Konservatismus als Wegbereiter und Bundesgenosse des Faschismus

Kurt Gossweiler

KONSERVATISMUS ALS WEGBEREITER UND BUNDESGENOSSE DES FASCHISMUS (1919 -1933)

Es ist noch gar nicht lange her – nachdem in Deutschland ein Sozialdemokrat Kanzler, in England schon lange ein New-Labour-Mann Prime-Minister und in Frankreich ein Sozialist Premier geworden war -, da hörte man sagen, das 21. Jahrhundert werde ein sozialdemokrati-sches Jahrhundert sein. Was ist davon geblieben?

Vor der Hochwasserflut fürchteten die einen und waren schon ganz sicher die anderen, dass sich zur Haider-Partei an der Regierung in Österreich und zum neuen Duce Berlusconi in Italien und zum Aznar In Spanien bald auch in Deutschland der Stoiber als Kanzler gesellen würde. Ausgerechnet der Himmel hat mit seinen Wassermassen denen ein wenig Hoffnung gegeben, die Stoiber stoppen wollen.

Durch die immer noch drohende künftige Kanzlerschaft Stoibers ist die Frage nach dem Ver-hältnis der Konservativen zu den so genannten „Rechtsextremen“ – wie man sich sogar bei den Linken angewöhnt hat, die Neofaschisten in gedankenloser Übernahme der Terminologie der Totalitarismus-Theoretiker zu nennen – noch aktueller geworden, als sie vor Jahren schon geworden war, nachdem ausgerechnet von Bayerns CSU-Innenminister Beckstein die Initiative zum Antrag auf Verbot der NPD ausgegangen war.

Das Verhältnis des Konservatismus oder der Konservativen zum Faschismus ist natürlich von den jeweiligen konkreten Verhältnissen abhängig. Es ist selbstverständlich ein anderes in der Zeit eines revolutionären Aufschwunges in der Arbeiterklasse als in einer Zeit der beispiellosen Schwäche, Desorientierung und Zersplitterung der Arbeiterklasse und ihrer Organisationen. Außerdem gibt es im Konservatismus und unter den Konservativen verschiedene Richtungen, die sich auch in der Frage nach dem Verhältnis zum Faschismus nicht immer auf einen ein-heitlichen Nenner bringen lassen.

Wenn ich in meinem Referat von “den Konservativen“ spreche, dann spreche ich von jener Richtung, welche die Ansichten und die Zielsetzungen der reaktionärsten und aggressivsten Teile der Monopolbourgeoisie vertritt und zum Ausdruck bringt.

Die Konservativen – Grundsteinleger für den Faschismus

Die noch immer geläufigste Vorstellung über das Entstehen der faschistischen Bewegungen ist die, dass sie als Protestbewegungen des Kleinbürgertums entstanden seien und dass sich das Großbürgertum, das Monopolkapital, für sie erst interessiert habe, nachdem sie zu einer Mas-senbewegung angeschwollen und dadurch interessant geworden seien als Hebel zum Sturz der bürgerlich-demokratischen Ordnung.

Die geschichtliche Wirklichkeit sieht anders aus. Entscheidend für das Entstehen faschistischer Bewegungen war ein neues Bedürfnis in Teilen der imperialistischen Bourgeoisie, das mit dem Eintritt in den neuen Zeitabschnitt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in die Epoche der imperia-listischen Kriege und proletarischen Revolutionen, entstand, nämlich das Bedürfnis nach einer politischen Kraft, die imstande sein würde, den Nationalismus in die mehrheitlich internatio-nalistisch und antikapitalistisch erzogene und organisierte Arbeiterschaft hineinzutragen. Eine internationalistische, kriegsfeindliche Arbeiterschaft, deren internationale Dachorganisation, die II. Internationale, auf ihrem Baseler Kongress 1912 bekräftigt hatte, einen imperialistischen Krieg in die proletarische Revolution umwandeln zu wollen, machte einen Krieg zu einem unberechenbaren Risiko. Und der Sieg der Oktoberrevolution im November 1917 machte den Herrschenden in den imperialistischen Ländern deutlich, dass jetzt nicht nur soziale Vertei-lungskämpfe, sondern der Kampf um die Macht auf die Tagesordnung gesetzt war.

Während der entscheidende Teil der Monopolbourgeoisie darauf setzte, dieser Gefahr mit Hilfe der zum Reformismus übergegangenen Sozialdemokratie auf altbewährte Weise durch Kor-rumpierung breiter Teile der Arbeiterschaft mit sozialen Zugeständnissen zu begegnen, riefen die scharfmacherischsten, reaktionärsten Kreise der Monopolbourgeoisie nach einer Kraft, die imstande sein würde, eine doppelte Aufgabe zu lösen: zum einen die sozialistische Arbeiter-bewegung nicht nur zu bändigen, sondern zu vernichten, zum anderen aber die ihrer Organi-sation beraubten Arbeiter zu „nationalisieren“, sie von Ihrer internationalistischen Einstellung zu lösen und in eine neue, nationalistische Organisation einzubinden. Das aber konnte nur gelingen, wenn man der neuen Organisation einen pseudosozialistischen Anstrich gab.

Wie aus diesem Bedürfnis der reaktionärsten Kreise der Monopolbourgeoisie in Italien die Mussolini-Partei und in Deutschland die Hitlerpartei entstand, das habe ich vor vielen Jahren ziemlich ausführlich in einem Artikel „Faschismus und Arbeiterklasse“ in dem Band „Fa-schismus-Forschung“ dargestellt und für die Nazipartei alleine noch ausführlicher in meinem Buch „Kapital, Reichswehr und NSDAP 1919 -1924“; ich verweise deshalb auf beide, weil in einem 45-Minuten-Referat weitgehend nur der Extrakt der dortigen Untersuchungen unter Verzicht auf Faktenbelege dargelegt werden kann.

Italiens Nationalisten und der „linke“ Sozialistenführer Mussolini finden sich zusammen zur Faschistenpartei

Im italienischen wie in jedem Faschismus flossen mehrere Tendenzen und politische Strö-mungen zusammen. Die Hauptbestandteile des italienischen Faschismus waren die 1910 ge-gründete italienische Nationalistenpartei und die von Mussolini im ersten Weltkrieg ins Leben gerufene Bewegung.

Die nationalistische Bewegung in Italien entwickelte sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Ausdruck der aggressiven innen- und außenpolitischen Bestrebungen des sich herausbildenden italienischen Imperialismus auf der Grundlage der Enttäuschung und Unzufriedenheit der am weitesten rechts stehenden Kreise der Bourgeoisie und ihrer Intelligenz mit den mageren Er-gebnissen des „Risorgimento“ und der Einigung des Landes, die weit hinter den Hoffnungen auf die Wiedererrichtung eines mächtigen, innerlich starken und gefestigten Imperialismus zurückblieben. Der italienische Kapitalismus hatte mit dem deutschen das Zuspätkommen bei der Aufteilung der Welt unter die Großmächte gemeinsam und musste sich mit einigen weniger wertvollen Resten abfinden. Die Schwäche des italienischen Kapitalismus drückte auch der italienischen Bourgeoisie ihre Stempel auf. Den Nationalisten waren die regierenden Politiker viel zu unentschlossen und kompromisslerisch. Ihr entschiedenster Teil sah deshalb in einer radikalen Neugestaltung der innenpolitischen Verhältnisse im Sinne der Errichtung einer starken, autoritären Staatsmacht die entscheidende Voraussetzung für die angestrebte Vor-machtstellung Italiens Im Mittelmeerraum und auf dem Balkan. Seinen inneren Hauptfeind sah der Nationalismus In der sozialistischen Arbeiterbewegung. Er war überhaupt entstanden als eine „primär antisozialistische Bewegung“.

Einer der führenden Ideologen des italienischen Nationalismus, Enrico Corradini, schrieb in seinem Buch „II nazionalismo italiano“, der Liberalismus sei in die Dekadenz geraten, „weil… er ein ganz schlechter Kämpfer gegen den Sozialismus war“. Der Sozialismus sei ein Feind, „den es auf Tod oder Leben und ohne Gnade zu bekämpfen gilt“. Und ein Blatt der Nationalisten, die „Idea Nazionale“, schrieb: „Es gibt bei uns nichts Offensichtlicheres als den Willen, den Sozialismus zu zerstören.“ In dieser Entschlossenheit, den Sozialismus nicht nur zu bekämpfen, sondern ihn zu vernichten, drückte sich bereits 1914 klar und deutlich die neue Haltung der rabiatesten Teile der italienischen Bourgeoisie gegenüber der Arbeiterbewegung aus – eine Haltung, die zu ihrer Umsetzung in die Praxis einer neuen politischen Kraft im Spektrum des bürgerlichen Parteienfeldes bedurfte. Dieses Bedürfnis rief eine solche Kraft hervor – zunächst in Gestalt der Partei der Nationalisten, im Kriege, insbesondere nach der Oktoberrevolution, in Gestalt der Mussolini-Bewegung, die ganz folgerichtig im Februar 1923 die Nationalistenpartei in sich aufnahm.

Bereits die Nationalisten erkannten indessen trotz ihrer Feindschaft gegenüber dem Sozialis-mus, dass eine Politik, die offen antiproletarisch auftrat, zum Scheitern verurteilt sein musste in einem Lande, in dem die Arbeiterbewegung im städtischen und ländlichen Proletariat über eine starke Anhängerschaft und in den Gewerkschaften (Syndikaten) über starke Organisationen verfügte. Sie gaben sich deshalb einen betont arbeiterfreundlichen Anstrich. So fixierte zum Beispiel die Gruppe der Nationalisten in Turin, einer der norditalienischen Hochburgen der Arbeiterbewegung, ihr Verhältnis zur Arbeiterklasse mit den Worten: „Da der Nationalismus nicht Klassenpartei ist, sondern eine Organisation zur Vereinigung aller Klassen, da der Nati-onalismus an den Aufstieg der Arbeiterklasse glaubt und sie liebt, behaupten wir, dass der Klassenkampf innerhalb der Grenzen der nationalen Solidarität gehalten werden muss und wollen versuchen, die zwei »produktiven« Klassen der Nation, die der Industriellen und die der Arbeiter, miteinander zu verbinden,“

Hier ist im Jahre 19091 ein zweiter wesentlicher Bestandteil des Faschismus, seiner Zielsetzung und seiner Ideologie vorweggenommen: das Ziel der freiwilligen Preisgabe bzw. Beschränkung des Klassenkampfes der Arbeiterklasse zugunsten einer fiktiven Zusammenarbeit der „produktiven Klassen“ (bei den deutschen Faschisten hieß das später „Arbeiter der Stirn und der Faust“ und „Volksgemeinschaft“).

Bereits vor dem ersten Weltkrieg versuchten die italienischen Nationalisten, das Proletariat für die Klassenzusammenarbeit durch Verfälschung des imperialistischen Konkurrenz- und Machtkampfes in einen internationalen Klassenkampf zu gewinnen, den Italien als „die große Proletarierin unter den Nationen“ gegen die reichen Nationen führen müsse. Auf dem Nationalistenkongress von 1910, auf dem sich die verschiedenen Gruppen der Nationalisten zur Partei, zur „Assocazione Nationaliste Italiana“ zusammenschlossen, hielt Corradini ein Hauptreferat mit dem Thema „Proletarische Klassen: Sozialismus, proletarische Nationen: Nationalismus“.

Das Werben um die italienischen Arbeiter veranlasste die Führer des Nationalismus, diesem einen pseudorevolutionären Anstrich zu geben. Bezeichnenderweise schreckte dies die In-dustrie, vor allem die Schwerindustrie, keineswegs ab, die nationalistischen Gruppen und die Nationalistenpartei zu unterstützen und zu fördern. Die österreichische Historikerin Eva Priester stellt in ihrem Buch* über den italienischen Faschismus zu recht fest: „Es ist geradezu verblüffend, wie der Nationalismus in dieser frühen Phase bereits alle Themen entworfen und aufgezeigt hat, in deren Varianten man später die Originalität Mussolinis hat sehen wollen. In der Phase von 1914 bis 1919 tut Mussolini nichts anderes als die hier entwickelten Ansätze neu für sich zu entdecken, wobei man Ähnlichkeiten bis in den Wortlaut hinein feststellen kann.“ (S. 74)

Dieser Tatsache kommt grundsätzliche Bedeutung zu. Sie erhärtet, dass der italienische Fa-schismus keine „Erfindung“ war und auch nicht die eigenwillige Schöpfung der faschistischen Führer, sondern dass er als politische Strömung und als Ideologie entstand, weil bei einem Teil der herrschenden Klasse, bei den Konservativen, das dringende Bedürfnis nach eben einer solchen neuen Waffe zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele entstanden war im Ergebnis des Hinüberwachsens des Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium und in das Zeitalter der imperialistischen Kriege und der proletarischen Revolutionen; das Bedürfnis nach einer poli-tischen Kraft, fähig zur Lösung der Doppelaufgabe: Zerschlagung der Arbeiterbewegung und Gewinnung der Arbeiterschaft für die Unterstützung der nationalistischen, expansiven Politik der extremsten imperialistischen Kräfte der herrschenden Klasse.

Was lässt sich abkürzend abschließend über die Rolle der italienischen Konservativen sagen? Sie riefen den Faschismus ins Leben, sie .waren ihm Geburts- und Entwicklungshelfer. Und ihnen verdankte Mussolini zu einem ganz entscheidenden Teil, dass ihm eine Kraftprobe mit den staatlichen Machtmitteln und dem Widerstand der Antifaschisten durch seine Ernennung zum Ministerpräsidenten durch den König erspart blieb.

Die Konservativen und der deutsche NS-Faschismus

Auch am deutschen Beispiel ist der Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis der Konservativen nach einer neuartigen politischen Organisation faschistischen Typs und dem Entstehen der NSDAP klar nachzuweisen. .

Die „modernen“ Bourgeois bemerkten schon vor der Jahrhundertwende, dass es im Interesse der Stabilisierung der imperialistischen Herrschaft notwendig wurde, deren Massenbasis zu verbreitern, indem man sie bis in die Arbeiterklasse vorschob. Zu dieser Zeit waren ihre schwerindustriellen Klassengenossen und deren engste Verbündete, die ostelbischen Junker, noch fest und unerschüttert in ihrem Glauben, dass zur Aufrechterhaltung der Autorität des bürgerlichen Staates gegenüber dem „Pöbel“ nur der Polizeisäbel und die Gewehrkugel, ge-eignet, aber auch völlig ausreichend seien. Sie neigten daher dazu, die Annäherung der „libe-ralen“ Bourgeois an die Revisionisten innerhalb der Sozialdemokratie als eine Art Klassenverrat zu betrachten.

Ihre Feindschaft gegenüber jeder Strömung der Arbeiterbewegung – ob Reformisten oder Re-volutionäre, ob Partei oder Gewerkschaft – wurde im gleichen Maße unversöhnlicher und hasserfüllter, wie diese erstarkte und für die bürgerliche Ordnung eine Gefahr zu werden drohte. Der bei ihnen schon immer besonders stark ausgeprägte Drang nach Anwendung von Gewalt und Terror gegenüber der Arbeiterbewegung erreichte nach der Oktoberrevolution den höchsten Grad, den Willen zu ihrer völligen Vernichtung. Aber gleichzeitig schlichen sich auch bei ihnen schon in den letzten Vorkriegsjahren Zweifel hinsichtlich der Allmacht der nackten Gewalt ein. Je näher der von ihnen heiß ersehnte und mit aller Kraft herbeigeführte Krieg um die Neuaufteilung der Welt rückte, um so unbehaglicher wurde ihnen bei dem Gedanken an die vielen Millionen Gewehre, die dann in Arbeiterhände gelangen würden. Nicht zufällig begannen deshalb unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg im Alldeutschen Verband die Erörterungen über die Notwendigkeit, die Masse der Arbeiter zum „nationalen Gedanken zurückzuführen“. Der Krieg selbst und noch mehr die revolutionären Ereignisse in Russland beschleunigten dann den Prozess der Erkenntnis auch in den Reihen dieser reaktionärsten Vertreter des imperialistischen Deutschland, dass ohne eine Basis in den Massen, auch und sogar vor allem in den Arbeitermassen, ihre Interessen nicht mehr durchsetzbar, sogar ihre Macht gefährdet war. Zu ihrem Verlangen nach Vernichtung der Arbeiterbewegung gesellte sich daher ein kaum minder starkes Verlangen nach „Nationalisierung“ der Arbeitermassen.

Das war eine Entwicklung von weit reichender Wirkung. Das Zusammenfallen dieser beiden so gegensätzlichen und widersprüchlichen Bestrebungen war der Ausgangspunkt für ein jahre-langes Suchen nach Organisationstypen und -formen, die imstande wären, diesem zweiseitigen, zwiespältigen Verlangen gerecht zu werden; Ausgangspunkt auch für ein fortwährendes Ex-perimentieren mit neuen Organisationen, die von diesem Verlangen hervorgerufen wurden. Am Ende dieser Experimentierreihe entstand im Januar 1919 auch in Deutschland eine Partei fa-schistischen Typs, die Deutsche Arbeiterpartei (DAP), die spätere NSDAP.

Ihre Gründung war Ausdruck einer Einsicht, zu der selbst so reaktionäre Konservative wie Wolfgang Kapp, der Führer des nach ihm benannten Putsches vom März 1920, gelangt waren, nämlich dass nur eine nach außen hin von der Bourgeoisie unabhängige, selbständige Arbei-terpartei Aussicht habe, „gegen die Sozialdemokratie aufkommen zu können“. Aus dieser Einsicht erwuchs eine neue strategische Konzeption, welche die erste und wichtigste subjektive Bedingung für das Entstehen und die Entwicklung faschistischer Parteien war, als der, wie Togliatti sie bezeichnete, „Partei neuen Typs“ der reaktionärsten, imperialistischsten und chauvinistischsten Kreise der Großbourgeoisie, als Parteien der Vereinigung des Vernich-tungsterrors gegen die Arbeiterbewegung mit der Umschmeichelung der Arbeiterklasse.

Wie vorher schon ihre Vorläufer erklärte auch die DAP/NSDAP als ihre Hauptaufgabe die „Zurückführung des deutschen Arbeiters zum nationalen Gedanken“. Ebenso wenig wie ihre Vorläufer war sie eine originär kleinbürgerliche Gründung, sondern auch sie war auf Initiative von Vertretern des großbürgerlich-imperialistischen Alldeutschen Verbandes entstanden. Auch wenn ihr Gründer Anton Drexler aus kleinbürgerlichem Milieu stammte, er wurde, wie selbst bürgerliche Autoren unterstreichen, von bürgerlichen Hintermännern gesteuert.

Weshalb hat sich von den zahlreichen faschistischen Parteien und Gruppen gerade die NSDAP am erfolgreichsten erwiesen? Aus der Reihe von Faktoren, die dafür bestimmend gewesen sind, möchte ich drei hervorheben, die in der Anfangsphase besonders wichtig waren:

Erstens ging die NSDAP als einzige den Weg der italienischen Faschisten und nahm durch Bildung parteieigener „Sturmabteilungen“ jene Organisationsstruktur der Doppelung von Partei und Kampfverband an, die der Doppelaufgabe des terroristischen Angriffs auf die Ar-beiterbewegung und der propagandistischen Bearbeitung der Massen am besten entsprach. Dass gerade sie das tat, war vor allem dem Umstand zuzuschreiben, dass Offiziere der Münchener Reichswehrführung wie Karl Mayr und Ernst Röhm sich ihrer annahmen; sie sorgten dafür, dass in diese Partei militärisch geschulte Leute eintraten, die zum Teil aus der Reichswehr, zum Teil aus den Wehrverbänden kamen und die Organisierung der militärischen Gliederung der Partei, der SA, übernahmen.

Zweitens verschrieb sich diese Partei entschiedener als alle anderen der Aufgabe, die Arbeiter zu „nationalisieren“. Sie war am aktivsten darum bemüht, in ihre Versammlungen auch Arbeiter zu bekommen und verzeichnete dabei im Vergleich zu allen anderen gleichartigen Parteien auch die größten Erfolge, so bescheiden und unbefriedigend diese, absolut gemessen, auch waren.

Wiederum war es in erster Linie das Münchener Reichswehrkommando in Gestalt vor allem von Mayr und Röhm, das die Bemühungen der Partei auf die Gewinnung von Arbeitern lenkte. Mayr bezeugt dies selbst in einem Brief, den er am 24. September 1920 an Wolfgang Kapp schrieb: Er und seine Freunde hätten, so teilte Mayr Kapp mit, in München die Organisation des „nationalen Radikalismus“ geschaffen. Wörtlich fuhr er mit Bezug auf die NSDAP fort: „Die nationale Arbeiterpartei muss die Basis geben für den starken Stoßtrupp, den wir erhoffen. … Seit Juli vorigen Jahres schon suche ich … die Bewegung zu stärken. … Ich habe sehr tüchtige junge Leute auf die Beine gebracht. Ein Herr Hitler zum Beispiel ist eine bewegende Kraft geworden, ein Volksredner ersten Ranges. In der Ortsgruppe München haben wir über 2000 Mitglieder, während es im Sommer 1919 noch keine 100 waren.“

Dieser „Herr Hitler“ hatte seine politischen Lektionen in den Bildungskursen der Münchener Reichswehrführung gelernt, und er hatte sie zweifellos gut gelernt. Dies, dass er ein gelehriger Schüler seiner konservativen Lehrmeister war und die Lösung der Doppelaufgabe, die diese von der Partei erwarteten, auch zu seiner eigenen Aufgabe machte und dass er dafür eine Begabung als „Volksredner ersten Ranges“, als demagogisches Supertalent, mitbrachte, die seinen Lehrmeistern abging und die ihn für sie unentbehrlich werden ließ, dies war ein weiterer und nicht gering einzuschätzender Grund dafür, dass die NSDAP alle Mitkonkurrenten aus dem Felde schlug.

Aber zunächst blieb diese Partei eine bayrische Provinzpartei. Die Chance, mehr zu werden, vielleicht sogar die künftige Führerin in einer deutschen Diktatur nach dem Vorbild Mussoli-ni-Italiens, schien aber 1923 gegeben mit dem Hinzutritt des „großen Feldherrn“ aus dem ersten Weltkrieg, Erich Ludendorff, und dessen Bereitschaft, an der Spitze der jungen „nationalen Bewegung“ von München aus den Marsch nach Berlin zu wagen, um die dortige Regierung zu stürzen und die „nationale Diktatur“ zu errichten.

Deshalb gestalteten die konservativen Feinde der Weimarer Republik in deren Justizapparat den Prozess gegen Hitler statt zu einer Abrechnung, die ihn und seine Partei aus dem politischen Leben Deutschlands dauerhaft ausgeschaltet hätte, zu einem Prozess, der ihn zu einer vaterländischen Heldenfigur aufbaute und ihm die Basis schuf, um jetzt seine Partei aus ihrer Provinzialität zu befreien und sie nunmehr auch reichsweit Anhänger gewinnen zu lassen.

Die Hauptpartei der konservativen Feinde der Weimarer Republik war jedoch die Deutschna-tionale Volkspartei unter ihrem Führer Alfred Hugenberg, dem damaligen Medienzaren, dem Herrn über den Scherl-Zeitungs- und den UFA-Fllmkonzern.

Die Jahre 1924 bis 1928 waren Jahre einer kurzen, wirtschaftlichen und damit auch politischen Stabilisierung der Weimarer Republik und des kapitalistischen Weltsystems insgesamt, schlechte Jahre also für die rechten Republikfeinde, Jahre, in denen die NSDAP nur dank der Hilfestellung des größeren Bruders DNVP und der Spenden aus den Fonds mancher mit Hitler und seiner Partei sympathisierenden DNVP-Industrieller wie Kirdorf und DNVP-Großgrundbesitzern überlebte.

Mit dem Ende der „goldenen Jahre“ von Weimar, mit dem tiefen Sturz in die Weltwirt-schaftskrise, sah Hugenberg und sahen die großindustriellen und junkerlichen Feinde der bürgerlichen Demokratie von Weimar die Zeit gekommen, den Generalangriff auf die Republik zu starten mit dem Ziel, an ihre Stelle ihre eigene uneingeschränkte Diktatur zu setzen und außenpolitisch mit dem Versailler Vertrag Schluss zu machen und mit aller Kraft den neuen Griff nach der Weltmacht vorzubereiten.

Dazu war eine Partei wie die NSDAP als Hilfstruppe sehr erwünscht. Ihre finanzielle Unter-stützung aus Banken, Industrie und Junkertum nahm im gleichen Maße zu wie ihre Wähler-stimmen, also sprunghaft. Hatte sie bei den Reichstagswahlen im Mai 1928 nur rund 800.000 Stimmen erhalten, so waren es nur zweieinhalb Jahre später bei den nächsten Reichstagswahlen im September 1930 schon 6,4 Millionen, die diese Partei gewählt hatten. Damit hatte sie Hugenbergs Deutschnationale Partei weit überrundet – hatte die doch nur 2,4 Millionen Stimmen erhalten.

Hugenbergs und seiner Freunde Vorstellung, Hitlers Partei als Fronttruppe zur Eroberung ihrer Macht benutzen zu können, war damit eine unrealistische Illusion geworden. Zugleich damit war auch ihre Vorstellung vom Weg zur Macht – nämlich über einen Staatsstreich – fragwürdig und im rechten Diktatur-Lager umstritten geworden.

Das wurde schon deutlich sichtbar auf der so genannten „Harzburger Tagung“ der so genannten „Nationalen Opposition“ vom 11. Oktober 1931. DNVP und der „Stahlhelm“ – die Kriegsteil-nehmer-Organisation der DNVP – auf der einen Seite, die NSDAP auf der anderen waren die wichtigsten teilnehmenden Organisationen.

Hugenberg und mit ihm viele seiner Anhänger aus vor allem Schwerindustrie und Junkertum konnten und wollten sich den Weg zur Diktatur gar nicht anders vorstellen denn als Sturz der bestehenden Regierung durch einen Staatsstreich, gestützt auf die eigenen Organisationen und auf Teile der Reichswehrgeneralität.

Aber andere waren entschieden gegen einen neuerlichen Versuch dieser Art. Sie konnten nicht vergessen, dass der Kapp-Putsch nicht die Rechte, sondern die revolutionäre Linke gestärkt und sogar zur Bildung einer bewaffneten revolutionären Truppe, zur Roten Ruhrarmee, geführt hatte. Sie waren deshalb entschieden gegen ein neues Abenteuer dieser Art und bevorzugten den „legalen“ Weg zur Diktatur, der nicht erneut die Gefahr einer spontan entstehenden Ein-heitsfront von Kommunisten und Sozialdemokraten, wie 1920, hervorrufen würde.

Dieser legale Weg war in der Weimarer Verfassung ja geradezu vorgezeichnet. Wenn es den Rechtsparteien DNVP und NSDAP gelang, eine parlamentarische Mehrheit zu gewinnen, dann musste der Reichspräsident ihnen die Regierung übertragen. Hatte man die, dann musste man „nur“ noch mit einer Zweidrittelmehrheit des Parlaments die Weimarer Verfassung außer Kraft setzen, zum Beispiel dadurch, dass die Regierung ermächtigt wurde, auch ohne das Parlament Gesetze zu erlassen und schon hatte man das Ziel, ohne Rücksicht auf das Parlament den Staat zu der gewünschten Diktatur umzubauen, erreicht.

Die Sache hatte allerdings einen erheblichen Haken: Eine solche Lösung hätte nur dann prob-lemlos umgesetzt werden können, wenn die herrschende, Klasse, genauer, wenn die deutsche Monopolbourgeoisie in ihren Interessen einheitlich und geschlossen gewesen wäre. Davon konnte aber, wie bekannt, keine Rede sein.

Die „legale“ Lösung setzte also voraus, dass sich vorher die führenden Männer der Deutschen Bank mit denen der Dresdner und der Commerzbank, dass sich ferner die Krupp, Thyssen, Flick, Vogler, Kirdorf, Reusch, Poensgen, Röchling usw. von der Schwerindustrie unterei-nander und mit den Herren von den IG-Farben, von Siemens und AEG und all den anderen Interessenten darüber geeinigt hätten, wer künftig in der Diktatur am Hebel der Finanz- und Wirtschaftspolitik sitzen und den Kurs bestimmen würde. Sich darüber friedlich, ohne erbit-terten Kampf zu einigen widerspricht allen Gesetzen kapitalistischer Konkurrenz.

Dieser Konkurrenzkampf innerhalb der „Konservativen“ sowohl um den Weg zur Diktatur wie auch um die beherrschende Stellung in der Diktatur führte auch zu einem harten Machtkampf zwischen der Hugenberg-Partei und der NSDAP. An anderer Stelle habe ich die dahinter ste-henden Differenzen ausführlich geschildert. (Röhm-Affäre, Deutschland 1933 – 1939, Lehr-buch der deutschen Geschichte, Band 11) Hugenberg kämpfte verzweifelt darum, dass er und die von ihm repräsentierten Gruppierungen in der kommenden Diktatur den bestimmenden Einfluss auf die Wirtschaftspolitik erhalten würden. Und er versuchte mit Hilfe Hindenburgs, Hitler zur Annahme dieser Bedingungen für eine Beauftragung mit der Regierungsbildung zu zwingen. Leute wie Schacht und Thyssen, die Hitlers Ernennung zum Kanzler seit langem betrieben, um auf diese Weise als die langjährigen und unnachgiebigen Förderer Hitlers ihre Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen, sträubten sich lange gegen eine Einigung, die Hugenberg das Wirtschaftsressort überließ.

Reichskanzler Papen spielte im Herbst 1932, nachdem sein staatsstreichartiger „Preußenschlag“ – die Absetzung der sozialdemokratisch geführten Preußenregierung am 20. Juli 1932 – vom sozialdemokratischen Minister Severing widerstandslos mit der Bemerkung „Ich weiche nur der Gewalt“ hingenommen worden war, mit dem Gedanken der Außerkraftsetzung der Weimarer Verfassung auf dem Verordnungswege, also ebenfalls per Staatsstreich. Dazu kam es indessen nicht. Standessen musste er als Folge der großen Herbst-Streikwelle gegen seine Sozialabbau-Notverordnung vom September und dem für ihn, die DNVP und sogar auch für die NSDAP katastrophalen Ergebnis der November-Reichstagswahlen abdanken und dem Reichswehrminister von Schleicher als Zwischenlösungs-Kanzler Platz machen.

Die Nazipartei verlor in der Novemberwahl gegenüber der Reichstagswahl vom Juli 1932 nicht weniger als zwei Millionen Stimmen; sie fiel von 13 auf elf Millionen Stimmen. Außerdem stürzte sie in eine gefährliche innerparteiliche Krise durch eine Auseinandersetzung zwischen Hitler und dem bis dahin zweiten Mann der Partei, Gregor Strasser, der – offensichtlich zur Druckausübung auf Hitler – alle seine Ämter niederlegte.

Die Aussicht, die Nazipartei könne ebenso rasch wieder zerfallen wie sie zur größten und wählerstärksten Partei aufgestiegen war, alarmierte alle Kreise, die auf sie als unentbehrlich für die Beseitigung der Weimarer Republik, bei der Installierung der Diktatur und bei der Vorbe-reitung und Durchführung der nächsten Runde des Kampfes um die Neuaufteilung der Reich-tümer der Erde gesetzt hatten. Man durfte nicht länger zögern, die NSDAP an die Macht zu bringen, wollte man ihren Zerfall verhindern, und der musste verhindert werden.

Keiner hat das so deutlich ausgesprochen wie der Mahn, in dessen Haus in Köln am 4. Januar 1933 die Besprechung zwischen Papen und Hitler stattfand, in der damit begonnen wurde, in einer Reihe weiterer Geheimbesprechungen die Voraussetzungen für eine Einigung auf eine gemeinsame Regierung zu schaffen, wie sie dann am 30. Januar 1933 gebildet wurde, womit das Ende der Weimarer Republik und der Beginn der faschistischen Diktatur In Deutschland besiegelt war – wie der Bankier Kurt von Schröder. Im Nürnberger Prozess gegen die IG-Farben gab er dies eidesstattlich zu Protokoll: „Am 4. Januar 1933 trafen Hitler, von Papen, Heß, Himmler und Keppler in meinem Hause in Köln ein….Diese Zusammenkunft zwischen Hitler und Papen … wurde von mir arrangiert, nachdem Papen mich ungefähr am 10. Dezember 1932 darum ersucht hatte. Bevor ich diesen Schritt unternahm, besprach ich mich mit einer Anzahl von Herren der Wirtschaft und informierte mich allgemein, wie sich die Wirtschaft zu einer Zusammenarbeit der beiden stellte. Die allgemeinen Bestrebungen der Männer der Wirtschaft gingen dahin, einen starken Führer in Deutschland an die Macht kommen zu sehen, der eine Regierung bilden würde, die lange Zelt an der Macht bleiben würde. Als die NSDAP am 6. November 1932 ihren ersten Rückschlag erlitt und somit also ihren Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft besonders dringend. Ein gemeinsames Interesse der Wirtschaft bestand in der Angst vor dem Bolschewismus und der Hoffnung, dass die Nationalsozialisten – einmal an der Macht – eine beständige politische und wirtschaftliche Grundlage in Deutschland herstellen würden. Ein weiteres gemeinsames Interesse war der Wunsch, Hitlers (also ihr, K. G.) wirtschaftliches Programm in die Tat um-zusetzen, wobei ein wesentlicher Punkt darin lag, dass die Wirtschaft sich selbst lenken sollte zur Lösung der von der politischen Führung gestellten Probleme….Weiterhin erwartete man, dass eine wirtschaftliche Konjunktur durch Vergeben von größeren Staatsaufträgen werden würde. In diesem Zusammenhang sind zu erwähnen: eine von Hitler projektierte Erhöhung der deutschen Wehrmacht von 100 000 auf 300 000 Mann…. Es war allgemein bekannt, dass einer der wichtigsten Programmpunkte Hitlers die Abschaffung des Vertrages von Versailles dar-stellte und die Wiederherstellung eines sowohl in militärischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht starken Deutschland. … Das wirtschaftliche Programm Hitlers war der Wirtschaft allgemein bekannt und wurde von ihr begrüßt.“

Kunststück! Es war ja ihr Programm!

Der Befund einer Untersuchung des Verhältnisses von Konservatismus bzw. Konservativen zum Faschismus in den Jahren von 1919 bis 1933 in den beiden Ländern des klassischen Fa-schismus, Italien und Deutschland, kann also so zusammengefasst werden:

Die Ziele der Konservativen als der politischen Vertretung der aggressivsten, reaktionärsten und chauvinistischsten Kreise der Monopolbourgeoisie waren die Vernichtung der sozialistischen und kommunistischen Bewegung, die Gewinnung auch großer Teile der Arbeiterschaft als Träger ihrer nationalistischen Expansionspolitik, die Errichtung ihrer von jeglichen parla-mentarischen Einengungen und von jeglichem Widerstand demokratischer Kräfte freien, un-eingeschränkten Diktatur und schließlich der Krieg zur Verwirklichung der Großmachts- (Ita-lien) bzw. Weltherrschaftsaspirationen (Deutschland) auf Kosten der imperialistischen Kon-kurrenten, vor allem aber durch Vernichtung der Sowjetunion. Um diese Ziele zu erreichen, riefen sie politische Parteien faschistischen Typs ins Leben und waren deren Geburts- und Entwicklungshelfer und Ideenspender, wo nötig deren Retter aus der Not und schließlich ihre Wegbereiter zur Macht.

Deshalb ist ein Kampf gegen den Faschismus, der nur auf die faschistischen Organisationen, nicht aber auch auf deren konservative Väter, Beschützer und Wegbereiter zielt, zur Wir-kungslosigkeit verurteilt. Wer den Faschismus ausrotten will, muss seine Wurzeln kappen – wie wir das zum Beispiel .in der DDR getan haben!

* ERRATUM: Das Zitat entstammt dem Buch der deutschen Historikerin Karin Priester, Der italienische Faschismus – Ökonomische und ideologische Grundlagen, Köln: Pahl-Rugenstein, 1972 (Die Redaktion dankt der Autorin für den Hinweis auf die Verwechslung mit der kommunistischen Journalistin und Hisorikerin Eva Priester, die seit ihrer Emigration in Österreich lebte).

Erschienen in: “Geschichtskorrespondenz, Marxistischer Arbeitskreis zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bei der PDS”, Oktober 2002