Die Überwindung des Anti-Stalinismus – Eine wichtige Voraussetzung für die Wiederherstellung der kommunistischen Bewegung als einer einheitlichen marxistisch-leninistischen Bewegung (1. Mai 1994)

Die Überwindung des Anti-Stalinismus –
Eine wichtige Voraussetzung für die Wiederherstellung der kommunistischen Bewegung als einer einheitlichen marxistisch-leninistischen Bewegung1

Für Marxisten ist es keineswegs überraschend, dass das Ende der Sowjetunion und der europäischen sozialistischen Staaten die Wiederkehr des Krieges nach Europa und den Beginn einer General-Offensive des Kapitals gegen die Arbeiterklasse und das ganze werktätige Volk nach sich zog.

Diese brutale Kapitaloffensive kann nur durch die gemeinsame, einheitliche Abwehr aller Betroffenen zurückgeschlagen werden.

Allein schon deshalb ist die Wiederherstellung einer einheitlichen kommunistischen Bewegung dringlich erforderlich, gar nicht zu reden von der Aufgabe, die Herrschaft des Imperialismus zu beenden.

Unglücklicherweise ist die kommunistische Bewegung jedoch noch weit entfernt davon, eine einheitliche Bewegung zu sein.

Dabei sind, so scheint es mir jedenfalls, das Haupthindernis für die Herstellung der Einheit der Kommunisten weniger Meinungsverschiedenheiten über die Gegenwartsaufgaben als gegensätzliche Auffassungen über die Einschätzung des Charakters und der Politik der sozialistischen Länder, insbesondere der Sowjetunion, in der Vergangenheit.

Einige sind der Überzeugung, die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Länder Europas – Albanien ausgenommen – seien seit dem XX. Parteitag überhaupt keine sozialistischen, sondern staatskapitalistische Länder gewesen, und sie betrachten jeden, der diesen ihren Standpunkt nicht teilt, als Revisionisten, mit dem es keine Gemeinsamkeit geben kann.

Andere wieder sehen – wie es ihnen seit dem XX. Parteitag und seit Gorbatschow mit wachsender Intensität erzählt wurde – in Stalin den Verderber des Sozialismus, weshalb sie erklären, mit „Stalinisten“ könne es keine Gemeinsamkeiten geben.

Auf dieser Position stehen die meisten Organisationen, die sich nach dem Zerfall der kommunistischen Parteien aus deren Trümmern gebildet haben, und zwar nicht nur jene, die sich nunmehr offen als sozialdemokratische Parteien bekennen, sondern auch die Mehrzahl jener, die sich als kommunistische Parteien verstehen, und auch die zwischen diesen beiden manövrierende PDS.

Der Anti-Stalinismus ist heute tatsächlich das größte Hindernis für den Zusammenschluss der Kommunisten, wie er gestern der Hauptfaktor der Zerstörung der kommunistischen Parteien und der sozialistischen Staaten war.

Für diese Behauptung möchte ich nur zwei Kronzeugen anführen, die über jeden Verdacht erhaben sind, „Stalinisten“ zu sein.

Der erste ist der ehemalige US-amerikanische Außenminister John Foster Dulles, der zweite kein anderer als Gorbatschow.

Dulles äußerte sich nach dem XX. Parteitag der KPdSU äußerst hoffnungsvoll so: „Die Anti-Stalin-Kampagne und ihr Liberalisierungsprogramm haben eine Kettenreaktion ausgelöst, die auf lange Sicht nicht aufzuhalten ist.“2

Gorbatschow hat den Anti-Stalinismus treffend gekennzeichnet – und damit unfreiwillig auch den Hauptinhalt seines eigenen Wirkens -, als er in einem Interview für die KPF-Zeitung „l´Humanité“ am 4. Februar 1986 auf die Frage nach dem „Stalinismus“ in der Sowjetunion sagte: „Stalinismus ist ein Begriff, den sich die Gegner des Kommunismus ausgedacht haben und der umfassend dafür genutzt wird, die Sowjetunion und den Sozialismus insgesamt zu verunglimpfen.“ (Niemand kann also sagen, Gorbatschow habe nicht gewusst, was er mit seiner Anti-Stalin-Kampagne getan hat!)

Das bei weitem wirkungsvollste Element des Anti-Stalinismus ist die Darstellung Stalins als eines machtgierigen Despoten, als eines blutdürstigen Mörders von Millionen Unschuldiger.

Dazu wäre sehr viel zu sagen. Hier in Kürze nur folgende Anmerkungen:

Erstens: Man mag das zutiefst bedauern, aber es ist eine Tatsache, dass noch niemals eine unterdrückte Klasse das Joch der Unterdrückerklasse abgeworfen hat, ohne dass ihr revolutionärer Befreiungskampf und die Abwehr der konterrevolutionären Restaurationsversuche auch das Leben vieler Unschuldiger gekostet hat.

Zweitens: Noch immer hat die Konterrevolution diese Tatsache dazu benutzt, die Revolutionäre in den Augen der Massen zu verabscheuenswürdigen Verbrechern, zu Mördern und Blutsäufern zu stempeln: Thomas Müntzer, Cromwell, Robespierre, Lenin, Liebknecht, Luxemburg.

Drittens: Nur blinde Voreingenommenheit kann den kausalen Zusammenhang übersehen oder leugnen, der zwischen dem Machtantritt des deutschen Faschismus sowie dessen von den westlichen Siegermächten wohlwollend geförderter Aufrüstung und Ermunterung zur Expansion gen Osten hier und den Moskauer Prozessen sowie den repressiven Maßnahmen gegen Ausländer, die ausländischen Emigranten eingeschlossen, dort bestand. Bertolt Brecht sah diesen Zusammenhang sehr wohl, als er formulierte: „Die Prozesse sind ein Akt der Kriegsvorbereitung.“ Noch exakter formuliert: sie waren eine Antwort auf die faschistisch- imperialistische Vorbereitung zum Überfall auf die Sowjetunion.

Ohne die Gewissheit des früher oder später erfolgenden faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion – keine Moskauer Prozesse und keine drakonischen „Säuberungen“ zur Verhinderung einer Fünften Kolonne im Lande.

Viertens: Nur politisch Blinden oder sehr Naiven blieb verborgen, dass die Chruschtschow und Gorbatschow bei ihren Anklagen gegen Stalin gar nicht von Gefühlen des Abscheus gegenüber Unrecht und Unmenschlichkeit geleitet waren; wäre dem so gewesen, dann hätten sie den Imperialismus und seine Exponenten mindestens mit der gleichen Unversöhnlichkeit attackieren müssen, die sie Stalin gegenüber an den Tag legten. Das Gegenteil aber war der Fall: der hervorstechendste Zug ihrer Politik war die Vertrauenswerbung für den Imperialismus, trotz dessen blutiger Verbrechen an der Menschheit!

Fünftens: Im krassen Gegensatz zu dieser Haltung steht die Tatsache, dass selbst der diplomatische Vertreter der imperialistischen Hauptmacht, der Botschafter der USA, Joseph A. Davies, Stalin eine positive Bewertung zuteil werden läßt, dass aber diese und andere in gleiche Richtung gehende positive Äußerungen von Zeitzeugen über die Sowjetunion seit dem XX. Parteitag in der Sowjetunion unterdrückt wurden.

Daher erstens einige Ausführungen zu den Moskauer Prozessen.

Zunächst Auszüge aus dem 1943 in Zürich erschienenen Buch von J. E. Davies, „Als USA-Botschafter in Moskau. Authentische und vertrauliche Berichte über die Sowjetunion bis Oktober 1941.“

Davies verfolgte – wie alle Diplomaten, die das wünschten – die Moskauer Prozesse als Augen- und Ohrenzeuge (er war von Beruf Jurist). Seinen Eindruck über den Prozess gegen Bucharin und andere kabelte er am 17. März 1938 nach Washington. Die Depesche hat folgenden Wortlaut (Auszug): „Trotz Vorurteil … bin ich nach täglicher Beobachtung der Zeugen und ihrer Art und Weise, auszusagen, auf Grund der unbewussten Bestätigung, die sich ergab … zu der Auffassung gelangt, dass, was die politischen Angeklagten betrifft, von den in der Anklageschrift aufgezählten Vergehen gegen die Sowjetgesetze eine genügende Zahl bewiesen und für vernünftiges Denken außer Zweifel gestellt sind, um den Schuldigbefund des Landesverrats und die Verhängung der vom Sowjetkriminalgesetz dafür vorgeschriebenen Strafen zu rechtfertigen. Die Meinung derjenigen Diplomaten, die den Verhandlungen am regelmäßigsten beigewohnt haben, war allgemein, dass der Prozess die Tatsache eines heftigen politischen und eines höchst ernsten Komplotts aufgedeckt hat, das den Diplomaten viele bisher unbegreifliche Vorkommnisse der vergangenen sechs Monate in der Sowjetunion erklärte.“3

Davies hatte 1937 bereits den Prozess gegen Radek und andere verfolgt und darüber am 17. Februar 1937 an den US-Staatssekretär berichtet. In diesem Bericht schrieb er u.a.:

„Objektive Betrachtung … ließ mich (jedoch) widerstrebend zu dem Schluss kommen, der Staat habe tatsächlich seine Anklage bewiesen (wenigstens insofern, als das Vorhandensein einer ausgedehnten Verschwörung und geheimer Ränke gegen die Sowjetregierung unter den politischen Führern außer Frage gestellt und gemäß den bestehenden Gesetzen die in der Anklageschrift behaupteten Verbrechen begangen worden und strafbar seien). Ich habe mit vielen, ja fast allen Mitgliedern des hiesigen Diplomatischen Korps gesprochen, und mit vielleicht einer einzigen Ausnahme waren alle der Auffassung, die Verhandlungen hätten deutlich das Vorhandensein eines politischen Geheimplanes und einer Verschwörung zum Zweck der Beseitigung der Regierung bewiesen.“4

In seinem Tagebuch notierte Davies am 11. März 1937 folgende bezeichnende Episode: „Ein anderer Diplomat machte mir gegenüber gestern eine sehr aufschlussreiche Bemerkung. Wir sprachen über den Prozess, und er äußerte, die Angeklagten seien zweifellos schuldig; wir alle, die wir den Verhandlungen beiwohnten, seien uns darüber einig. Die Außenwelt hingegen schiene den Prozessberichten zufolge zu denken, dass der Prozess die reine Aufmachung sei (er nannte es eine Fassade); er wisse zwar, dass dies nicht zutreffe, es sei jedoch wahrscheinlich ebenso gut, wenn die Außenwelt dies annehme.“5

Davies berichtete auch über die vielen Verhaftungen und sprach über die „Säuberungen“ am 4. Juli 1937 mit dem Außenminister Litwinow. Über Litwinows Ausführungen berichtete er: „Litwinow … erklärte, man habe durch diese Säuberung die Sicherheit gewinnen müssen, dass keine Verräterei mit der Möglichkeit der Zusammenarbeit mit Berlin oder Tokio mehr existierte. Eines Tages würde die Welt verstehen, dass das Geschehen notwendig gewesen sei, um ihre Regierung vor dem ´drohenden Verrat´ zu schützen. Ja, sie leisteten in Wahrheit der ganzen Welt einen Dienst, denn wenn sie sich vor der Gefahr der Weltherrschaft der Nazis und Hitler schützten, bilde die Sowjetunion ein starkes Bollwerk gegen die nationalsozialistische Bedrohung. Der Tag würde kommen, wo die Welt erkennen dürfte, welch überragend großer Mann Stalin sei.“6

Aufschlussreich ist auch Davies´ Schilderung seines Gespräches mit Stalin in einem Brief an seine Tochter vom 9. Juni 1938. Er war von der Persönlichkeit Stalins stark beeindruckt, schrieb er doch: „Wenn Du Dir eine Persönlichkeit ausmalen kannst, die in allen Stücken das volle Gegenteil von dem ist, was der rabiateste Stalingegner sich auszudenken vermöchte, dann hast Du ein Bild dieses Mannes. Die Zustände, von denen ich weiß, dass sie hier herrschen, und diese Persönlichkeit, gehen so weit auseinander wie zwei Pole. Die Erklärung liegt natürlich darin, dass die Menschen für ihre Religion oder für eine ´Sache´ zu tun bereit sind, was sie niemals ohne dies tun würden.“7

Seine Einsichten fasst Davies 1941, nach dem Überfall der Faschisten auf die Sowjetunion, mit den Worten zusammen, die Landesverratsprozesse haben „Hitlers Fünfter Kolonne in Russland den Garaus gemacht“.8

Bereits 1936 hatte der Prozess gegen Sinowjew und andere stattgefunden. Ihn zu beobachten hatte der namhafte britische Kronanwalt D. N. Pritt Gelegenheit gehabt. Über seine Eindrücke hatte er in seinem Erinnerungsbuch „From Right to Left“, 1965 in London erschienen, berichtet:

„Mein Eindruck war …, dass der Prozess im allgemeinen fair geführt wurde und die Angeklagten schuldig waren. … Der Eindruck aller Journalisten, mit denen ich sprechen konnte, war ebenfalls, dass der Prozess fair war und die Angeklagten schuldig, und gewiss dachte jeder ausländische Beobachter, von denen es etliche gab, vorwiegend Diplomaten, das Gleiche. … Ich hörte einen von ihnen sagen: Natürlich sind sie schuldig. Aber wir müssen das aus Propagandagründen abstreiten.“9

Es ergibt sich also, dass nach dem sachkundigen Urteil solcher bürgerlicher Rechtsexperten, wie Davies und Pritt, die Angeklagten der Moskauer Prozesse von 1936, 1937 und 1938 zu Recht verurteilt wurden, da die ihnen vorgeworfenen Verbrechen nachgewiesen wurden.

In diesem Zusammenhang soll auch noch einmal in Erinnerung gerufen werden, was Bert Brecht seinerzeit zu diesen aufwühlenden Prozessen an Überlegungen anstellte; er schrieb z.B. über die Konzeption der Angeklagten:

„Die falsche Konzeption hat sie tief in die Isolation und tief in das gemeine Verbrechen geführt. Alles Geschmeiß des In- und Auslandes, alles Parasitentum, Berufsverbrechertum, Spitzeltum, hat sich bei ihnen eingenistet. Mit all diesem Gesindel hatten sie die gleichen Ziele. Ich bin überzeugt, dass dies die Wahrheit ist, und ich bin überzeugt, dass diese Wahrheit durchaus wahrscheinlich klingen muss, auch in Westeuropa, vor feindlichen Lesern. … Der Politiker, dem nur die Niederlage zur Macht verhilft, ist für die Niederlage. Der, der ´Retter´ sein will, führt eine Lage herbei, in der er retten kann, also eine schlimme Lage. … Trotzki sah zunächst den Zusammenbruch des Arbeiterstaates in einem Krieg als Gefahr, aber dann wurde er immer mehr die Voraussetzung des praktischen Handelns für ihn. Wenn der Krieg kommt, wird der ´überstürzte´ Aufbau zusammenkrachen, der Apparat sich von den Massen isolieren, nach außen wird man die Ukraine, Ostsibirien und so weiter abtreten müssen, im Innern Konzessionen machen, zu kapitalistischen Formen zurückkehren, die Kulaken stärken oder stärker werden lassen müssen; aber all das ist zugleich die Voraussetzung des neuen Handelns, der Rückkehr Trotzkis.

Die aufgeflogenen antistalinistischen Zentren haben nicht die moralische Kraft, an das Proletariat zu appellieren, weniger weil diese Leute Memmen sind, sondern weil sie wirklich keine organisatorische Basis in den Massen haben, nichts anbieten können, für die Produktivkräfte des Landes keine Aufgaben haben. Es ist ihnen ebenso zuzutrauen, dass sie zuviel als zu wenig gestehen.“10

Wenn wir davon ausgehen, dass Davies und Pritt (und Brecht) mit ihrer Beurteilung der Moskauer Prozesse recht hatten, dann ergibt sich zwangsläufig die Frage: Taten diejenigen, die – wie Chruschtschow und Gorbatschow – nachträglich die in den Prozessen Verurteilten zu unschuldigen Opfern erklärten, dies nicht vielleicht deshalb, weil sie mit diesen sympathisierten oder gar ihre heimlichen Komplizen waren und weil sie deren damals gescheiterte Sache zu Ende führen wollten?

Und wenn wir dann bei genauerer Betrachtung ihrer – (der Chruschtschow und Gorbatschow und ihresgleichen) – politischen Tätigkeit feststellen müssen, dass sich die Geständnisse der Angeklagten der Moskauer Prozesse über ihre Absichten und Ziele und der zu ihrer Erreichung angewandten Methoden wie das Drehbuch zu ihrem – Chruschtschows und insbesondere Gorbatschows – Wirken liest, dann legt das einen doppelten Schluss nahe:

Zum einen den, dass die Moskauer Prozesse als Schlüssel dienen können für die Erhellung und Entschlüsselung dessen, was seit dem XX. Parteitag der KPdSU die Sowjetunion, die anderen sozialistischen Länder und die kommunistische Bewegung auf die abschüssige Bahn geführt hat, und zum anderen den, dass das Wirken der Chruschtschow und Gorbatschow und dessen Ergebnis den Rückschluss zulässt, dass es sich bei den Moskauer Prozessen eben nicht um Inszenierungen von Schauprozessen gehandelt hat, sondern dass in diesen Prozessen Komplotte der gleichen Art aufgedeckt und vereitelt wurden, wie sie von Gorbatschow schließlich zum bereits damals geplanten Ende geführt werden konnten, weil ihm kein Moskauer Prozess mehr Einhalt gebot.

Diente die Darstellung Stalins als eines blutgierigen Despoten und „seines“ Regimes als das einer Hölle auf Erden dazu, den Widerstand gegen die Chruschtschow-Gorbatschow-Konterrevolution zu paralysieren, so zielt die Darstellung Stalins als eines Verfälschers der Leninschen Grundsätze auf die theoretische und ideologische Entwaffnung der kommunistischen Bewegung und aller Sozialisten. Der größte Teil solcher Art von Munition stammt aus dem Arsenal des Trotzkismus. Ich will dafür nur einige wenige Beispiele anführen.

1. Die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande

Der Zusammenbruch der europäischen sozialistischen Länder und vor allem der Sowjetunion wird als „Beweis“ für die Richtigkeit der trotzkistischen These von der Unmöglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande ins Feld geführt, wobei gewöhnlich verschwiegen wird, dass es Lenin war, der 1915 erstmals die These von der Möglichkeit des Sozialismus in einem Lande niederschrieb. Bekanntlich stellte Lenin damals in einem Artikel „Die Vereinigten Staaten von Europa“11 fest: „Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus zunächst in wenigen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist.“ Trotzki, seit Jahren schon einer der verbissensten Gegner Lenins, widersprach sofort mit der Feststellung, es sei aussichtslos zu glauben, „dass zum Beispiel ein revolutionäres Russland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten … könne“.12

Stalin, nach der Behauptung heutiger Trotzkisten angeblich der Erfinder der These von der Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande, hat in Wirklichkeit diese Leninsche These gegen Trotzki verteidigt. „Was bedeutet die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande? Das bedeutet die Möglichkeit, die Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft mit den inneren Kräften unseres Landes zu überwinden, die Möglichkeit, dass das Proletariat die Macht ergreifen und diese Macht zur Erringung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande ausnutzen kann, gestützt auf die Sympathien und die Unterstützung der Proletarier der anderen Länder, aber ohne vorherigen Sieg der proletarischen Revolution in anderen Ländern.

Was bedeutet die Unmöglichkeit des vollen endgültigen Sieges des Sozialismus in einem Lande ohne den Sieg der Revolution in anderen Ländern? Das bedeutet die Unmöglichkeit einer vollständigen Garantie gegen die Intervention und folglich auch gegen die Restauration der bürgerlichen Ordnung, wenn die Revolution nicht wenigstens in einer Reihe von Ländern gesiegt hat.“13

Stalin hat aber nicht nur Lenins These verteidigt, die KPdSU hat unter seiner Führung durch den sozialistischen Aufbau und die Behauptung der Sowjetmacht gegen die faschistischen Aggressoren den Beweis für die Richtigkeit dieser Leninschen These erbracht.

Dagegen wurde Trotzki ebenso oft von der Geschichte widerlegt, wie er den Zusammenbruch der Sowjetmacht vorausgesagt hat, und das geschah fast in jedem Jahr mehrfach. Eine seiner letzten derartigen Voraussagen, veröffentlicht am 23. Juli 1939, lautete: „Das politische Regime wird einen Krieg nicht überleben.“14

Der Wunsch war eindeutig der Vater dieser Prophezeiung!

Dies sprach so deutlich aus allen Äußerungen Trotzkis aus jenen Jahren, dass der deutsche bürgerliche Schriftsteller Lion Feuchtwanger daraus die Schlussfolgerung zog: „Was also war wohl die ganzen Jahre der Verbannung hindurch, was muss heute noch Trotzkis Hauptziel sein? Wieder ins Land hinein, um jeden Preis wieder an die Macht kommen.“ Selbst um den Preis der Zusammenarbeit mit den Faschisten: „Wenn Alkibiades zu den Persern ging, warum nicht Trotzki zu den Faschisten?“15 (Auch Feuchtwanger war Augen- und Ohrenzeuge eines der Moskauer Prozesse, des zweiten, gegen Radek, Pjatakow und andere, Januar 1937.)

2. Stalin und die NÖP

Einer der Vorwürfe Gorbatschows gegen Stalin bestand in der Behauptung, Lenin habe in seinen letzten Arbeiten mit der Ausarbeitung der „Neuen Ökonomischen Politik“ einen neuen Weg zum Aufbau der neuen sozialistischen Gesellschaft gewiesen, den Stalin aber verlassen habe. Dieser Vorwurf wird von Antistalinisten verschiedenster Färbung aufgegriffen, wobei behauptet wird, Stalin habe Lenins Konzeption der NÖP durch einen „staatsmonopolistischen Kurs“ ersetzt und dadurch den Sozialismus ruiniert.

Für Lenin bestand der Kern der Neuen Ökonomischen Politik in der Untermauerung des politischen Zusammenschlusses der Arbeiterklasse und ihres Staates mit der breiten Bauernschaft durch den ökonomischen Zusammenschluss mit der bäuerlichen Wirtschaft. „Wenn wir den Kapitalismus schlagen und den Zusammenschluss mit der bäuerlichen Wirtschaft herstellen, dann werden wir eine absolut unbesiegbare Kraft sein“, führte er auf dem XI. Parteitag 1922 der KPR(B) aus.16 Genau so fasste Stalin die NÖP auf und führte sie nach Lenins Tod weiter: „Die NÖP ist die Politik der proletarischen Diktatur, die gerichtet ist auf die Überwindung der kapitalistischen Elemente und den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft durch Ausnutzung des Marktes, vermittels des Marktes, nicht aber durch direkten Produktenaustausch ohne Markt, unter Ausschluss des Marktes. Können kapitalistische Länder, zumindest die entwickeltsten unter ihnen, beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ohne die NÖP auskommen? Ich denke, sie können das nicht. In diesem oder jenem Grade ist die Neue Ökonomische Politik mit ihren Marktbeziehungen in der Periode der Diktatur des Proletariats für jedes kapitalistische Land absolut unerlässlich.

Bei uns gibt es Genossen, die diese These in Abrede stellen. Was bedeutet es aber, diese These in Abrede zu stellen?

Das bedeutet erstens, davon auszugehen, dass wir unmittelbar nach Machtantritt des Proletariats bereits über hundertprozentig fertige, den Austausch zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Kleinproduktion vermittelnde Verteilungs- und Versorgungsapparate verfügen würden, die es ermöglichen, sofort einen direkten Produktenaustausch ohne Markt, ohne Warenumsatz, ohne Geldwirtschaft herzustellen. Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie absurd eine solche Annahme wäre.

Das bedeutet zweitens, davon auszugehen, dass die proletarische Revolution nach der Machtergreifung durch das Proletariat den Weg der Expropriation der mittleren und kleinen Bourgeoisie beschreiten und sich die ungeheuerliche Last aufbürden müsse, den künstlich geschaffenen Millionen neuer Arbeitsloser Arbeit zu beschaffen und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie unsinnig und töricht eine solche Politik der proletarischen Diktatur wäre.“17

Warum ein so ausführliches Zitat über ein so wenig aktuelles Thema?

Erstens, weil wir überzeugt sind, dass dieses Thema – die ökonomische Politik zum Aufbau des Sozialismus – nur vorübergehend in Europa von der Tagesordnung abgesetzt ist (und anderswo überhaupt nicht);

zweitens, weil es notwendig ist, daran zu erinnern, dass es einen ungeheuren Reichtum an theoretischen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen erfolgreichen sozialistischen Aufbaus gibt, der aber von den revisionistischen Nachfolgern Lenins und Stalins als „Stalinismus“ auf den Index gesetzt wurde, damit er in Vergessenheit gerate;

schließlich drittens, weil sich unter der antikapitalistischen Linken eine pseudo-linke Lehre breit macht, deren bekanntester Propagandist Robert Kurz ist; nach ihm ist die Wurzel allen Übels nicht der Kapitalismus, sondern die Warenproduktion; der Sozialismus habe untergehen müssen, weil er die Warenproduktion beibehalten habe, statt zum direkten Produktenaustausch überzugehen. Angesichts solcher Lehren ist das obige Zitat sogar sehr aktuell!

Warum konnte es dem Revisionismus gelingen, die Ergebnisse von Jahrzehnten sozialistischen Aufbaus zu zerstören?

Natürlich gibt es dafür viele Gründe. Ein ganz wichtiger ist nach meiner Überzeugung der: der Revisionismus trat lange Zeit stets als Anti-Revisionismus, als Verteidigung des Leninismus gegen dessen angebliche Verfälschung durch Stalin auf. Erst als sein Zerstörungswerk so gut wie vollendet war, legte Gorbatschow die Maske des Kommunisten, des Leninisten ab und bekannte sich öffentlich als Sympathisant der Sozialdemokratie, also als Antikommunist und Anti-Leninist. Der Anti-Stalinismus war aber von Anfang an seinem Wesenskern nach – Antileninismus, Antimarxismus, Antikommunismus.

Doch selbst jetzt erkennen das viele sogar im kommunistischen Lager noch nicht, weil sie noch unter dem Einfluss der jahrzehntelangen antistalinistischen Hasspropaganda der antikommunistischen Generalsekretäre der KPdSU seit dem XX. Parteitag stehen, die Stalin mit Hitler gleichsetzten, – eben jenen Stalin, der – wie Ernst Thälmann das voraussagte – Hitler das Genick brach!

Wir müssen klarmachen, dass es beim Kampf gegen den Anti-Stalinismus nur vordergründig um die Person Stalins geht, dem Wesen nach aber um die Existenzfrage der kommunistischen Bewegung: bleiben wir – wie Marx und Engels, Lenin und Stalin – fest auf dem Boden des Klassenkampfes, oder begeben wir uns – wie die Anti-Stalinisten Chruschtschow, Gorbatschow und ihresgleichen – auf den Boden der Aussöhnung mit dem Imperialismus? Dies ist die Frage, von deren Beantwortung das Schicksal der kommunistischen Bewegung abhängt. Und weil diese Frage nur richtig beantwortet werden kann, wenn sie das revisionistische Gift in allen seinen Erscheinungsformen ausscheidet, muss sie auch den Anti-Stalinismus in ihren Reihen überwinden.

Vortrag gehalten am 1. Mai 1994. – Texterfassung nach Kurt Gossweiler, Wider den Revisionismus, München (Verlag zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung)1997, S 233-245.

Vortrag gehalten am 1. Mai 1994 auf einer internationalen Beratung in Brüssel, einberufen von der Partei der Arbeit Belgiens. Die ursprüngliche Überschrift lautete: „Der Anti-Stalinismus – das Haupthindernis für die Einheit aller antiimperialistischen Kräfte und der kommunistischen Bewegung.“ Mit dieser Überschrift wurde der Vortrag in verschiedenen deutschen und ausländischen Zeitschriften veröffentlicht, so in den Weißenseer Blättern Heft 4/1994, in Heft 15 der Schriftenreihe der KPD/Berlin, in einer Dokumentation „Weder Anti-Stalinismus noch Stalinismus“ der Zeitung der DKP „Unsere Zeit“ (UZ) als Anhang zu einer Kritik meines Vortrages durch Willi Gerns und Robert Steigerwald, Januar 1995; in der italienischen Zeitschrift „L´uguaglianza economica e sociale“ Nr. 7/8 1995 und in Nr. 13/14 1995 der in Paris erscheinenden „Editions Democrite“. Unter der präziseren Überschrift „Die Überwindung des Anti-Stalinismus – eine wichtige Voraussetzung für die Wiederherstellung der kommunistischen Bewegung als einer einheitlichen marxistisch-leninistischen Bewegung“ wurde der Vortrag in der Nr. 259/1994 der „Kommunistischen Arbeiterzeitung“ (KAZ), München und in Heft 12/1994 der Wiener „Neuen Volksstimme“ veröffentlicht.

  1. Vortrag gehalten am 1. Mai 1994 auf einer internationalen Beratung in Brüssel, einberufen von der Partei der Arbeit Belgiens. Die ursprüngliche Überschrift lautete: „Der Anti-Stalinismus – das Haupthindernis für die Einheit aller antiimperialistischen Kräfte und der kommunistischen Bewegung.“ Mit dieser Überschrift wurde der Vortrag in verschiedenen deutschen und ausländischen Zeitschriften veröffentlicht, so in den Weißenseer Blättern Heft 4/1994, in Heft 15 der Schriftenreihe der KPD/Berlin, in einer Dokumentation „Weder Anti-Stalinismus noch Stalinismus“ der Zeitung der DKP „Unsere Zeit“ (UZ) als Anhang zu einer Kritik meines Vortrages durch Willi Gerns und Robert Steigerwald, Januar 1995; in der italienischen Zeitschrift „L´uguaglianza economica e sociale“ Nr. 7/8 1995 und in Nr. 13/14 1995 der in Paris erscheinenden „Editions Democrite“. Unter der präziseren Überschrift „Die Überwindung des Anti-Stalinismus – eine wichtige Voraussetzung für die Wiederherstellung der kommunistischen Bewegung als einer einheitlichen marxistisch-leninistischen Bewegung“ wurde der Vortrag in der Nr. 259/1994 der „Kommunistischen Arbeiterzeitung“ (KAZ), München und in Heft 12/1994 der Wiener „Neuen Volksstimme“ veröffentlicht.

  2. Aus: Archiv der Gegenwart v. 11. Juli 1956.

  3. J. E. Davies, Als Botschafter in Moskau, S. 209.

  4. Ebenda, S. 33 ff. 

  5. Ebenda, S. 86. 

  6. Ebenda, S. 128 

  7. Ebenda, S. 276 

  8. Ebenda, S. 209 

  9. N. Pritt, From Right to Left, London 1965, S. 110 f.

  10. Bertolt Brecht, Schriften zu Politik und Gesellschaft, Bd. 1, 1919-1941, Aufbauverlag Berlin und Weimar, 1968, S. 172 f.

  11. Lenin; Werke, Bd. 21, S. 345.

  12. Trotzki, Schriften, Bd. III, Teil 1, S. 89 f.

  13. Stalin, Werke, Bd. 8, S. 58.

  14. Leo Trotzki, La lutte antibureaucratique en URSS, Paris 1976, S. 257, zit nach: Ludo Martens, Un autre regard sur Staline, Version non-définitive, Bruxelles 1993, S. 133.

  15. Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. Erstmals erschienen 1937 im Querido Verlag, Mexico; Neuauflage im Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Berlin 1993, S. 89.

  16. Lenin, Werke, Bd. 33, S. 272.

  17. Stalin, Werke, Bd. 11, Berlin 1954, S. 128 f.