträchtig überfallen, wie Räuber. Nach dem Überfall, nach der Bombardierung von Kiew, Sewastopol, Shitomir und anderen Orten erschien Schulenburg (der deutschen Botschafter) mit der Erklärung, dass Deutschland sich durch die Konzentration sowjetischer Truppen an der Ostgrenze bedroht fühlte und Ge-genmaßnahmen ergriffen habe. Die Finnen und Rumänen sind auf Seiten der Deutschen. Bulgarien nimmt die Vertretung der Interessen Deutschlands in der UdSSR wahr‘. Nur die Kommunisten können die Faschisten besiegen…“ Erstaunlich sind die Ruhe, Festigkeit und Zuversicht Stalins und aller anderen.“ (S. 392).

Man erinnere sich an dieser Stelle an das bösartige Lügen-Bild, das Chruschtschow den Dele-gierten des XX. Parteitages vorsetzte von einem Stalin, der nach dem Überfall verzweifelt und kopflos war, alles verloren gab und sich „über lange Zeit“ auf seine Datsche flüchtete und sich um nichts mehr kümmerte! Es ist ganz erstaunlich, dass dieses Bild noch heute als das wahre Bild von Stalin zu Kriegsbeginn auch in den kommunistischen Parteien überlebt hat, obwohl schon 1969 in Moskau Marschall Shukows Erinnerungen erschienen sind, die in aller Deut-lichkeit die Lügenhaftigkeit der Chruschtschowschen Darstellung nachweisen; es genügt hier, nur die folgende Passage aus Shukows Buch zu zitieren: „Stalin war ein willensstarker Mensch und kein Feigling….Nach dem 22. Juni 1941 hat Stalin während des ganzen Krieges mit dem Zentralkomitee der Partei und der Sowjetregierung fest und sicher das Land, die militärischen Operationen und die internationalen Angelegenheiten geleitet.“ (10)

Wie ist es zu erklären, dass selbst in kommunistischen Parteien wie der DKP keinerlei Be-mühungen festzustellen sind, wenigstens die offenkundigsten der Chruschtschowschen Ge-schichtsfälschungen als solche nachzuweisen und ihnen die geschichtliche Wahrheit entge-genzustellen? Wäre es dazu nicht endlich an der Zeit, zehn Jahre nach dem Sieg der Konter-revolution? Wäre der doch ohne die auf dem XX. Parteitag begonnene Umschreibung der Geschichte des Sozialismus – und zwar nicht nur der Geschichte der UdSSR, sondern aller sozialistischen Länder und ganz besonders auch der DDR! – als Abfolge schlimmster Verbre-chen nicht möglich gewesen!

 

4. Dimitroff zur Auflösung der III. Internationale

In einer Diskussion mit namhaften Genossen der DKP über die Auflösung des Kommunisti-schen Informationsbüros durch Chruschtschow, in der ich diese Auflösung als eine der Maß-nahmen bezeichnete, mit denen Chruschtschow anstelle des marxistisch-leninistischen Prinzips des proletarischen Internationalismus dem von der Tito-Partei propagierten „National-kommunismus“ Eingang in die Kommunistische Bewegung verschaffte, wurde mir entgegnet: „Dann musst Du diesen Vorwurf erst recht gegen Stalin erheben, denn der hat, ohne jemanden zu fragen, 1943 eigenmächtig die Auflösung der Kommunistischen Internationale angeordnet und damit der kommunistischen Bewegung einen schweren Schlag versetzt!“ Diese Sicht auf die Komintern-Auflösung ist ebenso wie in der DKP in der PDS und natürlich erst recht bei allen auf Trotzki eingeschworenen Parteien und Grüppchen als vorherrschend vorzufinden Sie hat mit der Wahrheit aber ebenso wenig zu tun wie die in den beiden vorangegangenen Teilen behandelten und mit Hilfe der Dimitroff-Tagebuch-Eintragungen widerlegten Legenden.

Wie es wirklich war, das erfahren wir ebenfalls von Dimitroff.

Zur Vorgeschichte gehört ein USA-Gesetz, das vom Präsidenten Roosevelt am 17.Oktober 1940 unterzeichnet wurde. Dieses Gesetz untersagte Organisationen in den USA jegliche internationale Einbindung. Damit drohte der Kommunistischen Partei der USA wegen ihrer Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale das Verbot. Ihr damaliger General-sekretär, Earl R. Browder, saß zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis. Er war im Januar 1940 wegen „Passvergehen“ zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Auf seinen Vorschlag richtete die Partei eine Anfrage an das EKKI – das Exekutiv-Komitee der Kom-munistischen Internationale -, ob es nicht angebracht sei, dem Verbot der Partei durch die Lösung der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale zu entgehen. (11) Auf diese Anfrage bezieht sich offenbar die folgende Aufzeichnung im Tagebuch Dimitroffs:
16. 11. 40: Ercoli, (d. i. Togliatti), Marty und Gottwald bei mir wegen der Anfrage der KP Amerikas im Zusammenhang mit deren außerordentlichem Parteitag. Einigten uns auf folgende Antwort: „Wenn es unbedingt erforderlich ist, einen Beschluss in der Frage der Zugehörigkeit (der Organisation zur Komintern) zu fassen, dann muss ein solcher die Treue der Partei zum Marxismus-Leninismus und proletarischen Internationalismus gerade in dem Moment unterstreichen, in dem die Partei gezwungen ist, die formellen Beziehungen zur KI zeitweilig abzubrechen, um die Möglichkeit zu wahren, legal zu arbeiten.“ (S.319)

Fünf Monate später, im April 1941 berichtet Dimitroff über eine Äußerungen Stalins im Kreise führender Genossen: 20. 4.41: Es wurde auch auf meine Gesundheit getrunken. Aus diesem Anlass sagte J.W. (Stalin): Bei Dimitroff in der Komintern treten Parteien aus (Anspielung auf die amerikanische Partei). Das ist nicht schlecht. Im Gegenteil, man sollte die kommunistischen Parteien zu völlig eigenständigen Parteien machen anstatt zu Sektionen der KI. Sie müssen nationale kommunistische Parteien werden, mit verschiedenen Bezeichnungen – Arbeiterpartei, marxistische Partei usw. Der Name ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass sie in ihrem Volk Fuß fassen und sich auf ihre eigenen spezifischen Aufgaben konzentrieren. Sie müssen ein kommunistisches Programm haben, müssen sich auf eine marxistische Analyse stützen, nicht immer nach Moskau blicken, sondern die im jeweiligen Land anstehenden konkreten Aufgaben selbständig lösen… Denn die Situation und die Aufgaben sind in den verschiedenen Ländern völlig unterschiedlich. …Wenn die kommunistischen Parteien auf diese Weise erstarkt sind, dann können sie ihre internationale Organisation wiederherstellen.

Die Internationale wurde zu Marx‘ Zeiten in Erwartung der nahenden internationalen Revo-lution gegründet. Die Komintern wurde unter Lenin geschaffen, ebenfalls in einer solchen Periode. Jetzt rücken nationale Aufgaben für jedes Land in den Vordergrund. Dass jedoch die kommunistischen Parteien als Sektionen einer internationalen Organisation dem Exekutiv-komitee der KI unterstehen, ist ein Hindernis… Halten Sie nicht an dem fest, was gestern war. Berücksichtigen Sie konsequent die neu entstandenen Bedingungen…. Unter den jetzigen Be-dingungen erleichtert die Zugehörigkeit der kommunistischen Parteien zur Komintern es der Bourgeoisie, sie zu verfolgen, und begünstigt ihren Plan, sie von den Massen des eigenen Landes zu isolieren; die kommunistischen Parteien werden daran gehindert, sich eigenständig zu entwickeln und ihre Aufgaben als nationale Parteien zu lösen…

Dimitroffs Schlussfolgerung: Die Frage nach der Weiterexistenz der KI in nächster Zeit und nach den neuen Formen der internationalen Verbindungen und der internationalen Arbeit unter den Bedingungen des Weltkrieges ist klar und deutlich gestellt worden. (S.374 f.)

Zur Beratung über diese Frage setzte sich Dimitroff mit führenden Genossen des EKKI zu-sammen: 21. 4. 41: Habe Ercoli und Maurice (Thorez) mit der Frage konfrontiert, ob das EKKI seine Tätigkeit als führende Instanz für die kommunistischen Parteien in der nächsten Zeit einstellen und den einzelnen kommunistischen Parteien völlige Selbständigkeit gewährt werden solle; ob man sie in wirkliche nationale Parteien der Kommunisten der einzelnen Länder umwandeln solle, die sich zwar von einem kommunistischen Programm leiten lassen, ihre konkreten Aufgaben aber auf ihre Weise lösen, den Verhältnissen in ihren Ländern ent-sprechend, und die selber Verantwortung für ihre Entscheidungen und ihr Handeln tragen. Anstelle des EKKI – ein Organ zur Information und zur ideologischen und politischen Un-terstützung der kommunistischen Parteien. Beide meinten, diese Fragestellung sei im Grunde richtig und entspreche völlig der gegenwärtigen Situation der internationalen Arbeiterbewe-gung. (S.375)

Kurze Zeit später führte Dimitroff mit weiteren Genossen, wie D.S.Manuilski und A.A. Shdanow, weitere Beratungen über diese Frage durch: „12. 5. 41: Diskutierten mit D. S. Ma-nuilski darüber, wie der Beschluss über die Einstellung der Tätigkeit des EKKI begründet werden soll.- Mit dieser Umgestaltung sind zahlreiche unklare und schwierige Fragen ver-bunden. Im ZK (bei Shdanow). Haben über die Komintern gesprochen.

1) Der Beschluss muss prinzipiell begründet sein, da man dem Ausland wie auch unseren sowjetischen Kommunisten gegenüber eine stichhaltige Erklärung für einen solchen Schritt liefern muss. Die Komintern hat eine große Geschichte, und plötzlich hört sie auf, als ein-heitliches internationales Zentrum zu existieren und zu handeln. In dem Beschluss müsste man im voraus alle möglichen Schläge des Gegners in Betracht ziehen, z.B., dass es sich hierbei angeblich um ein Manöver handele oder die Kommunisten dem Internationalismus und der internationalen proletarischen Revolution abgeschworen hätten. Unsere Argumentation muss so sein, dass sie zu einem Aufschwung bei den kommunistischen Parteien führt und nicht etwa Grabesstimmung und Unsicherheit auslöst. … Die Ideen der Kommunistischen Internationale sind in den Reihen der führenden Schichten der Arbeiterklasse in den kapitalistischen Staaten tief verwurzelt. In der gegenwärtigen Etappe ist es erforderlich, das sich die kommunistischen Parteien als selbständige nationale Parteien entwickeln. Nach einer Blütezeit der nationalen kommunistischen Bewegung in den einzelnen Ländern wird in der nächsten Etappe auf festerer und breiterer Basis eine internationale kommunistische Organisation wiedererstehen. Man muss deutlich machen, dass die Auflösung des EKKI keine Absage an die internationale proletarische Solidarität bedeutet. Im Gegenteil – es ändern sich nur ihre Erscheinungsformen und Methoden, damit die Formen und Methoden der gegenwärtigen Etappe der internationalen Arbeiterbewegung besser entsprechen.

2) Dieser Schritt muss absolut ernsthaft und konsequent sein. Man darf nicht die Kleidung wechseln, alles andere aber beim alten lassen, d. h. dass das EKKI zwar aufgelöst wird, tat-sächlich jedoch in anderer Form als international leitendes Zentrum weiter besteht.

3) Sehr wichtig ist die Frage, auf wessen Initiative hin das geschieht: auf eigene Initiative der Leitung oder auf Vorschlag einer Reihe kommunistischer Parteien. Letzteres ist wahrscheinlich besser.

4) Die Sache ist nicht eilig; man sollte sie nicht übereilen, sondern ernsthaft diskutieren und vorbereiten. Drei Fragen bedürfen der Diskussion: a) wie soll man es prinzipiell begründen; b) auf wessen Initiative ist der Beschluss zu fassen; c)das Erbe der KI, wie geht es weiter?

5. Auf jeden Fall kann die kommunistische Bewegung mit diesem Schritt große Vorteile er-reichen: alle Antikominternpakte verlieren ihre Grundlage; der größte Trumpf der Bourgeoisie wird hinfällig: dass nämlich die Kommunisten einem ausländischen Zentrum unterstünden und damit „Verräter“ seien; die KP wird in jedem Land ihre Selbständigkeit stärken und sich in eine wirkliche Volkspartei ihres Landes verwandeln; der Eintritt jener Arbeiter-Aktivisten in die KP wird erleichtert, die jetzt nicht eintreten wollen, weil sie der Meinung sind, dass sie sich dadurch von ihrem Volk entfremden.“ (S.386 f.)

Sechs Wochen vor dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion war also, wie man sieht, die Auflösung der KI schon so gut wie beschlossen. Der Beginn des Vaterländischen Krieges gegen das faschistische Deutschland rückte begreiflicherweise nun ganz andere Fragen in den Vordergrund. Außerdem gewann die Anleitung der kommunistischen Parteien durch das EKKI unter den völlig veränderten Bedingungen des Bündnisses der Sowjetunion mit England und den USA für eine gewisse Zeit noch einmal eine große Bedeutung, wie im nächsten Abschnitt zu zeigen sein wird.

Erst nach dem großen Sieg der Roten Armee in der Stalingrader Schlacht, mit dem die Armeen des faschistischen Deutschland endgültig auf den Weg der Niederlage gezwungen worden waren, im Mai 1943, findet sich in Dimitroffs Tagebuch wieder die erste Eintragung seit dem faschistischen Überfall, die sich mit der Auflösung der Kommunistischen Internationale be-schäftigt:

„8.5.43: Nachts mit Manuilski bei Molotow. Haben uns über die Zukunft der Komintern un-terhalten. Sind zu dem Schluss gekommen, dass die Komintern als Führungszentrum für die kommunistischen Parteien unter den gegenwärtigen Bedingungen ein Hindernis für ihre selbständige Entwicklung und die Erfüllung ihrer speziellen Aufgaben ist. Ein Schriftstück zur Auflösung dieses Zentrums wird erarbeitet.“

Von diesem 8. Mai 1943 an bis zum 22. Mai vergeht fast kein Tag, an dem in Dimitroffs Ta-gebuch keine Notiz über Beratungen zu dieser Frage verzeichnet ist. Am 11. Mai 43 wurde ein von Dimitroff und Manuilski verfasster Entwurf einer Erklärung des EKKI-Präsidiums Stalin zur Kenntnis gebracht, der damit einverstanden war. Dieser Entwurf wurde im EKKI-Präsidium mehrfach beraten und am 20. Mai in die endgültige Fassung gebracht, am 21. Mai auch vom Politbüro der KPdSU einstimmig akzeptiert und am 22. Mai 1943 in der Prawda (mit Datum vom 15. Mai) veröffentlicht. (12) Sie hatte folgenden Wortlaut:

„Die historische Rolle der kommunistischen Internationale die im Jahre 1919 im Ergebnis des politischen Zusammenbruchs der überwältigenden Mehrheit der alten Arbeiterparteien der Vorkriegszeit entstanden war, bestand darin, dass sie die Lehren des Marxismus vor ihrer Verflachung und Verdrehung seitens der opportunistischen Elemente der Arbeiterbewegung verteidigte, in einer Reihe von Ländern den Zusammenschluss der Vorhut der fortgeschrittenen Arbeiter in wahrhaften Arbeiterparteien förderte, ihnen half, die Massen der Werktätigen zu mobilisieren zur Verteidigung ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessen, zum Kampf gegen den Faschismus und den von ihm vorbereiteten Krieg, zur Unterstützung der Sowjetunion als Hauptstütze gegen den Faschismus. Die Kommunistische Internationale hat zur rechten Zeit die wahre Bedeutung des „Antikominternpaktes“ enthüllt, dessen sich die Hitleristen als Werkzeug zur Vorbereitung des Krieges bedienten. Sie hat lange vor dem Kriege unermüdlich die schändliche Wühlarbeit der Hitleristen in den anderen Staaten entlarvt, die diese mit ihrem Geschrei über eine angebliche Einmischung der Kommunistischen Internationale in die inneren Angelegenheiten dieser Staaten maskierte.

Noch lange vor dem Kriege wurde es immer klarer, dass mit der zunehmenden Komplizierung sowohl der inneren als auch der internationalen Situation der einzelnen Länder die Lösung der Aufgaben der Arbeiterbewegung jedes einzelnen Landes durch die Kräfte irgendeines inter-nationalen Zentrums auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen wird.

Dieser Unterschied der historischen Wege der Entwicklung der einzelnen Länder der Welt, der unterschiedliche Charakter, ja sogar die Gegensätzlichkeit ihres gesellschaftlichen Aufbaus, der Unterschied im Niveau und im Tempo ihrer gesellschaftlichen und politischen Entwicklung, schließlich der Unterschied im Grade des Bewusstseins und der Organisiertheit der Arbeiter bedingen auch, dass vor der Arbeiterklasse der einzelnen Länder verschiedene Aufgaben stehen. Der ganze Verlauf der Ereignisse im verflossenen Vierteljahrhundert und die von der Kommunistischen Internationale gemachte Erfahrung haben überzeugend gezeigt, dass die Organisationsform, die vom I. Kongress der Kommunistischen Internationale zur Vereinigung der Arbeiter gewählt wurde und die den Anforderungen der Anfangsperiode der Wiedergeburt der Arbeiterbewegung entsprach, mit dem Wachstum der Arbeiterbewegung in den einzelnen Ländern und der Komplizierung ihrer Aufgaben sich immer mehr überlebte, ja sogar zu einem Hindernis für die weitere Stärkung der nationalen Arbeiterparteien wurde.

Der von den Hitleristen entfesselte Weltkrieg hat die Unterschiede in der Lage der einzelnen Länder noch mehr verschärft, er schuf eine tiefe Kluft zwischen den Ländern, die zu den Trägern der Hitlertyrannei wurden, und den freiheitsliebenden Völkern, die in der mächtigen Antihitlerkoalition zusammengeschweißt sind. Während in den Ländern des Hitlerblocks die Hauptaufgabe der Arbeiter, der Werktätigen und aller ehrlichen Menschen darin besteht, allseitig auf die Niederlage dieses Blocks durch die Untergrabung der hitleristischen Kriegsmaschine von innen heraus hinzuarbeiten, an dem Sturz der am Kriege schuldigen Re-gierungen mitzuwirken – ist es in den Ländern der Antihitlerkoalition eine heilige Pflicht der breiten Volksmassen und vor allem der fortgeschrittenen Arbeiter, die Kriegsanstrengungen der Regierungen dieser Länder allseitig zu unterstützen, um den Hitlerblock aufs rascheste zu zerschmettern und die Zusammenarbeit der Nationen auf der Grundlage der Gleichberechti-gung zu sichern. Dabei darf ebenso nicht aus dem Auge gelassen werden, dass auch einzelne Länder, die der Antihitlerkoalition angeschlossen sind, ihre besondere Aufgabe haben. So besteht zum Beispiel in den von den Hitleristen okkupierten und ihrer staatlichen Unabhän-gigkeit beraubten Ländern die Hauptaufgabe der fortgeschrittenen Arbeiter und breiten Volksmassen in der Entfaltung des bewaffneten Kampfes, der in den nationalen Befreiungskrieg gegen Hitlerdeutschland hinüber wächst. Gleichzeitig hat der Befreiungskrieg der frei-heitsliebenden Völker gegen die Hitlertyrannei die breitesten Volksmassen in Bewegung ge-bracht, die sich ohne Unterschied ihrer Partei- oder Religionszugehörigkeit in den Reihen der mächtigen Antihitlerkoalition zusammenschließen, und hat offensichtlicher gezeigt, dass der allnationale Aufschwung und die Mobilisierung der Massen zum raschesten Sieg über den Feind durch die Vorhut der Arbeiterbewegung jedes einzelnen Landes am besten und fruchtbarsten im Rahmen ihres Staates verwirklicht werden kann.

Schon der VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale im Jahr 1935, der die Veränderungen berücksichtigte, die sowohl in der internationalen Lage als auch in der Ar-beiterbewegung vor sich gegangen waren, und der eine große Beweglichkeit und Selbständigkeit von den Sektionen der Kommunistischen Internationale forderte, unterstrich die Notwendigkeit, dass die Exekutive der Kommunistischen Internationale bei der Beschlussfassung über alle Fragen der Arbeiterbewegung >von den konkreten Verhältnissen und Besonderheiten jedes einzelnen Landes auszugehen und in der Regel ein unmittelbares Eingreifen in die internen organisatorischen Angelegenheiten der kommunistischen Parteien zu vermeiden< hat.

Von diesen Erwägungen ließ sich die Kommunistische Internationale leiten, als sie den Be-schluss der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten von Amerika im November 1940 über ihren Austritt aus den Reihen der Kommunistischen Internationale zur Kenntnis nahm und billigte. Die Kommunisten, die sich von den Lehren der Begründer des Marxismus-Leninismus leiten lassen, waren niemals Anhänger der Aufrechterhaltung überlebter Organisationsformen; sie haben immer die Organisationsformen der Arbeiterbewegung und die Arbeitsmethoden dieser Organisationen untergeordnet den grundlegenden politischen Interessen der gesamten Arbeiterbewegung, den Besonderheiten der konkreten gegebenen historischen Lage und den Aufgaben, die aus dieser Lage unmittelbar entspringen. Sie erinnern sich des Beispiels des großen Marx, der die fortgeschrittenen Arbeiter in den Reihen der Internationalen Arbeiter-Assoziation zusammen schloss und nach der Erfüllung der historischen Aufgabe der Ersten Internationale – die Grundlage für die Entwicklung der Arbeiterpartei in den Ländern Europas und Amerikas zu schaffen – im Ergebnis der herangereiften Notwendigkeit der Schaffung von nationalen Massenarbeiterparteien zur Auflösung der Ersten Internationale schritt, da diese Organisationsform diesen Notwendigkeiten schon nicht mehr entsprach.

Von den vorstehenden Erwägungen ausgehend, unter Berücksichtigung des Wachstums und der politischen Reife der kommunistischen Parteien und ihrer leitenden Kader in den einzelnen Ländern sowie auch angesichts des Umstandes, dass im Verlauf des jetzigen Krieges eine Reihe Sektionen die Frage der Auflösung der Kommunistischen Internationale als leitendes Zentrum der internationalen Arbeiterbewegung aufwarfen, gestattet sich das Präsidium des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale – da es unter den Bedingungen des Weltkrieges nicht die Möglichkeit hat, den Kongreß der Kommunistischen Internationale einzuberufen – folgenden Vorschlag den Sektionen der Kommunistischen Internationale zur Bestätigung zu unterbreiten:

Die Kommunistische Internationale als leitendes Zentrum der internationalen Arbeiterbewe-gung aufzulösen und die Sektionen der Kommunistischen Internationale von den aus dem Statut und den Beschlüssen der Kongresse der Kommunistischen Internationale entspringenden Verpflichtungen zu entbinden.

Das Präsidium des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale ruft alle Anhänger der Kommunistischen Internationale auf, alle ihre Kräfte auf die allseitige Unterstützung und aktiven Teilnahme am Befreiungskrieg der Völker und Staaten der Antihitlerkoalition zu konzentrieren zur raschesten Zerschmetterung des Todfeindes der Werktätigen – des deutschen Faschismus, seiner Verbündeten und Vasallen.“

Diese Erklärung wurde allen Sektionen der Komintern zur Stellungnahme zugeschickt, alle Parteien stimmten ihr ausnahmslos zu. Unter dem Datum des 29. 5. notierte Dimitroff den Wortlaut der Zustimmungserklärung der Kommunistischen Parteien Englands, Australiens und Jugoslawiens; außerdem den Wortlaut eines Interviews, das Stalin zur Auflösung der Komintern dem Moskauer Reuter-Korrespondenten King gegeben hatte.

Am 8. Juni trat das Präsidium des Exekutiv-Komitees der Kommunistischen Internationale zu seiner letzten Sitzung zusammen; Dimitroff hielt in seinem Tagebuch fest:

„8. 6. 43: Habe die letzte Sitzung des Präsidiums des EKKI durchgeführt.

1. Haben festgestellt, dass alle Sektionen…den Vorschlag zur Auflösung der Komintern ein-stimmig begrüßt haben und dass keine einzige Sektion einen Einwand gegen diesen Vor-schlag erhoben hat.

2. Haben die Auflösung des Exekutivkomitees der Komintern, seines Präsidiums und des Sekretariats sowie der Internationalen Kontrollkommission erklärt.“

„10. 6. 43: In der ‚Prawda‘ ist unsere Mitteilung über den Beschluss des Präsidiums vom 8. Juni 1943 veröffentlicht worden.“

Soweit also die Dokumentation der Notizen Dimitroffs in seinen Tagebüchern zur Geschichte der Auflösung der Komintern. Sie zerstören gründlich die Legende von der „plötzlichen Auflösung der Kommunistischen Internationale durch einen einsamen Beschluss Stalins.“

Die Wahrheit ist: den Anstoß zur Erwägung der Auflösung gab das USA-Gesetz vom Okto-ber 1940, das die KP der USA mit dem Verbot bedrohte, falls sie weiterhin eine Sektion der Komintern bliebe. Der erste Schritt zur Auflösung war dann die daraufhin erfolgte Lösung der Verbindung der KP der USA zur Kommunistischen Internationale.

Der entscheidende Grund für die Auflösung der Komintern waren zum einen die veränderten objektiven Bedingungen, unter denen die Fortführung einer zentralen Leitung der Arbeit der Kommunistischen Parteien zu einem Hindernis ihres weiteren Wachstums und der Vertiefung ihrer Verbindung mit den Werktätigen ihres jeweiligen Landes geworden wäre, und zum an-deren die Überzeugung, dass inzwischen die kommunistischen Parteien zu reifen marxis-tisch-leninistischen Parteien herangewachsen waren, die einer Führung von einer Zentrale aus nicht mehr bedurften.

Die Auflösung erfolgte nach jahrelanger Beratung im Präsidium des EKKI und mit Zustim-mung aller Sektionen der KI auf einwandfrei demokratische Weise. Deshalb war die Auflösung der KI in keiner Weise ein Abgehen vom Internationalismus, da der Internationalismus ein untrennbarer Wesensbestandteil jeder wirklich marxistisch-leninistischen Partei ist, unabhängig von der jeweiligen organisatorischen Form ihrer Zusammenarbeit. Sowohl von Stalin als auch vom Präsidium des EKKI war überdies ausdrücklich für die Zukunft ins Auge gefasst worden, unter neuerlich veränderten Bedingungen in der Zukunft auch wieder eine internationale Organisation der kommunistischen Parteien zu schaffen in der Form, die den dann bestehenden Verhältnissen entsprechen würde.

Als ein Schritt zu solch einer Organisation wurde bekanntlich im September 1947 auf einer Konferenz in Warschau das Informationsbüro der Kommunistischen und Arbeiterparteien gegründet, weil, wie im Kommunique der Konferenz gesagt wurde, der mangelhafte Kontakt zwischen den auf der Konferenz vertretenen Parteien negative Erscheinungen hervorgerufen habe. Als Aufgaben des Informationsbüros wurden genannt die Organisierung des Erfah-rungsaustausches zwischen den Parteien und nötigenfalls die Koordinierung ihrer Tätigkeit auf der Grundlage gegenseitigen Übereinkommens. (13)
Teilnehmer der Konferenz und Gründungsmitglieder der abgekürzt „Informbüro“ genannten Vereinigung waren Vertreter von regierenden kommunistischen Parteien – KPdSU, KP Bul-gariens, KP Jugoslawiens, Polnische Arbeiterpartei, KP Rumäniens, KP der Tsche-cho-slowakei, KP Ungarns – und zweier Kommunistischer Parteien Westeuropas, der KP Frankreichs und der KP Italiens. Das Informationsbüro bestand insgesamt nur 9 Jahre.

Sein Ende unterschied sich grundlegend vom Ende der Kommunstischen Internationale. Zwar wurde nach aussen hin die Form gewahrt: in der „Informatorischen Mitteilung über die Ein-stellung der Tätigkeit des Informationsbüros der Kommunistischen und Arbeiterparteien“ (14) wird die Auflösung ebenfalls mit „neuen Bedingungen für die Tätigkeit der kommunistischen und Arbeiterparteien“ begründet, und formuliert: „Die Zentralkomitees der zum Informbüro gehörenden kommunistischen und Arbeiterparteien haben einen Meinungsaustausch zu den Fragen seiner Tätigkeit gepflogen und anerkannt, dass das von ihnen 1947 gegründete Infor-mationsbüro seine Funktionen erschöpft hat; im Zusammenhang damit haben sie in gegensei-tigem Einvernehmen den Beschluss gefasst, die Tätigkeit des Informationsbüros… und das Erscheinen seines Organs, der Zeitung ‚Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie!‘, ein-zustellen.“

Nur stellt sich die Frage: Was hat sich eigentlich seit dem 14. Dezember 1955 und dem 17. April 1956 so Grundlegendes geändert, um von der Verteidigung der Existenz des In-formbüros plötzlich zu der Ansicht zu gelangen, es habe „seine Funktionen erschöpft“?

Am 14.Dezember 1955 hielten nämlich Chruschtschow und Bulganin in Neu Delhi gemeinsam eine Pressekonferenz ab, in der Bulganin wie folgt Stellung nahm: „Manchmal stellt man die Frage, ob man denn die „Kominform“ nicht irgendwie liquidieren könne. Doch aus welchem Grunde sollten die kommunistischen Parteien eigentlich auf eine allgemeingültige Form des internationalen Verkehrs und Zusammenwirkens verzichten? Warum haben z.B. diejenigen, die die Frage einer Liquidierung der „Kominform“ aufwerfen, nichts gegen die Tätigkeit der Sozialistischen Internationale, die die sozialdemokratischen Parteien vereint? Warum scheint es ihnen natürlich und rechtmäßig, dass die Kapitalisten sich zu internationalen Mo-nopolvereinigungen zusammenschließen und regelmäßig konferieren, um gemeinsam ihre Geschäfte zu betreiben, während man der Arbeiterklasse zumutet, sie solle auf die schon von Marx und Engels verkündete große Devise der internationalen Solidarität ‚Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!‘, die ja den ureigensten Interessen aller Werktätigen entspricht, ver-zichten?“(15)

Das war doch eine treffliche Abfuhr für jene westlichen Herrschaften, denen das „Kominform“ – so der im Westen übliche Terminus für das Informbüro – schon lange ein Dorn im Auge war! Wieso sollte dies vier Monate später nicht mehr gelten? Was hatte sich denn so grundlegend geändert? Darauf gibt es nur eine Antwort: Inzwischen hatte der XX. Parteitag der KPdSU stattgefunden, der die Wende eingeleitet hat weg von der Leninschen Politik des Kampfes gegen den Imperialismus mit dem Ziel seiner Überwindung hin zur Politik der Aussöhnung mit dem Imperialismus, zur dauerhaften und freundschaftlichen „Koexistenz“ und Zusammenar-beit mit ihm; also die Wende weg von der revolutionären Politik des unversöhnlichen Klas-senkampfes im Sinne des Kommunistischen Manifestes und hin zur revisionistischen Politik der Klassenversöhnung.

Das Informationsbüro der Kommunistischen und Arbeiterparteien war so zusammengesetzt, dass es ein Zentrum des Widerstandes gegen die Durchsetzung dieser Wende in der kommu-nistischen Weltbewegung werden konnte. Der Zwang, den das Informbüro auch auf die Füh-rung der KPdSU ausübte, die eigenen Entscheidungen mit den Partnern im kollektiven Bera-tungsorgan abzustimmen, das war die als „erschöpft“ bezeichnete Funktion, – deshalb musste es verschwinden! Chruschtschow brauchte freie Bahn für seine bereits bei der Aussöhnung mit Tito im Juni 1955 und dann auf dem XX. Parteitag mit seiner „Geheimrede“ erfolgreich an-gewandte Überrumpelungstaktik, die anderen kommunistischen Parteien vor vollendete Tat-sachen und dadurch vor die Alternative zu stellen: gehorsame Gefolgschaft oder Bruch mit der KPdSU! Was die Verweigerung der Gefolgschaft für Konsequenzen haben würde, das wurde allen 1960 und danach am Beispiel des Bruches mit Albanien und China vorgeführt. Das war der revisionistischen KPdSU-Führung aber nur möglich, weil es kein kollektives Organ der kommunistischen Bewegung mehr gab.

Wo diese Wende – hin zur Erfüllung der Wünsche und Forderungen des Klassenfeindes – in der kommunistischen Bewegung erstmals die Oberhand gewann, und von wem und wie der Un-geist dieser Wende auch in die europäischen kommunistischen Parteien hineingetragen wurde, das soll im nächsten Teil gezeigt werden.

 

WIE DER BROWDERISMUS NACH EUROPA VERPFLANZT WURDE

 

I. Georgi Dimitroffs nur allzu berechtigte Warnung vor dem Eindringen imperialistischer Agenten in die kommunistischen Parteien

Georgi Dimitroff vermerkt in seinem Tagebuch am 13. Mai 1942 Folgendes: „14.5.42: Habe das amerikanische ZK angewiesen, sich nicht mit der Anwerbung von Leuten für den englischen und amerikanischen Geheimdienst durch das amerikanische Wolff-Komitee (16) zu befassen. Die Leute sollen angeblich für die Zersetzungsarbeit im deutschen Hinterland eingesetzt werden. Das amerikanische ZK soll jeglichen Kontakt der amerikanischen Kommunisten zu diesen Diensten abbrechen, da dies ein Eindringen von Geheimdienstagenten in die Partei ermöglicht und die Arbeit der amerikanischen und anderen kommunistischen Parteien gefährdet. “ (S. 515)

 

1. Erfahrungen der revolutionären Arbeiterbewegung in der Emigration und im „Spa-nischen Krieg“

Eine solche Warnung war nur allzu berechtigt. Ihr zugrunde lag eine jahrzehntelange Erfahrung. So lange es eine revolutionäre Arbeiterbewegung gibt, so lange hat sie es mit der Abwehr von Bemühungen der Organe der herrschenden Klasse zu tun, die Bewegung durch Einschleusen von V-Leuten als Informanten und Agents provocateurs unter ständige Beobachtung zu bekommen und von innen her zu zersetzen. Im Gefolge der Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland entstanden für die imperialistischen Geheimdienste Möglichkeiten, in ganz neuen Formen und in vielfach größerem Ausmaß als bisher, auf diesem Gebiet aktiv zu werden und Erfolge zu erzielen. Die von den Faschisten in die Emigration getriebenen deut-schen und die Kommunisten aus den okkupierten Ländern, denen die Flucht ins westliche Ausland gelungen war, standen größtenteils völlig mittellos da und bedurften dringend solidarischer Hilfe. Diese Hilfe wurde ihnen geleistet natürlich von den Genossen der kommunistischen Parteien der Zufluchtsländer, aber auch von Sympathisierenden, von Antifaschisten, sowie auch von Angehörigen bürgerlich-demokratischer und christlicher Hilfsorganisationen.

Natürlich gehörte es zum selbstverständlichen Alltagsjob der imperialistischen Geheimdienste, so genau wie möglich alle kommunistischen Emigranten, aus welchem Lande sie auch kamen, zu erfassen und unter Kontrolle zu halten. Und ihre Leiter und Mitarbeiter wären ihr Gehalt nicht wert gewesen, hätten sie nicht dafür gesorgt, dass in den verschiedenen Hilfsorganisationen auch Leute tätig waren, die mit ihnen zusammenarbeiteten und ihnen die gewünschten Informationen lieferten. Noch um vieles günstiger wurden die Möglichkeiten dieser Dienste, in die Reihen der kommunistischen und anderer antifaschistischer Kämpfer einzudringen, als Zehntausende von ihnen nach Spanien eilten, um zu helfen, die spanischen Republik gegen den Putschisten Franco und die deutschen und italienischen Invasoren zu verteidigen.

Die Sowjetunion war der einzige Staat, der der spanischen Republik mit der Entsendung von Freiwilligen der Sowjetarmee, mit Lieferung von Lebensmitteln und Waffen zu Hilfe kam.

Die Organe der sowjetischen militärischen Abwehr mussten sehr bald die gleiche Feststellung machen, die auch Ludwig Renn als Stabschef der 11. Internationalen Brigade gemacht und in seinem Buch „Der spanische Krieg“ (17) ausführlich geschildert hat, nämlich, dass unter den Truppen der spanischen republikanischen Armee trotzkistische Kräfte, die ihrerseits mit aus-ländischen Geheimdiensten in Verbindung standen, eine rege Tätigkeit entfalteten. Der Hö-hepunkt ihrer feindlichen, Franco direkt in die Hände spielenden Aktivitäten war die Entfes-selung eines Aufstandes in Barcelona im Mai 1937.

Ludwig Renn gibt dazu in seinem Buch (S.269) den Bericht eines Abwehroffiziers der repub-likanischen Armee wieder:

„In Barcelona haben die Trotzkisten und ein Teil der Anarchisten einen regelrechten Aufstand gegen die republikanische Regierung gemacht. Der ist ihnen missglückt. Schon bei Beginn der Untersuchung haben sich die unglaublichsten Dinge herausgestellt. Die POUM, (Partido Obrero de Unificacion Marxista = Arbeiterpartei der Marxistischen Vereinigung, K.G.), also die Trotzkisten, hatten an der Front von Aragon eine Division. Sie kämpften dort nicht gegen die Faschisten. Den Führer der POUM mit Namen Andres Nin haben wir glücklich festnehmen können. – Was die Schädlings-Arbeit bei Eurer Brigade anlangt, so haben wir noch nicht die Beweise, aber vermuten, dass sie mit diesem Aufstand zusammenhängt. Man darf über diese Dinge nicht offen sprechen, weil ausländische Mächte mit im Spiel sind, die gar zu gern Spanien den Faschisten ausliefern wollen, um Hitler einen Gefallen zu tun, – und natürlich aus Hass gegen die Sowjetunion.. – Ich glaube, dass Ramos, Nicot und andere, zum Teil in ziemlich hohen militärischen Stellungen, Agenten sind, die wahrscheinlich im französisch-englischen Auftrag den Aufstand von Barcelona mit Sabotage an anderen Fronten unterstützen sollten. “

An anderer Stelle (S.275) schreibt Ludwig Renn: „Erst allmählich wurden Einzelheiten über den Aufstand von Barcelona bekannt. Sein Anführer war Andres Nin, der früher Trotzki als Pri-vat-Sekretär gedient hatte. Er war Leiter der POUM…Diese Partei setzte sich wieder aus der scheinradikalen Bauern-Partei eines gewissen Maurin und den eigentlichen Trotzkisten zu-sammen. Sie bekämpften die spanische Volksfront und die Sowjetunion und beschimpften beide als vom revolutionären Wege abgewichen. Ihre wichtigsten Losungen waren: ‚Völlige soziale Revolution.. Kollektivierung der Landwirtschaft.‘ Damit trafen sie sich mit dem radikalen Flügel der Anarchisten, der nur zum Schein in der Volksfront mitmachte. “

Zur schändlichen Rolle des von Ludwig Renn erwähnten Maurin hat Fritz Teppich, selbst ehemals Offizier der spanischen republikanischen Armee, einen ausführlichen Bericht ge-schrieben: „Der Fall Maurin .(Blick auf eine Selbstdarstellung – POUM und FRANCO-PARTEI)“, der sofort – wie könnte es anders sein – eine heftige trotzkistische Ge-genattacke hervorrief. (18)

Die revisionistischen und trotzkistischen Autoren, die sich zum Spanischen Krieg äußern, versäumen nie, die sowjetischen Abwehr schlimmster Methoden zu bezichtigen und die Sow-jetunion dafür anzuklagen, dass sie die eigenen Spanienkämpfer nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion, statt sie zu feiern mit Misstrauen verfolgt habe. Das Bild würde aber erst richtig rund, wenn sie auch berichten würden, wer in den Spanienkämpfern potenzielle Verbündete gegen die Sowjetunion sah und sie in diesem Sinne zu instrumentalisieren suchte. Oder soll für das Zusammenfallen der nachstehend genannten Ereignisse das Wort: „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“ gelten?

 

2. Das auffällige Interesse der Gomulka, Imre Nagy und Tito an den Spanienkämpfern im Herbst 1956

Am 19.-21. Oktober 1956 fand das 8. Plenum der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei statt. Der 1948 wegen antisowjetischer Tendenzen und wegen Begünstigung der Großbauern und Sa-botage der Bildung landwirtschaftlicher Genossenschaften als Generalsekretär der Polnischen Arbeiterpartei abgesetzte Wladislaw Gomulka wurde auf diesem Plenum zum Generalsekretär der PVAP gewählt und verkündete in einer langen Rede ein offen revisionistisches und anti-sowjetisches Programm.

Zwei Tage später, 23. Oktober 1956: Beginn der Konterrevolution in Ungarn.

24.Oktober 1956: Imre Nagy. von 1953 bis 1955 bereits einmal Ministerpräsident, 1955 aber wegen rechter opportunistischer Entstellung der Politik der Partei der Ungarischen Werktätigen abgesetzt und aller seiner Funktionen enthoben, gelangt auf dem Rücken der ansteigenden Welle der Konterrevolution wieder auf den Sessel des Ministerpräsidenten. In den folgenden Tagen seiner Regierungszeit entfaltet sich der weiße Terror und steigert sich zu einer mörde-rischen Kommunistenjagd, die zunächst von den im Lande befindlichen Sowjettruppen ge-stoppt wird.

30. Oktober: Die Sowjettruppen werden auf Verlangen Nagys in ihre Unterkünfte zurückge-zogen.

1. November 1956: Imre Nagy erklärt den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Vertrag und ruft die Westmächte um Hilfe „für die Wahrung der Neutralität Ungarns“ an. Der weiße Terror flammt wieder auf und erreicht eine bisher unbekannte Steigerung. Die Moskauer Führung mit Chruschtschow an der Spitze lässt – obwohl die sowjetischen Truppen in Ungarn stehen – die weißen Banden tagelang wüten. Erst am 4. November erhalten die Sowjettruppen die Erlaubnis, der blutigen Kommunistenhatz in Ungarn ein Ende zu machen.

In der inzwischen von der Gomulka-PVAP dirigierten polnischen Presse wird die ungarische Konterrevolution begeistert begrüßt. In einer Artikelserie der Wroclawer deutschsprachigen „Arbeiterstimme“ der ersten Dezembertage 1956 wird die ungarische Konterrevolution als eine „mächtige, elementare Volkserhebung“ gefeiert. Der „Ungarische Aufstand“ sei ein „Kampf um dieselbe Souveränität wie bei uns.“ Die weiteren Ausführungen des Verfassers Roman Jurys klingen so vertraut, als wären sie in unseren Tagen von André Brie geschrieben worden: wolle man zu Marx zurückkehren, schrieb er, dann bedeute Sozialismus nicht mehr als die ge-sellschaftliche Herrschaft über die Produktionsmittel. „Also unterscheidet nicht die staatliche Plankommission unsere Gesellschaftsordnung von der kapitalistischen, sondern die gesell-schaftliche Beherrschung der Produktionsmittel…Die objektiven Rechte fordern, dass auf dem Markt natürliche Anreize zur Entwicklung bestehen: vor allem der Ansporn des Wertes und der damit verbundenen Konkurrenz.“

Besonders aufschlussreich ist die Wendung: „Ungarn ist ein Aufstand auf internationaler Ebene gegen die stalinistischen Verletzungen der objektiven Entwicklungsrechte.“

Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die neue polnische Führung den revisionistischen, seinem Wesen nach konterrevolutionären Umsturz in Polen und Ungarn als Ausgangspunkte für gleichartige Entwicklungen „auf internationaler Ebene“, also auch in den anderen sozialistischen Ländern, betrachtetet und darauf hinarbeitetet, ihre Konterrevolution zu exportieren. Dass diese Ereignisse aber letzten Endes ferngelenkt waren, und von wo aus, dafür gibt es viele Hinweise, von denen hier nur zwei zitiert werden sollen.

Als erstes eine Passage aus einer Rede des USA-Außenministers John Foster Dulles am 11. Juni 1956, über die das „Archiv der Gegenwart“ wie folgt berichtet: (19) „Dulles sieht eine Befreiung der Satellitenstaaten für möglich an. Dulles sagt voraus, dass Kräfte der Freiheit, die nun hinter dem Eisernen Vorhang am Werke seien, sich als unwiderstehlich erweisen, und dass sie die internationale Szenerie bis zum Jahre 1965 umändern könnten. Die An-ti-Stalin-Kampagne und ihr Liberalisierungs-Programm hätten eine Kettenreaktion ausgelöst, die auf lange Sicht nicht aufzuhalten sei.“ Wer so bestimmt zu prophezeien vermochte, der verfügte über sehr intime Kenntnisse über internste Vorgänge im gegnerischen Lager. Zu ihrer Kenntnis dürfte sein Bruder, der Geheimdienst-Chef der USA Allan Dulles, erheblich beigetragen haben.
Einen guten Monat später, am 18. Juli 1956, wurde im Nationalen Sicherheitsrat der USA der Beschluss 5608 gefasst, in dem es hieß, „in der gegebenen weltpolitischen Situation seien die Möglichkeiten der USA, die Loslösung der Ost-Mitteleuropäischen Staaten von der Sowjetu-nion zu fördern, außerordentlich eingeschränkt, die Regierung müsse daher danach streben, in diesen Staaten als ersten Schritt auf dem Wege zur wahren Unabhängigkeit die Machtüber-nahme der nationalkommunistischen politischen Kräfte zu unterstützen..“ (20)
Das Leitzentrum dieser „nationalkommunistischen Kräfte“ aber saß in Belgrad. Ti-to-Jugoslawien – seit 1953 Mitglied des zum NATO-Paktsystem gehörenden Balkan-Paktes -, befand sich seit 1955, dank der „Aussöhnung“ Chruschtschows mit Tito, mit der Chruschtschow nicht nur sich selbst, sondern die Sowjetunion zum Bundesgenossen Titos gemacht hatte -, in der komfortablen Lage, dank der Komplizenschaft Chruschtschows mit ihm wichtigste Vorgänge im Lager der RGW- und Warschauer-Pakt-Staaten aus erster Hand zu erfahren und an seinen Schutzherren in Washington und Chef des Bündnisses, zu dem er wirklich gehörte, weiterzuleiten. Daher die prophetische Gabe des Außenministers Dulles und die Umorientierung der US-Außenpolitik auf den Vorrang der „indirekten Strategie“ schon zu diesem Zeitpunkt, auf die „Machtübernahme der nationalkommunistischen Kräfte“ in den sozialistischen Staaten als „ersten Schritt zur wahren Unabhängigkeit“.

Es war daher nur folgerichtig, dass Imre Nagy nach der Niederschlagung der Konterrevolution dorthin floh, wo er seine besten Freunde und etwas mehr als das wusste: er floh in die jugos-lawische Botschaft in Budapest! Und ganz eindeutig wird die Rolle Titos als Erfüller der Prophezeiung von Foster Dulles und Verwirklicher des Beschlusses 5608 des Nationalen Si-cherheitsrates der USA durch die Rede, die er am 11. November 1956 in Pula zu den Ereig-nissen in Ungarn und zu den Aufgaben und Zielen, wie er sie sah, gehalten hat. Zu Ungarn und der dortigen neuen Führung mit Janos Kadar an der Spitze führte er aus: „Ich kann Ihnen sagen, dass ich die Männer in der neuen Regierung kenne, und dass sie nach meiner Auffassung das vertreten, was in Ungarn das Anständigste ist…sie sind wirklich .für eine neue Entwicklung… Aber die sowjetische Intervention schwächt dieses Programm Wir müssen ihr (der Regierung) helfen, weil sie sich in einer sehr schweren Lage befindet. “

Besonders aufschlussreich waren seine Ausführungen zu Polen: „Auch wenn wir mit unserer inneren Entwicklung noch nicht ‚,voll zufrieden sind, so sind wir doch nun einmal so, und so werden wir auch bleiben: und noch mehr werden wir wirken, dass diese Propheten und Ratgeber keinen Erfolg haben mit ihren Bemühungen, den Prozess aufzuhalten, der 1948 in Jugoslawien begonnen hat und jetzt in Polen weiter geht… Ebenso notwendig ist es, dass .wir in engstem Kontakt mit der polnischen Regierung und Partei arbeiten und ihnen helfen, soviel wir können. Gemeinsam mit den polnischen Genossen werden wir gegen solche Tendenzen kämpfen müssen, die in den verschiedenen anderen Parteien in den Ostländern oder im Westen auftreten. Dieser Kampf wird schwer und langwierig sein, denn jetzt geht es wirklich darum, ob in den kommunistischen Parteien der neue Geist siegen wird, der in Jugoslawien seinen Ausgang genommen hat, und für den in den Beschlüssen vom XX. Kongress der KPdSU ziemlich viele Elemente geschaffen wurden. “

All das macht wohl zur Genüge deutlich, dass die Ereignisse im Oktober-November 1956 in Polen und Ungarn nicht spontan und isoliert voneinander entstanden, sondern geplant und ausgelöst worden waren als Auftakt zu dem „schweren und langwierigen Kampf“ zur Durch-setzung des „neuen Geistes in den kommunistischen Parteien, der von Jugoslawien seinen Ausgang genommen hat und für den die Beschlüsse des XX. Kongresses der KPdSU viele Elemente geschaffen hat“, für die „Machtübernahme der nationalkommunistischen politischen Kräfte in diesen Staaten als ersten Schritt zur wahren Unabhängigkeit“. (Wie diese „wahre Unabhängigkeit“ à la USA aussieht, das hat kein Land so grausam erfahren wie Jugoslawien seit 1990. Doch das ist schon wieder ein neues Thema.)

In der Planung für den Weg zur „Machtübernahme der nationalkommunistischen Kräfte“ war auch den Spanienkämpfern eine bestimmte Rolle zugedacht. Ausgerechnet genau in den Wo-chen der Machtübernahme Gomulkas in Polen und Imre Nagys in Ungarn, nämlich vom 19. bis 27. Oktober 1956, wurden die Spanienkämpfer zu Treffen in Polen und Ungarn eingeladen, und für den 30.Oktober nach Belgrad. Die Veranstalter in Belgrad, Warschau und Budapest versprachen sich von diesen Treffen offenbar, dass viele der international hoch angesehenen Spanienkämpfer von den Ereignissen, deren Zeugen sie in Warschau und Budapest wurden, sowie von deren Interpretation durch Tito in Belgrad, tief beeindruckt und dadurch zu Helfern der Verbreitung des „neuen Geistes“ in ihren Parteien und Heimatländern werden würden.

Woher diese Hoffnung der „nationalkommunistischen Kräfte“ auf die Spanienkämpfer? Genau daher, woher in der Sowjetunion 1939 umgekehrt die Zurückhaltung und ein gewisses Miss-trauen gegenüber den Spanienkämpfern herrührten: aus bestimmten Ereignissen und Erfah-rungen mit Bemühungen zur feindlichen Unterwanderung durch Trotzkisten und imperialisti-sche Geheimdienste während des Kampfes gegen Franco und die deutschen und italienischen Interventen; aus dem Wissen darum, dass damals unter den Spanienkämpfern nicht ganz ohne Erfolg von trotzkistischen und imperialistischen Agenten Kader geworben worden waren zur künftigen Arbeit in ihrem Sinne. Erinnern wir uns an den Anlass für die Warnung Dimitroffs: „Habe das amerikanische ZK angewiesen, sich nicht mit der Anwerbung von Leuten für den englischen und amerikanischen Geheimdienst durch das amerikanische Wolff-Komitee zu befassen. Die Leute sollen angeblich für die Zersetzungsarbeit im deutschen Hinterland ein-gesetzt werden. “

Wie bereits erwähnt, war das Wolff-Komitee, das die KP der USA dafür gewinnen wollte, mitzuhelfen, Leute für den englischen und amerikanischen Geheimdienst anzuwerben, eine Gründung des ehemaligen Kommandeurs des Lincoln-Bataillons in Spanien, Milton Wolff. (21) Das muss gar nicht bedeuten, dass Wolff selbst damit böse Absichten verfolgte; für einen loyalen nichtkommunistischen antifaschistischen US-Staatsbürger musste die Mitarbeit im US-Geheimdienst zum Zwecke des Kampfes gegen Nazideutschland keineswegs etwas Ver-werfliches sein. Aber es unterstreicht noch einmal, dass sich den imperialistischen Geheim-diensten in Spanien ein ideales Rekrutierungsfeld eröffnet hat.

 

3. Wie und warum sich Browder über die Anweisung Dimitroffs hinwegsetzte

Noch günstiger wurde für sie die Situation, nachdem die Sowjetunion, England, Frankreich und die USA Bundesgenossen in der Anti-Hitlerkoalition geworden waren. Die Waffenbrüder-schaft der Armeen imperialistischer Staaten mit der Roten Armee der Sowjetunion im Kampf auf Leben und Tod mit den faschistischen Aggressoren war geeignet, auch in den Reihen der Kommunisten und der Bürger der Sowjetunion vergessen zu machen, dass dennoch der Impe-rialismus der Klassenfeind war, dessen Ziel unverändert die Auslöschung der sozialistischen Sowjetunion blieb, und dass es deshalb darauf ankam, trotz und gerade wegen der Waffen-brüderschaft mit den imperialistischen Verbündeten die Klassenwachsamkeit nicht abzu-schwächen, sondern noch um Vieles zu verstärken Die strikte Befolgung der eingangs zitierten Anweisung Dimitroffs und Beachtung seiner Warnung vor Kontakten mit den imperialistischen Geheimdiensten war jetzt geradezu lebenswichtig für die kommunistischen Parteien geworden.

Dimitroff hat aber sehr wahrscheinlich nicht geahnt, wie sehr berechtigt und notwendig diese Warnung gerade an die Adresse der KP der USA und ihres Generalsekretärs Earl Browder war, besaß dieser, der seit 1929 schon diese Funktion innehatte, doch soviel Vertrauen, dass das EKKI ihn zu seinem Vertreter in Amerika gemacht hatte.

Im Januar 1940 war er unter dem Vorwand von „Passvergehen“ verhaftet und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, nach zwei Jahren jedoch freigelassen worden, worüber Dimitroff in seinem Tagebuch vermerkte:“17.5.42: Nachricht aus New York, dass Browder aus dem Gefängnis entlassen ist. Erklärung des ‚Weißen Hauses’… ‚im Interesse der Festigung der Einheit der nationalen Front‘. “ (S. 517. Hervorhebung K.G.) Damals wurde Browders Entlassung aus dem Gefängnis als Erfolg der breiten Kampagne der Partei für die Freilassung Browders gewertet. (22) Die späteren Aktionen Browders, die ganz der regierungsseitig ausgesprochenen Zuversicht entsprachen, legen aber die Vermutung nahe, dass die Behörden sich zur Freilassung bereit fanden, weil sie einigen Grund dafür hatten, von Browder nach seiner Freilassung zu erwarten, er werde Wesentliches zur „Festigung der Einheit der nationalen Front“ beitragen. Zu dieser Vermutung wird man noch mehr gedrängt, wenn man sich daran erinnert, wie unempfindlich die Justiz der USA gewöhnlich gegenüber Massenprotesten, sogar weltweiten, ist; man denke nur an die Fälle von Sacco und Vanzetti und Ethel und Julius Rosenberg, und in unseren Tagen an Mumia Abu Jamal..

Was war es, womit Browder den amtlich in ihn gesetzten Hoffnungen entsprach? Zum einen führte er – lange vor Tito, Chruschtschow und Gorbatschow – „Ideen“ in die kommunistische Bewegung ein, die später zum Kerngehalt des „Reformkommunismus“ der Tito, Chruschtschow und Gorbatschow gehörten:

a) die Lossagung vom Leninschen Konzept der Partei;

b) die Propagierung des Aufgehens der kommunistischen Partei in einer nationalen antifa-schistischen Front;

c) die Leugnung des antagonistischen Gegensatzes von Imperialismus und Sozialismus und die Orientierung auf deren dauerhaftes Nebeneinander in vertrauensvoller Zusammenarbeit und gegenseitiger Hilfe.

Zum anderen benutzte er nach außen hin private, aber mit den staatlichen Behörden, darunter auch den US-Geheimdiensten, wie dem von Allan Dulles geleiteten OSS („Office of Strategic Services“), kooperierende karitative Hilfsorganisationen zur Verbreitung seiner revisionistischen Konzeption unter den vor dem Faschismus geflüchteten kommunistischen Emigranten der europäischen Länder. Er handelte damit bewusst gegen die vom EKKI der Führung der KP der USA übermittelten und oben zitierten Direktive.

Wie sah dies alles konkret aus? Eine objektive Darstellung der einschlägigen Tatsachen findet sich in dem bereits erwähnten Buche des damaligen Vorsitzenden der KP der USA, W. Z. Foster. Eine tendenziöse, die Wahrheit gelegentlich unbedenklich entstellende, aber dennoch – entgegen der Absicht des Verfassers – die wahre Rolle Browders und die des Haupthelden des Verfassers, Noel Field, mehr enthüllende als verschleiernde Darstellung findet sich im bereits genannten Buche von Wolfgang Kießling; auf diese beiden Arbeiten stützen sich die folgenden Ausführungen. Als Ausgangspunkt für seine revisionistischen Vorstöße wählte Browder die Deklaration der Teheraner Konferenz – 28.November bis 1.Dezember 1943 -, in der Roosevelt, Stalin und Churchill erklärt hatten, dass ihre Länder auch nach dem Krieg zusammenarbeiten werden.

Über Browders Auslegung der Deklaration der Teheraner Konferenz schrieb der Vorsitzende der KP der USA, Foster, in seinem Buch: „Earl Browder, der Generalsekretär der Kommu-nistischen Partei, zog den voreiligen Schluss, dass die Nachkriegseinheit, die die ‚Großen Drei‘ in Teheran als erwünscht bezeichnet hatten, tatsächlich vereinbart und daher der Friede und die Zusammenarbeit nach dem Kriege garantiert seien. Er war der Ansicht, die herrschenden Kreise des amerikanischen Monopolkapitals seien an einem friedlichen Zusammenleben und freundschaftlichen Wettbewerb mit der UdSSR interessiert… Browder… unternahm es, den wesentlichen Inhalt dieses imaginären Teheraner Abkommens zu präzisieren. Er tat dies im Januar 1944 auf einer Tagung des Nationalkomitees der Kommunistischen Partei in New York. Später entwickelte er seine These ausführlich in seinem Buch: ‚ Teheran: Our Path in Peace and War’… ‚Der Kapitalismus und der Sozialismus‘, sagte Browder, ‚ haben begonnen, den Weg zum friedlichen Zusammenleben und zur Zusammenarbeit in der gleichen Welt zu finden.’…. Browder… behauptete, ‚es ist der dümmste Fehler, wenn man unterstellt, die amerikanischen Interessen, selbst die des amerikanischen Monopolkapitals, vertrügen sich keinesfalls mit der unumgänglichen Volksrevolution in Europa .‘ Ebenso leicht machte er sich die Sache in der Frage der Kolonialrevolution. Die Profitinteressen, so argumentierte er, nötigten den amerikanischen Kapitalismus offensichtlich, große Märkte in den kolonialen und halbkolonialen Ländern zu schaffen. Infolgedessen würde ein Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien zur Befreiung, Industrialisierung und Demokratisierung dieser Gebiete äußerst praktisch (ja unvermeidlich) sein. … Browder erklärte, die ‚einsichtsvollen‘ Kapitalisten würden die nationale Einheit auf der Grundlage aller seiner Projekte – Duldung der Revolutionen in Europa und in den Kolonien, Verdoppelung der Löhne, Abschaffung des Antisemitismus und der Negerverfolgung — entsprechend ihren ‚wahren Klasseninteressen‘ herbeiführen. In seiner Begeisterung für eine nationale Einheit auf der Grundlage der Zusammenarbeit der Klassen erklärte er am 12. Dezember 1943 in einer Rede in Bridgeport (Connecticut):, Wenn J. P. Morgan diese Koalition (im Geiste Teherans) unterstützt und entsprechende Konzessionen macht, bin ich als Kommunist bereit, ihm die Hand zu drücken und mit ihm zusammenzugehen, um sie zu verwirklichen.‘.

Browders nationale Einheit setzte auch voraus, dass sich die Arbeiter mit dem Zweiparteien-system bei den Wahlen vorbehaltlos abfinden würden. Er sagte: ‚Die Arbeiterklasse teilt sehr weitgehend die in der Nation allgemein verbreitete Ansicht, dass dieses >Zweiparteiensystem< angemessene Möglichkeiten biete, um die demokratischen Rechte im wesentlichen zu schützen.‘

Da Browder den Kapitalismus, die Klassenzusammenarbeit und das Zweiparteiensystem ak-zeptierte und den nationalen Befreiungskampf des Negervolkes preisgab, war es nur logisch, dass er die Kommunistische Partei für überflüssig hielt. So beantragte er ihre Auflösung und die Gründung einer kommunistischen Schulungsorganisation. Diese Organisation sollte bei Wahlen keine eigenen Kandidaten aufstellen und ‚überparteilichen Charakter‘ tragen. Sie sollte unter den Massen weiterhin im Sinne des ‚Marxismus‘ arbeiten. Vom Leninismus, dem Marxismus unserer Zeit, war überhaupt nicht mehr die Rede.“

So weit also die Kennzeichnung der Theorien und der Praxis Browders durch W. Z. Foster.

Und so werden wir von Kießling über den gleichen Gegenstand unterrichtet: „Browder fand die (Teheraner) Erklärung augenblicks- und zweckbedingt und blauäugig. Er, der nicht nur sein Land und die imperialen Bestrebungen der USA genau kannte, sondern auch die Wirtschaft, den Staat und die Partei der Sowjetunion und das Streben Stalins, die Sowjetunion rein machtpo-litisch durch die Annexion fremder Territorien, wie im Falle Polens, Finnlands, des Baltikums und auf dem Balkan zu erweitern und dies als sozialistische Siege, als Volksrevolution hin-zustellen, dachte darüber nach, was denn tatsächlich getan werden müsste, um die Teheraner Erklärung nicht nur aus der Sicht einer der beiden Seiten realisierbar zu machen. “ (S. 100).

Mit dieser Passage hat Kießling nicht nur seinen eigenen revisionistischen Antisowjetismus, sondern auch den seines Helden Browder deutlich gemacht. Aber lesen wir weiter: „Brow-der…war verantwortlich für die kommunistische Partei im ökonomisch und militärisch stärksten kapitalistischen Land in der kommenden Welt nach Hitler. Und er war bereit, sich dieser Verantwortung schon jetzt zu stellen und nicht auf Richtlinien aus Moskau zu warten, die, das hatten seine Erfahrungen mit der Komintern gezeigt, immer im sowjetstaatlichen Interesse und nicht unter dem nationalen Aspekt der USA-Kommunisten gegeben wurden. Browder ließ sich nicht mehr davon täuschen, dass russischer Nationalismus als proletarischer Internationalismus deklariert wird. “

Was hinter der Berufung auf „nationale Aspekte“ bei Revisionisten in Wahrheit steckt, das hatte Wolfgang Kießling, als er noch Mitarbeiter im Institut für Marxismus-Leninismus des ZK der SED war, im Neuen Deutschland vom 6. September 1968 in einem Artikel, überschrieben „Nationalismus als .Sprengmittel'“, sehr treffend gegen die „Prager Reformer“ zu sagen gewusst: „Die Revisionisten und die Konterrevolutionäre unserer Tage wollen aus dem Gedächtnis der Völker streichen, dass dank der Sowjetunion die staatliche Unabhängigkeit der Tschechoslowakei und anderer Länder wiederhergestellt wurde… Wenn das Gift des Nationa-lismus in das Bewusstsein führender Funktionäre eines sozialistischen Staates dringt, wenn kleinbürgerlich-nationale Beschränktheit auf die Staatspolitik Einfluss gewinnt, dann werden dem äußeren Imperialismus und der inneren Konterrevolution Chancen geboten. Nicht von ungefähr hat Lenin die Notwendigkeit des ‚ unversöhnlichen Kampfes gegen die Verseuchung des Proletariats mit bürgerlichem Nationalismus, und sei es auch in seiner verfeinertsten Form‘, hervorgehoben. “

Inzwischen hatte Kießling die Front gewechselt und war zum Bewunderer eines Browder geworden und konnte daher dessen Artikulationsprobleme voll nachempfinden: „Die größte Schwierigkeit“, schrieb er in seinem Buche, „war für ihn, die heiklen Probleme öffentlich zu machen und sie so darzulegen, dass er weder in den USA noch in der Sowjetunion missver-standen werden könnte.“ (S. 100). Das ist die Schwierigkeit, vor der alle „Re-form-kommunisten“, von Tito über Chruschtschow und Gorbatschow, bis zum heutigen Tage ebenso stehen wie die „Reformsozialisten“, nämlich, ihren Übergang vom Kampf für den So-zialismus und gegen den Kapitalismus zum Verrat am Sozialismus und zur Verteidigung des Kapitalismus „so darzulegen,“ dass er für die einfachen Mitglieder und Sympathisanten nicht als Verrat und Frontwechsel zu erkennen ist.

Browder ist das zeitweilig hervorragend gelungen. Wie schon bei Foster zu erfahren war, hielt Browder am 7. Januar 1944 vor etwa 500 Parteifunktionären eine Rede, in der er seine Thesen über die Bedeutung der Teheraner Deklaration entwickelte. (23) Drei Tage später, am 10. Januar 1944, hielt Browder eine Rede auf einer New Yorker Großkundgebung, in der er schon sehr viel weiter ging, – was Kießling als großen Fortschritt lobte: „Sensationell war seine Schlussfolgerung für die KPUSA, für deren Organisationsaufbau und ihren politischen Auf-trag….Browder schlug vor, die kommunistische Organisation solle aufhören, sich als Partei zu bezeichnen und statt dessen einen Namen führen, ‚ der ihre Rolle als Teil einer größeren Einheit der Nation besser kennzeichnen wird, einen Namen wie Communist Political Association (Kommunistische Politische Vereinigung)'“. (S. 101).

Aber auch andere Bestandteile seiner Ideen konnte man – als Ideen eines Führers der Kom-munisten der USA – „sensationell“ nennen, nämlich seine Sorge um den Absatz überschüssiger Waren und überschüssigen Kapitals der „amerikanischen Geschäftswelt“, die er mit folgenden Worten zum Ausdruck gebracht hat: „Wenn der Krieg beendet ist, werden Europa und Asien mehr als je nach amerikanischen Waren und amerikanischem Kapital hungern….Die Aussichten auf Export und Kapitalanlagen für die amerikanische Geschäftswelt stehen im direkten Verhältnis zur Erfüllung des Programms von Teheran“. Kießlings Kommentar zu diesen Browder-Ideen: „Ohne von sowjetischer Seite danach gefragt worden zu sein, gab ihr der amerikanische Internationalist (?!) Earl Browder noch vor Kriegsende indirekt die Empfeh-lung,..zum Wiederaufbau ihres zerstörten Landes amerikanische Kredite aufzunehmen.. “ (S. 102 f.). Über die Aufnahme von Browders vorweggenommenen Perestroika-Ideen berichtet Kießling:. „Auf dem XII. Parteitag der KPUSA im Mai 1944 wurden Browders Vorschläge angenommen und die Arbeit unter dem neuen Namen und mit veränderter Organisationsstruktur weitergeführt. Die Kommunistische Vereinigung in den USA hatte sich von den Prinzipien einer marxistisch-leninistischen Partei Stalinscher Prägung gelöst. Der ‚demokratische Zentralismus‘ mit seinen diktatorischen Vollmachten der Führung auf allen Ebenen und die an der KPdSU orientierte Ausrichtung der Einheit und Reinheit der Parteiideologie waren aufgehoben…. In seiner Rede vom 10. Januar hatte Browder gesagt: ‚Der Kapitalismus und der Sozialismus haben begonnen, den Weg zum friedlichen Nebeneinanderleben und zur Zusammenarbeit in der gleichen Welt zu finden, ohne dass einer den anderen fürchtet. Wenn man daran denkt, dass es diese dauernde Furcht voreinander war, die Feindseligkeit von dem Augenblick an schuf, als die Sowjetunion errichtet wurde, dann überragt die neue Ära der Verständigung, die mit Teheran eröffnet wurde, alle anderen in der Geschichte…. Denn was wäre die Alternative zu Teheran? Es wäre eine dunkle, unsichere Zukunft, die unvermeidlich zu Bürgerkrieg und zu internationalen Kriegen fuhren würde. “ (S. 101.)

Wer sich noch an die Reden Chruschtschows und Gorbatschows erinnert, der wird sofort er-kennen, dass Browder schon geschickt jenes demagogisch benutzte Hauptmotiv zur Gewinnung der Sympathie und des Vertrauens der Massen erklingen ließ, das auch diese beiden so virtuos zu spielen wussten, dass sie von den Massen zunächst begeistert als Friedensbringer gefeiert wurden – das Motiv: „Nie wieder Krieg! Frieden für immer!“ Damit hatte Browder zunächst einen durchschlagenden Erfolg. Vergeblich unterzog Foster bereits am 20.Januar 1944 in einem Brief an das Nationalkomitee der Partei Browders opportunistische Ansichten auf außen- und innenpolitischen Gebiet einer scharfen Kritik und kennzeichnete deren Kerngehalt wie folgt: „In dieser Darstellung verschwindet der amerikanische Imperialismus praktisch, vom Klassenkampf bleibt kaum noch eine Spur, und der Sozialismus spielt praktisch überhaupt keine Rolle. “ (24)
Seit 1956, dem Erscheinen des Buches von Foster in der DDR, konnte jeder Interessierte in unserem Lande, und musste ein Historiker des führenden wissenschaftlichen Instituts der SED, wie Kießling, der sich mit der Geschichte der Kommunistischen Partei der USA beschäftigte, wissen, dass der Vorsitzende der KP der USA, Foster, entschieden und scharf gegen die Aus-führungen des Generalsekretärs Browder schon unmittelbar nach Browders Reden im Ja-nuar 1944 Stellung genommen hat. Kießling aber scheint das bei seinen Studien völlig ent-gangen zu sein; denn: nicht nur, dass er davon nichts berichtet, nein, er schreibt ausdrücklich: „Wie die überwältigende Mehrheit der amerikanischen Kommunisten, ihr Landesvorsitzender William Foster inbegriffen, der später unter Druck von außen widerrief, stimmten ihnen Field zu..(S.103) … Doch Browders Glück währte nicht lange. Der Gegenschlag kam nicht aus Moskau und nicht aus New York. Er kam im April 1945 aus Paris,, mit einem Artikel ‚Über die Auflösung der Kommunistischen Partei der USA‘ von Jaques Duclos in den ‚Cahiers du Communisme‘.

Wie ein altgedienter Profi in Sachen Antikommunismus fügt dem Kießling hinzu: „Die KPdSU hütete sich, selbst auf den Plan zu treten“. … William Foster bedankte sich bei Duclos für die Hilfe bei der Befreiung vom ‚politischen Gift‘ und sprach nun selbst von Browders ‚destruk-tivem Revisionismus‘. (S.106. Hervorhebung en von mir, K.G.) Das ist eine unglaubliche, wissentliche Entstellung der Wahrheit, also eine bewusste Lüge . Denn: aus Fosters Buch hätte Kießling – wenn er es gelesen hätte, wie es sich für einen Partei-Wissenschaftler gehört, der sich mit der Geschichte der Bruderpartei der USA beschäftigt -, ersehen können, dass Jaques Duclos sich in seinem Artikel gegen Browder ausdrücklich auf den zitierten Brief Fosters an das Nationalkomitee berief. Und wenn er diese Tatsache nicht aus dem Buche von Foster kennengelernt hat, dann aber mit Sicherheit aus dem Artikel von Duclos selbst, den er gelesen hat und immerhin mit den Worten zitiert: „Duclos nannte damals Browders ‚politischen Kurs … eine gefährliche Abweichung von der siegreichen marxistisch-leninistischen Lehre‘.“ (S.106). So also geht Kießling, der „Kämpfer gegen die Verfälschung der Wahrheit“, selbst mit der historischen Wahrheit um!

Bei Foster lesen wir, wie es sich wirklich zugetragen hat: „Die Parteimitgliedschaft hatte der revisionistischen Teheran-Politik Browders von Anfang an ohne rechte Überzeugung zuges-timmt. Es dauerte nicht lange, bis diese Unsicherheit sich zu Zweifel und Opposition steigerte. Dieser Stimmungsumschwung beruhte vor allem auf der Tatsache, dass der Verlauf der Ereignisse in Amerika und in der Welt sehr bald erkennen ließ, wie falsch Browders ganze Linie war. … Die bedrohliche innen- und außenpolitische Situation rief in der Communist Political Association wachsende Zweifel hinsichtlich ihrer politischen Linie hervor. Sie fanden ihren Niederschlag im Politischen Ausschuss. Eugene Dennis wies darauf hin, dass nach dem Kriege in den Vereinigten Staaten kein Klassenfrieden, sondern heftige Kämpfe zu erwarten seien. … Foster unterstützte alle diese Zweifel hinsichtlich der Richtigkeit der Parteilinie und benutzte jede Gelegenheit, Browders Politik zu kritisieren und ihre Fehler aufzudecken.. Daher traf Browder alle erforderlichen Maßnahmen, um Foster in naher Zukunft auszuschließen.

… Während sich so die internationale Lage rasch veränderte, veröffentlichte Jaques Duclos, der Sekretär der Kommunistischen Partei Frankreichs, im April 1945 in der französischen Zeitschrift ‚Cahiers du Communisme‘ einen Artikel, in dem er gegen Browders Politik heftig zu Felde zog. Duclos wurde zu diesem Artikel vor allem dadurch veranlasst, dass kurz vorher in der kommunistischen Zeitschrift ‚France Nouvelle‘ ein Artikel erschienen war, der Browders Politik in den Himmel hob. Dazu kam, dass die auf Browders Initiative erfolgte Auflösung der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten liquidatorische Tendenzen in der Kommu-nis-tischen Partei Frankreichs ermutigte.

In seinem Artikel gab Duclos eine ausführliche Darstellung der Browderschen Politik und stellte ihr umfangreiche Zitate aus dem Schreiben Fosters an das Nationalkomitee gegenüber. (Hervorhebung von mir, K.G.) Daraus zog Duclos eigene Schlüsse und erklärte: ‚Wir finden hier bei Browder und seinen Anhängern eine offensichtliche Revision des Marxismus, einen Revisionismus, der in der Vorstellung zum Ausdruck kommt, dass in den Vereinigten Staaten der Klassenfrieden auf lange Zeit gesichert sei, dass in der Zeit nach dem Kriege der Klassenkampf verhindert und die Harmonie zwischen Kapital und Arbeit hergestellt werden könne.‘ Er verurteilte Browder wegen seiner falschen Darstellung der diplomatischen Erklärung von Teheran als ‚eines politischen Programms des Klassenfriedens‘ und verdammte die Auflösung der Kommunistischen Partei in Grund und Boden.. ‚Nichts‘, so erklärte er, ‚rechtfertigt die Auf-lösung der Kommunistischen Partei Amerikas.‘ Im Gegenteil, die Lage‘ setzt die Existenz einer starken Kommunistischen Partei voraus.‘

Der Duclos-Artikel wirkte elektrisierend auf die Communist Political Association. Er brachte die sich bereits entwickelnde Opposition gegen Browders Politik schnell zur Reife. Innerhalb weniger Wochen wandte sich die gesamte Partei, von den Ortsgruppen bis zum Politischen Ausschuss, fast einmütig gegen den Teheran-Opportunismus. … So …erleichterte Duclos durch seinen berühmten Artikel die Zerschlagung des Browderschen Opportunismus erheblich, und dafür ist die Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten Jaques Duclos und der kom-munistischen Partei Frankreichs zu tiefem Dank verpflichtet.

Am 20. Mai 1945 erhielt die Communist Political Association ein Exemplar des Artikels von Duclos. Im Politischen Ausschuss wurde sofort eine Diskussion über den Artikel eröffnet. Die gesamte Politik des Vereins wurde alsbald einer sorgfältigen Prüfung unterzogen mit dem Ergebnis, dass Browders Kurs von einer Zweidrittelmehrheit im Ausschuss abgelehnt wurde. Bald darauf herrschte im Ausschuss volle Einmütigkeit gegen Browder. Von seiner eigenen Unfehlbarkeit durchdrungen und ohne jede Spur von Selbstkritik beharrte Browder auf seinem Standpunkt, obgleich er damit offensichtlich Schiffbruch erlitten hatte. Folglich wurde er einige Tage danach seines Postens als Generalsekretär enthoben, und an seine Stelle trat ein dreiköpfiges Sekretariat, in das William Z. Foster, Eugene Dennis und John Williamson gewählt wurden..

Vom 18. bis 20.Juni tagte das Nationalkomitee. Es brachte die praktisch einmütige Stimmung der Mitgliedschaft zum Ausdruck, indem es Browders Kurs einstimmig verurteilte, dem Duc-los-Artikel zustimmte, sich geschlossen hinter Fosters früheres Schreiben an das Nationalkomitee stellte und den Entwurf einer neuen politischen Resolution annahm. Es bestätigte auch die endgültige Absetzung Browders als Generalsekretär und berief für die Zeit vom 26. bis 28. Juli einen außerordentlichen Parteitag nach New York City ein..

Der außerordentliche (XIII.) Parteitag billigte einmütig die vom Politischen Ausschuss und vom Nationalkomitee getroffenen Maßnahmen. Der Parteitag übte schärfste Selbstkritik bezüglich des schweren Fehlers,, den die Partei dadurch begangen hatte, dass sie dem Revisionismus Browders zum Opfer gefallen war. In diesem Zusammenhang erklärte der Parteitag: ‚Die Quelle unserer früheren revisionistischen Fehler ist in dem ständigen Druck der bürgerlichen Ideologie und des bürgerlichen Einflusses auf die Arbeiterklasse zu suchen.‘ Der Parteitag ging daran, die Partei gründlich vom Browderschen Revisionismus zu säubern und ihr wieder eine feste marxistisch-leninistische Basis zu geben. Der Verein wurde aufgelöst und die Kommunistische Partei neu konstituiert.“ (S.616-620).

Zum Vorsitzenden der Partei wurde wieder William Z. Foster gewählt. Ich habe diese Schil-derung Fosters aus einem doppelten Grunde so ausführlich wiedergegeben: zum einen als Beleg für meine Feststellung der bewussten Entstellung der Wahrheit durch Kießling,, zum anderen aber, weil sie uns in einer Zeit, in der die kommunistische Bewegung vor der schwierigen und langwierigen Aufgabe steht, sich von allen Überresten des unter Chruschtschow und Gorbatschow implantierten Revisionismus zu befreien, ein besonders ermutigendes Bei-spiels des erfolgreichen Kampfes gegen den Revisionismus vor Augen führt .

Halten wir aber fest: Kießling selbst sagt unumwunden und findet Worte höchster Anerkennung dafür, dass Browder in seinen Reden und Schriften bewusst und gewollt Gegenkonzeptionen gegen die marxistisch-leninistische Partei-Konzeption und gegen die marxistische Elementar-Erkenntnis vom antagonistischen Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus entwickelte und der Politik der KP der USA zugrunde gelegt hat. Wie man sieht, stellt der „Browderismus“ die amerikanischen Urform des „modernen Revisionismus“ dar.

Wie aber und von wem ist er über den großen Teich in die europäischen Kommunistischen Parteien eingeschleust worden?

 

II. Noel Field und die kommunistische Emigration in Frankreich und der Schweiz

Zur Beantwortung der oben gestellten Frage werde ich mich vor allem auf das Buch von Wolfgang Kießling stützen. Das macht es allerdings notwendig, vorher etwas über dessen Verfasser und darüber zu sagen, weshalb er dieses Buch geschrieben hat. Dieses Buch ist eine Verteidigungsschrift für Noel Field und alle, die wegen Kontakten zu ihm und zu seinem Bruder Hermann Field in den sozialistischen Ländern angeklagt, verurteilt oder Untersu-chungsverfahren unterworfen wurden, und es ist zugleich eine Anklageschrift gegen ihre Ankläger in den Verfahren gegen sie.

 

1. Die Prozesse gegen Raik und Slansky zur Rolle Noel und Hermann Fields

Diese Verfahren waren als erstes der Rajk-Prozess in Ungarn im September 1949, als zweiter der Kostoff-Prozess in Bulgarien im November/Dezember 1949, als dritter der Slansky-Prozess in der Tschechoslowakei vom November 1952, und die im Anschluss an diese Prozesse in der DDR durchgeführten Untersuchungsverfahren der Zentralen Partei-Kontroll-Kommission (ZPKK) der SED gegen Genossen, die in der Emigration mit Noel oder Hermann Field zu tun gehabt hatten. Zunächst also etwas zu diesen Prozessen.

Im Raik-Prozess sagte der Angeklagte Dr. Tibor Szönyi Folgendes aus: „Mit dem amerikani-schen Geheimdienst knüpfte ich im Herbst 1944 in der Schweiz eine Verbindung an. Während des Krieges hielt ich mich als politischer Emigrant seit Ende 1938 in der Schweiz auf. In der Schweiz befand sich während des Krieges aus den mitteleuropäischen und osteuropäischen Ländern, beinahe aus jedem, eine große Anzahl von politischen Emigranten, unter ihnen auch linkseingestellte kommunistische Gruppen. Unter den links eingestellten politischen Emigranten entfalteten die geheimen Kundschafterorgane Englands und besonders der Vereinigten Staaten bereits im ersten Jahr des Krieges eine sehr aktive Tätigkeit. In der Schweiz war während des Krieges die europäische Zentrale des amerikanischen militärstrategischen Kundschafter-dienstes,, das so genannte Office of Strategie Services, (OSS), dessen Leiter als europäischer Beauftragter Allan Duttes war. Offiziell war Allan Dulles Zugeteilter der Berner amerikanischen Gesandtschaft. Tatsächlich war er der europäische Leiter der OSS. Gegen Ende des Krieges, im letzten Jahr, als es im Sommer schon offenbar wurde, dass ein Teil der osteuropäischen und mitteleuropäischen Länder von den Sowjettruppen befreit wird, stellte der amerikanischen Kundschafterdienst mit Allan Dulles an der Spitze in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit die Aufgabe, dass er aus den dortigen politischen Emigranten, besonders aus links eingestellten kommunistischen Gruppen, Spione eingliedere, mit der Zielsetzung, dass er diese in jenen Gebieten, die von den Sowjettruppen befreit werden, in die Minierarbeit gegen die kommunis-tischen Parteien einstelle. Im Laufe dieser Tätigkeit kam auch ich mit der amerikanischen Spionageorganisation in Verbindung. Der Hauptmithelfer und unmittelbare Mitarbeiter des Allan Dulles in dieser Arbeit, nämlich im Anwerben von Spionen unter den politischen Emig-ranten, war: Noel H. Field, der in der Schweiz offiziell Leiter einer amerikanischen Hilfsorganisation, der unitarischen Hilfsorganisation, Unitarian Service Comitee, tatsächlich aber unmittelbarer Mitarbeiter des Dulles in der Spionageorganisation war. Seine Aufgabe bestand darin, dass er als Leiter der Hilfsorganisation den politischen Emigranten wirtschaftliche Unterstützung und Hilfe zukommen lasse und dadurch mit letzteren eine Verbindung und Freundschaft ausbaue, sowie eine Eingliederungstätigkeit für die amerikanische Spionageorganisation entfalte. “ (25) Im Slansky-Prozess sagte der Beschuldigte Ludvik Frejka aus: „Meine Schuld besteht weiterhin darin, dass ich …in der Zeit des zweiten Weltkrieges Verbindungen… mit dem bedeutenden amerikanischen Spion Hermann Field angeknüpft habe. Field war in dieser Zeit einer der führenden Leute des so genannten Trust Fund in London, welchen die anglo-amerikanischen Imperialisten unter dem Vorwand der Unterstützung der Emigranten gegründet hatten. In Wirklichkeit aber war dieser Trust Fund ein wichtiges Zentrum der anglo-amerikanischen Spionageorganisationen n(26)

2. Die Stellungnahmen der SED zu Noel und Hermann Field

Nach den beiden ersten Prozessen veröffentlichte das ZK der SED und ihre Zentrale Partei-kontrollkomission am 24. August 1950 eine „Erklärung zu den Verbindungen ehemaliger deutscher politischer Emigranten zu dem Leiter des Unitarian Service Committee. Noel H.Field.“ (27) In diesem zwanzigseitigen Dokument wird eine sehr ins Einzelne gehende Darstellung der Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen über die Verbindungen der deut-schen kommunistischen Emigranten zu Noel Field gegeben. In der Erklärung wird u. a. gesagt: „Die Prozesse gegen Rajk und Kostoff …in Ungarn und Bulgarien erbrachten eine Fülle von Beweisen, dass die britischen und amerikanischen Geheimdienste bereits während des zweiten Weltkrieges eine Reihe von Agenten in die illegale Arbeiterbewegung entsandten. In Voraussicht der unvermeidlichen Niederlage Hitlerdeutschlands an der deutsch-sowjetischen Front und unter dem Eindruck des ständig wachsenden Einflusses der Sowjetunion richteten sich ihre Bemühungen vor allem auf eine Zersetzung der kommunistischen Parteien. “ (S.71) An anderer Stelle wird gesagt: „In unserer Partei war es nicht unbekannt, dass eine ganze Reihe deutscher Genossen, die in der Schweiz oder in Frankreich in der Emigration lebten, mit demselben Noel H. Field Beziehungen unterhalten haben. Es war daher notwendig, den Charakter dieser Be-ziehungen zu untersuchen.“ (S.72)
Im Folgenden wird dann die Geschichte der Beziehungen Noel Fields mit deutschen Antifa-schisten sehr detailliert dargestellt. Einleitend heißt es: „Der im Rajk-Prozess genannte Noel H.Field tauchte zum ersten Male gegen Ende des spanischen Bürgerkrieges auf. Als Beamter des State Department der USA gehörte er der internationalen Militärkommission des Völkerbundes an, die gegen Ende 1938 in Bisaura del Ter eine Registrierung derjenigen Angehörigen der Internationalen Brigaden vornahm, die in ihre vom Faschismus beherrschten Heimatländer nicht zurückkehren konnten, (s.a. Kießling, S. 29ff.) Offiziell wurde die Registrierung mit einer Evakuierung dieser Interbrigadisten in demokratische Länder begründet, obgleich der Völkerbund getreu seiner zur Unterstützung Francos betriebenen Nichteinmischungspolitik niemals daran dachte, dieses Versprechen zu verwirklichen. In der Tat erfolgte die Registrierung nur deshalb, um den imperialistischen Spionageorganisationen eine lückenlose Namensliste dieser Interbrigadisten zu verschaffen. Nach Beendigung der Kämpfe in Spanien setzte diese Kommission ihre Tätigkeit teilweise noch in den französischen Lagern Argeles sur Mer und St. Cyprien fort. Zu dieser Zeit hatte sie ihren Sitz in Perpignan, die Registrierungsscheine tragen die Originalunterschrift Noel H. Field, Um die gleiche Zeit betätigte sich sein Bruder Hermann Field bei der Evakuierung der deutschen und tschechoslowakischen Emigranten von der CSR nach England. (Kießling, S. 33 ff.). Auf diese Weise verschafften sich der amerikanische OSS und der britische Intelligence Service umfangreiche personelle Unterlagen über die antifaschistische Emigration und dadurch die fiir ihre Tätigkeit notwendigen Voraussetzungen..

Im Herbst 1939 brachte Hermann Field seinen Bruder Noel in Zürich mit dem Mitglied der Kommunistischen Partei der Schweiz Sally Liebermann in Verbindung. (Kießling, S.34/35). Im Hause des Liebermann verkehrten deutsche kommunistische Emigranten. Hier gelang Noel H. Field der erste Einbruch in die deutsche politische Emigration, indem er feste und dauernde Verbindung zu Bruno Goldhammer aufnahm .

Sein Eindringen in die verschiedensten politischen Emigrationsgruppen vollzog sich stets in der gleichen Art und Weise. Überall wo er auftauchte, verstand er es, sich den Mantel eines Freundes der verfolgten Antifaschisten umzuhängen. Einige sparsame Bemerkungen über seine angebliche große Hilfe für die Interbrigadisten verschafften ihm sofort Freunde.“ (S.72 f)

„Field knüpfte gleichzeitig Verbindungen zu dem später als Trotzkisten ausgeschlossenen damaligen Vorsitzenden der KP der Schweiz, Hofmaier, an. (Kießling,S.39, 43). Als neutrales Land bildete die Schweiz eine ausgezeichnete Ausgangsbasis für die zahlreichen als Wohlfahrt- und Hilfsorganisationen getarnten Spionageorgane der imperialistischen Länder. Von 1940 ab erscheint Field als Leiter des amerikanischen Unitarian Service Committee für die Schweiz und Frankreich. (Kießling, S.38). Von Februar 1941 bis zur Besetzung Südfrankreichs im Novem-ber 1942 unterhielt er in Marseille, 15, Rue Fortune, ein Büro dieser Organisation. Sein Hauptsitz war bereits zu dieser Zeit in Genf im Büro des von Frau Berta Hohermut geleiteten International Emigration Service… Nach der Besetzung Südfrankreichs verlegte er seinen Sitz auch offiziell an diese Stelle. “ (S. 74). (Kießling, S.87).

„Noel H. Field… brachte Bruno Goldhammer mit dem unter dem Namen Dr. Hoffmann an der Charite in Zürich tätigen Dr. Tibor Szönyi zusammen. (Kießling, S.91). … Tibor Szönyi ver-breitete in Fields Auftrag über die Gruppe der österreichischen Emigranten die Theorie… Browders.“ (S.82). (Kießling, S .107.) „Die Zusammenarbeit mit Noel H. Field und der deutschen Emigration trug gegen Ende 1944 bereits antisowjetischen Charakter. Am 19. April 1944 hatte die bereits erwähnte Verbündete Fields, Frau Berta Hohermuth, in der schweizerischen Landeskonferenz für soziale Arbeit ein Referat über „Schweizerische Nachkriegshilfe für kriegsgeschädigte Länder“ gehalten. (Kießling, S. 113 ff.). Bei der Schilderung der Notlage der durch Kriegsereignisse vertriebenen Menschen bezichtigte sie die Sowjetunion der gleichen Ver-brechen, wie sie der deutsche Faschismus begangen hatte. Das Referat diente der Werbung zur Teilnahme an Kursen zwecks Ausbildung sozialfürsorgerischer Kräfte. Ein solcher Kursus wurde von Field Ende 1944 organisiert und begann im Februar 1945. Obwohl das antisowjetische Programm der „Schweizerischen Nachkriegshilfe für kriegsgeschädigte Länder“ bekannt war, nahmen Bruno Goldhammer und Frau sowie Hans Teubner an diesem Kursus teil. “ (S. 84).

Nach dem Slansky-Prozess fasste das ZK der SED am 20.Dezember 1952 einen zweite Be-schluss: „Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slansky“, und auf der 13. Tagung des ZK der SED, die am 13. und 14. Mai 1953 stattfand, hielt Hermann Matern ein Referat „Über die Durchführung des Beschlusses des ZK der SED ‚Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slansky'“, zu dem am 14. Mai auch ein Beschluss gefasst wurde. In diesem Beschluss wird gesagt: „In der deutschen Emigration sind viele Genossen mit den als Unterstützungsorganisationen getarnten Spionageeinrichtungen in Berührung gekommen. Das heißt natürlich nicht, dass diese Parteimitglieder allein dadurch zu Feinden geworden sind. Wo sich jedoch in der Tätigkeit von Parteimitgliedern nach 1945 Erscheinungen feindlicher Arbeit zeigen, muss man alle Berührungspunkte aus der Vergangenheit besonders sorgfältig prüfen.“ (Matern, S.42).

Im Beschluss vom 20. Dezember 1952 werden Versuche Fields geschildert, nach dem Sieg über den Faschismus in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone die alten Verbindungen weiterzuführen und selbst dort Fuß zu fassen. Dazu heißt es u.a.: „Er versuchte mehrmals Listen von Opfern des Faschismus zu erhalten und wandte sich deshalb an das Zentralsekretariat der SED. Da er hier jedoch abgewiesen wurde, knüpfte er durch fingierte Telefonanrufe eine Verbindung zum Berliner Hauptausschuss der Opfer des Faschismus an, wo es ihm tatsächlich gelang, nach mehreren Besprechungen eine Liste mit 25 Namen zu erhalten. Seine persönlichen und schriftlichen Verbindungen in Berlin und anderen Orten Deutschlands liefen bis zum Frühjahr 1949. Mehrmals versuchte er, Erika Glaser in der Leipziger Universität unterzub-ringen. Im Jahre 1948 hatte er eine längere Besprechung mit Leo Bauer, der sich in der Folge lebhaft dafür verwandte, Field, Erika Glaser und deren Mann Bob Wallach, ebenfalls ein Offizier des OSS, in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands zu einer Anstellung zu verhelfen. Auch Paul Merker bemühte sich in ähnlicher Weise und schlug im Jahre 1948 Noel H. Field als Dozenten für außenpolitische Fragen an der Universität Leipzig vor.“ (S.86)

„Bei der Untersuchung ergab sich, dass eine Reihe von ehemaligen Emigranten der Partei nicht behilflich waren, die Zusammenhänge einwandfrei zu klären. …Sie gaben nach dem Rajk-Prozess der Partei keine Mitteilung über ihre Beziehungen zu Noel H. Field, sondern mussten erst dazu aufgefordert werden.“ (S. 87)

Dafür einige eindrucksvolle Bestätigungen aus dem Buche Kießlings: S.27/28: „Die im Par-teiarchiv liegenden Erinnerungen (Paul Merkers) sind bezüglich Noel Fields ohne Wert. Deutlich gesagt, in den Jahren 1965 bis 1968, als Merker an seinen Memoiren für das Parteiarchiv schrieb, gab er mir das zu Protokoll, was er dort verschwieg. “ Kießlings entschuldigende Erklärung dafür: Merker habe „den Lügen der Vernehmer, deren Auftrag darin bestand, ihn dem Henker auszuliefern, nur die eigene Lüge entgegensetzen“ können.

Es ging damals aber darum, Klarheit zu schaffen darüber, wie weit es den imperialistischen Geheimdiensten gelungen war, in die kommunistische Parteien einzudringen und sich dort Stützpunkte zu schaffen. Wer sich nicht selbst darauf eingelassen hatte, ein solcher Stützpunkt zu werden, konnte als Kommunist kein anderes Interesse als seine Befrager haben, nämlich, alle möglichen Einbruchsstellen des imperialistischen Gegners aufzudecken! Doch weiter bei Kießling. Über das Verhalten eines Genossen – Hans Teubner -, der in der Schweiz eng mit Paul Merker und Noel Field zusammengearbeitet hatte, nach Kießlings Zeugnis (S. 232) Browder bewunderte und dessen bereits zitierten revisionistischen, antisowjetischen Ansichten nicht nur voll zustimmte, sondern für deren Verbreitung unter den kommunistischen Emigranten sorgte, ist bei Kießling zu lesen:

„Auffallend ist, dass Teubner nach der Rückkehr aus dem Exil in seinen Personalpapieren und auch 1975 in seinem Buch den mehr als anderthalbjährigen Aufenthalt in Brissago zu ver-schleiern suchte und den Eindruck erweckte, er wäre mit den anderen von Gordola nach Brassecourt gegangen. Sogar die Zentrale Parteikontrollkommision (ZPKK) brachte er am 4.Oktiober 1949 auf diese Fährte. … Diese Falschangabe findet sich auch in der internationalen Literatur. Teubner, der von sich sagte, er habe vor der Partei niemals Geheimnisse, und der die Ehrlichkeit ihr gegenüber als das Grundgesetz eines Genossen ansah, erklärte am 8. Juni 1950 vor der ZPKK: ‚Browder haben wir glatt abgelehnt. Da gab es keine lange Diskussion bei uns‘ (S.232)…. Zwischen Teubner und Field hatte es ein nützliches Zusammenspiel gegeben. …Ihre Korrespondenz der Jahre 1943/44 ist verloren gegangen. (Verloren gegangen??): Teubner hat, als er 1949 in Bedrängnis geriet, Fields Briefe vernichtet. In seinem Schweizbuch von 1975 stehen beider Namen in keinem Zusammenhang. Der Amerikaner wird lediglich als Briefträger zwischen Bertz und Merker und in seiner karitativen Funktion benannt. (S.234). Und schließlich noch dies: „Auf die Frage, wann er – (Teubner) – Field erstmals begegnete, antwortete er von Anfang an und blieb dabei: ‚In der Sozialen Frauenschule in Zürich, …d.h. frühestens im Januar 1945, als die von Field vermittelte partielle Zusammenarbeit deutscher Kommunisten mit Vertretern der Berner US-Mission bereits angelaufen war – auch mit dem von Allan Dulles geleiteten Nachrichtendienst, dem Office of Strategie Service (OSS), der bis April 1945 unter Mitwirkung von Erica Glaser rund 50 deutsche Genossen, zum Teil bewaffnet und mit Funkgeräten ausgerüstet, aus Frankreich über die Schweiz oder direkt von der Schweiz nach Deutschland schleuste. Es gelang Teubner, der ZPKK zu verbergen, dass er es war, der am Lago Maggiore mit Field die Grundlinie dieser Zusammenarbeit vereinbart hatte.“ (S.237).

Die Genossen der Parteiführung hatten also allen Grund zu der Schlussfolgerung, dass jene Genossen, die mit der Wahrheit zurückhielten, sich Noel Field, dem Mitarbeiter von Allan Dulles, stärker verpflichtet fühlten als der Partei, zu deren Führung sie gehörten, und dass sie deshalb in Führungspositionen der Partei nicht mehr tragbar waren. Im Abschnitt „Schluss-folgerungen“ des Beschlusses hieß es denn auch: “ Spionageorganisationen handeln stets nach dem Grundsatz, einmal in ihre Netze geratene Menschen nicht mehr loszulassen. Daher können besonders die nach 1945 unterhaltenen Beziehungen nicht bagatellisiert werden. Die am engsten mit Field verbundenen Paul Merker, Leo Bauer,… haben dem Klassenfeind in umfangreicher Weise Hilfe geleistet und werden aus der Partei ausgeschlossen.“ Andere Genossen, „deren Beziehungen zu Field ebenfalls sehr eng -waren, deren Tätigkeit aber nur zu einer mittelbaren Unterstützung des Klassenfeindes führte, werden aller ihrer Funktionen enthoben.“ (S.88).

Im Slansky-Prozess kamen zusätzlich neue Namen deutscher Emigranten zur Sprache, die mit Field in der Emigration in Verbindung gestanden hatten. Dazu wurde in einem Beschluss des ZK der SED vom 20. Dezember 1952 über „Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwö-rer-zentrum Slansky“ Stellung genommen. Diesem ganzen Komplex war auch ein Hauptpunkt der Tagesordnung der 13. ZK-Tagung der SED (13.-14. Mai 1953) gewidmet. Das Referat dazu hielt Hermann Matern. Er wiederholte noch einmal, was schon im Beschluss von 1950 als Erkenntnisse aus den Prozessen gewonnen worden war, – was man aber heute gar nicht oft genug wieder ins Bewusstsein heben kann, weil es offenbar bei Allzu vielen in tiefe Verges-senheit gefallen ist oder gar ungläubig als stalinistische Erfindung abgetan wird: „Die Prozesse… lehren uns, dass die feindlichen Agenturen auf lange Sicht arbeiten, um Positionen in den kommunistischen und Arbeiterparteien zu erringen. Schon lange vor Beendigung des Weltkrieges war ihnen klar, dass die von der Sowjetarmee befreiten Völker einen antiimperialistischen Weg einschlagen würden und dass die kommunistischen und Arbeiterparteien die führenden Kräfte dabei sein werden. Deshalb haben der angloamerikanische Imperialismus und seine Spionagedienste schon frühzeitig begonnen, geeignete Elemente zu bearbeiten und als Agenten zu werben, um sie in führende Positionen der kommunistischen und Arbeiterparteien in den Ländern der Volksdemokratie zu lancieren. Die Prozesse haben uns gezeigt, wie das den feindlichen Agenturen vorübergehend gelungen ist, wie aber auch die Feinde entdeckt und ihre Absichten zerschlagen wurden. Im Prozess gegen Rajk und Konsorten wurde damals die Rolle des amerikanischen Spions Noel H. Field aufgedeckt.“ (.S. 10) „Wie raffiniert der Feind seine Agenten in die Reihen der kommunistischen und Arbeiterparteien einzubauen versucht, das zeigt besonders die Methode mit dem amerikanischen Agenten Field. In Spanien tritt er als Helfer der Interbrigaden auf. In Frankreich und in der Schweiz hilft er scheinbar den Emigranten. Vorsichtig wird lanciert, dass er Kommunist ist, aber nicht öffentlich auftreten darf. Überall tritt er als Freund und Helfer auf. Um ihn in die Deutsche Demokratische Republik einzubauen, wird er wegen Unterstützung der Kommunisten von seiner amerikanischen Dienststelle entlassen. Um ihm eine Grundlage in der CSR zu schaffen ‚wird er vom unamerikanischen Komitee öffentlich als kommunistischer Agent angeklagt. Zur gleichen Zeit aber erhält er von Allan Dulles, dem Leiter der amerikanischen Spionage, seine konkreten Agentenaufträge.“ (S.27).

 

3. Die Verwandlung des Dulles-Vertrauten Field in ein Opfer Stalins

In den drei Prozessen wurde auch die Rolle Titos als Helfershelfer bei den imperialistischen Bemühungen zur Unterminierung der sozialistischen Staaten aufgedeckt. Das kam einer Schutzimpfung der kommunistischen Bewegung gegen den Revisionismus-Virus gleich. Die Wirkung dieser Schutzimpfung wurde jedoch 1955 zunichte gemacht durch die bereits erwähnte Aussöhnung Chruschtschows mit Tito. Im Gefolge dieser Totalrehabilitierung Titos und der mit dem XX. Parteitag der KPdSU eingeleiteten „Entstalinisierung und Liberalisierung“ wurden, wie John Foster Dulles so zufrieden und zukunftsgewiss konstatiert hatte, die Kräfte freigesetzt, von denen er völlig zu recht die Zerstörung der sozialistischen Ordnung erwartete, falls ihnen nicht Einhalt geboten wurde. Zu dieser „Entstalinisierung“ und „Liberalisierung“ gehörte auch die Rehabilitierung der Brüder Noel und Hermann Field und aller der in den genannten Prozessen wegen ihrer Verbindung und Zusammenarbeit mit diesen beiden Verur-teilten.

Dem von der Chruschtschow-Führung in dieser Richtung ausgeübten Druck nachgebend wurden auch alle in den Jahren 1949 bis 1955 in der DDR wegen ihrer Verbindungen zu Field Verurteilten oder ihrer Funktionen Enthobenen pauschal rehabilitiert. Dass diese Rehabi-li-tierungen indessen nicht das Ergebnis durch neue Nachforschungen gewonnener Erkenn-tnisse, sondern der „Wünsche“ aus Moskau waren, das konnte in der DDR, wer erfahren genug war, schon daran erkennen, dass die solcherart Rehabilitierten nicht in ihre alten Funktionen wiedereingesetzt wurden. Für nicht wenige andere aber erschienen die Rehabilitierten als Kommunisten, denen böses Unrecht geschehen war, das einige sogar in den Selbstmord ge-trieben hätte; ein Unrecht, das aber durch die Rehabilitierung nur ungenügend wieder gutge-macht worden wäre, eben weil den Betreffenden offenkundig verwehrt wurde, in ihre früheren Funktionen wieder zurückzukehren. So sah das wohl auch Wolfgang Kießling. (28)

 

III. Wolfgang Kießling und die historische Wahrheit im Falle Merker, Browder und Field

Als er die oben erwähnte Erklärung des ZK der SED vom August 1950 in der Presse las, war Kießling ein junger Lehrer von 21 Jahren an der Schule eines Erzgebirgsdorfes. (S.9) Damals hatte er sicherlich keinen Zweifel daran, das die Beschuldigungen gegen Field und die deutschen Kommunisten, an erster Stelle Paul Merker, die in der Emigration mit Field zusammengearbeitet hatten, zutrafen. Als er dann aber 1956 im Alter von 27 Jahren lernen musste, dass die damaligen Beschuldigungen zurückgenommen und die Beschuldigten rehabilitiert bzw. aus der Haft entlassen wurden, weil sich die Vorwürfe gegen sie als unberechtigt erwiesen hätten, wurde wahrscheinlich schon der Grund dafür gelegt, dass er später seine Aufgabe darin sah, als Anwalt der zu Unrecht verfolgten Field, Merker und anderer, mit vielen Veröffentlichungen aufzutreten. Der entscheidende Anstoß dafür war aber, wie er selbst in seinem Buch berichtet, dass er 1965 die persönliche Bekanntschaft Paul Merkers machte. Er – Kießling – war damals als Redakteur in der zum Institut für Marxismus-Leninismus (IML) des ZK der SED gehörenden Redaktion der Zeitschrift „Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung“ (BzG) tätig.

Paul Merker – im Sommer 1950 aus der SED ausgeschlossen, vom November 1952 bis März 1955 in Untersuchungshaft, am 30. März 1955 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, – wurde im Ja-nuar 1956 aus der Haft entlassen. (S.277 f, 337)

Kießling, der an seiner Dissertation über das Thema der Bewegung „Freies Deutschland“ in Mexiko arbeitete, befragte dazu die noch erreichbaren seinerzeit dort tätigen Emigranten als Zeitzeugen, also auch Paul Merker. (S.9 f.) Kießling war tief beeindruckt von der Persönlichkeit Merkers und von dessen Berichten über seine vielseitigen Aktivitäten als Führungskader der KPD und der Komintern, vielleicht noch tiefer betroffen darüber, welches Unrecht an Merker, Field und so vielen anderen Unschuldigen – Paul Merkers Berichten zufolge – verübt worden war; Berichte, an deren Wahrheitsgehalt er nicht zweifelte – wie sollte er auch, hatte doch Chruschtschow, der erste Mann der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, „enthüllt“, dass solches Unrecht die normale Praxis des „stalinistischen Systems“ gewesen sei, und hatte doch die SED-Führung selbst im Falle Merkers erklärt, „dass die ihm zur Last gelegten An-schuldigungen in der Hauptsache politischer Natur“ seien „die eine strafrechtliche Verfolgung nicht rechtfertigen.“ (S.337) Es ist deshalb nicht nur verständlich, sondern spricht durchaus für Kießling, dass er seine künftige Aufgabe darin sah, als Historiker mit seinen Veröffentlichungen den Nachweis für den verleumderischen Charakter der Beschuldigungen und Anklagen gegen die zu Unrecht Beschuldigten zu führen.

So lässt sich denn der Kerninhalt der meisten Nachwende-Veröffentlichungen Kießlings mit den Worten seines Freundes Holger Becker in der „jungen Welt“ in dessen Nachruf-Artikel für den am 1. März 1999 verstorbenen Wolfgang Kießling wiedergeben: „In einer Reihe von Ver-öffent-lichungen arbeitete er heraus, dass es sich hier um Verfolgungen handelte, die der sow-jetische Geheimdienst mit dem Ziel steuerte, die nationalen kommunistischen bzw. sozialistischen Parteien zur widerspruchslosen Befolgung des Moskauer Kurses zu disziplinieren.“ (29)

 

1. Paul Merker findet in Wolfgang Kießling einen Jünger

Die Sache hat jedoch einen fatalen Haken: diese nach dem XX. Parteitag offiziell gewordene und von Kießling unter dem dominierenden Einfluss Merkers übernommene Sicht auf die Dinge hat nichts mit der geschichtlichen Wahrheit zu tun, sondern stellt sie auf den Kopf. Das Schlimme bei Kießling ist nun aber, dass er bei dieser die Wahrheit entstellenden Deutung der Dinge auch dann noch blieb, nachdem ihm die ihr entgegenstehenden und sie widerlegenden Tatsachen bekannt geworden sind – wie aus seinem Buches zu ersehen. Die Seiten seines Buches sind voll von Beispielen des krassen Widerspruches zwischen den angeführten Tatsachen und seiner diesen direkt widersprechenden Deutungen oder aber ihrer einfachen Negierung. An einem einzigen Musterbeispiel sei dies an dieser Stelle als ein Fall von vielen vorgeführt:

„Ich (Kießling).fragte Merker, worauf sich der am 1.September 1950 im ‚ND‘ nachzulesende Vorwurf des ZK und der ZPKK stützte, er habe‘ kein Verständnis für den Abschluss des deutsch-sowjetischen Paktes 1939′ gezeigt…Merker antwortete: ‚Dass ich kein Verständnis für den Pakt gehabt hätte, basiert auf einer Aussage Anton Ackermanns, die er im Mai 1940 gegenüber Pieck und Ulbricht, möglicherweise auch vor speziellen sowjetischen Dienststellen gemacht hat…‘ Weiter sagte mir Merker zu seinem angeblichen Unverständnis für den Pakt von 1939: ‚Ende August 1950 …verlangte Herta Geffke von mir umgehend eine schriftliche Stellungnahme zu der ihr vorliegenden Aussage eines Genossen,… dass ich mich in einer Sekretariatssitzung in Paris gegen den Pakt gestellt hätte. Ich gab es ihr schwarz auf weiß: >Ich habe niemals eine falsche Auffassung zum Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion gehabt. Es hat keine Besprechung in Paris stattgefunden, in der ich die mir vorgehaltenen Äußerungen getan habe.<“ (S. 15 f.)

Also: Kießling will uns mit seiner Formulierung vom „angeblichen Unverständnis“ und der anschließend zitierten Aussage Merkers zeigen, dass auch hier Merker zu Unrecht beschuldigt wurde. Auf S.57 aber gibt er uns wieder, was ihm Merker aus seiner Erinnerung über seine Einschätzung des Nichtangriffsvertrages als Leiter der Auslandsleitung der KPD in Frankreich erzählt hatte: „Die neue Phase des Krieges verlangte von uns die Klärung politischer Fragen, die wir an Wilhelm Pieck nicht stellen konnten, weil längst alle Kontakte nach Moskau abgebrochen waren, und die wir ihm nicht hätten stellen wollen, damit er selbst keinen Ärger bekam. Der Abschluss des Paktes zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion war in seinen Folgen für alle kommunistischen Parteien verhängnisvoll. Die Kommunisten konnten nicht mehr unter ihren nationalen Bedingungen arbeiten. Sie waren, und dazu noch unvorbereitet, der höchst zweifelhaften sowjetischen Außenpolitik unterworfen. Wir vom Auslandssekretariat der KPD bekamen dies besonders zu spüren. Der sich in Frankreich verschärfende Antikommunismus war in bestimmtem Maße der Stalinschen Politik geschuldet“ (S.57 f.)

Genau diese Auffassung war Merker von der ZPKK vorgehalten worden, und genau diese geäußert zu haben hatte er entschieden abgestritten. Kießling aber scheint gar nicht zu be-merken, dass er mit der Anführung dieses Merker-Zitats ein Eigentor geschossen hat. Sein eigener als „nur Antistalinismus“ verstandener Antikommunismus ließ ihn den Merkerschen Antisowjetismus als völlig normal und frei von jeder Kritikwürdigkeit erscheinen. Oder richtiger: Für ihn war Merker schon in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre in einem solchen Maße zur unanfechtbaren Quelle der Wahrheit über die Geschichte der Partei und der Emigration ge-worden, dass er nicht nur den Willen, sondern auch die Fähigkeit zu jeder kritischen Betrach-tung und zu jeder Äußerung verlor, die auch nur den leisesten Zweifel am Wahrheitsgehalt der Darstellungen Merkers zu wecken geeignet war. So wurde nach dem Sieg der Konterrevolution nach 1989 aus dem ehemaligen Mitarbeiter des Instituts für Marxismus-Leninismus und DDR-Historiker ein gewendeter Publizist, der mit einer langen Kette von Artikeln im ebenfalls gewendeten ehemaligen Zentralorgan der SED und mit seinem hier genannten Buch über Noel Field wie kaum ein zweiter die Forderung des ehemaligen BRD-Außenministers und Verfas-sungsschutz-Chefs Kinkel bediente, die DDR zu delegitimieren und als „Unrechtsstaat“ nachzuweisen.

2. Noel Field – Kommunist und selbstloser Helfer kommunistischer Emigranten – oder V-Mann von Allan Dulles?

Zur Beantwortung dieser Frage seien hier nochmals in Kürze wichtige Daten des Lebens und Wirkens von Noel Field, deren wichtigste bereits im Dokument der SED aufgezählt wurden, (siehe oben, S. 13-17), zusammengestellt. (Die Angaben nach Kießling, S.28.ff.) Noel Field wurde als Sohn seines in der Schweiz lebenden US-amerikanischen Vaters und seiner aus England stammenden Mutter 1904 in Zürich geboren. Nach dem Tod des Vaters 1921 und nach Noels Abitur 1922 zog Noels Mutter mit ihren drei Kindern in die USA.

Vom Staatsbeamten zum Leiter einer amerikanischen Hilfsorganisation in der Schweiz

Nach einem Jura-Studium an der Harvard-Universität wurde er 1926 Mitarbeiter der Westeu-ropa-Abteilung des US-Außenministeriums, des State Departments. 1936 stieg er zum Vertreter der USA beim Sekretariat des Völkerbundes in Genf auf, wo er auch mit seiner Frau Wohnung nahm. 1938 wurde er einer der Sekretäre der Völkerbundskommission, die in Spanien den Abzug der Interbrigadisten zu kontrollieren hatte. „Seine Tätigkeit begann mit der Erfassung aller ausländischen Soldaten, mit einer Aufstellung von Listen, auf denen sie entsprechend ihrer Nationalität gruppiert waren. “ (S.31) 1939 nahmen die Fields die 17-jährige Erica Glaser in Pflege, weil das Mädchen, an Typhus erkrankt, nicht mit ihren Eltern, – die beide, der Vater als Arzt, die Mutter als Krankenschwester, der spanischen Republik geholfen hatten -, die Flucht nach Frankreich mit antreten konnte. (S.32). Wie sich zeigen sollte, begann mit dieser Hilfe-leistung Noel Fields ein Weg, der Erica Glaser wenige Jahre später geradewegs zu Allan Dulles als dessen Mitarbeiterin im OSS führte.

„Nach der Niederlage der Spanischen Republik lebten die Fields wieder in Vandoeuvres (Vorort von Genf, K. G.). Erica ging in Genf zur Schule. Noel Field war nach wie vor beim Völkerbund beschäftigt und blieb es bis zum 13.Oktober 1940. „Faktisch hatte er für diese Liga der Nationen nichts mehr zu tun. Sein amerikanischer Pass und der Ausweis des Völkerbundes ließen ihn ungehindert die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich passieren und ermöglichten ihm jederzeit, die Internierungslager in Südfrankreich zu besuchen, mit den Flüchtlingen zu sprechen und ihnen in zunehmendem Maße auch zu helfen. “ (S. 32). „Noel Fields Reisen nach Südfrankreich waren im Mai 1940 wegen des Krieges auf französischem Boden plötzlich zu Ende…“ (S.36)

Aber es fand sich bald ein ebenbürtiger Ersatz, der ihm die Möglichkeit bot, seine Kontakte mit den Emigranten verschiedener Nationalitäten nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern noch zu intensivieren. Ihm wurde die Stellung eines Direktors der Marseiller Filiale der von einer christlichen Gruppierung der Unitarier 1940 in Boston ins Leben gerufenen amerikanischen Hilfsorganisation USC – Unitarian Service Committee – angeboten. Die bereits seit dem Herbst 1940 bestehende USC-Vertretung in Lissabon wurde von einem Dr. Robert Dexter geleitet, der nun sein Chef wurde. Ihm werden wir in Bälde in anderer Eigenschaft wieder begegnen.

Wegen seiner neuen Arbeitsstelle zogen die Fields im Frühjahr von Genf nach Marseille, ließen jedoch Erica in der Schweiz zurück.

„Als sich Noel Field in Basel vom Vorsitzenden der Schweizer KP, Karl Hofmaier, verab-schiedete, gab ihm dieser – (unaufgefordert? K.G.) – einen guten Hinweis. Zwei deutsche Ge-nossinnen, Maria Weiterer und Hilda Maddalena, hatten Hofmaier per Postkarte kundgetan, dass sie sich nach mehr als einjähriger Internierung in dem in den Cevennen gelegenen Frauenlager Rieucros nunmehr am Mittelmeer im Hotel Bompard befinden“, das jetzt eine Außenstelle des Marseiller Polizeigefängnisses war. „Sie bekämen Ausgang, um ihre noch ungewisse Ausreise zu betreiben…. Maria Weiterer und Hilda Maddalena waren sehr überrascht, als sie Noel Field im Hotel Bompard besuchte, sie von ihrem Bekannten aus Basel grüßte, sich als Vertreter des Bostoner Unitarian Service Committee in Marseille vorstellte und sie bat, sie möchten ihm behilflich sein, den Not leidenden deutschen Antifaschisten in den Lagern Le Vernet, Rieucros, Gurs und anderswo Lebensmittel sowie den bedürftigen Nichtinternierten soziale und medizinische Betreuung zukommen zu lassen. Ihm ständen dafür genügend Mittel aus Spenden amerikanischer Bürger zur Verfügung. Er brauche Namen und Adressen; denn er müsse der Zentrale garantieren, dass die Solidaritätsgelder tatsächlich diejenigen erreichen, die sie dringend benötigen… Er suche mindestens zwei zuverlässige deutsche Helfer, die sich in Marseille frei bewegen können. “ (S. 36-41).

Die beiden Frauen gingen nicht sofort auf Fields Angebot ein, sondern erst, nachdem Hofmaier auf eine briefliche Anfrage Paul Merkers geantwortet hatte, „Field sei Kommunist, ver-trauenswürdig und absolut zuverlässig. “ (S.43).

„In seinem Büro sagte ihnen Field – (den Helferinnen, die er durch Vermittlung von Maria Weiterer und Hilda Maddalena bekommen hatte, K.G.) -, er sei auf Helfer verschiedener Länder angewiesen. In den Lagern haben sich die Gefangenen in Landsmannschaften zu-sammengeschlossen. Folglich brauche er ungarische, italienische, spanische, jugoslawische, polnische und auch deutsche Helfer, die von den Internierten ihrer Nationalität akzeptiert werden…Field erklärte, wie er sich die Arbeit der beiden deutschen Frauen dachte: Sie suchen sich, da sie persönliche Briefe in die Lager schicken können, …jeweils eine Vertrauensperson, von der sie Namenslisten potentieller Paketempfänger erhalten. Field führte die Frauen in das dem Büro des USC angegliederte Lager. Hier stapelten sich per Schiff aus den USA eingetroffene Waren, vor allem Fleischkonserven, Milchpulver, Reis, Zucker, Teigwaren und Textilien wie Decken, Unterwäsche, Oberhemden und Jacken… Henny Stibi erinnerte sich: ‚… Vier Monate waren wir noch in Marseille. Wir kauften, packten und transportierten.‘ “ (S.46/47).

Als die deutschen Truppen am 10. November 1942 begannen, ganz Frankreich zu besetzen, mussten die Fields fluchtartig Marseille verlassen. Sie kehrten nach Genf zurück und er eröffnete nun hier sein Büro der USC. „Die erzwungene Verlagerung der USC-Arbeit von Marseille nach Genf brachte keine großen Probleme. Die Bankkonten hatte Field sowieso in der Schweiz. Das Lager in Marseille war faktisch leer gewesen… Der tatsächliche Verlust bestand im plötzlichen Abbruch der direkten Kontakte zu seinen Helfern. Aber schon bald, wenn auch nicht im bisherigen Umfang, führte Field die Hilfsaktionen von der Schweiz aus nach Südfrankreich weiter…. Das Büro der USC eröffnete Field in den Räumen des von Berta Hohermuth geleiteten International Emigration Service. “ (S. 86/87).

Just um diese Zeit erhielt Field des Besuch seines Chefs Dexter aus Lissabon. Und was der seinem Untergebenen Field erzählte, schildert uns Kießling so: „Von Robert Dexter, seinem Chef in Lissabon,… erfuhr Field, in den USA sei ein Office of Strategie Services (OSS) geschaffen worden. Es solle Grundlagenstudien für Entscheidungen der politischen und militärischen Führung erarbeiten. Zunächst habe man öffentlich zugängliche Informationen gesammelt und ausgewertet. Nunmehr sei es zentrale Aufgabe, Geheiminformationen zu beschaffen. Geschulte Agenten seien dafür nur bedingt verwendbar. Viel ergiebiger könnte es sein, in neutralen Ländern Europas wie Schweden, Portugal, der Schweiz und der Türkei, zu denen das Deutsche Reich vielfältige Beziehungen unterhält, an Nichtnazis, an Geschäftsleute, Firmenvertreter und Wissenschaftler heranzukommen . Mitarbeiter des OSS bauten unter dem Schutz der Immunität der Gesandtschaft der USA in Bern ihre Europa-Zentrale auf. Robert Dexter wurde in diese Aufgabe einbezogen. Als Chef des OSS für Zentraleuropa war Allan Welsh Dulles vorgesehen. Field kannte ihn, wenn auch nur flüchtig, aus seiner Tätigkeit im State Department. Dulles sollte im November 1942 nach Bern kommen. “ (S. 81/82).

Field nutzte seine Bekanntschaft mit dem kommunistischen Emigranten Leo Bauer dazu, Bauer mit seinem Chef, dem OSS-Mann Dexter, bekannt zu machen.. „Leo Bauer fand es nicht ab-wegig, als ihm Field den Vorschlag machte, sich mit Dexter zu treffen und zu sondieren, ob sie sich gegenseitig nützlich sein könnten. Warum sollte er nicht zu Vertretern der USA, dem Hauptverbündeten der Sowjetunion im Kampf gegen Hitler, in Kontakt treten. In England ließ zur gleichen Zeit die Leitung der KPD-Emigration unter ihren jungen Mitgliedern zum frei-willigen Dienst in der Armee des Gastlandes werben.“ (S.82). Bei einem Treffen Bauers mit Dexter brachte der einen zweiten Mann mit, der Bauer fragte, ob er bereit sei, Aufträge von ihm, also dem OSS, anzunehmen. Bauer zeigte dazu Bereitschaft. (S.82/83). Die Verbindung des OSS zu Bauer war besonders wichtig, weil, wie Paul Merker gegenüber Noel Field einmal geäußert hatte, „der Weg zu Bertz“ – dem in gut geschützter Illegalität in Basel lebenden Leiter der Schweizer Parteiorganisation der KPD – „führe nur über Leo Bauer“. (S.60). Aus Kießlings Schilderung geht also klar hervor – obwohl er das selbst nicht so klar sagt -, dass Field den Kommunisten Leo Bauer dem amerikanischen Geheimdienst OSS zuführte, der ihn mit Erfolg zur Mitarbeit anwarb.

Aber nicht nur Leo Bauer, sondern offenbar auch seine, Fields, Pflegetochter Erica Glaser. Allerdings lässt uns Kießling überraschenderweise völlig im Unklaren darüber, wie der Kontakt Erica Glasers mit dem OSS zustande kam, obwohl er uns sonst mit allen wichtigen Etappen ihrer Entwicklung bekannt macht. Wir erfahren nur ganz beiläufig durch einen Hinweis Kießlings auf eine Äußerung Erica Glasers in ihrem Erinnerungsbuch (Erica Wallach, „Licht um Mitternacht“, München 1969), dass sie bei dem Treffen Leo Bauers mit den OSS-Leuten, bei dem ihm, Leo Bauer, ein Fragebogen des OSS übergeben worden war, ebenfalls zugegen war, (S.83). Wir dürfen daraus schlussfolgern, dass sie selbst damals auch schon etwas mit dem OSS zu tun gehabt hat. Indem Kießling uns vor dieser Passage mitteilt, Erica Glaser „war durch Noel Field mit Leo Bauer bekannt geworden. Sie nannte ihn rückblickend ihren politischen Lehrer und Freund‘, mit dem sie ein sehr enges, ein Liebesverhältnis hatte“, lässt er der Vermutung Raum, es sei wohl Leo Bauer gewesen – also nicht ihr Pflegevater Noel Field -, der sie dem OSS zugeführt hatte.

Einen weiteren – ebenfalls recht undeutlichen – Hinweis darauf, dass Erica Glaser eine enge Beziehung zum OSS hatte, gibt Kießling zwei Seiten weiter: nachdem er darüber berichtete, dass Leo Bauer kurz nach dem Gespräch mit den OSS-Leuten von der Genfer Geheimpolizei mitsamt dem Fragespiegel, den ihm die OSS-Leute übergeben hatten, verhaftet worden war, lesen wir bei ihm auf S.85: „Über Erica legte das OSS Bauer nahe, auf keinen Fall die Quelle des Fragebogens zu nennen. Auf Hilfe des OSS könne er nicht rechnen.“ Daraus darf geschlossen werden, dass Noels Pflegetochter schon zu dieser Zeit eine „inoffizielle Mitarbeiterin“, also eine „IM“ des Allan Dulles war.

Aber erst viele Seiten weiter – auf S. 121 – erfahren wir: Bei den Verhandlungen mit den Amerikanern darüber, deutschen Kommunisten dabei behilflich zu sein, bewaffnet nach Deutschland zu gelangen, um am Kampf gegen Hitler teilzunehmen, „wirkte Erica Glaser mit, die mit Zustimmung der Schweizer KPD-Leitung in den Dienst der OSS getreten war.“ Das aber spielte sich erst Anfang 1945 ab (s. Kießling,. S. 120), die Verhaftung Leo Bauers aber schon im Oktober 1942. Schon damals aber war, wie wir durch Kießling erfuhren, Erica Glaser mit dem OSS liiert; von einer Zustimmung der Schweizer KPD-Leitung dazu hat er an dieser Stelle jedoch nicht gesprochen. Er ließ also – und das sicherlich nicht „aus Versehen“ – im Dunkel, wie es zum ersten Kontakt der Erica Glaser mit dem OSS und zu ihrer Übernahme in die Reihen seiner Mitarbeiter kam. Aber es wäre doch immerhin wichtig zu wissen, wer sie auf den Weg einer Spionin brachte, der dazu führte, dass sie 1950 von einem sowjetischen Militärgericht zum Tode verurteilt, dann zu 15 Jahren Lagerhaft begnadigt wurde und einige Jahre – bis zur Annullierung ihrer Strafe und ihrer Entlassung in den Westen – in Workuta zubringen musste. (Kießling, S.32, 238).

Helfer in zwei Richtungen

Noel Fields Tätigkeit als Chef des Genfer USC erfuhr zwei gänzlich entgegen gesetzte Ein-schätzungen. Seine Beurteilung in den Prozessen von Budapest und Prag und durch die Führung der SED als Helfer von Allan Dulles haben wir schon kennen gelernt; erinnert sei nur an die bereits auf S. 17 wiedergegebene Feststellung Hermann Materns: „Wie raffiniert der Feind seine Agenten in die Reihen der kommunistischen und Arbeiterparteien einzubauen versucht, das zeigt besonders die Methode mit dem amerikanischen Agenten Field.“ Kießling dagegen findet gar nicht genug Worte, um uns Field als einen der edelsten und selbstlosesten Helfer verfolgter kommunistischer Emigranten vorzustellen. In seinem Buch zitiert er – S. 26 – zustimmend einen anderen Autor, der über Field schrieb: „Zweifellos ein empfindsamer, aufrichtiger Idealist – ja, ein guter Mensch … Friede, Gerechtigkeit, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft… bildeten Sinn und Zweck seines Lebens…. War er Kommunist? Zweifellos ja, und dabei ist es gleichgültig, ob er auch formell der Partei beigetreten ist.“ An anderer Stelle – S.51 – gibt Kießling als Äußerung von Paul Merker, Maria Weiterer und Georg Stibi wieder: „Field ist ein guter Mensch, eine Samariterseele. Wir alle wären ärmer ohne solche Menschen.“ Und schließlich zitiert er Paul Merker aus einem Gespräch, das er in den sechziger Jahren mit diesem geführt hatte – ( S. 149) : “ Wir standen tief in seiner Schuld, obwohl Menschlichkeit niemals aufzuwiegen ist… Er hätte Ehrenbürger eines demokratischen Nachkriegsdeutschland werden müssen.“

Welches Field-Porträt trifft zu?

Kießling führt nicht wenige Beispiele von Hilfe Fields für Emigranten an, für die jene, denen er sie erwiesen hatte, ihm gegenüber tiefe Dankbarkeit empfanden und oft lebenslang bewahrten . So sorgte er beispielsweise dafür, dass eine im Polizeigefängnis in Frankreich internierte deutsche Emigrantin, Sophie Marum, die im zum Polizeigefängnis umgewandelten Hotel Bompard in Marseille der Geburt eines Kindes entgegensah, aus dem Gefängnis in ein Heim der Quäker überführt wurde, wo sie ihr Kind – eine Tochter Andrée – unter weniger bedrückenden Um-ständen zur Welt bringen konnte. (Kießling, S. 56). Zu den von Kießling angeführten Beispielen zählt auch das der internierten kommunistischen Emigrantin Maria Weiterer, die der Auslieferung an das faschistische Deutschland dadurch entging, dass ihr dank Fields Hilfe gelang, illegal über die Grenze in die Schweiz zu gelangen. (S.80). Und natürlich waren die von Fields USC geleisteten finanziellen Zuwendungen und die Lebensmittelpakete für die in den Lagern internierten Interbrigadisten eine willkommene Hilfe.

Aber: sind solche Hilfeleistungen etwa ein Beweis dafür, dass es sich bei Field keinesfalls um einen Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes gehandelt haben kann? Natürlich nicht. Davon könnte nur dann die Rede sein, wenn diesen Hilfeleistungen nicht auch andere Tatsachen zur Seite stünden, die auf eine Geheimdienst-Verbindung hinweisen. Ist es doch eine Binsenweisheit, dass, wer in eine feindliche Organisation eindringen will, dies am besten dadurch bewerkstelligt, dass er sich als deren Freund und Sympathisant ausgibt und, um Vertrauen zu erwerben, durch Taten für behauptete Freundschaft auch Beweise liefert. Und welche Taten wären mehr geeignet, solches Vertrauen zu schaffen, als Hilfeleistungen für Menschen in existenziell gefährdeten Situationen?

Im Falle Noel Field nun enthalten nicht nur die Materialien der Prozesse gegen Rajk und Slansky und der Untersuchungen der ZPKK der SED solche Tatsachen über Fields Tätigkeit als Mitarbeiter von Allan Dulles und dessen OSS; nein, auch in Kießlings Buch finden wir Hin-weise auf solche Tatsachen in nicht geringer Zahl, und zudem erstaunliche Widerspräche in Kießlings Ausführungen, mit denen er alle Vorwürfe gegen Field als unbegründet und kons-truiert nachzuweisen sucht.

Field und das USC – Dexter und das OSS des Allan Dulles

Wie wir sahen, war Field, von seiner Dienststelle, dem US-Außenministerium, 1936 zum Völ-kerbund delegiert, ab 1938 als einer der Sekretäre des Völkerbundes mit der listenmäßigen Erfassung der aus Spanien abgezogenen Interbrigadisten beschäftigt. (Kießling, S.31). Dass Zweitschriften der dabei erstellten Listen auch vom State-Department verlangt und ihm geliefert wurden, versteht sich am Rande. Klar war, dass sich unter den darin Aufgelisteten nicht wenige besonders einflussreiche Angehörige der Kommunistischen Parteien aus verschiedenen Ländern, besonders aus Deutschland, befinden mussten, über die Näheres – ihre Funktionen, ihre Ver-bindungen und ihre späteren Aufenthaltsorte und Tätigkeiten – zu wissen für die US-Kommunistenbekämpfer von erstrangigem Interesse war. Man brauchte dazu aber nicht nur Namenslisten, sondern persönliche Kontakte. Die zu bekommen, war unter den gegebenen Umständen ziemlich einfach, waren die Interbrigadisten doch größtenteils in französischen Lagern interniert. Den Weg zu ihnen wiesen die aus der Solidarität linker Organisationen für die Spanienkämpfer und überhaupt für die aus ihren Ländern vertriebenen Antifaschisten ent-standenen Hilfskomitees, wie zum Beispiel das von den Kommunisten der USA ins Leben gerufene „North American Committee to Aid Spanish Democracy“, dessen Leitung der par-teilose New Yorker Chirurg Edward K. Barsky übernommen hatte, (daher auch „Bars-ky-Komitee“).

Es lag nahe, demjenigen, der schon die ersten persönlichen Kontakte mit den Interbrigadisten bei deren listenmäßiger Erfassung gehabt hatte, auch ihre weitere Betreuung (in doppelter Hinsicht) zu übertragen. Eine solche Erklärung für Fields Wechsel seines Arbeitsplatzes vom Völkerbund zum USC ist jedenfalls sehr viel plausibler als die Erklärung, dieser Wechsel sei das Ergebnis gewesen von Fields unbändigem Wunsch, Menschen in Not zu helfen, oder gar das Ergebnis dessen, dass er Kommunist gewesen sei.

Field blieb bis Oktober 1940 als Angehöriger des State Department beim Völkerbund beschäftigt, (Kießling,S.32), danach übernahm er – wie schon erwähnt, (s.o.) die Leitung des Genfer Büros der USC. Darüber, wer ihn für diesen Posten vorgeschlagen hat, stellt Kießling merkwürdigerweise Vermutungen an, ob es der Vertreter des Christlichen Vereins Junger Männer gewesen sei, wie die Field-Biografin Flora Lewis meinte, oder Dr. Edward Barsky, (S.38), obwohl doch die Lösung ziemlich nahe liegt, nämlich: dass dies der Mann war, dessen Untergebener er in der neuen Funktion wurde – Dr. Robert Dexter. Doch es ist verständlich, wenn Kießling bemüht war, nicht den Eindruck großer Nähe Fields zu Dexter aufkommen zu lassen, war der doch, wie schon erwähnt, (s.o., S. 24), ein Mitarbeiter von Allan Dulles beim Aufbau der Europa-Zentrale des USA-Geheimdienstes OSS, dem Vorläufer der CIA, in Bern. Und derselbe Dexter war es, der Field darum bat, ihm zu helfen, Leute ausfindig zu machen, die für die Aufgaben des OSS nützlich sein könnten, woraufhin Field dem Dexter Leo Bauer zuführte. (S. ebenda). Und es kann ja wohl auch nicht gegen den Willen Fields geschehen sein, dass seine Pflegetochter Erica Glaser – zuerst inoffiziell, später dann ganz offiziell – in den Apparat des OSS eingebaut wurde. Übrigens war ihr Mann, Bob Wallach, ebenfalls ein Offizier des OSS, (s. Matern, S.86). Von Kießling wird dieser Mann allerdings überhaupt nicht erwähnt.

Immerhin: Kießling kommt, wie gezeigt, nicht umhin, Tatsachen aufzuführen, die eindeutig beweisen, dass Fields christlich-wohltätiges „Unitarian Service Committee“ mit dem OSS des Allan Dulles zusammenarbeitete. Dagegen verheddert sich Kießling erheblich bei seinen Versuchen, uns Field als überzeugten Kommunisten vorzustellen.

Noel Field – Kommunist oder nicht?

Wir erfahren, dass in den dreißiger Jahren Field Bekanntschaft mit dem damaligen Vorsitzenden der KP der USA, Earl Browder, machte. Kießling dazu: „Fields Gespräche mit Browder und die Lektüre marxistischer Literatur führten dazu, dass er von sich meinte, er sei Kommunist. Eingetragenes Mitglied der KP zu werden und sich am Parteileben zu beteiligen, hätte zum baldigen Ende seiner Laufbahn als Regierungsbeamter geführt. “ (Kießling, S.30).

Auf S. 132 zitiert Kießling sogar aus einer Antwort Paul Merkers auf eine Anfrage Franz Dahlems über Field vom 26. November 1946 – zu dieser Zeit waren beide, Dahlem und Merker, Mitglieder des Parteivorstandes der SED – : „Ich teile nicht die Auffassung der Genossin Anne von Fischer, dass es sich bei Field um einen amerikanischen Agenten handelt. Field gehört der KP Amerikas an. “

In der bereits zitierten Erklärung des ZK und der ZPKK der SED vom 24.August 1950 ist zu der angeblichen KP-Mitgliedschaft Fields jedoch auf S. 85 ausgeführt: „Im Sommer 1945 begab Field sich nach Mexiko, um auch dort die bereits in Marseille angeknüpften Verbindungen wieder aufzunehmen. Paul Merker, der mit ihm dort eine längere Unterredung hatte, trifft der schwere Vorwurf, die Verbindung zu Field wieder aufgenommen zu haben, obgleich das ZK der KP der USA ihm keine Auskunft über Field erteilt hatte. Merker beruhigte sich damit, dass das der KP der USA nahe stehende Barsky-Komitee ebenfalls mit Field in Verbindung stand.“

Kießling ist diese Feststellung keine Beachtung wert, sie wird deshalb in seinem Buche nicht erwähnt. Dafür aber zitiert er nach der Erklärung: „Ich bin mit ihm eins“ aus dem Buche „Schauprozesse“ des Ungarn Georg Hermann Hodos: „War er (Field) Kommunist? Zweifellos ja, und dabei ist es gleichgültig, ob er auch formell der Partei beigetreten ist.“ (Kießling, S.26). Um diese Feststellung zu untermauern, stellt uns Kießling Noel Field auch als einen naiv¬gläubigen Verehrer der Sowjetunion vor, indem er uns erzählt, was ihm einmal Georg Stibi über ein Gespräch mit Field berichtet habe. Stibi war kommunistischer Emigrant, der in Moskau und ab 1937 in Madrid die Leitung deutschsprachiger Radiosendungen innehatte, danach in Frankreich interniert wurde und dort Field kennen lernte. Ihn fragte Field einmal nach seinen Erfahrungen in der Sowjetunion, und, so berichtete er Kießling, in seiner Antwort habe er ihm nichts von seinen dortigen negativen Erlebnissen mitgeteilt; er habe Field nichts von ihnen sagen können, denn: „Er hätte annehmen müssen, ich wolle an seinen Glauben rühren. Seine idealistisch begründete Verehrung für die Sowjetunion war eine Wurzel seiner Solidarität mit allen vom Faschismus Verfolgten. “ (Kießling, S. 49). Wir werden weiter unten durch keinen anderen als Kießling Handlungen von Field kennen lernen, die mit einer von Stibi angenommenen und uns von dem gleichen Kießling präsentierten Verehrung Fields für die Sowjetunion beim besten Willen nicht in Einklang zu bringen sind.

Aber nun noch eine andere Äußerung zu Merkers Behauptung von Fields KP-Mitgliedschaft. Auf S. 145 zitiert Kießling eine Aussage der Witwe Egon Erwin Kischs, Gisl Kisch, vom September 1953. „Bei einem Besuch von Field in meiner Wohnung (im September 1948) teilte mir dieser mit, dass er mit der Aufenthaltsverlängerung in der CSR Schwierigkeiten habe und bat mich um Rat, was er in dieser Sache unternehmen soll. Konkret hat er mich gefragt, ob ihm die KPTsch nicht helfen könne. Ich habe ihm geantwortet, es wird schwer gehen, da er kein Parteigenosse ist.“

Was der Gisl Kisch bekannt war, das war mit Sicherheit erst recht Paul Merker, der zu Field ein viel längeres und viel engeres Verhältnis hatte als sie, bekannt. Den Widerspruch zwischen den beiden von ihm zitierten Aussagen bagatellisiert Kießling mit der Erklärung, für Merker sei der Unterschied zwischen „Kommunist“ und „Parteimitglied“ „nur eine Nuance“ gewesen, habe er doch „oft genug erfahren, dass nicht das Parteibuch einen Kommunisten ausmacht, sondern sein Verhalten „. (S.44/45). Das schafft aber die Tatsache nicht aus der Welt, dass Merker die Partei mit seiner Behauptung, Field sei Mitglied der KP der USA, bewusst belogen hat.

Die Schlüsselfrage zu Fields Hilfeleistungen: Cui bono?

Die Fragwürdigkeit oder auch „Ambivalenz“ – um ausnahmsweise einmal diesen von manchen mit Vorliebe zum Ausweis von Wissenschaftlichkeit benutzten Ausdruck zu benutzen – der Hilfe von imperialistischen Geheimdiensten für Kommunisten möchte ich – exemplarisch für das Wesentliche solcher „Hilfe“ – an einem Fall, nämlich der Hilfe Fields für Paul Merkers Flucht nach Mexiko, dartun. Um die Doppeldeutigkeit dieser Hilfe deutlich zu machen, werde ich zwei Fragen nachgehen:

Erstens: Wer und welche Institutionen waren an dieser Hilfeleistung beteiligt? Das Material zur Beantwortung dieser Frage werde ich ausschließlich dem Buche Kießlings entnehmen. (S. 55, 63-65, 73-75).

Und zweitens: Wer – außer den oder dem direkt Betroffenen, in diesem Falle Paul Merker, – ist noch Nutznießer dieser Hilfe? Zur Beantwortung dieser Frage werde ich auf die Erklärung des ZK der SED zurückgreifen. (Matern, S.78-80)

Zur ersten Frage. Paul Merker war es in Frankreich gelungen, Ausreisepapiere nach Mexiko zu erhalten. Um aber ausreisen zu können, fehlte ihm das französische Ausreisevisum. Das hätte er nur gegen Vorlage eines Entlassungsscheins des Lagers Les Milles, in dem er interniert war, beantragen können. Einen solchen Schein konnte er aber nicht vorweisen, weil er das Lager illegal verlassen hatte und untergetaucht war. Sein Retter war Noel Field. Er erreichte, dass Merker von der französischen Ausländerbehörde ein Ausreisevisum erhielt. Die Einzelheiten dieser Rettung grenzen an ein Wunder. Folgen wir Kießling, vergessen wir dabei jedoch nicht, dass er die wiedergegebenen Dialoge nicht aus einem Protokolldokument zitiert, sondern sich auf Erinnerungsberichte Merkers und anderer bezieht, und dass er mit denen das Interesse ge-meinsam hat, nachzuweisen, die Beschuldigung, bei Field habe es sich um einen amerikanischen Geheimdienstagenten gehandelt, sei aus der Luft gegriffen und entbehre jeder Grundlage. Dies sollte man beim Lesen des Folgenden immer im Hinterkopf haben: „Lex Ende beriet sich mit dem Anwalt Jerome Ferucci, seinem Verbindungsmann zur französischen Partei. Ferucci wusste, dass in der Ausländerbehörde der Präfektur eine Madame Esmiol die Aus-reiseanträge bearbeitete. Sie sei eine Gegnerin des Vichy-Regimes und sympathisiere mit der gaullistischen Bewegung Freies Frankreich. Trotzdem wäre es… leichtfertig, darauf zu bauen. Die Ausländerbehörde unterstand dem Innenministerium und wurde offiziell vom Zweiten Büro, der Geheimpolizei, kontrolliert. Frau Esmiol war verpflichtet, sich jedes Visum vom Innenministerium in Vichy bestätigen zu lassen. Dennoch gab es keine andere Wahl. Diese Madame Esmiol musste direkt gefragt werden. Nur ein Unbeteiligter konnte, ohne sich selbst zu gefährden, zu ihr gehen und die Lage sondieren. Noel Field war dazu sofort bereit….Er brachte von der Präfektur die Nachricht, die Beamtin Esmiol werde ausnahmsweise die Anträge – (außer Merker handelte es sich dabei noch um drei weitere Genossen, die mit Merker das Lager Les Milles illegal verlassen hatten) – auch ohne Entlassungsscheine des Lagers Les Milles annehmen. Daraufhin habe er ihr die vier Namen genannt, und sie ließ durch ihn übermitteln, die Männer könnten unbesorgt zu ihr kommen. Paul Merker erinnerte sich: ‚Frau Esmiol… empfing uns freundlich. Sie hatte sich bereits telefonisch vom Lager Les Milles bestätigen lassen, dass wir dort geführt waren. Wir füllten die Anträge aus und sollten die Visa am folgenden Tag abholen. Als wir schon im Korridor waren, kam uns Frau Esmiol nach. Sie fasste mich am Ärmel und zog mich beiseite: ‚Monsieur Merker, es tut mir sehr leid. Sie können das Visum nicht bekommen. Sie stehen auf der Fahndungsliste des Innenministeriums. Die deutsche Seite verlangt Ihre Auslieferung. Ich bin laut Gesetz verpflichtet, Sie verhaften zu lassen. Von mir haben Sie nichts zu befürchten. Meine Ehre als Französin verbietet es mir, einen deutschen Antinazi seinen Henkern auszuliefern. Auch wenn ich Ihren Namen übersehen haben würde, Sie haben nach meinem Ermessen keine Chance, an Bord eines Schiffes zu gelangen. Im Hafen werden alle Reisenden dreifach kontrolliert: vom Zoll, von französischer Gendarmerie und von deutschen Geheimpolizisten in Wehrmachtsuniform. Ich rate Ihnen, wieder unterzutauchen und Marseille zu meiden. Denken Sie daran, Ihr Besuch bei mir und unser Gespräch haben nie stattgefunden.'“ ( S.63 f.)

Schon bis hierher ist das eine Geschichte, die fast an ein Wunder grenzt. Gerade deshalb wirft sie schon hier einige Fragen auf, z. B.: Hätte es nicht viel näher gelegen, dass der Anwalt Fe-rucci, der die Dame Esmiol ja offenbar recht gut, vielleicht sogar persönlich kannte, es über-nahm, bei ihr zu sondieren, als ein ihr unbekannter Ausländer? Aber – vielleicht war Field für die Dame Esmiol gar kein Unbekannter, sondern sie war durchaus im Bilde darüber, in welcher Eigenschaft er sich in Marseille aufhielt? Denn: kann man sich vorstellen, dass die Dame Esmiol, die immerhin von Amts wegen auch mit dem französischen Geheimdienst verbandelt war, auf die Anfragen irgendeines „Unbeteiligten“ hin das Risiko eingeht, sich sofort bereit zu erklären, aus ihrem Lager ausgebrochene deutsche Internierte nicht nur nicht zu verhaften, sondern ihnen überdies ohne die dazu erforderlichen Unterlagen Ausreisepapiere auszustellen?

Nein, das ist unvorstellbar. Dieses Wunder konnte nur jemand bewirken, der eine Autorität hinter sich hatte, die selbst vom französischen Zweiten Büro respektiert wurde, zum Beispiel das US-State Department oder, noch wahrscheinlicher, ein US-Geheimdienst. Und das gilt noch viel mehr für den zweiten Teil dieser Geschichte. Denn da es für Merker keine Möglichkeit gab, unter seinem richtigen Namen über die Grenze oder auf ein Schiff zu gelangen, musste er die Ausreise mit falschen Papieren auf einen anderen Namen unternehmen. Aber woher falsche Papiere bekommen? Wieder war der Retter Noel Field. Doch lassen wir wieder Wolfgang Kießling erzählen. Bei einem Abschiedsessen im Oktober 1941 für Merkers Frau, die mit dem nächsten Schiff ausreisen konnte, „stand Field plötzlich vom Tisch auf und erklärte, er werde noch einmal mit Madame Esmiol sprechen. Es müsse einen Ausweg geben. Zumindest wolle er von ihr hören, ob sie wenigstens einen Rat hat.. Seine Vorsprache war nicht umsonst… Madame Esmiol versicherte: Merker erhält eine Ausreise, wenn er sie auf einen anderen Namen beantragt. Voraussetzung sei, dass die Reisedokumente echt und nicht gefälscht sind. Aber wie? Das war die Frage. Merker musste eine andere Identität erhalten. Das aber war nur möglich, wenn für dieses Vorhaben die mexikanische Regierung und ihr Konsul in Marseille als Partner gewonnen werden. Dr. Leo Zuckermann, der zu denen gehörte, die am 18. Oktober Marseille verließen, erhielt den Auftrag, in Mexiko die notwendigen Schritte einzuleiten…“ (S.65).

„Ende April, Merker hatte inzwischen von der Hicem erfahren, dass für Siegmund Ascher (das war der Name, auf den seine neuen Papiere ausgestellt waren; wer für ihn diese Papiere besorgt hat und auf welchem Wege, bleibt unerörtert. K.G.) eine Schiffspassage bezahlt ist, kam plötzlich die überraschende Nachricht, in einer Woche werde ein portugiesisches Schiff von Lissabon über Casablanca nach Veracruz fahren… Jerome Ferucci füllte einen Schein aus. Er belegte Aschers Entlassung aus einem Lager. Die Reisegesellschaft Hicem gab es am 27. April 1942 schriftlich, dass für Herrn Ascher ein Platz auf der „Guinée “ bezahlt sei und er in wenigen Tagen von Marseille abfahren müsse. Jetzt stand der entscheidende Gang bevor: der Weg zur Präfektur. Sieben Monate waren seit der Zusage von Frau Esmiol vergangen, Merker das Visum bei Vorlage echter Papiere mit anderem Namen zu geben. Konnte sie jetzt dieses Versprechen einlösen?… Nicht er, nur Field vermochte ohne Risiko die Antwort einzuholen. Field nahm sein Auto und fuhr zur Präfektur. Nach einer halben Stunde hatte Merker die Antwort: Madame Esmiol steht zu ihrem Wort. Er möge kommen . Sie werde ihn fraglos wiedererkennen…. Dazu Merker selbst: ‚Ich kam unmittelbar vor Büroschluss in die Präfektur. Mitarbeiter von ihr waren schon im Aufbruch. Zu einem von ihnen sagte sie, er solle ruhig gehen, sie werde den Antrag allein entgegennehmen. Zwischen uns fiel kaum ein Wort. Sie sah sich meine Unterlagen sehr genau an. Schließlich sagte sie, offensichtlich selbst erleichtert, ich könnte am nächsten Tag das Ausreisevisum abholen. Doch es zog sich in die Länge, weil, wie mir Madame Esmiol sagte, die Erlaubnis für die marokkanische Durchreise… noch nicht vorliege. Vier Tage hintereinander war ich in ihrem Büro. Jedes Mal sagte sie, ich solle wiederkommen. Es würde noch rechtzeitig alles da sein. Ich erhielt das Visum erst am Tage der Abreise, am 4. Mai…‘ Als Siegmund Ascher verließ Paul Merker faktisch in letzter Minute Frankreich..“ (S.73 f.)

Als Merker von der ZPKK 1954 über seine Tätigkeit in der Emigration und seine Verbindungen zu Field befragt wurde, betraf eine der Fragen auch die Rolle Fields bei den Kontakten mit Madame Esmiol, was durchaus verständlich ist angesichts der außergewöhnlichen Bereitschaft dieser Dame, nach Unterredungen mit Field Merker in der geschilderten Weise hilfreich zu sein. Die Genossen der ZPKK dürften mit Recht davon ausgegangen sein, dass, wäre Field nur ein gewöhnlicher Leiter einer der verschiedenen amerikanischen Emigranten-Hilfsorganisationen gewesen, seine Fürsprachen nicht solche Wirkungen gezeitigt hätten. Kießling schreibt: „Eine an ihn gerichtete Frage lautete: ‚Warum ließen Sie die Angelegenheit mit der Mitarbeiterin des französischen Geheimdienstes gerade durch den Agenten Noel H. Field erledigen?‘ Antwort: ‚ Weil niemand weiter da war, der die Frau Esmiol persönlich kannte.'“

Diese Begründung steht in einem bemerkenswerten Widerspruch zu der, die wir auf S. 63 lasen; dort war es der französische Anwalt Ferucci, der die Esmiol kannte; dagegen wurde Field – so die Erklärung auf S.63 – deshalb als der richtige Mann angesehen, weil er „ein Unbeteiligter“ war. Das aber war Ferucci auch! Davon jedoch, dass nicht nur Ferucci, sondern auch Field diese Dame persönlich kannte, war auf S. 63 mit keinem Wort die Rede gewesen.!

Die Antwort auf die erste der eingangs gestellten Frage ist nach alledem: Die Hilfeleistung für Merker erfolgte von einem amerikanischen Beamten des US-State Department, dessen Einfluss stark genug war, um auch eine Beamtin des französischen Geheimdienstes seinem Wunsche ge-mäß handeln zu lassen. Die Schlussfolgerung, dass es sich bei ihm also um einen Mann des USA-Geheimdienstes handelt, kann in keiner Weise als weit hergeholtes Konstrukt betrachtet werden.

Zur Beantwortung der zweiten Frage zitiere ich, wie angekündigt, aus dem ZK-Beschluss der SED vom August 1950, (Matern, S. 78-80): „Zwischen dem ZK der KPF und dem Genossen Walter Beling als Leiter der deutschen Emigrationsleitung in Südfrankreich wurde Ende 1940 eine Übereinkunft getroffen, die den Einsatz des größten Teiles der deutschen Emigration für die politische Agitation unter den deutschen Soldaten vorsah. Nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion erhielt dieser Kampf gegen den Faschismus eine erhöhte Bedeutung….

Es lag jedoch nicht in den Plänen des anglo-amerikanischen Imperialismus, große deutsche Truppenmassen in Frankreich zu fesseln und dadurch eine Erleichterung für die sowjetisch-deutsche Front zu schaffen. Wie sie die Schaffung der zweiten Front hinauszögerten, so hemmten sie auch die Entfaltung der Widerstandsbewegung. Durch ihren Agenten Noel H. Field wirkten sie daher auf die Leitung der deutschen Emigration ein, um die Durchführung der mit dem ZK der KPF‘ getroffenen Vereinbarungen zu hintertreiben….

Im Frühjahr 1942 waren die Voraussetzungen für einen größeren Einsatz deutscher Emigranten in der nordfranzösischen Widerstandsbewegung geschaffen. In einem besonderen Beschluss forderte das ZK der KPF die Entsendung einer größeren Zahl deutscher Emigranten nach Paris. Die deutsche Leitung in Marseille war jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits so stark unter den politischen Einfluss Fields geraten, dass sie diesen Beschluss missachtete. Obgleich Paul Merker und Lex Ende durch den Genossen Beling von der Übereinkunft mit dem ZK der KPF voll-inhaltlich unterrichtet waren, bezweifelten beide die Echtheit des Beschlusses. Ohne sich um diesen Beschluss zu kümmern, floh Paul Merker nach Mexiko, während Lex Ende zum offenen Verrat überging. Mit Hilfe von Willy Kreikemeyer übergab er Noel H. Field den Text des Be-schlusses des ZK der KPF zur Weitergabe an Paul Bertz. Auf diese Weise erfuhr der Chef des OSS, Allan Dulles, von den Plänen des antihitleristischen Kampfes. Die Antwort wurde mit Wissen von Leo Bauer durch Bertz und Field gemeinsam ausgearbeitet und lag in der Richtung der Ablehnung des Beschlusses des ZK der KPF. Diese Haltung entsprach der Politik des amerikanischen Imperialismus, der an der zweiten Front zu diesem Zeitpunkt nicht interessiert war. Sein Ziel war vielmehr, die Frühjahrsoffensive der deutschen Faschisten nicht zu behindern, um eine weitmöglichste Schwächung der Sowjetarmee herbeizuführen. Aus dem gleichen Grund war der USA-Imperialismus ebenfalls nicht an einer Ausbreitung der antifaschistischen Widerstandsbewegung in Frankreich interessiert.“

Bei diesem Sachverhalt kann auch nicht als weit hergeholt und konstruiert betrachtet werden, wenn als Antwort auf die zweite Frage festgestellt wird: Mit- und Hauptnutznießer der Hilfe Fields an Merker und seine Genossen waren jene Kräfte in der US-Außenpolitik, deren Ziel es war, die Sowjetunion im Kampf gegen das faschistische Deutschland maximal zu schwächen.

Der Ausbau des Beziehungsnetzes des Noel Field.

Wie schon weiter oben wiedergegeben, wird in den Beschlüssen des ZK der SED ausgeführt, Field habe systematisch sich ein Stützpunkt-Netz unter den kommunistischen Emigranten in Frankreich und in der Schweiz geschaffen.

Kießling hat sein Buch geschrieben, um den Nachweis zu fuhren, dass alle derartigen Be-schuldigungen eine Fiktion seien: „Aus dem Mann Noel H. Field war eine Fiktion gleichen Namens geworden, eine künstliche Schöpfung, eine immaterielle sowjetische Wunderwaffe, gedacht als Garant des Sieges in der großen Schlacht des Kalten Krieges zwischen Ost und West.“ (Kießling, S..21).

Schaut man sich in seinem Buch an, wie er die Entstehung der Beziehungen Fields zu den kommunistischen Emigranten schildert, dann findet man alles bestätigt, was in den SED-Beschlüssen an diesbezüglichen Fakten aufgeführt wird. Was jedoch dort als Ergebnis sys-tematischen Vorgehens Fields zum Zwecke des Aufbaus von Stützpunkten für seine Geheimdiensttätigkeit gewertet wird, das schildert uns Kießling ganz anders, nämlich als häufig genug durch glückliche Zufalle entstandene Beziehungen, die sich einzig und allein aus Fields grenzenlosem Drang, möglichst vielen Menschen in Not zu helfen, ergaben. Aber auch wer sich an Kießlings Darstellung hält, kommt nicht umhin, die Feststellung in den SED-Beschlüssen bestätigt zu sehen, am Ende habe Field die Fäden zu so vielen Genossen, vor allem zu den führenden, in den Händen gehalten und sei von ihnen selbst über ganz interne Parteiangelegenheiten informiert worden, dass er das ganze Parteileben der kommunistischen Emigranten in der Schweiz und in Südfrankreich unter seiner Kontrolle hatte. Den ersten Kontakt zu den in der Schweiz lebenden deutschen Kommunisten erhielt Noel Field kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges nach seiner Ankunft in Zürich. Er machte dort einen Besuch im Hause eines Sally Liebermann, mit dem die getrennt von ihrem Mann lebende Frau seines Bruders Hermann zusammenlebte; der war wenige Monate vor ihm ebenfalls dort zu Besuch gewesen, zur „endgültigen Klärung seiner Beziehungen“ zu seiner Frau. (Kießling, S.35). Dabei hatte er den bei den Liebermanns verkehrenden deutschen Kommunisten Bruno Goldhammer kennen gelernt; für Hermann Field, der sich, wie sein Bruder Noel, mit der Hilfe für kommunistische Emigranten befasst hatte, – dies allerdings in der Tschechoslowakei -, war Bruno Goldhammer sicherlich eine hochinteressante Persönlichkeit, selbst wenn ihm nicht bekannt geworden sein sollte, dass Goldhammer zur Abschnittsleitung Süd der KPD gehörte. Anzunehmen ist jedoch, dass Hermann seinem Bruder Noel über seine Bekanntschaft mit Goldhammer hatte Nachricht zukommen lassen. Jedenfalls verkehrten die Fields – Noel, seine Frau und Erica Glaser – nach ihrer Ankunft in Zürich des öfteren bei Liebermann. „Bruno Goldhammer war der einzige deutsche Kommunist, der noch vor Kriegsbeginn beide Fields kennen lernte und der erste, der sich wiederholt mit Field unterhielt. Deswegen und mit der Begründung, er sei ‚der Hauptschuldige für das Eindringen Noel H. Fields in die deutsche Emigration in der Schweiz‘, wurde er am 28. April 1954 in einem Geheimprozess vor dem Obersten Gericht der DDR zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt“, aber im Zuge der Rehabilitierungen aus der Haft entlassen. „Die Fields… behandelten Goldhammer, als würde er zur Familie Liebermann gehören. Erica lernte er bald näher kennen. .. Vertrauen und Akzeptanz verspürte er auch bei allen Gesprächen mit Noel Field, dem er bis Mitte 1940 mehrmals im Hause Liebermann begegnete. Im Juli wurde Goldhammer von der Kantonalpolizei festgenommen und beschuldigt, als Ausländer Schweizer Jugendliche politisch beeinflusst zu haben…Die meisten der im Lande lebenden kommunistischen Emigranten erhielten den Ausweisungsbeschluss des Bundesrates, vollstreckt in Form ihrer Internierung. Das plötzliche Ende von Bruno Goldhammers Besuchen im Hause Liebermann bedeutete nicht den Abbruch der Kontakte zu Noel Field und Erica Glaser. Sie blieben bestehen, bis Goldhammer 1945 die Schweiz in Richtung Deutschland verließ.“ (Kießling, S.34-36.)

In der Erklärung des ZK der SED vom 24. August 1950 wird zur Verbindung Field-Goldhammer ausgeführt: ‚Bruno Goldhammer ist der Hauptschuldige für das Eindringen Noel H. Fields in die deutsche Emigration in der Schweiz. Sein Verhalten veranlasste andere kommunistische Emigranten, gleichfalls mit diesem amerikanischen Agenten in Verbindung zu treten. In unverantwortlicher Weise unterließ er es, Erkundigungen über Field einzuziehen. Er beruhigte sich damit, dass Liebermann und Erika Glaser Fields lügenhafte Erzählungen über seine Tätigkeit in Spanien bestätigten, obgleich er genau wusste, dass deren einzige Informa-tionsquelle Field selbst war.“ (Matern, S. 74). In der Schweiz „hatte zunächst nur eine Ver-bindung zwischen Field und Bruno Goldhammer bestanden. Die Internierung fast der gesamten politischen Emigration sowie ihre geringe zahlenmäßige Stärke ließen ihre Bedeutung hinter der starken Emigration in Südfrankreich in den Hintergrund treten. Noel H. Field beschränkte sich daher in der Schweiz zunächst auf die Verbindung mit Bruno Goldhammer und baute über diesen seine Mitarbeiterin Erika Glaser – (und mit ihr eine „IM“ von Allan Dulles‘ OSS! K.G.) – in die kommunistische Emigration ein. Über seine enge Verbindungen mit Bruno Goldhammer kam er mit dem Genossen Hans Teubner in Beziehung. Er verschaffte Bruno Goldhammer häufig Urlaub aus dem Internierungslager und brachte ihn mit dem unter dem Namen Dr. Hoffmann an der Charité in Zürich tätigen Dr. Tibor Szönyi zusammen.“ (Matern, S.81/82).

Wie weiter oben schon geschildert, hatte Field vor seinem Umzug nach Marseille im Früh-jahr 1941 durch einen Hinweis von Hofmaier, dem damaligen Vorsitzenden der KP der Schweiz, die Adresse von zwei dort in Südfrankreich internierten deutschen Kommunistinnen, Maria Weiterer und Hilda Maddalena, erhalten, hatte mit denen den Kontakt aufgenommen und durch sie die Lebensgefährtin und spätere Frau Paul Merkers, Grete Menzel, und Henny Stibi als Mitarbeiterinnen für seine USC-Filiale in Marseille gewinnen können.

Kießling: „Die Arbeit von Henny Stibi und Grete Merker für das USC brachte es mit sich, das die Fields auch deren Männer kennen lernten..“ (Kießling, S.48). Welch ein Glück für Noel Field! Denn Merker war der wichtigste Mann der Leitung der KPD in Marseille. Er, Paul Bertz und Franz Dahlem hatten bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges zum Auslandssekretariat der KPD, das damals seinen Sitz in Paris hatte, gehört. Mit dem Vorsitzenden der KP der Schweiz, Hofmaier, war er ja schon länger gut bekannt; nun hatte er auch eine persönliche Beziehung zum Leiter der KPD in Frankreich geknüpft, die sich bald zu einem Verhältnis unbegrenzten Ver-trauens Merkers zu Field entwickelte. Um aber seine Aufgabe auch unter den in der Schweiz lebenden Kommunisten leisten zu können, fehlte ihm noch der persönliche Kontakt zum Leiter der KPD-Organisation in der Schweiz. Paul Merker half ihm dabei, die persönliche Be-kanntschaft mit Paul Bertz herzustellen. In Kießlings Darstellung war es allerdings nicht Merker, der Field half, sondern umgekehrt Field, der sich selbstlos bereit erklärte, Merker zu helfen, die fehlende Verbindung aus Marseille zu Bertz in der Schweiz herzustellen.. Bei Kießling liest sich das so:

„Mit Bertz waren politische Probleme zu besprechen, und Kaderfragen zu klären. Nur einer kam als Mittelsmann in Frage. Und dieser eine war Noel Haviland Field. Der Amerikaner reagierte auf Merkers Bitte im ersten Moment vor allem praktisch. Er sah eine gute Gelegenheit, diesmal nicht als Leiter des Marseiller USC, sondern als inoffizieller Vertreter des Barsky-Komitees in Europa tätig zu werden und illegalen deutschen Antifaschisten, die in ihr Heimatland hinüberwirken, Geld für ihren Lebensunterhalt zu geben. Als er hörte, der Weg zu Bertz führe nur über Leo Bauer, der unter einem französischen Namen an einem nicht bekannten Ort in Genf lebe, aber Verbindung zu Leon Nicole in Genf habe, sah Field keine besondere Schwierigkeit, Merkers Wunsch zu erfüllen. Merker konnte ihm bedenkenlos diesen zu Bertz führenden Weg aufzeigen. Zwar kannte er Nicole nicht persönlich, aber Hofmaier hatte ihn in seinem Brief an Merker als einen Mann genannt, der sich für Field verbürge. Leon Nicole, seit Jahrzehnten ein bekannter sozialdemokratischer Politiker der französischen Schweiz und Mitte der dreißiger Jahre Präsident des Staatsrates im Kanton Genf, wurde 1939 wegen seiner zunehmenden Annäherung an die Kommunisten aus der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz ausgeschlossen. Nach der 1940 durch den Bundesrat erzwungenen Auflösung der Schweizer KP gründete Nicole mit Linkssozialisten und Kommunisten die inzwischen, im Mai 1941, verbotene Féderation Socialiste Suisse. Nicole wiederzusehen, reizte Field zusätzlich. Bedenken hatte er, als ihm Merker den von seinem Wesen her nicht leicht zugänglichen Paul Bertz beschrieb. Vorausgesetzt, Bertz ist überhaupt bereit, sich mit Field zu treffen, müsse er zunächst dessen Misstrauen jedem Fremden gegenüber abbauen. Gelingt es ihm, das Vertrauen von Paul Bertz zu gewinnen, werde er einen zuverlässigen Partner und auch einen liebenswerten Menschen kennen lernen. Merker habe mit ihm immer gut zusammengearbeitet. Er hoffe, Field werde schon dadurch Zugang zu Bertz finden, dass er ihm sage, er käme im Auftrag von Merker und Willi Kreikemeyer..“ (S.60).

Merker hatte also Field gründlich auf die Begegnung mit dem schwierigen und misstrauischen Bertz vorbereitet, was Field sehr half, den Zugang zu Bertz zu finden. Das hatte aber Kießling anscheinend schon vergessen, als er folgende überschwängliche Eloge auf den feinfühligen Noel Field zu Papier brachte: „Die humanitären Leistungen des Unitarien Service Committee in Europa sind ohne Noel Haviland Field undenkbar. Sie waren geprägt von seiner Persönlichkeit, von seinem feinfühligen Umgang mit den Helfern aus vielen Nationen, von seinem Ein-fühlungsvermögen in unterschiedliche Mentalitäten. Er besaß die Gabe, sich hineinzudenken in die Lebensumstände der ihm anvertrauten Flüchtlinge. Die Liebe zum Mitmenschen, sein Verständnis für die Not derer, zu deren Betreuung er berufen war, entsprang seiner christlichen Motivation und hatte sich seit dem Spanienkrieg mit seiner antifaschistischen Überzeugung untrennbar verbunden… Die Erinnerungen derjenigen, die mit ihm zu tun hatten, bezeugen, dass er sich auf die unterschiedlichsten Menschen einzustellen und auf sie einzugehen vermochte. Völlig problemlos hatte er den Zugang zu dem von anderen als äußerst schwierig beschriebenen Paul Benz gefunden. „. (S.77. Unterstreichung von mir, K.G.).

Doch weiter in Kießlings Bericht: „‚Wir haben dann‘, berichtete Merker, alle Fragen durch-gesprochen, die er mit Bertz klären sollte. Field notierte sich Stichworte in einer für andere unleserlichen Schrift. An Hand seiner Merkworte wiederholte er alles. Das war notwendig, um auch nichts in Nuancen zu verändern….

Mit Fields Versprechen, er werde alles versuchen, Merkers Wunsch zu erfüllen, waren beide im September 1941 in Marseille auseinander gegangen… In Genf suchte Field unverzüglich Leon Nicole auf. Dieser hatte keine Ahnung von einem Leo Bauer. Doch Nicols Sohn Pierre sagte, er könne vielleicht helfen. Die Erklärung, er käme im Auftrag von Freunden aus Marseille und habe Grüße zu bestellen, genüge nicht. Field müsse ihm Fakten nennen, die ihn als Emissär glaubhaft machen. Daraufhin erhielt Pierre exakte, obwohl unverbindliche Angaben und begab sich… zur Wohnung des Bankangestellten Paul-Eric Perret alias Leo Bauer. Nachdem dieser vernommen hatte, was ihm Pierre von Field. zu sagen wusste, schrieb er, es war Montag der 29. September, mit Geheimtinte einen Brief… (an Bertz, K.G.). Leo Bauer schickte den Brief an Arthur (Paul Fels) in Basel. Nur dieser kannte das Haus, in dem Paul Bertz wohnte. .. Paul Bertz war einverstanden, sich mit Field zu treffen… am Montag, dem 6. oder am Dienstag, dem 7. Oktober begegneten sich Field und Bertz erstmals. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie irgendwelche Schwierigkeiten hatten, sich zu verständigen, denn von nun an trafen sie sich in kürzeren oder längeren Abständen dreieinhalb Jahre lang, bis Bertz 1945 nach Deutschland zurückkehrte.“ (S.59-62).

Das war aber noch nicht alles. Kießling berichtet auch: „Einst hatte Field den Kontakt zwischen Merker in Marseille und Bertz in Basel hergestellt. Nunmehr half er, die Verbindungen der deutschen Kommunisten innerhalb der Schweiz zu knüpfen: Zwischen dem Illegalen Paul Bertz, den legal lebenden Schauspielern und ihrem Umfeld in Zürich und der Mehrheit der KPD-Genossen, die 1943 im Sonderlager für ‚Linksextremisten‘ in Gordola nördlich von Lo-carno interniert waren und mit Hans Teubner, Bruno Fuhrmann und Fritz Sperling die engere Leitung bildeten.“

Diese Rolle Fields als Mittelsmann von Merker und Bertz wird in der Erklärung des ZK der SED vom August 1950 wie folgt gewertet: „Field hatte sich inzwischen durch seine Unterstüt-zungszahlungen eine große Vertrauensbasis in der deutschen Emigration geschaffen. Im Herbst 1941 war er bereits so tief eingedrungen, dass die deutsche Emigrationsleitung in der Schweiz ihn als Kurier nach Südfrankreich verwandte. Der inzwischen verstorbene frühere Reichtagsabgeordnete Paul Bertz und der jetzt als langjähriger amerikanischer Agent entlarvte Leo Bauer diktierten Field parteiinterne Angelegenheiten zur Übermittlung an Paul Merker. Letzterer bediente sich ab Januar 1942 im Einverständnis mit Lex Ende und Maria Weiterer des gleichen Weges. Er übergab Field eine Einschätzung der Lage mit Anweisungen, ‚wie man sich dementsprechend einstellen müsse‘. Merker ermächtigte Paul Bertz ausdrücklich, parteiinterne Mitteilungen über Field zu geben. Von nun an wurden in der Schweiz alle internen Fragen durch den Agenten Leo Bauer an Field gegeben, während Willi Kreikemeyer dieselbe Aufgabe in Marseille erfüllte. “ (Matern,S.79/80).

Man wird in der Geschichte der Kommunistischen Parteien in der Zeit bis 1945 wohl kaum ein weiteres Beispiel dafür finden, dass führende Genossen einer Person, von der bekannt war, dass sie mit dem imperialistischen Geheimdienst zusammenarbeitet, freiwillig einen vollen Einblick in die Interna der Parteiarbeit gewährten und ihm erlaubten, ein Verbindungsnetz in der Par-teiorganisation aufzubauen, dessen Fäden in seiner Hand lagen.

 

3. Field als Propagandist und Verbreiter der „Browdwer-Ideen“

Am Schluss des Abschnitts I/3 kam ich als Ergebnis der Kennzeichnung der Konzeption Browders durch Kießling als bewusste und gewollte Gegenkonzeption gegen den Marxis-mus-Leninismus zu der Feststellung, der Browderismus sei die amerikanische Urform des „modernen Revisionismus“, – also des Revisionismus in der Kommunistischen Bewegung. Und ich stellte die Frage: wie und von wem ist der Browderismus über den großen Teich in die europäischen Kommunistischen Parteien eingeschleust worden?

Nun endlich kann die Antwort darauf gegeben werden: Auch dies war das Werk Noel Fields. Diese Seite seiner „Hilfstätigkeit“ enthüllt deren wirklichen Charakter am deutlichsten. Mit ihr erzielte er die verhängnisvollsten und nachhaltigsten, bis in die Gegenwart und darüber hinaus reichenden Wirkungen. Lassen wir auch dazu unseren Kronzeugen Kießling sprechen. Folgt man ihm, dann hat Browder Field zum Kommunisten gemacht: „Es ist fraglich, ob Noel Field ohne den ideellen, den weltanschaulichen Einfluss Earl Russel Browders (1891-1973) und die Bekanntschaft mit ihm zum überzeugten Kommunisten geworden wäre. Der um fünfzehn Jahre ältere und seit 1929 unangefochten amtierende Generalsekretär der KPUSA war ihm Vorbild und Beispiel als pragmatischer Politiker und theoretischer Denker. Er bewunderte ihn als glänzenden Essayisten und brillanten Verfechter seiner Auffassungen..“ (S.96).

„Anfang 1943 erhielt Field über die Gesandtschaft in Bern Browders neueste Publikation, das Buch ‚Victory and After‘ (Der Sieg und nach dem Sieg). …Browder schrieb: ‚Dieser Krieg ist nicht ‚für oder gegen den Kommunismus’…, deshalb wird auch nicht der Kommunismus gewinnen, sondern das Recht jeder Nation auf Selbstbestimmung, das heißt: gewinnen wird die Demokratie.‘ Das Ziel der Alliierten sei die nationale Freiheit der Völker. Daraus folgt, dass alles der Aufgabe, den Krieg zu gewinnen, untergeordnet werden muss. Browder erklärte, dass die amerikanischen Kommunisten aus diesem Grunde die Sozialismuspropaganda für die Dauer des Krieges zurückgestellt haben. Ein Jahr später kam er zu dem Schluss, auch nach dem Krieg stehe die Forderung nach einer sozialistischen Umgestaltung der amerikanischen Gesellschaft nicht auf der Tagesordnung. Die KPUSA, die ‚einzige Partei des Sozialismus in diesem Lande‘, müsse ihre Programmatik an den nationalen Realitäten messen. Und diese besagen, die überwiegende Mehrheit des amerikanischen Volkes wünscht keine grundlegende Veränderung der Gesellschaft, man könne auch sagen, ‚dass das amerikanische Volk subjektiv sehr schlecht für eine tiefgehende Veränderung in Richtung auf den Sozialismus vorbereitet ist.; dass Nachkriegspläne mit einem derartigen Ziel die Nation nicht einigen, sondern sie noch weiter spalten würden. Und sie würden gerade das demokratische und fortschrittliche Lager weiter zersplittern und schwächen, während sie die reaktionären Kräfte im Lande einigen und stärken würden.‘ Browder meinte, ‚für die Vereinigten Staaten ist die Perspektive der Nachkriegszeit nicht eine Perspektive des Sozialismus, sondern des Wiederaufbaus auf einer kapitalistischen Basis.‘ (S.98/99). Diese Ausführungen Browders unterstreichen noch einmal, dass die US-Justizbehörden guten Grund hatten, Browder in der Gewissheit aus dem Gefängnis zu entlassen, das läge „im Interesse der Einheit der nationalen Front.“

Browders Argumentation ist im übrigen ein Musterbeispiel dafür, dass für Revisionisten die Zeit für den Sozialismus nie reif ist: in einem kapitalistisch schwach entwickelten Land kommt eine sozialistische Revolution „zu früh“, „weil die objektiven Bedingungen für den Sozialismus noch nicht reif sind“; aber in einem kapitalistisch hoch entwickelten Land kommt sie auch „zu früh“, „weil die überwiegende Mehrheit auf den Sozialismus sehr schlecht vorbereitet ist.“ (Diese Zwischenbemerkung zum Nachdenken für alle, die dazu neigen, jenen recht zu geben, die erklären, die Sowjetunion sei nach 70 Jahren, in denen die sozialistische Gesellschaftsordnung das Land innerhalb von 20 Jahren zur politisch und wirtschaftlich zweitstärksten Macht der Erde werden ließ, daran zugrunde gegangen, dass 1917 Russland noch nicht reif gewesen sei zur sozialistischen Revolution und deshalb von Anfang an keine Überlebenschance gehabt habe!)

Doch zurück zu Field und Browder. Folgen wir weiter Kießling: „Nachdem Noel Field den Wortlaut der Rede Earl Browders und die dazugehörigen Kommentare und Erläuterungen in der theoretischen Zeitschrift ‚New Masses‘ erhalten hatte, zeigte er sich bei einer Begegnung mit Bruno Goldhammer besonders von den wirtschaftspolitischen Aspekten, wie sie sich später im Marshallplan, den die Sowjetunion für sich und ihren Einflussbereich radikal ablehnte, wieder fanden, beeindruckt…

Die breite und dennoch viele Themen ausklammernde Wiedergabe der Browderschen Ge-dankengänge ist notwendig, um Noel Field besser kennen zu lernen und zu verstehen. Wie die überwältigende Mehrheit der amerikanischen Kommunisten… stimmte ihnen Field zu. Dabei fiel besonders ins Gewicht, dass er für sie in Europa eintrat und sie in der Schweiz und damit auch unter den kommunistischen Emigranten aus mehreren Ländern verbreiten half. (Hervorhebung von mir, K. G.) Mit der Leitung der Partei der Arbeit der Schweiz kam er überein, Browders Rede vom 10. Januar 1944 und ergänzende Materialien aus ‚New Masses‘ zu übersetzen und ihren Druck finanziell zu unterstützen. Die 68 Seiten umfassende Schrift von E.R. Browder ‚Krieg oder Frieden?‘, erschien, herausgegeben von der Partei der Arbeit, (in Wirklichkeit von Field und Allan Dulles!, K.G.), Zürich-Wiphingen, 1944 in einer deutschen und einer französischen Ausgabe. “ (S. 102/103).

In einem Nachwort der Partei der Arbeit wird versucht, den Bruch Browders mit den Grund-sätzen der kommunistischen Bewegung zu vertuschen, indem gesagt wurde, die Orientierung, die Browder gäbe, enthalte „nichts grundsätzlich Neues“ (S. 103). Doch weiter im Kieß-ling-Text:

„Browders Schrift wurde von den deutschen Internierten ebenso lebhaft diskutiert wie von den Kommunisten am Züricher Schauspielhaus und denen in der Illegalität. Die meisten der von Browder aufgeworfenen Fragen stellten sich ihnen auch, jetzt und in naher Zukunft, wenn sie ihren Platz wieder in Deutschland einnehmen würden. Hans Teubner, Bruno Goldhammer, Ernst Eichelsdörfer, Fritz Sperling, Walter Fisch, Leo Bauer und andere fanden besonders gut, dass Earl Browder vorausschauend neue Entwicklungsprobleme erkannte und Lösungsvor-schläge machte, die ihn als klugen Marxisten auswiesen. “ (S. 104). Kießling sagt, – womit er durchaus recht hat -, dass Browders Ansichten eine „Absage an die marxistisch-leninistische Partei neuen Typus war.“

Da aber genau dies auch die Einschätzung des ZK der SED war und der Vorwurf gegen Merker, Teubner und die anderen Genossen gerade der war, dass sie Browders Ansichten zugestimmt hätten, wogegen sie sich der ZPKK gegenüber damit verteidigten, sie hätten das damals nicht durchschaut, sieht sich Kießling einer Schwierigkeit gegenüber: er will mit seinem Buch doch beweisen, dass die Vorwürfe und Beschuldigungen gegen Field und gegen die mit ihm ver-bundenen Genossen jeglicher Grundlage entbehrten; dass diese Vorwürfe nur stalinistische Erfindungen waren. Diese seine Kernthese würde er aber selbst ad absurdum führen, würde er diese Genossen für ihre Zustimmung zu Browders „Absage an die marxistisch-leninistische Partei neuen Typs“ loben und damit bestätigen, dass die Vorwürfe der ZPKK nicht aus der Luft gegriffen waren, sondern zutrafen. Also lesen wir bei ihm, sie, diese Genossen, „durchschauten aus der geographischen Ferne kaum, dass es die Absage… an die marxistisch-leninistische Partei neuen Typus war“. Aber Kießlings weitere Ausführungen bezeugen, dass dem keineswegs so war: „Bemerkenswert, aber nicht verwunderlich ist, dass Hans Teubner in seinem 1975 in der DDR erschienen Buch über das kommunistische Exil in der Schweiz weder die Diskussionen über Earl Browders Konzeptionen noch überhaupt den Namen des Amerikaners erwähnt. Selbst Karl Hans Bergmann, der als Kommunist sicherlich an den Gesprächen über Browder teilgenommen hatte oder zumindest den hohen Stellenwert Browders in der Schweiz kannte, schwieg sich in seinem 1974 in der BRD erschienenen Buch über das Schweizer Exil von 1943 bis 1945 darüber aus. Nur von Paul Bertz ist bekannt, dass er Vorbehalte gegen Browders Konzept hatte….Als Bertz vierzehn Tage nach dem Rajk-Prozess vom September 1949 Hermann Matern gegenüber seine Kontakte zu Field erklären musste, stellte er sich, obwohl er nicht wissen konnte, was Field selbst ausgesagt hatte, auch in der Frage Earl Browder schützend vor ihn: ‚Bei allgemeinen politischen Unterhaltungen stand F. immer positiv zur Sowjetunion. Und als Browder seine bekannte Rede hielt,… verurteilte F ., nach kurzen Schwankungen Browders Theorie. “

Dass dies eine Lüge war, stellt Kießling mit den sofort anschließenden Zeilen klar:

„Tatsächlich hatte Field nicht nur den Druck der Browderschen Broschüre veranlasst, sondern viele Gelegenheiten genutzt, darüber zu sprechen. Die junge Schweizer Kommunistin Rosemarie Muggli, die später den deutschen Emigranten Walter Trautzsch heiratete und hier Mitglied der SED wurde, war im Sommer 1944 wegen ihrer Bewerbung um Teilnahme an einem vom USC mitgetragenen Sozialkurs in Fields Wohnung bestellt worden. Daran erinnerte sie sich, als sie 1950 von der ZPKK der SED vernommen wurde. Nachdem sie damals, 1944, ihr Schreiben bei Field abgegeben hatte, ‚wurde ich gefragt, ob ich die Rede Browders kenne. Ich sagte, ich hätte davon gehört, sie aber noch nicht gelesen, worauf Field erwiderte, sie sei hoch interessant und wirklich lesenswert.‘ Wenig später, während dieses Lehrganges von Schweizern und Emigranten, an dem nicht nur Kommunisten teilnahmen, ‚wurde viel vom Geist von Teheran gesprochen. Unsere Gruppe diskutierte eingehend die Rede Browders. Sie stieß nicht auf Ablehnung….Meine Einwendungen gegen Browders Politik waren nur schwach und dahingehend, dass eine kommunistische Partei doch etwas ganz anderes bedeute als nur eine kommunistische Vereinigung und dass eine KP doch wohl auch wirksamer gegen den Faschismus kämpfen könne als ein Verein. Als aber die Schweizer Partei die gleiche Stellung zur Browderrede einnahm wie die Genossen im Schulungskurs sie vertraten, nahm ich diese Argumentation auch an..‘ (S. 104-106).

Über Teubners Stellung zu Browder schreibt Kießling an anderer Stelle (S.231/32): „Teubner, in Brissago von anderen Arbeiten befreit, verfasste politische Analysen, schrieb Material für die sich in Zürich herausbildende Bewegung Freies Deutschland in der Schweiz und Flugblätter für die illegale Arbeit in Süddeutschland. 1944 überwarf er sich mit Paul Bertz wegen einer spektakulären Rede des Vorsitzenden der KP der USA, Earl Browder…. Teubner pries in einem Brief vom 6. August 1944 an die Genossen in Brassecourt, die Wichtigkeit der Rede Browders.‘ Er habe in Locarno Freunde getroffen, … die ihm berichteten: ‚Helm (Deckname für Bertz) führt eine wüste Hetze gegen die Browder-Rede und erklärt, für Browder stünden nur aus der Gemeinschaft (der kommunistischen Parteien) Ausgeschlossene ein. Ich habe dessen ungeachtet den Freunden eingeschenkt, dass sie ’s H. ordentlich geben könnten.‘ Bertz nannte Teubners Position opportunistisch und reformistisch und verwahrte sich gegen den Versuch, ‚auch mich auf diesen Unsinn festzulegen.'“

Mit dieser Meinung stand Bertz aber ziemlich alleine. Merker, Teubner, Bauer und die meisten anderen deutschen Genossen der schweizer Emigration waren mit Field Anhänger und Ver-breiter der Browder-Ideen. Kießling weiß zu berichten: Als Field Paul Merker im Dezem-ber 1945 in Mexiko besuchte, „bedauerten Merker und Field, dass die Kommunisten der USA von dem von Earl Browder vorgezeichneten nationalen Weg abgebracht wurden.“ (S.127). Diese Bemerkung bezog sich darauf, dass der Kampf der amerikanischen Kommunisten unter Führung William Fosters um die Wiederherstellung der kommunistischen Partei der USA am 20. Mai 1945 dazu geführt hatte, dass Browder als Generalsekretär der Communist Political Association abgesetzt, diese Organisation Ende Juli 1945 aufgelöst, die KP der USA neu konstituiert und Foster wieder zu ihrem Vorsitzenden gewählt wurde.

Zum „nationalen Weg“ des Earl Browder gehörte auch, wie wir oben sahen, die Idee des „Wiederaufbaus des zerstörten Europa und der Sowjetunion mit amerikanischer Finanzhilfe“, also das, was dann als „Marshallplan“ von den USA lanciert wurde. Dessen Ablehnung wurde nicht nur von den deutschen Field- und Browder-Freunden heftig missbilligt. Leo Bauer ver-öffentlichte 1956 einen Erinnerungsartikel, in dem er sich und seine tschechischen Gesin-nungsgenossen als Anhänger dieser ursprünglichen Browder-Idee und zugleich als Tito-Freunde vorstellte: „Im Sommer 1948 hatte ich anlässlich eines Aufenthaltes in Prag die Gelegenheit, mit einigen jener Männer zu sprechen, die später … den Tod am Galgen fanden. Slansky selbst, Clementis, André Simone und andere erzählten mir über die Ereignisse des Jahres 1947, als die Tschechoslowakei sich für den Marshall-Plan aussprach und nur unter dem Druck von Moskau die bereits ausgesprochene Zustimmung zurückziehen musste … Was mir Slansky, Clementis und andere sagten, war mir nicht fremd. Aus ihren Worten sprach die große Unzufriedenheit mit dieser Entwicklung. Denn die Gespräche fanden nach dem Bruch des Kominform mit Tito statt“. (S.142).

Das ist ein Hinweis darauf, dass die Sympathisanten der Browder-Ideen auch Sympathisanten der Tito-Ideen waren Und das ist im Grunde selbstverständlich, da Tito und die jugoslawischen Revisionisten ihre Ideen nicht selbst erfunden, sondern von Browder und Field übernommen haben. Tibor Szönyi – wir haben ihn schon als einen Arzt Dr. Hoffmann an der Züricher Charité kennen gelernt, dem Noel Field Bruno Goldhammer als Patienten zuführte –, deckte im Rajk-Prozess auch die Verbindungen von Allan Dulles und Field zur Tito-Gruppierung auf. (31) Aus seiner ausführlichen Schilderung sei nur das Folgende zitiert: „Weitere Mithelfer und unmittelbare Mitarbeiter des Allan Dulles …waren die jugoslawischen Spione. Namentlich war Mischa Lompar, der damals in Zürich offiziell als Leiter der dortigen jugoslawischen Emig-rantengruppe figurierte, in Wirklichkeit schon damals amerikanischer Spion und direkter Mi-thelfer Dulles‘. Später wurde Mischa Lompar Generalkonsul in Zürich, also Berufsdiplo-mat….Unter dem politischen Einfluss des Mischa Lompar, bei dem die Theorie des früheren Leiters der Amerikanischen Kommunistischen Partei, Browder, eine große Rolle spielte, wurden diese Ansichten im Auftrag der amerikanischen Geheimorgane von Lompar und Field in der Schweiz in französischer und deutscher Sprache in großer Auflage gedruckt und verbreitet.“ Es handelt sich dabei um die von der Partei der Arbeit herausgegebene Schrift, von der oben schon die Rede war und mit der Field dem „Browderismus“ den Weg nach Europa bereitet hatte.

Stellen wir noch einmal die Kernsätze Kießlings nebeneinander, mit denen er hervorhob, was er als ein besonderes Verdienst Fields hielt, was aber in Wahrheit stärker als alles übrige Kießling und seine krampfhaften Bemühungen widerlegt, uns Field als überzeugten Kommunisten und treuen Freund der Sowjetunion vorzuführen: „Dabei fiel besonders ins Gewicht, dass er (Field) für sie (die Browderschen Gedankengänge) in Europa eintrat und sie in der Schweiz und damit auch unter den kommunistischen Emigranten aus mehreren Ländern verbreiten half“.(S.103). Und: „Noch ehe die sowjetische Nachkriegspolitik in ihrem europäischen Einflussbereich in Aktion trat, lag mit Browders Programmatik ein kommunistischer (?!K.G.) Gegenentwurf vor. Und Noel H.Field war derjenige, der ihn kolportiert hatte.“ (S.104)

Berücksichtigen wir die Beurteilung des „Browderismus“ durch solch hervorragende Führer der kommunistischen Bewegung, wie William Foster und Jaques Duclos, sowie das, was uns Kießling selbst als den wesentlichen Inhalt der Browder-Ideen vorgeführt hat, dann kann man als Kommunist zu keinem anderen Ergebnis kommen als zu dem: Diese von Kießling so positiv bewertete „Leistung“ des Noel Field bestätigt die Auffassung derer, die in Field einen beson-ders fähigen und dadurch besonders gefährlichen V-Mann des Allan Dulles sahen und es daher für notwendig hielten, dementsprechende Maßnahmen zum Schutze der jungen antifaschis-tisch-demokratischen bzw. sozialistischen Staatswesen und der in ihnen führenden kommu-nistischen und Arbeiterparteien zu ergreifen.

Das „Verdienst“ Fields, den „Browderismus“, diese Urform des „modernen Revisionismus“, in die kommunistischen Bewegung in Europa implantiert zu haben, ist in ihren Auswirkungen so weittragend, dass Noel Field nach Browder und zusammen mit Tito, Chruschtschow und Gorbatschow ein „Ehrenplatz“ in der Galerie der verdienstvollsten Köpfe von Führern der von den imperialistischen Geheimdiensten gesteuerten Fünften Kolonnen im kommunistischen Lager gebührt. Übrigens erschien lange, bevor Kießling sein Buch begann, nämlich 1972, in den USA ein Buch über das OSS, das an der Rolle Fields als Mitarbeiter von Allan Dulles keinen Zweifel zulässt. Der Titel des Buches lautet einfach: „OSS“. Es ist erschienen im Verlag University of California Press, Berkeley, Los Angeles. Sein Verfasser, R. Harris Smith, schreibt dort (S.228) über Fields Bemühungen, eine formelle Arbeitsbeziehung des OSS mit dem „Komitee Freies Deutschland für den Westen“, zustande zu bringen: „Die Front(organisation von CALPO) wurde von deutschen Kommunisten dominiert…Field schlug vor, dass OSS eine formelle Arbeitsbeziehung mit CALPO in Frankreich etabliert….Dulles, der die Schwierigkeiten kannte, die OSS London bei seinen deutschen Operationen erfahren hatte, glaubte, dass diese Idee einigen Nutzen hatte.“ Deshalb schickte er Field nach Paris zum dortigen OSS-Hauptquartier. Dort aber stieß dieses Projekt auf große Vorbehalte. „Die vorgeschlagene Allianz mit den deutschen Kommunisten wurde abgelehnt.“

Was sich aus dieser Einschleusung des Browderismus in die europäische kommunistische Bewegung an Folgen ergab, unterstreicht die Berechtigung und Notwendigkeit der Warnung Dimitroffs, mit der wir diesen Teil IV einleiteten. Mit Betrachtungen zu diesen Folgen wird sich der nun folgende und letzte Abschnitt beschäftigen.

 

IV. Zum Anteil des Revisionismus an der Niederlage des Sozialismus in Europa

 

1. Hat der Revisionismus überhaupt etwas mit der Niederlage des Sozialismus zu tun?

Schon Marx und Engels, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bekämpften den Revisionismus als eine bürgerliche Ideologie der Sozialismus-Verhinderung, und die Kommunistischen und Arbeiterparteien charakterisierten den Revisionismus auf ihren Internationalen Konferenzen als eine Agentur der Bourgeoisie zur Sozialismus-Liquidierung. Selbst in den Erklärungen der Beratungen von 1957 und 1960, die – als Kompromissprodukte des erbitterten Kampfes der Marxisten-Leninisten mit den Vertretern der KP Chinas an der Spitze gegen die Revisionisten mit Chruschtschow als deren Hauptvertreter – ein Gemisch von marxistisch-leninistischen und revisionistischen Aussagen darstellen, wird festgestellt: „Die Beratung betont die Notwendigkeit, Revisionismus und Dogmatismus in den Reihen der kommunistischen und Arbeiterparteien entschlossen zu überwinden. … Während die kommunistischen Parteien den Dogmatismus verurteilen, sehen sie unter den gegenwärtigen Umständen die Hauptgefahr im Revisionismus oder mit anderen Worten im rechten Opportunismus als einer Ausdrucksform der bürgerlichen Ideologie, die die revolutionäre Energie der Arbeiterklasse lähmt und die Erhaltung oder Restauration des Kapitalismus fordert“.

Zur Abschwächung dieser Konzentration des Feuers auf den Revisionismus als der aktuellen Hauptgefahr setzten die Revisionisten – das Trio Chruschtschow, Gomulka, Kadar als deren Hauptvertreter – als nächsten Satz folgende Ergänzung durch: „Jedoch können auch Dogma-tismus und Sektierertum in bestimmten Entwicklungsphasen einzelner Parteien die Hauptgefahr darstellen. Jede kommunistische Partei entscheidet, welche Gefahr für sie im gegebenen Zeitpunkt die Hauptgefahr ist.“

Den Marxisten-Leninisten gelang es allerdings wiederum, einen Katalog der wichtigsten Merkmale und Zielsetzungen des modernen Revisionismus in das Dokument zu bringen: „Der moderne Revisionismus ist bemüht, die große Lehre des Marxismus-Leninismus in Verruf zu bringen, er erklärt sie für ‚veraltet‘, behauptet, sie habe heute ihre Bedeutung für die gesell-schaftliche Entwicklung verloren. Die Revisionisten sind bestrebt, die revolutionäre Seele des Marxismus auszumerzen und den Glauben der Arbeiterklasse und des schaffenden Volkes an den Sozialismus zu erschüttern. Sie wenden sich gegen die historische Notwendigkeit der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, sie leugnen die führende Rolle der marxistisch-leninistischen Partei, sie lehnen die Prinzipien des proletarischen Internationalismus ab, sie fordern Verzicht auf die grundlegenden Leninschen Prinzipien des Parteiaufbaus und vor allem auf den demokratischen Zentralismus, sie fordern, dass die kommunistische Partei aus einer revolutionären Kampforganisation in eine Art Diskutierklub verwandelt wird.“ (32)

Es gelang jedoch nicht, die Träger des Revisionismus aus der Anonymität herauszuholen und sie im Dokument mit Namen und Adresse zu nennen; kein Wunder, hätte dann doch gleich nach dem Namen „Tito“ der Name „Chruschtschow“ stehen müssen. Die Erklärung der Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien vom November 1960 trägt den gleichen zweideutigen Kompromisscharakter wie jene von 1957. Einerseits wird die Gefahr des Revisionismus bagatellisiert, indem in völligem Widerspruch zur Realität behauptet wird: „Die kommunistischen Parteien haben die Revisionisten in ihren Reihen, die sie vom marxis-tisch-leninistischen Weg abzubringen versuchten, ideologisch zerschlagen. Im Kampf gegen den Revisionismus haben sich die einzelnen kommunistischen Parteien wie die kommunistische Weltbewegung in ihrer Gesamtheit ideologisch und organisatorisch noch mehr gefestigt.“

Dann jedoch erfolgt – was 1957 Chruschtschow noch zu verhindern gelang – eine scharfe Kennzeichnung und Verurteilung des Revisionismus der Tito-Partei (womit jedoch – da nur sie genannt wurde – zugleich alle anderen und vor allem der gefährlichste Revisionist, Chruschtschow selbst, bestätigt bekamen, einwandfreie Marxisten-Leninisten zu sein): „Die kommunistischen Parteien haben die jugoslawische Spielart des internationalen Opportunismus, die einen konzentrierten Ausdruck der ‚Theorien‘ der modernen Revisionisten darstellt, einmütig verurteilt. Die Führer des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, die den Marxis-mus-Leninismus verrieten, indem sie ihn für veraltet erklärten, haben der Erklärung von 1957 ihr antileninistisches revisionistisches Programm entgegengestellt. Sie haben den BdKJ der gesamten kommunistischen Weltbewegung entgegengestellt, ihr Land vom sozialistischen Lager losgerissen, es von der so genannten Hilfe der amerikanischen und anderen Imperialisten abhängig gemacht und damit die Gefahr heraufbeschworen, dass das jugoslawische Volk seiner im heroischen Kampf erzielten revolutionären Errungenschaften verlustig geht. Die jugoslawischen Revisionisten betreiben eine Wühlarbeit gegen das sozialistische Lager und die kommunistische Weltbewegung. Unter dem Vorwand einer blockfreien Politik entfalten sie eine Tätigkeit, die der Einheit aller friedliebenden Kräfte und Staaten Abbruch tut. Die weitere Entlarvung der Führer der jugoslawischen Revisionisten und der aktive Kampf dafür, die kommunistische Bewegung wie auch die Arbeiterbewegung gegen die antileninistischen Ideen der jugoslawischen Revisionisten abzuschirmen, ist nach wie vor eine unerlässliche Aufgabe der marxistisch-leninistischen Parteien….Die Interessen der weiteren Entwicklung der kom-munistischen und Arbeiterbewegung erfordern auch in Zukunft, wie es in der Erklärung der Moskauer Erklärung von 1957 heißt, einen entschiedenen Zweifrontenkampf: gegen den Re-visionismus, der die Hauptgefahr bleibt, und gegen den Dogmatismus und das Sektierertum.

Indem der Revisionismus, der Rechtsopportunismus den Marxismus-Leninismus entstellt und ihn seines revolutionären Geistes beraubt, widerspiegelt er die bürgerliche Ideologie in Theorie und Praxis, lähmt er den revolutionären Willen der Arbeiterklasse, entwaffnet und demobilisiert er die Arbeiter, die Massen der Werktätigen im Kampf gegen das Joch der Imperialisten und Ausbeuter, im Kampf für Frieden, Demokratie, nationale Befreiung und den Triumph des Sozialismus.“ (33)

So treffend diese Charakteristik auch war: ihr Pferdefuß zeigte sich darin, dass alle anderen von Revisionisten geführten Parteien und deren Führer – an ihrer Spitze Chruschtschow – ungenannt blieben und damit die Möglichkeit erhielten, die jetzt zu recht gebrandmarkte Tito-Partei samt ihrem Chef wieder – wie schon 1955 – als „teurer Genosse Tito!“ wieder in die Festung hereinzuholen und dann den Spieß gegen seine Ankläger zu richten – wie es ja dann auch wenig später geschah.

Dennoch habe ich diese Passagen aus zwei Gründen so ausführlich zitiert:

Erstens bringen sie eindeutig die marxistische Erkenntnis zum Ausdruck, dass eine revisionis-tische Politik zum Untergang des Sozialismus, zur Restauration des Kapitalismus führt.

Zweitens lässt die Aufzählung der Merkmale revisionistischer Politik –

– den Marxismus-Leninismus für veraltet erklären

– die revolutionäre Seele des Marxismus ausmerzen,

– die Überzeugung der Werktätigen an die Richtigkeit des Sozialismus erschüttern,

– Leugnung der Notwendigkeit der proletarischen Revolution,

– Leugnung der Diktatur des Proletariats,

– Leugnung und Verneinung der führenden Rolle der marxistisch-leninistischen Partei,

– Ablehnung der Prinzipien des proletarischen Internationalismus,

– Verzicht auf die grundlegenden Leninschen Prinzipien des Parteiaufbaus, besonders auf den demokratischen Zentralismus,

– Verwandlung der kommunistischen Partei aus einer revolutionären Kampforganisation in eine Art Diskutierklub –

keinen Zweifel daran, dass die Politik nicht nur Titos, sondern auch Chruschtschows, Gomulkas und Kadars revisionistisch war, also zur Liquidierung des Sozialismus führen musste, falls ihr nicht Einhalt geboten wurde. Das geschah jedoch nicht, sondern sie wurde fortgeführt und durch Gorbatschow zur Vollendung, also zur völligen Liquidierung des Sozialismus in der Sowjetunion und in den europäischen sozialistischen Staaten geführt.

In diesen Erklärungen ist die Antwort auf die Frage nach den Ursachen für die Niederlage des Sozialismus in Europa gegen Ende des Jahrhunderts enthalten, von dem wir erwarteten und erhofften, es würde das Jahrhundert des nicht mehr rückgängig zu machenden Triumphes des Sozialismus werden, das Jahrhundert der endgültigen Befreiung der Mehrheit der Menschheit von der Herrschaft des Kapitals.

Diese Antwort lautet: Weil der Revisionismus – trotz der Warnungen der Beratungen der kommunistischen Parteien vor dem Revisionismus als der Hauptgefahr für den Bestand des Sozialismus – in der führenden Partei des sozialistischen Lagers, in der KPdSU, über den Marxismus-Leninismus siegte, konnte der Imperialismus über den Sozialismus in der Sowje-tunion und Europa siegen. So selbstverständlich die Feststellung, dass der Sozialismus nur auf dem Wege des wissenschaftlichen Sozialismus mit Erfolg aufgebaut werden kann, jedes Ab-weichen von diesem Wege aber den Sozialismus ruiniert, für jeden Marxisten auch sein müsste – sie ist es nicht.

Und leider gehören zu denen, die dieser Feststellung widersprechen und sie zu widerlegen suchen, auch so erprobte und geschulte Kommunisten wie der im vorigen Jahr verstorbene Antifaschist, Spanienkämpfer und Hochschullehrer in Fragen des Marxismus-Leninismus, Genosse Fred Müller. In verschiedenen Artikeln und in zwei großen Sonderheften von „Of-fensiv“ hat er – neben Vielem, dem ich nur aus vollem Herzen zustimmen konnte –, Thesen aufgestellt, über die ich mit ihm schon zu seinen Lebzeiten gestritten habe und über die ich meinen genossenschaftlichen Streit mit ihm weiter führen wollte. Sein Tod hat das verhindert. Aber diese seine Thesen können nicht unwidersprochen bleiben, erstens, weil sie meiner Ansicht nach nicht Klärung, sondern Verwirrung bewirken, und zweitens, gerade weil sie von ihm kommen und also ernst genommen werden müssen.

Fred Müllers Erklärung lautet, kurz gesagt, so: Der Niedergang des Sozialismus ist nicht die Folge falscher Politik, sondern die Folge dessen, dass er infolge des Ausbleibens der Weltre-volution nicht nur die ganze Zeit über schwächer blieb als der Imperialismus, sondern nach dem Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg im Verhältnis zum Imperialismus sogar noch schwächer wurde als vor dem Kriege. Deshalb war sein Untergang unvermeidlich, denn über Sieg oder Niederlage entscheidet nur das Kräfteverhältnis, nicht die höhere gesellschaftliche Qualität. Bei Fred Müller liest sich das so: „Lenin hat zur Hauptfrage ‚wer – wen‘ nie ein Hehl daraus gemacht, dass es der Stärkere sein wird, der sie zu seinen Gunsten entscheidet. … Wenn eine real existierende sozialistische Gesellschaft nicht mehr die wirtschaftliche Potenz besitzt, um im internationalen Kräfteverhältnis die erforderliche politische und militärische Unabhängigkeit zu garantieren, ist sie dem Niedergang und schließlich der Niederlage ausgesetzt. … Das internationale Kräftemessen stand seit der Oktoberrevolution unerbittlich vom ersten Tage an für die beiden antagonistischen Systeme auf der Tagesordnung und wurde nicht dadurch entschieden, wer die historisch höhere Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung, sondern wer zur Aufrechterhaltung seiner Ordnung die dazu erforderliche Macht besaß!“ (34)

Fred Müller hat mit diesen Sätzen Lenin kräftig missdeutet. Lenin sagte nirgends, dass im Kampfe „Wer-Wen?“ gesetzmäßig der Stärkere siegen müsse. Wäre es so, brauchte man den Kampf erst gar nicht anzufangen. Denn jede neue Gesellschaftsordnung, die aus der alten hervorgeht, ist zunächst einmal für längere Zeit der schwächere Teil. Lenin sagte vielmehr, der Kampf ‚wer-wen‘ werde in letzter Instanz durch die höhere Arbeitsproduktivität entschieden.

Müller hat nicht beachtet und nicht erwähnt, dass die Sowjetunion in den ersten drei Jahr-zehnten ihrer Existenz aufgrund der höheren Arbeitsproduktivität der sozialistischen Plan-wirtschaft einen Großteil des Rückstandes Russlands aufgeholt hat und nach nur zwei Jahr-zehnten, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, in der Liste der Industriemächte bereits den zweiten Platz hinter den USA einnahm und imstande war, nach deren Überfall auf die Sowje-tunion die bis dahin größte und stärkste imperialistische Kriegsmaschine, die des deutschen Faschismus, zu zerschmettern.

Fred Müller registrierte zwar, dass dann in den fünfziger Jahren der „unaufhaltsame“, – wie er meint, – Niedergang begann. (S.28). Aber er nahm nicht Kenntnis davon, dass an die Stelle einer bisher vom wissenschaftlichen Sozialismus geleiteten Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik in der Sowjetunion nach dem XX. Parteitag der KPdSU eine Politik betrieben wurde, die immer deutlicher jene oben aufgeführten Merkmale aufwies, die von der 1957er Beratung als Merkmale des modernen Revisionismus aufgelistet wurden. Es muss auffallen, dass in seinem Geschichtsbild die scharfe Auseinandersetzung mit dem Revisionismus in der Kommunisti-schen Bewegung nicht vorkommt.

Selbst den Begriff des modernen Revisionismus wird man bei ihm vergeblich suchen. Statt dessen finden wir bei ihm dies: „Manche suchen die Gründe in der Entartung des Systems vor allem im Eindringen des ideologisch zersetzenden Einflusses des Klassenfeindes. Des weiteren in dem politischen und fachlichen Unvermögen, den Fehlern und Verfehlungen, die sogar kriminellen Charakter annehmen konnten, der verantwortlichen Funktionäre…. Die fast ein Jahrhundert bestehende Sowjetunion hat unter Beweis gestellt, dass nicht irgendwelche Fehler und Verfehlungen ihre Existenz gefährdeten, sondern der Verlust der materiellen, besonders wirtschaftlichen Grundlagen zur Aufrechterhaltung des Systems.“ (S.17)

Fred Müller bestreitet hier eine der unbestreitbaren marxistischen Erkenntnisse: dass nämlich, da der Sozialismus eine Wissenschaft ist, auch der Aufbau der sozialistischen Ordnung nur erfolgreich sein kann, wenn er wissenschaftlich betrieben wird, dass also Sieg oder Niederlage nicht nur von objektiven Bedingungen, sondern natürlich auch davon abhängen, ob die Politik der führenden Partei den gesellschaftlichen Bedingungen entspricht und ob sie die ökonomi-schen Gesetze kennt und berücksichtigt.

Das alles gibt es bei Fred Müller aber nicht, und deshalb stellt er auch gar nicht erst die Frage, woher es denn wohl kommt, dass in der Sowjetunion auf einmal „das System entarten“ konnte und „die materiellen, besonders wirtschaftlichen Grundlagen zur Aufrechterhaltung des Sys-tems“ verloren gingen. Denn er weiß ja mit Bestimmtheit, dass die Ursache dafür „nicht im subjektiven Handeln“, sondern darin liegt, dass „die Folgen des Krieges, den die Sowjetunion gegen den Faschismus geführt und gewonnen hatte, nicht nur die Befreiung der Völker des eigenen Landes und vieler Völker der Welt bedeutete, sondern auch den eigenen Niedergang und die Niederlage einleiteten und unvermeidbar machten.!“ (S.28.) Wenn Fred Müllers Erklärung für den Untergang der Sowjetunion und der mit ihr verbündeten europäischen sozialistischen Staaten zutreffend wäre, dann wäre es nur durch ein Wunder zu erklären, dass das sozialistische Kuba auch 12 Jahre nach dem Verlust seines stärksten ökonomischen, politischen und militärischen Rückhaltes noch immer dem übermächtigen USA-Imperialismus standgehalten hat. Warum bloß hat er das nicht selbst gesehen, und uns statt dessen eine Erklärung vorgelegt, die einen Gorbatschow vom Vorwurf, zum Untergang der Sowjetunion aktiv beigetragen zu haben, freispricht, ihm vielmehr den Rang eines Vollstreckers des Urteils der Geschichte zuweist ?

Denn – so wieder Fred Müller: „Bedeutete denn die Erweiterung durch die Länder der Sozia-listischen Staatengemeinschaft eine spürbare Verbesserung? Nein, im Gegenteil. Sie bedeutete neben den anderen internationalen Verpflichtungen eine zusätzliche schwere Belastung für die Sowjetunion.“ (S.31). Schließlich noch dieses Argument von Fred Müller: „Nur durch die siegreiche Weltrevolution ist der endgültige Sieg des Sozialismus gewährleistet. Weil diese Voraussetzung nicht vorhanden war, ist dies der Hauptgrund, dass die Bedingungen für die Entwicklung der Übermacht des Imperialismus so wirksam werden konnten, dass der Nie-dergang und die Niederlage des real existierenden Sozialismus nicht mehr verhindert werden konnten.“ (S.17.)

Es muss verwundern, dass Fred Müller einerseits beklagt, dass „die siegreiche Weltrevolution“ ausblieb und darin eine Ursache für die Unvermeidlichkeit des Niederganges und der Nieder-lage im Kampfe „Wer-Wen?“ sah, andererseits aber die Ereignisse, die doch tatsächlich Glieder der sich in Etappen vollziehenden Weltrevolution waren, nämlich die Erweiterung des Machtbereiches des Sozialismus „durch die Länder der Sozialistischen Staatengemeinschaft“, ebenfalls zur Ursache für die Unvermeidlichkeit der Niederlage erklärte – wegen der „zusätz-lichen schweren Belastung für die Sowjetunion“, die dazu geführt habe, den USA einen „großen, sehr schnell wachsenden wirtschaftlichen Vorsprung“ zu verschaffen. (S.29).

Fred Müller kam nicht in den Sinn, dass es keine Stärkung, sondern eine Schwächung des Imperialismus bedeutet,

– wenn sein Macht- und Ausbeutungsbereich um die Hälfte Europas, um das nach der Sowje-tunion größte und volkreichste Land der Erde, um China, um Nordkorea und Vietnam, ver-kleinert wurde; – wenn er in Korea und Vietnam militärische Niederlagen einstecken musste, weil sein Atomwaffenmonopol gebrochen wurde und der Sozialismus auf allen Kontinenten, Australien ausgenommen, Fuß gefasst hat;

– wenn damit dem an sich grenzenlosen Streben des Imperialismus nach Auspressung von Superprofiten aus allen anderen Ländern und Völkern Grenzen gesetzt wurden, weil ihnen das sozialistische Lager in ihrem Kampf um Unabhängigkeit und Abwehr der imperialistischen Erpressungsversuche Rückhalt bot!

All dies sieht Fred Müller nicht – statt dessen: eine Stärkung des Imperialismus durch die Schrumpfung seines Machtbereiches und eine Schwächung des Sozialismus durch die Aus-dehnung seines Herrschaftsbereiches auf ein Drittel statt eines Sechstels des Erdballs!

Ich vermisste bei Fred Müller ferner, dass er bei seiner Suche nach den Ursachen für die Nie-derlage nicht wenigstens die Frage stellte, ob zur Schwächung des Sozialismus nicht doch auch die Spaltung des sozialistischen Lagers durch die feindliche Konfrontation der Sowjetunion gegen Volks-China beigetragen hat. Und ich frage mich, ob er diese Spaltung ebenfalls als unabhängig von der Politik nur als Folge der objektiven Gegebenheiten erklärt hätte.

Fred Müllers Postulat der Erklärung der Niederlage ausschließlich als Ergebnis objektiver Gegebenheiten kann von ihm selbst nicht durchgehalten werden: Wie wir sahen, erklärt er einerseits, nicht Fehler der sowjetischen Politiker hätten die Niederlage verursacht, sondern das Ausbleiben der Weltrevolution. Warum aber blieb sie aus? Wäre er konsequent gewesen, hätte er auch dafür objektive Gegebenheiten anführen müssen. Wie aber erklärte er ihr Ausbleiben tatsächlich? In einer Erwiderung auf Einwände von mir (35) gegen einige Punkte seiner Dar-legung schrieb er: „Der Verrat der Sozialdemokratie war ausschlaggebend, dass der Rote Oktober nicht in den Sieg der Weltrevolution überging.“ (36)

Wenn aber der Verrat der Sozialdemokratie das Ausbleiben der Weltrevolution verursachen konnte, – warum sollte dann „der Verrat des Revisionismus“ nicht das Ausbleiben des Sieges des Sozialismus bewirken können?

Lassen wir uns also nicht länger davon abhalten, den Anteil des Revisionismus an der Nie-derlage des Sozialismus näher zu betrachten.

 

2. Zum Problem von objektiven und subjektiven Ursachen der Niederlage des Sozialismus

Die Tatsache, dass es auch in der kommunistischen Bewegung opportunistisch und revisionis-tische Tendenzen, ja sogar Strömungen gibt, macht keine Erklärungsschwierigkeiten. Ein echtes Problem stellt aber die Tatsache dar, dass der Revisionismus in der Mutterpartei des Marxismus-Leninismus, in der KPdSU, die Oberhand gewinnen konnte über den Marxis-mus-Leninismus.

Nun ist dieses Ereignis ja nicht ohne Beispiel in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Etwas durchaus Gleichartiges geschah ja auch schon der Mutterpartei des Marxismus, der noch von Marx und Engels von ihrer Gründung an mit Rat und Tat begleiteten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Es könnte scheinen, das würde die Antwort auf die Frage, warum es dazu kommen konnte, erleichtern: gleichartige Ereignisse haben in der Regel ja auch gleich geartete Ursachen. Und die Antwort auf die Frage nach den Entstehungsursachen und auch nach den Ursachen für den Sieg des Revisionismus in den Parteien der II. Internationale haben ja im Ansatz schon Marx und Engels und hat nach ihnen grundlegend und allgemeingültig Lenin gegeben.

Friedrich Engels wies schon 1858 in einem Brief an Marx auf den Zusammenhang hin zwischen der Ausbeutung der Welt durch die englische Bourgeoisie und der Verbürgerlichung der englischen Arbeiterklasse, indem er schrieb, „dass das englische Proletariat faktisch mehr und mehr verbürgert, so dass diese bürgerlichste aller Nationen es schließlich dahin bringen zu wollen scheint, eine bürgerliche Aristokratie und ein bürgerliches Proletariat neben der Bourgeoisie zu besitzen. Bei einer Nation, die die ganze Welt exploitiert, ist das allerdings gewissermaßen gerechtfertigt.“ (37)

Lenin hat vor allem in seinem Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ und in zahlreichen anderen Arbeiten – zu nennen sind hier vor allem die Schriften „Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale“, geschrieben im Januar 1916, und „Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus“, geschrieben im Dezember 1916, den Zusammenhang von Imperialismus und Opportunismus herausgearbeitet. In seinem Hauptwerk über den Imperialismus schrieb er: „Der Imperialismus, der die Aufteilung der Welt und die Ausbeutung nicht allein Chinas bedeutet, der monopolistisch hohe Profite für eine Handvoll der reichsten Länder bedeutet, schafft die ökonomische Möglichkeit zur Bestechung der Oberschichten des Proletariats und nährt, formt und festigt dadurch den Opportunismus. … Der Imperialismus hat die Tendenz, auch unter den Arbeitern privilegierte Kategorien auszusondern und sie von der Masse des Proletariats abzuspalten.“ (38) Das Entstehen und das Wuchern des Revisionismus in den Parteien der II. Internationale hängen also ursächlich mit Veränderungen in der Ökonomie, mit dem Übergang vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus, zum Imperialismus, zusammen.

Was liegt da näher, als die Ursachen für das Entstehung und für den Sieg des Revisionismus in kommunistischen Parteien ebenfalls in Veränderungen in der Ökonomie zu suchen, und Er-klärungen, welche die Ursachen nicht nur dort, sondern auch in der Politik suchen, als unmar-xistisch, idealistisch und personalistisch zu empfinden..

Sogar Rolf Vellay, der schon 1989 gesehen und geschrieben hatte: „Michail Gorbatschow als Generalsekretär, das ist die Konterrevolution an der Spitze der KPdSU! Michail Gorbatschow als Staatspräsident der UdSSR, das ist das Ende des Sozialismus in der Sowjetunion!“, wandte in einem Brief an mich vom 18. Mai 1998 gegen meine Ursachenerklärung für den Sieg des Revisionismus in der Sowjetunion ein: „So interessant es ist, wenn Du die Linien der ideolo-gischen Auseinandersetzungen in der KPdSU und in der kommunistischen Weltbewegung nachzeichnest,… beantwortet es für mich doch nicht zu voller Zufriedenheit die Frage, wie es ‚dazu hat kommen können‘. Ich denke, in letzter Instanz haben politische Veränderungen grundsätzlicher Art ihre Ursachen in der Ökonomie. In der einst revolutionären deutschen Sozialdemokratie konnten deshalb die Reformisten am Ende das Übergewicht gewinnen, weil der sich entwickelnde Imperialismus mit Hilfe der Bismarck’schen Sozialgesetzgebung einerseits und dem‘ sozialen‘ Wirken z.B. solcher Unternehmer wie Krupp, Bosch, Abbé materielle Voraussetzungen schufen für die sich ausbreitende Illusion vom ‚friedlichen Weg‘, vom ‚Hi-neinwachsen in den Sozialismus‘, Ohne diese für einen Teil der Arbeiter und die sich heraus-bildende Schicht von Funktionsträgern der Arbeiterbewegung bereits im Kapitalismus spürbare Besserung der sozialen Situation, verbunden mit der Hoffnung, dass es mit der Zeit für noch größere Teile des Proletariats noch besser würde – das war die Voraussetzung, dass Bernstein und Konsorten mit ihrem Reformismus Anhang finden konnten. Umgekehrt denke ich mir, dass die Revisionisten in der KPdSU und am Ende in den Parteien der anderen europäischen sozialistischen Länder nicht deshalb die Oberhand gewannen, weil die prinzipientreuen, revolutionären Genossen politische Fehler gemacht hätten – z. B., wie Du am Schluss Deines Beitrages (39) ausführst ‚die Gegensätze nicht offen vor den Volksmassen auszutragen‘ -, sondern dass die unbefriedigenden Ergebnisse sozialistischer Ökonomie den Revisionisten die Plattform lieferten, um in den entscheidenden Parteigremien schließlich das Übergewicht zu erlangen.“

Rolf hatte natürlich recht mit der Feststellung, alle politischen Veränderungen grundsätzlicher Art hätten ihre Ursache in letzter Instanz in der Ökonomie. Aber eben – in letzter Instanz! Und mitunter durch eine lange Kette von Vermittlungsgliedern im nicht-ökonomischen Bereich! Ohne Erforschung und Kenntnis dieser Vermittlungsglieder direkt auf die Ökonomie als Ver-ursacherin zu schließen muss zu Fehleinschätzungen führen, wie das auch Rolf in diesem Falle passiert ist. Analogieschlüsse vom „alten“ Revisionismus in den Parteien der II. Internationale auf den „modernen“ Revisionismus in den Parteien der III., der Kommunistischen Internatio-nale, führen gar zu leicht zu Fehlschlüssen, wenn sie die gravierenden Unterschiede außer acht lassen, die trotz grundlegender Gemeinsamkeiten zwischen beiden bestehen.

3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede von „altem“ und „modernem“ Revisio-nismus

Gemeinsam ist dem alten wie dem neuen, dem „modernen“ Revisionismus, dass beide innerhalb der revolutionären marxistischen bzw. marxistisch-leninistischen Arbeiterbewegung den revolutionären Antikapitalismus und Anti-Imperialismus zu verdrängen und zu ersetzen suchten durch eine Ideologie und Praxis des Reformismus, der Klassenzusammenarbeit, und dass beide sehr bald zu Agenturen der Bourgeoisie, zu Instrumenten der bourgeoisen Konterrevolution wurden.

Ein Grund dafür ist, dass die Bourgeoisie ein wachsames Auge auf alle politischen Organisa-tionen wirft, ein ganz besonders wachsames auf die kommunistischen Parteien, und dass sie die ihr gefährlich erscheinenden Organisationen nicht nur durch Repression, sondern auch durch Diversion bekämpft. Mit größter Aufmerksamkeit verfolgen ihre dafür zuständigen Organe innerparteiliche Auseinandersetzungen in den kommunistischen Parteien, und jede innerpar-teiliche Opposition besitzt eine magische Anziehungskraft auf Mitarbeiter dieser Organe. Auf allen möglichen und unmöglichen Wegen suchen sie Kontakt zu solchen Oppositionellen, aber nicht nur Kontakt, sondern die Möglichkeit, auf solche Oppositionsgruppen – sei es von außen, noch besser aber von innen – Einfluss zu nehmen und schließlich sie in eine gewünschte Richtung zu steuern.

Aber die Aufgabe, die sich der alte Revisionismus der sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien stellte, und jene, vor die sich der modernen Revisionismus in den regierenden kommunistischen und Arbeiterparteien gestellt sah, waren trotz Einigkeit im Ziel geradezu gegensätzlich:

Der alte Revisionismus hatte zum Ziel, den revolutionären Sturz der bestehenden Ordnung, des Kapitalismus, zu verhindern, also die bestehende Ordnung, ein bisschen reformiert, zu erhalten.

Der moderne Revisionismus hatte und hat zum Ziel, die bestehende Ordnung, den Sozialis-mus, zu beseitigen, durch „Liberalisierung“ und schrittweise Rückkehr zu kapitalistischen Verhältnissen.

Der „alte“ und der „moderne“ Revisionismus sind auch auf unterschiedliche Weise entstanden. Zwar sind beide aus dem Boden des Imperialismus erwachsen, aber auf doch recht unter-schiedliche Weise und unter ganz unterschiedlichen Bedingungen.

Der alte Revisionismus entstand, wie schon oben abgehandelt, als ideologische und politische Strömung der vom Imperialismus privilegierten Oberschichten der Arbeiterklasse, die ihren Frieden mit der gegebenen kapitalistischen Ordnung gemacht hatten. Diese Strömung und ihre Ideologen und Wortführer in der Spitze der Sozialdemokratie fanden die kräftige Unterstützung der klügsten Vertreter der imperialistischen Bourgeoisie. Wo die revisionistischen Führer die Partei in die Hand bekamen, wandelten sie diese um in Parteien, für die Kurt Tucholsky das treffende Bild vom Radieschen fand: außen rot und innen weiß. Im ersten Weltkrieg erwies sich, dass diese Parteien bereits zu bürgerlichen Arbeiterparteien und damit Stützen der imperialistischen Ordnung, zu Agenturen des Imperialismus in der Arbeiterklasse, geworden waren.

Anders entstand der moderne Revisionismus.

Ich rechne die linken und rechten Strömungen, die es in der Geschichte der kommunistischen Bewegung und vor allem in der KPdSU in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg gab, nicht dem modernen Revisionismus zu, sondern zu seinen Vorläufern. Dies deshalb, weil sie nie zur Formulierung eines solch umfassenden Gegenprogramms gelangten, wie es das in ersten Grundzügen von Browder verfasste, dann aber von den jugoslawischen Revisionisten unter Führung Titos weiterentwickelte Programm des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens war, dessen Kerngehalt in der Erklärung der internationalen Moskauer Beratung vom Novem-ber 1957 beschrieben, und das – systematisiert und kodifiziert -1958 auf dem Ljubljanaer Par-teitag der Tito-Partei als Gegenprogramm gegen das noch auf dem Marxismus-Leninismus beruhenden Programm der KPdSU angenommen wurde.

Die Besonderheit der Entstehung des modernen Revisionismus besteht nun darin, dass bereits seine ersten Schritte sich des erwartungsfrohen Segens des USA-Imperialismus erfreuten: Wir erinnern an die Begründung des Weißen Hauses, mit der Browder aus dem Gefängnis entlassen wurde – die Entlassung liege „im Interesse der Einheit der nationalen Front“ – und daran, dass es der Vertrauensmann von Allan Dulles, Noel Field war, der für die Verbreitung der Brow-der-Thesen unter den Mitgliedern der europäischen kommunistischen Parteien, insbesondere unter den deutschen, tschechischen, polnischen und ungarischen kommunistischen Emigranten, sorgte.

Bei der Geburt der Urform des modernen Revisionismus, des „Browderismus“, waren also US-Staatsorgane wenn nicht Geburtshelfer, so doch Pate und Entwicklungshelfer. Und dabei blieb es nicht nur, sondern diese Sorge der imperialistischen Geheimdienste um das Wohl und Wehe und Gedeihen des modernen Revisionismus wurde vor allem nach der Bildung antifa-schistisch-demokratischer und sozialistischer Staaten im Osten Europas immer intensiver.

Browders „nationale Einheitsfront“-Thesen waren zum einen das Produkt des enormen Drucks des amerikanischen Kapitalismus und seines Staates auf die kommunistische Bewegung (Verbotsdrohung!) und auf ihn selbst, (Verurteilung zu vier Jahren Gefängnis), zum anderen des ganz ungewöhnlichen und vorher für unmöglich gehaltenen Bündnisses der imperialistischen Führungsmacht USA mit der so lange verfemten und zum Reich des Bösen erklärten sozialistischen Sowjetunion in der Anti-Hitler-Koalition und schließlich der Bemühungen des US-Geheimdienstes, die Bindung der Kommunistischen Partei der USA an die Sowjetunion und die Komintern zu lösen und sie zu einer das System mittragenden reformistischen Orga-nisation umzuwandeln..

Browders Wirken als Generalsekretär der KP USA nach seiner Haft-Entlassung lag ganz auf der Linie der Erfüllung der Wünsche der Herrschenden: Auflösung der KP und ihre Verwandlung in einen Verein, Loslösung nicht nur organisatorisch, sondern auch politisch-ideologisch von der Komintern und der KPdSU, Verkündung der Zurückstellung der sozialistischen Zielsetzung zugunsten der Bildung einer dauerhaften klassenübergreifenden nationalen Einheitsfront, dies mit der Begründung, das sei der Beitrag der Kommunisten der USA zur Fortführung der Zusammenarbeit USA – UdSSR auch nach dem Kriege und damit zur Sicherung des Friedens.

Als es Browder zunächst gelang, die Mehrheit der Parteimitglieder für seinen „nationalen Weg“ und für die Umwandlung der Partei in einen „politischen Verein“ zu gewinnen, erkannten die US-amerikanischen Spezialisten für die Bekämpfung des Kommunismus sehr schnell, dass der „Browderismus“, wenn es gelang, ihn zu internationalisieren und in alle kommunistischen Parteien zu implantieren, insbesondere in jene, die im Osten Europas voraussichtlich bald Regierungsparteien sein würden, geeignet war, neben dem Trotzkismus eine neue wirkungsvolle Waffe zur Schwächung und Zersetzung der kommunistischen Bewegung von innen zu werden. Welche praktischen Schlussfolgerungen daraus gezogen wurden, haben wir am Beispiel des Wirkens von Noel und Hermann Field gesehen.

Mit den Ergebnisse der Bemühungen von nur zwei Jahren, also bis zum Jahr 1946, um das Einpflanzen von Keimen des modernen Revisionismus in weitere kommunistische Parteien konnten Field und Dulles hochzufrieden sein:

Die inzwischen zur regierenden Partei gewordene Kommunistische Partei Jugoslawiens wurde ausschließlich von Verfechtern des modernen Revisionismus beherrscht. (40) Jugoslawien wurde von den Führern der KPJ mit dem Spitzentrio Tito, Kardelj und Rankovic in Koordi-nierung mit dem britischen und US-amerikanischen Geheimdienst zu einem Gegenzentrum gegen die Sowjetunion ausgebaut, während die KPJ selbst die Rolle eines Trojanischen Pferdes des Imperialismus in der Festung der Kommunistischen Parteien und zugleich die Rolle eines Leitzentrums des modernen Revisionismus für die Stützpunkte in anderen kommunistischen Parteien übernahm.

Noch während die kommunistischen Parteien im Osten Europas im Kampfe gegen die fa-schistischen Okkupanten standen, war es in einigen von ihnen Funktionären, die auf nationa-listischen, antisowjetischen, prowestlichen, also auf Browder- und Tito-Positionen standen, gelungen, Schlüsselpositionen zu besetzen:

In der Polnischen Arbeiter-Partei war seit 1943 Erster Sekretär Wladylaw Gomulka, auf den Tito große Hoffnungen setzte, dass es ihm gelingen werde, die PAP zu einer Partei nach dem Vorbild der KPJ umzugestalten. (41)

In der Kommunistischen Partei Ungarns war es Laszlo Rajk (42) – Mitglied der Kommunisti-schen Partei seit Anfang der 30er Jahre, 1931 Verhaftung durch die Horthy-Polizei, freige-kommen, nachdem er eine Bereitschaftserklärung zur Zusammenarbeit mit der Polizei unter-zeichnet hatte, 1937 mit Auftrag der Polizeibehörde nach Spanien zum Rákosi-Bataillon, dort im Juni 1938 aus der Partei ausgeschlossen, 1939 in Frankreich im Lager Vernet interniert, dort Anschluss an eine Gruppe jugoslawischer Trotzkisten und Besuch auch von Noel Field, 1941 zur Arbeit nach Deutschland verbracht, von dort im August 1941 nach Budapest zurückgekehrt – dem es gelang – da den Genossen nichts von allem ihn Belastenden bekannt war – zunächst Sekretär der Budapester Parteiorganisation zu werden, und nach dem Sturz des faschistischen Szalasi-Regimes und der Bildung der ersten kommunistisch geführten Regierung der Ungari-schen Republik im Februar 1946 sogar zum Innenminister in der Regierung aufzusteigen, die von Imre Nagy als Ministerpräsident geleitet wurde – auch dieser ein – wie sich zehn Jahre später zeigen sollte – Parteigänger Titos. (43)

In der Kommunistischen Partei Bulgariens wurde Traitscho Kostoff im März 1945 1. Sekretär des ZK und damit der Stellvertreter Georgi Dimitroffs in Bulgarien bis zu dessen Rückkehr aus Moskau Ende 1945. Kostoff arbeitete mit dem englischen und dem jugoslawischen Geheim-dienst zusammen. (44)

In der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei bekleidete den Posten des Generalsek-retärs Rudolf Slansky, seit 1921 Mitglied und schon seit den späten zwanziger Jahren leitender Funktionär der Partei. Er benutzte seine Machtvollkommenheit, um Leute in Schlüsselposi-tionen im Staats- und Wirtschaftsapparat einzubauen, von denen ihm bekannt war, dass sie eine feindliche, antikommunistische und antisowjetische, prowestliche und pro-titoistische Ein-stellung hegten, und auch solche, deren Verbindung zu imperialistischen Geheimdiensten und feindlichen, darunter auch zionistischen Organisationen ihm bekannt waren. Auf diese Weise wurde er, wie es die Anklage formulierte, zum Leiter eines staatsfeindlichen Verschwörer-zentrums. (45) An dieser Stelle sei an den Bericht Leo Bauers über sein Begegnung mit Slansky, Clementis und André Simone im Sommer 1948 erinnert, in dem er deren große Unzufriedenheit über „den Druck aus Moskau“ zur Zurückziehung der Zustimmung zum Marshall-Plan und über „den Bruch des Kominform mit Tito“ beschrieb. (S.42)
In der Deutschen Demokratischen Republik hatten viele von Fields Freunden und der von ihm in der Emigration Betreuten wichtige Funktionen in der Partei, im Staatsapparat, in den Mas-senorganisationen und im Kultur- und Medien-Bereich inne. Der, mit dem Field die engsten Beziehungen unterhalten hatte, Paul Merker, war erwartungsgemäß Mitglied im Politbüro der SED geworden, ebenfalls Franz Dahlem, den Field auch aus dessen Internierung in Frankreich kannte.

Field selbst kehrte nach dem Ende des Krieges nur für kurze Zeit in die Staaten zurück, suchte jedoch, wie wir schon gesehen haben, in der DDR oder in der Tschechoslowakei eine Anstellung zu finden. Wie schon aus dem Matern-Bericht zitiert, wurde Field, „um ihn in die Deutsche Demokratische Republik einzubauen,…wegen Unterstützung der Kommunisten von seiner amerikanischen Dienststelle entlassen. Um ihm eine Grundlage in der CSR zu schaffen, wird er vom unamerikanischen Komitee öffentlich als kommunistischer Agent angeklagt.“

Der wirkliche Grund für sein Bleiben in Europa war, dass die eigentliche Arbeit für ihn ja jetzt erst begann: nun, da seine „Schützlinge“ hohe und höchste Funktionen in den kommunistisch regierten Ländern innehatten, wurde die Verbindung zu ihnen erst richtig wertvoll und von größter Wichtigkeit. Das Netz in der Emigration zu knüpfen – das war nur Vorbereitungsarbeit gewesen. Jetzt stand der wichtigere Teil bevor: dieses Netz zum Einsatz zu bringen, mit ihm zu arbeiten und es nach Möglichkeit durch Gewinnung neuer Adressen noch dichter zu machen! Diese Arbeit konnte keinem anderen übertragen werden – ihr Erfolg beruhte ganz auf dem Vertrauensverhältnis, das Field zu seinen „Schützlingen“ aufgebaut hatte.

Von Fields Bemühungen, neue zusätzliche Adressen zu gewinnen, hatten wir schon im Ma-tern-Bericht Kenntnis erlangt. Diese Bemühungen hat auch Kießling erwähnt. Field hatte durch Vermittlung von Walter Bartel Franz Dahlem in Bartels Wohnung getroffen. „Ein Ergebnis der Begegnung Dahlems mit Field war zweifellos, dass zwischen Field und der VVN, (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, K.G.) vertreten durch Helmut Bock, Spenden des USC ver-einbart wurden.“ (Kießling, S.132).

Kießling ist zu dieser Auffassung offenbar durch die Darstellung im Beschluss des ZK der SED vom 20.Dezember 1952 gekommen, in dem ausgeführt wurde: „Er (Field) versuchte mehrmals Listen von Opfern des Faschismus zu erhalten und wandte sich deshalb an das Zentralsekretariat der SED. Da er hier jedoch abgewiesen wurde, knüpfte er durch fingierte Telefonanrufe eine Verbindung zum Berliner Hauptausschuss der Opfer des Faschismus an, wo es ihm tatsächlich gelang, nach mehreren Besprechungen eine Liste mit 25 Namen zu erhalten.“

Beide Darstellungen stimmen so nicht. Als mir Helmut Bock, mit dem ich befreundet war, einmal von dieser Begegnung mit Field erzählte, bat ich ihn, das doch aufzuschreiben. Das tat er. Hier sein Bericht vom 17.7.1992: „Nach meiner nicht mehr genauen Erinnerung, es kann in der wärmeren Jahreszeit im Jahr 1948 gewesen sein, auf jeden Fall war es noch vor der Spaltung, da erhielt ich in meiner Dienststelle (ich war damals Leiter des Hauptamtes Opfer des Faschismus im Berliner Magistrat) einen Anruf von der Amerikanischen Militärregierung. Der Mann am Apparat stellte sich als Noel Field vor, und er bestellte mich zu einer Unterredung in die Wohnung von Walter Bartel, der damals in Schöneberg wohnte, Straße weiß ich nicht mehr. Als ich zum verabredeten Zeitpunkt im Treppenhaus emporstieg, kam mir von oben ein großer, sehr schlanker Mann entgegen, der zu mir sagte, er wäre Field, bei Bartels wäre niemand zu Hause, er bat mich, in seinem Straßenkreuzer Platz zu nehmen, und auf der Fahrt fand dann ein Gespräch statt: Er sei Mitarbeiter einer Hilfsorganisation der amerikanischen Militärregierung, und sie wollen Opfer des Faschismus materiell unterstützen. Es wurde ein Termin vereinbart, an dem ich mich, wenn ich wollte, mit einem meiner Mitarbeiter, in einem Büro der amerikanischen Besatzungsmacht einfinden sollte. Das geschah dann auch, mit meiner Kameradin Ilse Haak (lebt nicht mehr) ging ich dorthin ( an den Ort des Büros kann ich mich nicht mehr erinnern). Field empfing uns und verwies uns an eine Frau in mittleren Jahren, und kümmerte sich dann nicht mehr um uns, saß irgendwo hinten im Raum an einem Schreibtisch. Die Frau sagte uns, dass sie die Opfer des Faschismus mit wertvollen Lebensmitteln unterstützen möchten (Carepakete), nicht nur die Berliner, sondern auch die OdF im Bereich der sowjetischen Besatzungszone. Wenn es uns möglich wäre, sollten wir ihr doch eine entsprechende Adressenliste zur Verfügung stellen. Zunächst waren wir angenehm berührt von dieser, wie wir meinten humanen Geste. Im Gespräch mit Genossen des ZK wurden wir aber gewarnt, die Amerikaner könnten hinterhältige Zwecke damit verbinden, und der Bitte der amerikanischen Frau wurde nicht stattgegeben. Adressenlisten sind nicht übergeben worden.“

Jedenfalls nicht von Helmut Bock. Field hat offenbar nach dem Fehlschlag bei Helmut Bock mit Hilfe seiner einflussreichen Freunde andere Wege gefunden, an neue Adressen heranzu-kommen. Es verdient übrigens Beachtung, dass der angeblich in den USA als Kommunisten-freund angeklagte Field in Berlin als Angehöriger der US-Militärregierung mit der Sammlung von Adressen von Opfern des Faschismus, die ja größtenteils Kommunisten waren, beauftragt war!

4. Der Imperialismus geschwächt, aber mit neuen Waffen ausgerüstet

Die Niederlage des faschistischen deutschen Imperialismus war zugleich auch eine Niederlage des Weltimperialismus, war ihm doch damit eine Waffe zerschlagen worden, die von ihm in langen Jahren aufgezogen und aufgerüstet worden war als Stoßkeil, der die Sowjetunion ins Herz treffen sollte. Der Sieg der Sowjetarmee über den Faschismus war zugleich ein Sieg der um ihre Befreiung von nationaler und kolonialer Unterdrückung und Ausplünderung durch den Imperialismus kämpfenden Völker. In kurzer Zeit machte der weltrevolutionäre Prozess solche Fortschritte, dass die Grenze zwischen Imperialismus und Sozialismus in Europa bis zur Elbe nach Westen verlegt wurde und in Asien bis ans Chinesische Meer. Die strangulierende kapi-talistische Umkreisung der Sowjetunion war gesprengt, die Periode des „Sozialismus in einem Lande“ war zu Ende, begonnen hatte die Periode des sozialistischen Lagers, das bereits ein Drittel des Erdballs umfasste, darunter auch hoch entwickelte Industrieländer wie die DDR und die Tschechoslowakei.

Damit war die Perspektive einer für den Imperialismus im höchsten Maße alarmierenden Entwicklung eröffnet: Wenn dieses sozialistische Lager zu einer Wirtschaftsgemeinschaft zusammenwachsen und nach einem einheitliche Plan von einem gemeinsamen Leitungszentrum geleitet würde, zu dem offenbar der 1949 gegründete Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe entwickelt werden sollte, dann bestand für den Imperialismus die reale Gefahr, für die Menschheit aber die reale Chance, dass dieses sozialistische Lager im gleichen Sturmschritt, wie die Sowjetunion in den Jahren von 1917 bis 1941, seinen Rückstand gegenüber der kapi-talistischen Welt verringern würde und am Ende des Jahrhunderts die Welt sich so verändert haben könnte, dass man nun das Wort von der kapitalistischen Umkreisung des einzigen so-zialistischen Landes umkehren und von der sozialistischen Umkreisung des Restkapitalismus sprechen müsste.

Eine solche Perspektive war keineswegs irreal, waren doch die Völker Asiens – Koreas, Vietnams, Laos‘, Indiens, Indonesiens, der Philippinen -, Mittel- und Südamerikas und Afrikas, angespornt vom Sieg der Sowjetunion über den deutschen und japanischen Aggressor und vom begeisternden Sieg der chinesischen Volksrevolution in Bewegung geraten und hatten begon-nen, um ihre Befreiung vom kolonialen und halbkolonialen Joch zu kämpfen.

Soviel war jedenfalls klar: So, wie der Hauptinhalt der Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Kampf der alten kapitalistische Gesellschaftsordnung gegen die neue, aufkommende und um ihre Behauptung kämpfende sozialistische Gesellschaftsordnung war, so würde der Hauptinhalt auch der zweiten Hälfte und damit des ganzen Zwanzigsten Jahrhundert die Systemauseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus sein.

In diesem Kampfe hatte bisher die alte kapitalistische Gesellschaftsordnung der neuen, sozia-listischen eine gewaltige Überlegenheit der Produktivkraftentwicklung in allen Bereichen entgegenzusetzen. Sie war damit auf allen Gebieten – wirtschaftlich, politisch, militärisch – um ein Vielfaches stärker als die in einem ruinierten Land mit einer schwach entwickelten, durch den Krieg weitgehend zerstörten Industrie an die Macht gekommenen Sowjetordnung.

Und sie hatte dennoch den Aufstieg der sozialistischen Macht zur Weltmacht Nummer Zwei nicht verhindern können!

Ihre Chancen, die nächste Runde der Auseinandersetzung in der zweiten Hälfte des Jahrhun-derts besser zu bestehen, wären sehr gering gewesen, hätte sie dem Sozialismus wie bisher nur ihre ökonomische Überlegenheit entgegenzusetzen gehabt.

Aber im Kriege hatte der Imperialismus für seinen Kampf gegen den Sozialismus zwei neue Waffen entwickelt, von denen er sich erhoffte, sie würden ihm einen raschen und endgültigen Erfolg sichern.
Das war erstens die Atombombe, und das war zweitens das Trojanische Pferd des Browde-rismus, des neuen Revisionismus.

Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945, mit denen die USA-Piloten das Leben hunderttausender Japaner auslöschten, waren, wie jedermann weiß oder wenigstens wissen sollte, für den Kriegsausgang ohne Bedeutung. Japans Niederlage und baldige Kapitulation war schon gewiss. Am gleichen Tage, an dem der US-Pilot seine Bombe auf Nagasaki abwarf, am 9. August, trat die Sowjetunion in den Krieg gegen Japan ein. Was das für die Kriegsentscheidung bedeutete, darüber heißt es in einer fünfbändigen „Geschichte des Krieges im Stillen Ozean“, verfasst von japanischen Autoren, dass „diese Nachricht ein be-täubender Schlag für die Führer der japanischen Regierung war… Nicht einmal der Einsatz der Atombombe führte zu Veränderungen in der Staatspolitik, die der Höchste Rat für Kriegfüh-rung festlegte… Der Eintritt der Sowjetunion in den Krieg aber zerstörte alle Hoffnungen, ihn fortsetzen zu können.“ (46) Die Sowjetarmee zerschlug in nur zehn Tagen die größte japanische Armee, die Kwantung-Armee auf dem chinesischen Festland. Am 2. September 1945 erfolgte die bedingungslose Kapitulation Japans.

Natürlich wusste Präsident Truman, dass Japans Kapitulation auch ohne den Atombom-ben-abwurf kurz bevorstand. Aber diese Demonstration des Alleinbesitzes einer Waffe von unvergleichlicher Zerstörungskraft zielte ja in Wahrheit auch auf einen ganz anderen Adressaten – auf die Sowjetunion. Ihren Führern sollte klar gemacht werden, dass ihrem Land die atomare Vernichtung drohe, wenn sie noch länger der Neuordnung der Welt nach den Wünschen und Forderungen der USA im Wege stehen und Widerstand leisten sollten.

Das Atomwaffenmonopol erweckte auch im britischen Prime-Minister Churchill den Wunsch, jetzt mit Hilfe der Atombombe noch das zu erreichen, was ihm in den Interventionskriegen, misslungen war: die Sowjetmacht zu vernichten. Richard J. Aldrich berichtet darüber in seinem Buch über die englischen und amerikanische Geheimdienste im Kalten Krieg: (47) „Im Mai 1945, in den Tagen der Niederlage Deutschlands, ordnete Churchill an, Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion auszuarbeiten…. Churchills erklärtes Ziel war die ‚Eliminierung Russlands‘. Der Plan erhielt den Codenamen „Operation Undenkbar“ (‚Operation Unthinkable‘) und er wurde zur Veröffentlichung freigegeben (‚declassified‘) erst 1999. Er verlangte Hundert tausende Britische und Amerikanische Truppen, unterstützt von 100.000 wiederbewaffneten deutschen Soldaten, um einen Überraschungsangriff gegen ihren kriegsmüden östlichen Verbündeten zu entfesseln. Gleichzeitig würde die RAF sowjetische Städte aus Basen in Nordeuropa angreifen. … Die Stabschefs – Brooke, Cunningham und Tedder – waren entsetzt über Churchills Idee….Sie wussten, dass dies ein Krieg sein würde, den der Westen nicht ge-winnen konnte. …Warum dachte Churchill, der Westen könnte es im Sommer 1945 mit den Sowjets aufnehmen? Die Antwort war klar – die Ankunft der Atomwaffen. … Brooke schrieb in seinem Tagebuch ‚Churchill sah sich jetzt im alleinigen Besitz der Bomben und in der Lage, sie abzuwerfen, wo immer er wollte, damit allmächtig und imstande, Stalin zu diktieren.'“ (S.56-63).

War der Monopolbesitz der Atomwaffen die Wunderwaffe der USA für den äußeren Angriff auf die Sowjetunion, so sollte es der zum modernen Revisionismus entwickelte Browderismus für die Eroberung der sozialistischen Festung von innen werden.

Sehr rasch brachten aber die sowjetischen Führer mit Unterstützung der Führer der kommu-nistischen und Arbeiterparteien die imperialistischen Hoffnungen auf die Wirkung dieser Wunderwaffen zum Platzen.

Präsident Truman hatte schon auf der Potsdamer Konferenz (17. 7.-2. 8. 1945) versucht, Stalin mit der Ankündigung, die USA hätten eine neue Waffe von noch nie da gewesener Zerstö-rungskraft entwickelt, zum Nachgeben zu bewegen. Zur großen Enttäuschung aber war Stalin davon in keiner Weise beeindruckt. Truman schrieb später verwundert, „der russische Premier“ habe „kein sonderliches Interesse“ gezeigt. (48)

Noch viel schlimmer: Am 25.September 1949 wird das Atomwaffenmonopol der USA durch die erfolgreiche Erprobung einer sowjetischen Atombombe gebrochen!

Die sowjetische Führung hat unter Führung Stalins dafür gesorgt, dass der Traum des ameri-kanischen Imperialismus von der Verwirklichung der Weltbeherrschung durch das Atomwaf-fenmonopol ausgeträumt war.

 

Nicht besser erging es der Spekulation auf die zweite Wunderwaffe des Imperialismus, auf sein Trojanisches Pferd, den Staat gewordenen modernen Revisionismus, den Tito-Revisionismus.

Die Tito-Führung der KPJ verfolgte zielstrebig das Ziel, eine Vereinigung Bulgariens und Albaniens mit Jugoslawien zu erreichen – unter dem verlogenen Vorwand, damit das schon seit den zwanziger Jahren von der Kommunistischen Internrationale propagierte Ziel einer Bal-kanföderation unter sozialistischem Vorzeichen zu verwirklichen, in Wahrheit jedoch mit dem Ziel, auf dem Balkan einen Block zu schaffen, der dem Einfluss der Sowjetunion entzogen war und ihm in den anderen sozialistischen Staaten entgegenwirken sollte.

Diese Zielsetzung war aber nur dem engsten Kreise der Führung der KPJ bekannt. Nach außen hin führte sie eine Politik durch, die den Außenstehenden den Eindruck vermittelte, als sei Jugoslawien das sozialistische Land, das am meisten dem Vorbild der Sowjetunion nacheiferte und von allen am meisten „sowjetisiert“ sei. Das schien auch uns Genossen in der DDR so. Ich werde nie folgende Episode vergessen: In der Berliner Landesparteischule der SED stand eines Tages – es muss im Mai oder Juni 1948 gewesen sein – die Entwicklung der Länder der Volksdemokratie auf dem Lehrplan. Als Referent kam zu uns der Genosse Kurt Schneidewind vom ZK der SED. Von allen volksdemokratischen Staaten erhielt von ihm Jugoslawien die höchsten Noten, weil, wie er sagte, Jugoslawiens Entwicklungsstand als sozialistischer Staat sich von allen am meisten dem der Sowjetunion angenähert hätte. Das hat bei uns überhaupt keine Überraschung ausgelöst, weil wir alle das auch so sahen, denn gerade ein solches Bild hatte unsere Berichterstattung bisher von Jugoslawien gegeben. Und auch in der Sowjetunion wurde das lange Zeit genau so gesehen. Das bestätigte auch der sowjetische Außenminister A. Y. Wyschinski, der im Sommer 1948 über die Beziehungen Jugoslawiens zur Sowjetunion äußerte: „Nach dem Sieg über Hitlerdeutschland wurden zwischen der Sowjetunion und Ju-goslawien die brüderlichsten Beziehungen hergestellt, es wurden wichtige Beschlüsse gefasst, Jugoslawien wirtschaftlich, militärisch und politisch in der internationalen Arena zu helfen, das wir als einen unserer treuesten und ideologischen Verbündeten betrachteten.“ (49)

Das erklärt, weshalb bei der Gründung des „Informationsbüro der Kommunistischen und Ar-beiterparteien“ im September 1947 als dessen Sitz Belgrad festgelegt wurde. (50) Das erklärt auch, weshalb Anfang 1948 der Herstellung der Balkanföderation nichts mehr im Wege zu stehen schien, da ihr auch Georgi Dimitroff als Ministerpräsident Bulgariens zugestimmt hatte.

Aber im Frühjahr 1948 hatte die jugoslawische Führung damit begonnen, der Sowjetunion gegenüber eine immer feindseligere Haltung zum Ausdruck zu bringen, was schließlich dazu führte, dass die Sowjetführung, nachdem ihre Briefe und Proteste wirkungslos geblieben waren, im April 1948 ihre Berater und Militärspezialisten aus Jugoslawien abzog. Genau das hatte aber die jugoslawische Führung beabsichtigt. Sie begann damit das zu realisieren, was als Absicht der Tito-Führung schon im November 1944 der engste Tito-Mitarbeiter Kardelj bei seinem Aufenthalt in Sofia Traitscho Kostoff gegenüber eröffnet hatte: „Die Amerikaner und Engländer seien, so sagte Kardelj, fest entschlossen, auf keinen Fall zuzulassen, dass sich Länder, die von der Sowjetarmee befreit werden mochten, vom Block der westlichen Kräfte losrissen. Auf dieser Grundlage sei zwischen Tito einerseits und den Amerikanern und Eng-ländern andererseits schon während des Krieges eine bestimmte Vereinbarung erzielt worden. … Kardelj erklärte, die jugoslawische Regierung beabsichtige, die UdSSR zu bitten, dass die Sowjettruppen Jugoslawien verlassen sollten, sobald die Kampfhandlungen auf seinem Gebiet abgeschlossen sein würden. ‚Dies aber ist nicht ausreichend‘, so sagte mir Kardelj, ‚die Sow-jettruppen müssen auch Bulgarien verlassen, denn die Amerikaner und die Engländer sind außerordentlich daran interessiert,, dass sich der sowjetische Einfluss südlich der Donau nicht durchsetzt.‘. Kardelj bemerkte, dass Tito und überhaupt die ganze jugoslawische Leitung einen sofortigen Anschluss Bulgariens an Jugoslawien als bestes Mittel zur Erreichung dieses Ziels ansähen, wobei die unter den Völkern Jugoslawiens und Bulgariens äußerst populäre Idee der Föderation der Südslawen im Interesse der jugoslawischen Leitung ausgenützt werden könnte. ‚Dann‘, so erläuterte mir Kardelj‘ wird Bulgarien nicht länger als feindlicher Staat angesehen werden, es wird zum Bestandteil einer alliierten Macht werden, und die Anwesenheit sowjetischer Truppen auf seinem Territorium wird sich als überflüssig, als durch nichts gerechtfertigt, erweisen.‘

Aus dem „sofortigen Anschluss“ wurde damals nichts, weil, wie Kostoff aussagte, von Georgi Dimitroff aus Moskau eine kategorische Warnung einging, „man solle sich mit einem Anschluss Bulgariens an Jugoslawien nicht beeilen.“ Die Föderierung könne „ohne vorherige au-ßen-politische Vorbereitung unerwünschte Folgen haben.“ Im März 1945 erhielt Kostoff den Besuch eines anderen Mitglieds der jugoslawischen Führung, Milovan Djilas. Der war unzuf-rieden damit, dass es Kostoff nicht gelungen war, den sofortigen Anschluss durchzusetzen, und erklärte, „trotz des Misserfolges werde unser gemeinsames Ziel nicht von der Tagesordnung abgesetzt.“ (51)

Über die Frage, wie man den Anschluss Bulgariens an Jugoslawien endlich verwirklichen könne, hatte Kostoff noch verschiedene Gespräche, darunter auch mit Tito selbst, das letzte mit diesem im November 1947, danach mehrere Unterredungen mit dem jugoslawischen Vertreter in Bulgarien, Cicmil. Bei seinem letzten Gespräch mit Cicmil, im April 1948, informierte der ihn darüber, dass Tito ihn beauftragt hatte, Kostoff „den bevorstehenden endgültigen Abbruch der Beziehungen zwischen Jugoslawien einerseits sowie der UdSSR und den Ländern der Volksdemokratie andererseits anzukündigen.“ (52) Der angekündigte Bruch wurde von Tito dann dadurch durchgeführt, dass der Vorschlag der Sowjetunion und der anderen Parteien des Informationsbüros, „die Lage in der jugoslawischen kommunistischen Partei auf der Sitzung des Informbüros auf den gleichen, normalen parteigenössischen Grundlagen zu prüfen, auf denen bei der ersten Beratung des Informbüros die Tätigkeit anderer kommunistischer Parteien erörtert wurden,“ (53) mit der Begründung abgelehnt wurde, die KP Jugoslawiens wäre bei einer solchen Beratung in eine „nicht gleichberechtigte Lage“ versetzt. In der Resolution der daraufhin ohne Teilnahme der Vertreter der KP Jugoslawiens in der zweiten Junihälfte 1948 in Rumänien durchgeführten Beratung der übrigen Parteien des Informationsbüros – also der Bulgarischen Arbeiterpartei, der Rumänischen Arbeiterpartei, der Ungarischen Partei der Werktätigen, der polnischen Arbeiterpartei, der KP der Sowjetunion (Bolschewiki), der KP Frankreichs, der KP der Tschechoslowakei und der KP Italiens, – wurde dazu gesagt:

„In dem Bestreben, der gerechten Kritik der brüderlichen Parteien im Informbüro auszuweichen, erfanden die jugoslawischen Führer die Version von ihrer angeblich ’nicht gleichberechtigten Lage‘. Man muss sagen, dass in dieser Version kein einziges Wort wahr ist. Es ist allgemein bekannt, dass die kommunistischen Parteien bei der Gründung des Informbüros von der unbestreitbaren Tatsache ausgingen, dass jede Partei vor dem Informbüro rechenschaftspflichtig ist, genau so wie jede Partei das Recht der Kritik an den anderen Parteien besitzt. Bei der ersten Beratung der neun kommunistischen Parteien nahm die jugoslawische Kommunistische Partei dieses Recht weitgehend in Anspruch. Die Weigerung der Jugoslawen, über ihre Handlungen vor dem Informbüro Rechenschaft abzulegen und die kritischen Bemerkungen anderer kommunistischer Parteien anzuhören, bedeutet eine tatsächliche Verletzung der Gleichberechtigung kommunistischer Parteien und ist gleichbedeutend mit der Forderung, für die KPJ eine privilegierte Stellung im Informbüro zu schaffen.“ Die Parteien des Informbüros kommen in ihrer Resolution zu dem unausweichlichen Schluss, „dass das ZK der KPJ sich und die jugoslawische Kommunistische Partei dadurch außerhalb der Familie der brüderlichen kommunistischen Parteien, außerhalb der kommunistischen Einheitsfront und folglich auch außerhalb der Reihen des Informbüros stellt.“ (54)

So endete der erste Versuch des Imperialismus, seine zweite Wunderwaffe, die staatliche In-karnation des modernen Revisionismus, Tito-Jugoslawien, ins Spiel zu bringen, um mit ihr die kommunistische Einheitsfront zu sprengen, mit einem völligen Fiasko und mit der Schutzim-pfung der kommunistischen Weltbewegung gegen die Krankheits- und Zersetzungskeime, die diese Waffe in alle kommunistischen Parteien pflanzen sollte. Die KPdSU und die kommu-nistische Weltbewegung blieben auf Leninschem Kurs und damit weiterhin auf dem Weg künftiger Siege.

Erst, als dieser Weg verlassen wurde, erhielt der Imperialismus von neuem die Chance, vor allem seine zweite neue Waffe, den „modernen Revisionismus“, wirkungsvoll einzusetzen.

Im Einzelnen dem nachzugehen, weshalb dieser neue Vorstoß des Revisionismus schließlich zu dem vom Imperialismus erhofften Erfolg führte, geht über den Rahmen von „Gedanken zu Dimitroffs Tagebüchern“ weit hinaus und muss einer weiteren Studie vorbehalten bleiben.

Der Artikel erschien in „Offensiv – Zeitschrift für Sozialismus und Frieden“ von Mitte 2001 bis Mitte 2002″ in einzelnen Teilen, die von Kurt Gossweiler für Heft 10/03 derselben Zeitschrift nochmals durchgesehen, überarbeitet und neu zusammengestellt wurden. Der hier vorliegende Text folgt dieser überarbeiteten Fassung von Herbst 2003.

 


Anmerkungen:

(1) Georgi Dimitroff. Tagebücher 1933-1943.Hgg.von Bernhard H. Bayerlein. Aus dem Russischen und Bulgarischen von Wladislaw Hedeler und Birgit Schliewenz, Aufbau Verlag Berlin 2000. Alle Seitenangaben beziehen sich auf diesen Band. Ihm ist ein zweiter Band beigegeben: Kommentare und Materialien zu den Tagebüchern 1933-1943, von den gleichen Herausgebern im gleichen Verlag.

(2) Einen Spitzenplatz unter diesen traurigen Gesellen hat sich Klaus Kinner mit immer neuen, vom ND mit Vorliebe in seinen Wochenend-Ausgaben abgedruckten Nieder-trächtigkeiten – im ND v. 14./15. April 01 gegen Ernst Thälmann, im ND vom28./29. April gegen Georgi Dimitroff – erschrieben

(3) Zitiert nach „Neues Deutschland“ v. 8./9. Juni 1996, Artikel „Fakten wider Be-hauptungen“ von W.Wünsche.

(4) Beides zitiert nach: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Berlin 1966, Bd.5, S. 524, 532.

(5) Hans-Adolf Jacobsen, Der Zweite Weltkrieg. Fischer Bücherei KG, Frankfurt am Main, 1965, S.81.

(6) Der Dreimächtepakt wurde am 27.September 1940 von Deutschland, Italien und Japan abgeschlossen. Ihm traten noch 1940 Ungarn, Bulgarien, Slowakei und Spanien bei.

(7) Der Antikominternpakt wurde am 25. November 1936 als „Vertrag zum gemein-samen Kampf gegen die Kommunistische Internationale“ zwischen Deutschland und Japan geschlossen. Am 6.11. 1937 trat dem Pakt Italien bei, am 24. 2. 1939 Ungarn, am 27.3.1939 Franco-Spanien, am 25.11.1941 Bulgarien, Dänemark, Finnland, Rumänien, Slowakei, Kroatien.

(8) Jacobsen, S.78

(9) Rede J.W. Stalins in der Wahlversammlung des Stalinschen Wahlbezirkes in Mos-kau am 9.Februar 1956, SWA-Verlag, Berlin 1946, S.7. Auch in: J.W.Stalin, Werke, Bd. 15, S.38, Verlag Roter Morgen, Dortmund 1979.

(10) Marschall der Sowjetunion G.K.Shukow, Erinnerungen und Gedanken, Bd. 1, Deutscher Militärverlag Berlin, 1969, S. 324, sowie das ganze Kapitel: Der Kriegsbe-ginn, S.285 ff.

(11) Wolfgang Kießling, Partner im „Narrenparadies“, Berlin 1994, S.97

(12) In: Komintern und revolutionäre Partei. Auswahl von Dokumenten, 1919-1943, Berlin 1986, S. 313

(13) Für Frieden und Volksdemokratie. Bericht über die Tätigkeit einiger kommunis-tischer Parteien, gehalten auf der Konferenz in Polen Ende September 1947, Ber-lin 1947, S. 4

(14) Für dauerhaften Frieden und Volksdemokratie, Nr. 16 vom 17. 4. 1956

(15) N.A. Bulganin/N.S. Chruschtschow, Reden während des Besuches in Indien…, Berlin 1955, S. 141

(16) Benannt nach seinem Leiter Milton Wolff, ehemals Kommandeur des Lin-coln-Bataillons in Spanien.

(17) Renn weist mit Recht die Bezeichnung „Spanischer Bürgerkrieg“ zurück, weil es in Wahrheit ein Krieg der faschistischen Mächte mit westlicher Begünstigung gegen die spanische Republik war.

(18) Manfred Behrend, Attacken ohne Substanz. In: Arbeiterstimme Nr. 126, Dezem-ber 1999, S.32 f.

(19) Archiv der Gegenwart, 1956, S.5878.

(20) Alexander Tinschmidt, Die Außenpolitik der Regierung Imre Nagy, in: UTOPIE kreativ, H.84, S.73.

(21) Georgi Dimitroff, Kommentare und Materialien zu den Tagebüchern, Berlin 2000, S.284.

(22) S. William Z. Foster, Geschichte der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten, Berlin 1956, S.557; s. a. Wolfgang Kießling, Partner im ‚Narrenparadies‘, Ber-lin 1994, S.97.

(23) Kießling, S.100.

(24) Foster, S. 611.

(25) Lazslo Rajk und Komplicen, Berlin 1949, S.181 f.

(26) Prozess gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörerzentrums mit Rudolf Slansky an der Spitze. Prag 1953, S.281.

(27) In: Hermann Matern, Über die Durchführung des Beschlusses des ZK der SED „Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slansky“. Berlin 1953, S. 71-90. Die in dieser Erklärung angeführten Fakten finden sich auch im Buche Kießlings auf den in Klammern angegebenen Seiten.

(28) Die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf das Buch von Kießling.

(29) Holger Becker, Er konnte Geschichte erzählen, Zum Tode des Berliner Historikers Wolfgang Kießling, „junge welt“ v. 3. März 1999, S.14.

(30) Lazslo Rajk und Komplicen…, S. 181 ff

(32) Erklärung der Beratung von Vertretern der kommunistischen und Arbeiterparteien der sozialistischen Länder (Moskau, 14. bis 16. November 1957). – Beschluss der 34. Tagung des ZK der SED zu den Ergebnissen der Beratungen der kommunistischen und Arbeiterparteien anlässlich des 40. Jahrestages der großen Sozialistischen Oktoberrevolution, Berlin 1957, S.15-17.

(33) Erklärung der Beratung von Vertretern der kommunistischen und Arbeiterparteien, November 1960.- Referat Walter Ulbrichts und Entschließung der 11. Tagung des ZK der SED, Berlin, 2. Aufl.1961, S.60-62.

(34) Prof. Dr. Dr. Fred Müller, Probleme des Sozialismus. Beiträge zur Geschichte des Sozialismus, Heft II, Offensiv Nr. 9/2000, S. 16, 14.

(35) Kurt Gossweiler, Bemerkungen zu Fred Müllers „Würdigung und Abschluss der Debatte“ in „Offensiv“ 1/99, in: Offensiv 4/99, S.39-50.

(36) Prof. Dr. Dr. Fred Müller, Kurt Gossweilers Bemerkungen zu „Würdigung und Abschluss der Debatte“ in Offensiv 4/99, in: Offensiv 6/99, S. 52.

(37) MEW ( Marx Engels Werke), Brief v. 7. Oktober 1858, Bd. 29, Berlin 1967, S.358.

(38) W. I. Lenin, Werke, Bd.22, Berlin 1960, S.286, 288.

(39) Kurt Gossweiler, Thesen zur Rolle des modernen Revisionismus bei der Niederlage des Sozialismus, in: Ders., Wider den Revisionismus, München 1997, S.335 ff.

(40) Belege dazu in den bereits zitierten Bänden zu den Prozessen in Budapest und Prag und in dem Band: Traitscho Kostoff und seine Gruppe, Berlin 1951 über den Kostoff-Prozess in Sofia.. Siehe auch meinen Vortrag :Die Entfaltung des Revisionismus in der kommunistischen Bewegung und in der DDR, Teil I, in: Auferstanden aus Ruinen. Über das revolutionäre Erbe der DDR, Hannover 2000, S.164 und 176-178.

(41) Auferstanden, S.159-161.

(42) Laszlo Rajk und Komplicen…, S.41-67.

(43) Auferstanden, S. 167-174.

(44) Ebenda, S.174-178. Traitscho Kostoff und seine Gruppe, S.82-141..

(45) Prozess gegen die Leitung…(Slansky-Prozess), S.7-109. Auferstanden, S.161-163.

(46) Der zweite Weltkrieg 1939-1945.Kurze Geschichte, Berlin (DDR), 1988, S.712.

(47) Richard J. Aldrich,The Hidden Hand.Britain, America and Cold War Secret Intelligence, London 2001,S.56-63.

(48) Ebenda.

(49) Auferstanden, S. 164.

(50) Für Frieden und Volksdemokratie. Bericht über die Tätigkeit einiger kommunis-tischer Parteien, gehalten auf der Konferenz in Polen Ende September 1947, Ber-lin 1947, S.3/4

(51) Traitscho Kostoff, S.98, 103.

(52) Ebenda, S. 103, 106, 120 ff., 129

(53) Kommuniqué über die Beratung des Informationsbüros der kommunistischen Parteien über die Lage in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens, in: Die Lehren aus der Entartung der jugoslawischen Parteiführung, Berlin 1948, S.16.

(54) Ebenda, S.17.